{"id":6248,"date":"2017-10-11T10:56:21","date_gmt":"2017-10-11T08:56:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6248"},"modified":"2017-10-14T13:59:57","modified_gmt":"2017-10-14T11:59:57","slug":"katalonien-krise-carles-puigdemont-mariano-rajoy-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/10\/11\/katalonien-krise-carles-puigdemont-mariano-rajoy-geschichte\/","title":{"rendered":"Die Monster sind wach"},"content":{"rendered":"<p><strong>Spaniens Ministerpr\u00e4sident Rajoy hat die katalanische Krise selbst ausgel\u00f6st. Vor mehr als sieben Jahren. Die aktuellen Vorg\u00e4nge erinnern schmerzhaft an die Franco-Diktatur.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6256\" aria-describedby=\"caption-attachment-6256\" style=\"width: 703px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6256\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/10\/freitext-katalane.jpg\" alt=\"\" width=\"703\" height=\"468\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/10\/freitext-katalane.jpg 2000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/10\/freitext-katalane-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/10\/freitext-katalane-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/10\/freitext-katalane-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 703px) 100vw, 703px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6256\" class=\"wp-caption-text\">Katalanische Separatisten gegen rechte Nationalisten in Valencia am 9. Oktober (\u00a9 Jose Jordan\/AFP\/Getty Images)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Carles Puigdemont hat es nicht ganz lassen k\u00f6nnen. Als Pr\u00e4sident der Generalitat, der Regionalregierung in Barcelona, hat er am <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-10\/katalonien-parlament-carles-puigdemont-live\">Dienstagabend die Unabh\u00e4ngigkeit Kataloniens verk\u00fcndet<\/a> \u2013 und sie zugleich ausgesetzt, um erst einmal einen &#8222;Prozess des Dialogs&#8220; zu er\u00f6ffnen. Er gab sich alle M\u00fche, besonnen und friedfertig zu klingen.<\/p>\n<p>Doch vergebens: F\u00fcr die Regierung in Madrid bedeutet Puigdemonts Erkl\u00e4rung, dass sie weiter ihrer Logik der Eskalation folgen kann. Sie hat sich ein Arsenal an Zwangsma\u00dfnahmen gegen die abspenstigen Katalanen zurechtgelegt und droht nun damit, sich auf Artikel 155 der spanischen Verfassung zu berufen, der die katalanische Selbstverwaltung formell au\u00dfer Kraft setzt \u2013 nachdem sie faktisch schon in den vergangenen Wochen gro\u00dfenteils entzogen wurde.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Akt des Dramas spielt sich dann auf den Stra\u00dfen ab. Und wenn Ministerpr\u00e4sident Mariano Rajoy dabei weiter den harten Hund gibt, riskiert er nicht nur die Abspaltung Kataloniens. Auch im Rest Spaniens k\u00f6nnte es zu tiefen Verwerfungen kommen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Am 1. Oktober gewann die katalanische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung die Schlacht der Bilder: Polizisten in Kampfmontur pr\u00fcgeln auf Wehrlose ein, weil diese bei einem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-10\/katalonien-unbhaengigkeitsreferendum-kommentar\">verbotenen Referendum<\/a> abstimmen wollen. Solche Szenen kommen in Europa schlecht an und rufen in Spanien Erinnerungen an die Franco-Diktatur wach. Sodass sich pl\u00f6tzlich nicht mehr die <em>Independentistes<\/em> zu verzocken schienen, sondern die spanische Regierung.