{"id":6124,"date":"2017-09-15T12:06:47","date_gmt":"2017-09-15T10:06:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6124"},"modified":"2017-09-15T14:56:51","modified_gmt":"2017-09-15T12:56:51","slug":"andrew-birkin-kubrick-steinaecker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/09\/15\/andrew-birkin-kubrick-steinaecker\/","title":{"rendered":"&#8222;Nerv\u00f6s war ich nur, als Prinzessin Diana zur Premiere kam&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Andrew Birkin hat an Filmen wie Kubricks \u201e2001\u201c oder \u201eMagical Mystery Tour\u201c von den Beatles mitgewirkt. Allein die Fotos auf seinem Handy erz\u00e4hlen gro\u00dfe Filmgeschichte.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6142\" aria-describedby=\"caption-attachment-6142\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6142\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/09\/freitext-birkin.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-birkin.jpg 2500w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-birkin-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-birkin-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-birkin-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6142\" class=\"wp-caption-text\">Aufnahme vom Dreh von Stanley Kubricks &#8222;2001&#8220; in Namibia \u00a9 Andrew Birkin<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Sein Name ist kaum bekannt, und doch ist er eine der faszinierendsten Gestalten der j\u00fcngeren Filmgeschichte. Andrew Birkin, Bruder der legend\u00e4ren Jane. Liest man seine Biografie, denkt man ein wenig an Woody Allens <em>Zelig<\/em>, der sich stets zur rechten Zeit am richtigen Ort befand. Mit gerade mal 21 Jahren hat er mit Stanley Kubrick an <em>2001<\/em> und mit den Beatles an ihrem Film <em>Magical Mystery Tour<\/em> gearbeitet, wenig sp\u00e4ter mit Albert Speer an der Verfilmung seines Lebens. <!--more-->Daneben hat er auch selbst fantastische Filme gedreht wie 1989 <em>Brennendes Geheimnis<\/em> mit Klaus Maria Brandauer und Faye Dunaway oder 1993 <em>Der Zementgarten<\/em> mit seiner Nichte Charlotte Gainsbourg, au\u00dferdem ist er ein begehrter Drehbuchautor, der unter anderem an <em>Der<\/em> <em>Name der Rose<\/em> und <em>Das Parfum<\/em> mitschrieb. Als ich ihn an einem sehr hei\u00dfen Sommerabend im M\u00fcnchner Hofgarten zum Gespr\u00e4ch treffe, wird mir sehr schnell klar, warum er zudem als einer der wichtigsten Experten f\u00fcr J. M. Barrie gilt: Schlank, mit langem Haar und in extrem guter Erz\u00e4hllaune wirkt er trotz seines Alters wie ein Peter Pan, der seinen festen Wohnsitz nicht in Wales, sondern eigentlich in Neverland hat.<\/p>\n<p><strong>Thomas von Steinaecker:<\/strong> Ich bin ein wenig ehrf\u00fcrchtig. Sie wirkten bei einem der gr\u00f6\u00dften Filme aller Zeiten mit, <em>2001<\/em>. Ich stelle mir die Zeit gigantisch vor.<\/p>\n<p><strong>Andrew Birkin:<\/strong> Ach, am Anfang war ich ja blo\u00df der Tee-Junge und kriegte kaum etwas mit, geschweige denn, dass ich Stanley traf. Das hei\u00dft, wenn es Zeit f\u00fcr Erfrischungen war, brachte ich sie. Die meiste Zeit hatte ich aber nichts zu tun. Ich unterhielt mich oft mit Arthur C. Clarke, der auch nur herumhing und an seinem neuen Roman schrieb. Stanley bestand trotzdem auf seine Anwesenheit, falls er eine schnelle Text\u00e4nderung brauchte. Ansonsten wanderte ich viel auf dem MGM-Studiogel\u00e4nde herum. Besonders war ich an <em>Tanz der Vampire<\/em> von Roman Polanski interessiert. Ich versteckte mich h\u00e4ufig bei den Scheinwerfern, um Sharon Tate von oben in der Badewanne zu sehen. Ein wunderbarer Anblick, das k\u00f6nnen Sie mir glauben. Aber irgendwann hatte ich auch davon genug, und ich wollte nur eines: endlich aufs Set von <em>2001<\/em>!