{"id":6195,"date":"2017-09-29T06:00:27","date_gmt":"2017-09-29T04:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6195"},"modified":"2017-09-28T14:34:38","modified_gmt":"2017-09-28T12:34:38","slug":"vaeter-toechter-verdi-altaras","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/09\/29\/vaeter-toechter-verdi-altaras\/","title":{"rendered":"Papa ist der Beste"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit M\u00fcttern wird oft gehadert. Zwischen V\u00e4ter und T\u00f6chter dagegen passt meistens kein St\u00fcck Papier. Aber manchmal kann diese enge Bindung <\/strong><strong>auch ein Fluch sein.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6206\" aria-describedby=\"caption-attachment-6206\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6206\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/09\/freitext-vater-tochter-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-vater-tochter-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-vater-tochter-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-vater-tochter-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6206\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Caroline Hernandez \/ unsplash.com (https:\/\/unsplash.com\/@carolinehdz)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>2018 w\u00e4re mein Vater 100 Jahre alt geworden. Es ist erstaunlich, dass er dieses Jubil\u00e4um nicht geschafft hat, er hat immer sehr gerne und ausgiebig gefeiert. Seine runden Geburtstage glichen Staatsakten und dauerten mehrere Tage, er h\u00f6rte nicht auf, bis auch wirklich alle ersch\u00f6pft in den Ecken lagen, w\u00e4hrend er schon begann, die n\u00e4chste Feierlichkeit zu planen.<!--more--><\/p>\n<p>Ich bin eine Vatertochter. Meine arme Mutter machte alles falsch, w\u00e4hrend es fast nichts gab, was mich an meinem Vater st\u00f6rte, seinen Schnurrbart fand ich schick, seine Hornbrille cool. Zur Belohnung sehe ich ihm \u00e4hnlich, nicht meiner Mutter, was bedauerlich ist, immerhin habe ich keinen Schnurrbart.<\/p>\n<p>Er biss nat\u00fcrlich alle meine Freunde weg, denn niemand konnte ihm das Wasser reichen. Vor allem konnte keiner so gut Witze erz\u00e4hlen wie er und ganze Tischgesellschaften \u00fcber Stunden in Bann halten. Er hatte ein sehr kleines, sehr abgegriffenes Notizb\u00fcchlein, in dem er neue Witze notierte. Witzeerz\u00e4hlen war mehr als nur witzig sein, es war eine Kunst, die es zu vervollkommnen galt, Charaktersache. Keine Witze erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, war f\u00fcr ihn ein Charakterfehler. Sein Steckenpferd aber war die Oper. Laut und sehr, sehr laut schrien sich die Ten\u00f6re in unserer Wohnung die Seele aus dem Leib. Wenn ich zu den Feiertagen zu Besuch kam und seiner Meinung nach zu lange schlief, wurde ich mit Callas&#8216; <em>Vissi d\u2019arte<\/em> aus <em>Tosca<\/em> aus dem Schlaf gerissen. Erst wenn ich schwor, &#8222;<em>la Divina<\/em>&#8220; zeitlebens zu verehren, wurde der Plattenspieler leiser gestellt.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich habe ich mich nie wirklich von ihm emanzipiert und seinem Einfluss aus dem Jenseits ausreichend entzogen, denn ich inszeniere Opern.<\/p>\n<p>Verdi ist schon \u00fcber 100 Jahre tot, aber ein Familienproblem hat er auch. Rigoletto liebt seine Tochter Gilda abg\u00f6ttisch, er h\u00e4lt sie eingesperrt, um sie vor der verdorbenen Welt zu sch\u00fctzen. Das klappt nat\u00fcrlich nicht, sie verliebt sich in den Grafen, der sie entehrt und dann sitzen l\u00e4sst. Woraufhin Rigoletto den Mord an dem Grafen in Auftrag gibt, es aber die eigene Tochter trifft \u2013 die beil\u00e4ufige Ironie des Schicksals.