<\/p>\n<p>Rajoy sah keinen Grund einzulenken. Seinen Innenminister lie\u00df er bekr\u00e4ftigen: &#8222;Es gibt niemanden in der Regierung, der das Handeln der Polizei nicht billigt.&#8220; Und er selbst sang nur umso lauter sein Mantra von der Verfassung, die es gegen die Separatisten zu verteidigen gelte, und von der unantastbaren staatlichen Einheit Spaniens. Der K\u00f6nig sekundierte ihm mit einer Ansprache, in der er die Polizeigewalt unerw\u00e4hnt lie\u00df und sich ausschlie\u00dflich an diejenigen seiner Untertanen wandte, die den katalanischen <em>Independentisme<\/em> ablehnen.<\/p>\n<p>Diese Inszenierung \u2013 der Ministerpr\u00e4sident als wei\u00dfb\u00e4rtiger Staatsmann in st\u00fcrmischer Zeit, unterst\u00fctzt vom Monarchen \u2013 zeigte durchaus Wirkung. In der internationalen Berichterstattung war von den Kn\u00fcppeln beim Referendum nun kaum noch die Rede. Daf\u00fcr schienen die Zuschreibungen von Gut und B\u00f6se in der Katalonienkrise wieder klar zu sein: Die \u00dcbelt\u00e4terin ist die katalanische Regionalregierung auf ihrem Kamikaze-Ritt zur Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Viele Leitartikler stehen innerlich stramm, sobald das Wort &#8222;Verfassung&#8220; f\u00e4llt. Dabei l\u00e4sst sich die Eskalation des spanisch-katalanischen Konflikts nicht begreifen, ohne den Verweis auf die Verfassung zu hinterfragen. Das Argument &#8222;Dem spanischen Verfassungsgericht zufolge war das Referendum in Katalonien illegal, also muss Madrid durchgreifen&#8220; ist weniger seri\u00f6s, als es klingt.<\/p>\n<p>Zum einen wegen der Verfassung selbst. Ende 1978 in Kraft getreten, sollte sie Spaniens \u00dcbergang von der Diktatur zur konstitutionellen Monarchie absichern. Schon seit mehr als zwei Jahrzehnten ruft vor allem die spanische Linke nach einer Reform hin zu einer f\u00f6deralen Republik, um den Eigenheiten der 17 Regionen und &#8222;Gemeinschaften&#8220; im Staat besser Rechnung zu tragen. Doch Rajoys Partei PP, von Franco-Getreuen gegr\u00fcndet, hat noch jede Initiative zu einer solchen Neujustierung vereitelt. Seit sie Spanien wieder regiert, betreibt sie sogar eine rabiate Rezentralisierung.<\/p>\n<h2><strong>Die Graswurzelbewegung &#8222;Independentisme&#8220;<\/strong><\/h2>\n<p>Die Regionen im spanischen Staat verf\u00fcgen \u00fcber sogenannte Autonomiestatute, die von deutschen Kommentatoren manchmal mit hiesigen Landesverfassungen gleichgesetzt werden, aber nur eine Schwundstufe davon sind, mit eng begrenzten Gestaltungsr\u00e4umen der Regionalregierungen. So auch das neu verhandelte Statut f\u00fcr Katalonien, 2006 vom spanischen Parlament verabschiedet. Es befriedigte das katalanische Bed\u00fcrfnis nach Anerkennung mit ein paar symbolischen Streicheleinheiten, ohne dass Madrid zus\u00e4tzliche Kompetenzen an Barcelona abgetreten h\u00e4tte. Die Katalanen aber gaben sich zufrieden. Die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, die ohnehin nie mehrheitsf\u00e4hig gewesen war, schrumpfte auf ein folkloristisches H\u00e4uflein zusammen.<\/p>\n<p>Doch Rajoys PP, damals in der Opposition, klagte vor dem Verfassungsgericht. Vier Jahre verstrichen. Dann, im Sommer 2010, erkl\u00e4rte ein seinen eigenen Regularien gem\u00e4\u00df nicht beschlussf\u00e4higes Tribunal \u2013 von zw\u00f6lf Richtern hatten drei die Altersgrenze \u00fcberschritten, ein vierter war verstorben \u2013 das katalanische Statut f\u00fcr teilweise verfassungswidrig.