<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Und irgendwann ist es Ihnen dann gelungen.<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Eines Tages musste ich l\u00e4nger bleiben. Es stand eine Begutachtung des Sets von <em>Aufbruch der Menschheit<\/em> an, mit dem der Film beginnt. Pl\u00f6tzlich fuhr durch die offene T\u00fcr der Halle ein wei\u00dfer Mercedes und heraus sprang Stanley Kubrick mit den Worten: &#8222;Alarm! Razzia!&#8220; Wie ein Mafia-Gangster. Ich stand neben dem Produktionsleiter. Und Stanley schaut sich alles an und sagt nur: &#8222;Das wird nichts.&#8220; Und der Produktionsleiter wird blass. &#8222;Wie bitte? Ist der Typ verr\u00fcckt? Das Set hat uns 40.000 Pfund gekostet!&#8220; Aber Stanley geht gar nicht darauf ein. &#8222;Ich kann nicht glauben, dass es in ganz England keine Location gibt, an der man das filmen k\u00f6nnte.&#8220; Und in dem Moment war ich etwas vorlaut. Ich sagte: &#8222;Entschuldigung, aber ich kenne da einen Ort!&#8220;<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Ganz sch\u00f6n mutig. Ich hoffe f\u00fcr Sie, Sie wussten, was Sie taten.<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Ich erinnerte mich an Bilder von Sandd\u00fcnen n\u00f6rdlich von Liverpool, Formby Sands genannt. Lange Rede kurzer Sinn. Auch das war am Ende nicht der richtige Ort. Aber immerhin wurde ich zum Locationscout bef\u00f6rdert. Und war dabei, als die Bilder f\u00fcr die Frontprojektion von <em>Aufbruch der Menschheit<\/em> in Namibia gedreht wurden. Warten Sie mal, ich habe hier noch ein paar Fotos davon \u2026<\/p>\n<p><em>Andrew Birkin nimmt sein iPhone heraus, tippt ein wenig darauf herum und h\u00e4lt es mir dann hin. Ungl\u00e4ubig schaue ich auf die Bilder, die er vor meinen Augen weiterwischt: private Aufnahmen vom Dreh in Namibia, eine der ikonischen Sequenzen der Filmgeschichte. <\/em><\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> War Ihre Arbeit an <em>2001<\/em> nach den Aufnahmen in Namibia beendet?<\/p>\n<p><strong>Birkin: <\/strong>Keineswegs. Ich hatte Stanleys Vertrauen gewonnen. Irgendwann fragte er: &#8222;Was wei\u00dft du \u00fcber Special Effects?&#8220; \u2013 &#8222;Wenig.&#8220; \u2013 &#8222;W\u00fcrdest du gerne was dr\u00fcber lernen?&#8220; \u2013 &#8222;Aber sicher!&#8220; Also war ich pl\u00f6tzlich in der Special-Effect-Abteilung. Ich erinnere mich besonders an einen Vorfall. Sie kennen die Raumstation in dem Film, das gro\u00dfe Rad, und die Sequenz, wo die Kamera einmal hindurchfliegt. In Wahrheit war es nat\u00fcrlich die Raumstation, die immer n\u00e4her an die Kamera ger\u00fcckt wurde nach der Art: Ich r\u00fccke sie ein St\u00fcckchen n\u00e4her, mache eine Aufnahme, r\u00fccke sie wieder ein St\u00fcckchen n\u00e4her und so weiter. F\u00fcr eine Sequenz von drei\u00dfig Sekunden dauerte das Ganze ungef\u00e4hr sechs Stunden. Trotzdem musste die gesamte Crew anwesend sein, weil die Gewerkschaft das so wollte. An diesem Tag gab es nur ein Problem: Fu\u00dfball. England gegen Westdeutschland.<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Ein legend\u00e4res Spiel. England gewann nach Verl\u00e4ngerung 4:2.