<\/p>\n<p>Wie oft in den Opern ist die Geschichte, also das Libretto, etwas haneb\u00fcchen, andererseits: Sind die Geschichten, die angeblich das Leben schreibt, glaubw\u00fcrdiger &#8230;?<\/p>\n<p>Gilda ist eine ausgesprochene Vatertochter. Sie will es dem Vater recht machen. Das klappt hinten und vorne nicht. Nach dem Vater schmei\u00dft sie sich in die Arme des n\u00e4chsten Mannes. Fatalerweise taugt der nichts, ein Fehlgriff. Am Ende geht sie freiwillig in den Tod, opfert ihr Leben f\u00fcr das des Grafens.<\/p>\n<p>So gesehen bin ich noch glimpflich davongekommen. Ich bin immerhin am Leben und k\u00e4mpfe nicht mehr mit dem Vater, sondern nur mit den Opernfiguren.<\/p>\n<p>Arme Gilda! H\u00e4tte der Vater sie in Ruhe gelassen, sie w\u00e4re irgendwann mit der Gesellschaft um sie herum klargekommen, vielleicht h\u00e4tte sie sich ein paar Schrammen geholt, aber letztendlich w\u00e4re sie eine erwachsene, selbstbestimmte junge Frau geworden und h\u00e4tte sich den Partner oder die Partnerin ausgesucht, der oder die ihr passt.<\/p>\n<p>Es ist wirklich nicht leicht zwischen V\u00e4tern und T\u00f6chtern.<\/p>\n<p>Wenn ich mir Frau von der Leyen anschaue, sehe ich auch mehr ihren Vater als sie selbst. Und das ohne die sch\u00f6ne Musik von Verdi.<\/p>\n<p>Meine Regieassistentin Hanna schluchzt immer leise vor sich hin, wenn Rigoletto kurz vor dem letzten Finale singt: <em>non morir, lasciarmi non dei!<\/em> Stirb nicht! Du darfst mich nicht alleine lassen!<\/p>\n<p>Ich tr\u00f6ste sie, es handele sich nur um eine Oper, im echten Leben w\u00fcrden die V\u00e4ter ganz gut alleine klarkommen, vergebens: Sie bleibt untr\u00f6stlich.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlt mir, der Vater ihrer Gro\u00dfmutter sei im Krieg gefallen. Sp\u00e4ter habe die Gro\u00dfmutter ein M\u00e4dchen adoptiert und diese alleine an Tochter statt gro\u00df gezogen. Diese Tochter habe zwei T\u00f6chter bekommen, eben sie, Hanna und ihre Schwester Malka. Sie waren noch klein als die Eltern sich getrennt haben, jetzt lebe die Mutter mit einer Frau zusammen und gedenke diese bald zu heiraten. Donnerwetter! Meine Regieassistentin stammt aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen, ich bin beeindruckt von der Provinz.<\/p>\n<p>Sie alle seien dennoch Vatert\u00f6chter. Von V\u00e4tern, die nicht da seien. Sie idealisierten ihre V\u00e4ter, die mangels Anwesenheit nie etwas falsch machen k\u00f6nnten und zu wahren Helden stilisiert w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Anwesende oder abwesende V\u00e4ter, sie erzeugen gleicherma\u00dfen Vatert\u00f6chter.<\/p>\n<p>Ich habe nur S\u00f6hne. Bezeichnenderweise? Sie behandeln mich ein bisschen wie ein M\u00f6bel. Nun gut, es ist sch\u00f6n, dass es mich gibt, aber was verstehe ich schon vom Sport?<\/p>\n<p>Wenn sie Krach mit ihrem Vater haben, was nicht selten der Fall ist, entscheidet am Ende immer die Bundesliga. Dann sitzen sie vereint vor dem Fernseher und sind entsetzt \u00fcber Herthas unn\u00f6tige Niederlage oder die Borniertheit Bayern M\u00fcnchens. Sie wollen die Fifa verklagen und deren miese Machenschaften offenlegen, sie wollen nach Russland zur WM und vieles mehr. Sie haben genug Testosteron, um all das zu schaffen.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte Rigoletto mit Gilda ein wenig Fu\u00dfball spielen sollen und die Familienkrise h\u00e4tte sich von selbst gel\u00f6st &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit M\u00fcttern wird oft gehadert. Zwischen V\u00e4ter und T\u00f6chter dagegen passt meistens kein St\u00fcck Papier. 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