<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Genau. Das erste gro\u00dfe Spiel der beiden Teams nach dem Krieg. Die Abmachung war also, wir haben einen Fernseher auf der B\u00fchne und wir gucken uns das Spiel an, w\u00e4hrend wir diese Tricksequenz schie\u00dfen. Tja, das Spiel ging in die Verl\u00e4ngerung. Ein wahrer Krimi. Und in der 120. Minute f\u00e4llt das Siegtor f\u00fcr England. Und die gesamte Crew lag sich in den Armen und feierte. Am n\u00e4chsten Tag guckten wir die Tricksequenz an. Wundersch\u00f6n. Aber pl\u00f6tzlich gibt es da diesen Ruckler. Da waren wir wohl zu hoch gesprungen. Mussten wir also alles noch mal machen.<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Und Kubrick tobte?<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Ach was. So etwas passiert eben. Es kam aber dann zu einer wirklich wichtigen Sache. Es gab da n\u00e4mlich diesen Farbtrick, wo die Farben irgendwie seltsam aussehen und Gr\u00fcn langsam zu Lila wird und so etwas. Ist heute in Zeiten von Photoshop kein gro\u00dfes Ding, aber damals kamen wir nur drauf, weil irgendetwas falsch entwickelt wurde. Ich fand es interessant und ging damit zu Stanley. Er sagte: &#8222;Ja? Und?&#8220; Und ich sagte: &#8222;Ich dachte nur, wenn wir die Kamera an einem Hubschrauber befestigen und damit \u00fcber Landschaften fliegen und dann das Material falsch entwickeln, k\u00f6nnte das einen interessanten Effekt geben. Es k\u00f6nnte uns Zeit sparen, weil die Zeichnungen f\u00fcr die <em>Wiedergeburt<\/em>-Sequenz niemals rechtzeitig fertig werden und wir ohnehin sp\u00e4t dran sind.&#8220; Und Stanley sagte nur: &#8222;Hm. Meinetwegen. Probiers mal aus.&#8220;<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Und Sie flogen los?<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Ich stieg also in einen Hubschrauber und lie\u00df mich mit der Kamera zu all den Orten fliegen, zu denen ich immer schon wollte. Die Hebriden, Nordschottland, Ben Nevis. Und es klappte.<\/p>\n<p><em>Andrew Birkin zeigt mir wieder Fotos von den Originalaufnahmen. Im Film wurde daraus ein psychedelischer Farbrausch. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6127\" aria-describedby=\"caption-attachment-6127\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6127\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/09\/1966-11-24-PX@Ben_Nevis^42001.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"445\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1966-11-24-PX@Ben_Nevis^42001.jpg 2188w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1966-11-24-PX@Ben_Nevis^42001-620x431.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1966-11-24-PX@Ben_Nevis^42001-768x534.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1966-11-24-PX@Ben_Nevis^42001-1024x712.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6127\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Andrew Birkin<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Ich finde den Gedanken sch\u00f6n, dass bei dem einzigen Film von mir, der wahrscheinlich irgendwie bleiben wird, meine Autorschaft unbekannt blieb.<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Hatten Sie nach <em>2001<\/em> weiter Kontakt mit Kubrick?<\/p>\n<p><strong>Birkin: <\/strong>1968, kurz nachdem <em>2001<\/em> rauskam, rief mich Stanley an. &#8222;Hi. Wie geht\u2019s? Hast du irgendwas vor?&#8220; Ob ich daran interessiert w\u00e4re, bei seinem n\u00e4chsten Film mitzuarbeiten. Er k\u00f6nne mir aber nicht am Telefon davon erz\u00e4hlen. Also fahre ich raus zum Studio. Es war Samstag. Keiner war da. Nur Stanley. Geb\u00e4ude 53. Er sa\u00df im Konferenzraum. &#8222;Was wei\u00dft du \u00fcber Napoleon?&#8220; \u2013 &#8222;Nicht viel.&#8220; \u2013 &#8222;Interesse daran, was \u00fcber ihn zu erfahren?&#8220; \u2013 &#8222;Klar.&#8220; \u2013 \u201eIch will wieder Frontprojektion verwenden, wie in <em>2001<\/em>. Ich will, dass du \u00fcberall dorthin f\u00e4hrst, wo Napoleon war. Und du sollst nicht nur Fotos machen, sondern es soll genauso aussehen, als ob Napoleon gerade eben noch da war. Nimm die Kordeln ab, roll die Teppiche zur\u00fcck.&#8220; \u2013 &#8222;Und wann m\u00f6chtest du, dass ich beginne?&#8220; \u2013 &#8222;Wie schaut\u2018s mit \u00fcbermorgen aus?&#8220; Also reiste ich quer durch Europa. Ich hatte sogar eine eigene Visitenkarte. Schauen Sie mal \u2026<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6129\" aria-describedby=\"caption-attachment-6129\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6129\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/09\/1968-06-00-DX-ATB-Napoleon2001.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1968-06-00-DX-ATB-Napoleon2001.jpg 1268w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1968-06-00-DX-ATB-Napoleon2001-620x383.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1968-06-00-DX-ATB-Napoleon2001-768x475.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1968-06-00-DX-ATB-Napoleon2001-1024x633.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6129\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Andrew Birkin<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Was f\u00fcr eine Arbeit! Und das, wo aus dem Film doch gar nichts wurde!<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Mir wurde ein wenig langweilig, ehrlich gesagt. All die Pal\u00e4ste und immer dieselbe Art von Fotos. Ich sollte noch nach Rum\u00e4nien wegen der Schlachtszenen, die mit Ceau\u0219escu abgesprochen werden sollten. Pl\u00f6tzlich bekomme ich ein Telegramm. &#8222;Komm zur\u00fcck!&#8220; Also fahre ich zur\u00fcck und mache in Waterloo einen Zwischenstopp. Der Mann im Hotel fragt mich: &#8222;Interesse an Napoleons Totenmaske? Nicht das Original, nur eine Bronze-Kopie.&#8220; Sie war sehr schwer, aber ich nehme sie nat\u00fcrlich mit, als ich nach England fliege. Ich gehe also zu Geb\u00e4ude 53, Stanley sitzt im Konferenzraum und guckt d\u00fcster vor sich hin. Ich lege die Totenmaske auf den Tisch und sage: &#8222;Frohe Weihnachten!&#8220; Und in dem Moment wird er selbst bleich wie ein Leintuch. &#8222;Wei\u00dft du es noch nicht?&#8220; Ich sage: &#8222;Ja, was denn?&#8220; Und er: &#8222;MGM hat den Film abgeblasen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Dazwischen waren Sie auch noch 1967 erster Kameraassistent bei dem Beatles-Film <em>Magical Mystery Tour<\/em>. Ich nehme an, das war ein ziemlicher Gegensatz zu der Arbeit mit dem Kontrollfreak Kubrick?<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Das kann man wohl sagen. Offiziell waren ja alle vier Beatles gleichzeitig der Regisseur. Das machte die Sache etwas kompliziert. Paul sagte zum Beispiel oft: &#8222;Besprich das bitte doch noch mal mit John.&#8220; John befand sich am anderen Ende des Flugfelds, wo wir drehten. Also setze ich mich in George Harrisons kleinen Cooper S und fahre zu Johns wei\u00dfem Rolls-Royce und klopfe ans Fenster. Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich und mir steigen dichte Rauchschwaden mit intensivem Grasgeruch entgegen. Irgendwo aus dem Nebel kommt eine Stimme: &#8222;Hey, willst du auch nen Joint?&#8220; Und ich so: &#8222;Klar. \u00c4hm &#8230; also h\u00f6r mal, es warten gerade 30 Leute auf Anweisungen f\u00fcr die n\u00e4chste Szene.&#8220; \u2013 &#8222;Jaja, schon gut, wir bezahlen sie. Kein Stress.&#8220; \u2013 &#8222;Also, Paul denkt, dass \u2026&#8220; \u2013 &#8222;Na, wenn Paul das sagt, dann mach es halt so, oder?&#8220; \u2013 &#8222;Aber er wollte wissen, was du davon h\u00e4ltst.&#8220; \u2013 &#8222;Was ich davon halte? Was k\u00fcmmert ihn, was ich davon halte? Aber wenn\u2019s ihn gl\u00fccklich macht, in Ordnung. Er ist der gro\u00dfe Filmregisseur, oder?&#8220; Und so ging das hin und her.<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Klingt wie ein Albtraum.<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Tja, eines Abends fiel einer der Generatoren aus. Mitten in einer Sequenz mit 200 T\u00e4nzern f\u00fcr die letzte Szene, in der die Beatles <em>Your Mother Should Know<\/em> singen. Sie kommen da eine lange Treppe herunter und um sie herum stehen 200 T\u00e4nzer. Es war 19 Uhr und sie mussten einen Ersatzgenerator aus London holen, was zus\u00e4tzliche eineinhalb Stunden dauerte. Ich schw\u00f6re, die Crew stand kurz vor einer Meuterei. Also sage ich zu den Beatles: &#8222;Hey, gebt den Leuten doch einfach Autogramme.\u201c \u2013 &#8222;Ne, keine Lust.&#8220; \u2013 &#8222;Okay, dann mache ich das. Gebt mir mal ein Muster.&#8220; Also gehe ich Backstage, gucke mir ihre Unterschriften an und schreibe 50 Autogramme. Dann komme ich wieder raus und sage zu den Leuten: &#8222;Hey, Zahltag!&#8220; Und gebe ihnen die Autogramme.<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Jetzt frage ich mich, wie das zusammengeht: erst Kubrick, dann die Beatles und schlie\u00dflich 1972 eine enge Zusammenarbeit mit Albert Speer.<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Die Geschichte geht so: Ich bin im Flugzeug und lese den Playboy. Damals hatten sie noch super Interviews. Und in der Ausgabe befindet sich also eines mit Albert Speer \u00fcber seine Erinnerungen. Ich bin v\u00f6llig elektrisiert. Weil mich seine Beziehung zu Hitler irgendwie an meine eigene mit Kubrick erinnerte. Verstehen Sie mich nicht falsch. Nicht, dass ich Kubrick irgendwie mit Hitler vergleiche. Aber der Punkt ist: Ich h\u00e4tte alles f\u00fcr Kubrick getan. Alles. Weil ich ihn so bewunderte und er gut f\u00fcr meine Karriere war. Und Speer war damals nur ein wenig \u00e4lter als ich, als ich Kubrick traf. Und Hitler sagt also: &#8222;Baue die gro\u00dfartigsten Geb\u00e4ude, die die Welt seit den Pyramiden gesehen hat!&#8220; Er wei\u00df, dass er nur ein zweitklassiger Architekt ist, aber pl\u00f6tzlich hat er all diese M\u00f6glichkeiten. Was f\u00fcr ein Stoff! Ich wollte das sofort verfilmen.<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Wie unheimlich war es denn, jemanden wie Speer zu treffen?<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Eigentlich gar nicht. Das war in Heidelberg, wo er wohnte, und es war eher recht \u2026 gem\u00fctlich. Irgendwann frage ich: &#8222;K\u00f6nnen Sie Eva Braun beschreiben?&#8220; Und Speer sagt: &#8222;Also sie war ein ziemliches P\u00fcppchen, sehr einfach gestrickt, aber \u2026 ach, da f\u00e4llt mir ein, ich habe noch irgendwo einen Film von ihr. In meinem Keller.&#8220; Von was redet der Typ? Er geht also runter und kommt f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter mit diesen kleinen Agfa-Schachteln mit 16mm-Filmen, die seit 1936 nicht mehr ge\u00f6ffnet wurden. Licht aus, der Projektor rattert und wir sehen einen Film, der wie Outtakes von <em>The Sound of Music<\/em> wirkt: Lederhosen, Dirndls, Kinder. Und dann spingt pl\u00f6tzlich jemand durchs Bild: Eva Braun. Wow. K\u00f6nnen wir das noch einmal sehen? Und dann ein Typ in Strickjacke. Hitler. Sehr, sehr bizarr.<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Und Sie trafen Speer \u00f6fter?<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Aber hallo. Ich verbrachte \u00fcber sechs Wochen in Heidelberg. Es d\u00fcrften so ungef\u00e4hr 42 Stunden Aufnahmen sein, die ich mit ihm gemacht habe.<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Aber aus dem Projekt wurde am Ende auch nichts?<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Tja, es lief, wie so oft. Ich hatte das Drehbuch fertig, die Zeit verging, ein Jahr, zwei Jahre. Irgendwann wollten wir, dass Nicolas Roeg, der Regisseur von <em>Wenn die Gondeln Trauer tragen<\/em>, den Film macht. Er hatte einen sehr surrealen Ansatz, der Speer gefiel. Aber dann hielt es Paramount f\u00fcr nicht kommerziell genug, und am Ende verfiel die Option. Aber ich will dieses Kapitel mit einer Anekdote beenden. Speer sagte immer: &#8222;Gr\u00fc\u00df deine Schwester sch\u00f6n von mir!&#8220; Sie lebte damals zusammen mit Serge Gainsbourg, der seine Jugend damit verbracht hatte, einen gelben Davidsstern zu tragen, aber zugleich ein Sarkastiker vor dem Herrn war. Und ihm gefiel die Vorstellung, dass Speer ein Autogramm von Jane und ihm auf ihrer neuen Platte bekam. Jane war da skeptischer und meinte: &#8222;Wollen wir wirklich so tief sinken?&#8220; Aber Serge fand seine eigene Idee klasse. &#8222;Ach was, da kriegt der alte Nazi sicher nen St\u00e4nder!&#8220;<\/p>\n<p><strong>von Steinaecker:<\/strong> Sie scheinen irgendwie immer zur rechten Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. War Ihnen denn je die &#8222;Gr\u00f6\u00dfe&#8220; des Augenblicks bewusst, als Sie all diese Leute trafen? Ich w\u00e4re vor Aufregung gestorben.<\/p>\n<p><strong>Birkin:<\/strong> Ach, das einzige Mal, dass ich nerv\u00f6s war, war, als ich Prinzessin Diana bei der Premiere meines Films <em>Brennendes Geheimnis<\/em> traf. Aber ansonsten \u2026 ich zeige Ihnen mal ein Foto. Das macht, glaube ich, ziemlich gut deutlich, wie ich damals, in den 1960ern, drauf war.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6130\" aria-describedby=\"caption-attachment-6130\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6130\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/09\/1967-05-07_PX_AB_booze^1@Spitzkoppje2001.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"684\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1967-05-07_PX_AB_booze^1@Spitzkoppje2001.jpg 1291w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1967-05-07_PX_AB_booze^1@Spitzkoppje2001-585x800.jpg 585w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1967-05-07_PX_AB_booze^1@Spitzkoppje2001-768x1050.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/1967-05-07_PX_AB_booze^1@Spitzkoppje2001-749x1024.jpg 749w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6130\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Andrew Birkin<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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