<\/p>\n<p>Aus der massenhaften Emp\u00f6rung \u00fcber dieses Urteil ging der heutige <em>Independentisme<\/em> erst hervor: als Graswurzelbewegung, von der sich die katalanische Politik mitrei\u00dfen lie\u00df. Wer \u00fcber die Eskalation in Katalonien schreibt, sollte nicht verschweigen, dass sie schon vor mehr als sieben Jahren begann. Und dass Rajoys Partei sie ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Im Wahlkampf 2011, der sie zur\u00fcck an die Regierung f\u00fchrte, schlug die PP antikatalanische T\u00f6ne an. Der Tenor: Die Eigenbr\u00f6tler im Nordosten halten sich f\u00fcr etwas Besseres, aber denen zeigen wir, wer das Sagen hat. Dieser Linie folgend schmetterte Rajoy dann jahrelang jede Bitte der Generalitat um bilaterale Verhandlungen ab. Und beklagt heute scheinheilig, der katalanische Pr\u00e4sident sei zu einem Treffen s\u00e4mtlicher Regionalregierungschefs nicht erschienen.<\/p>\n<p>Ihre Mehrheit im spanischen Parlament nutzte die PP auch, um die vakanten Stellen am Verfassungsgericht mit ihren eigenen Leuten zu besetzen. Entsprechend hilfreich und ungewohnt schnell war das Tribunal in den vergangenen Jahren, wenn es galt, von der Generalitat in Katalonien erlassene Gesetze f\u00fcr nichtig zu erkl\u00e4ren \u2013 und vor allem das Referendum vom 1. Oktober zu kriminalisieren.<\/p>\n<p>Das Demokratieverst\u00e4ndnis der Regierung Rajoy beruht also auf einer Verfassung, deren \u00fcberf\u00e4llige Reform sie selbst blockiert, und auf einem Verfassungsgericht, das &#8222;f\u00fcr sie die Drecksarbeit erledigt&#8220;, wie es der katalanische Schriftsteller <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2017-08\/terroranschlag-barcelona-la-rambla-spanien\">Jordi Punt\u00ed<\/a> ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<h2><strong>Nicht die Mehrheit der Katalanen<\/strong><\/h2>\n<p>Ganz anders, doch ebenfalls dubios: das Demokratieverst\u00e4ndnis der <em>Independentistes<\/em>. In Katalonien regiert seit zwei Jahren ein Zweckb\u00fcndnis aus Christdemokraten, Linksnationalisten und Linksradikalen. Einziger gemeinsamer Nenner der drei Parteien ist der Drang nach dem eigenen Staat. Sie versuchten gar nicht erst, zusammen Politik zu machen, sondern rasten mit Tunnelblick auf das Referendum zu. Dabei verf\u00fcgen sie zwar \u00fcber die Sitzmehrheit im katalanischen Parlament, haben aber nicht die absolute Mehrheit der W\u00e4hlerstimmen hinter sich \u2013 sie kamen zusammen auf knapp 48 Prozent.<\/p>\n<p>Mit dem Referendum wollten sie ihr Projekt der Abspaltung von Spanien legitimieren. Nach eigener Ansicht ist ihnen dies auch gelungen. Schlie\u00dflich kreuzten gut 90 Prozent der Abstimmenden &#8222;<em>S\u00ed<\/em>&#8220; an. Dass die Wahlbeteiligung nur bei 43 Prozent lag und das Referendum wegen der Polizeigewalt unter wenig transparenten Bedingungen ablief, ficht die Generalitat nicht an. Ihr Wahlgesetz sehe keine Mindestbeteiligung vor, und wenn Rajoy eine regul\u00e4re demokratische Abstimmung verhindern wolle, sei er selbst schuld. Angesichts der Repressalien habe es mit dem Referendum ja sogar erstaunlich gut geklappt.<\/p>\n<p>Puigdemont f\u00fchlt sich an die von seiner eigenen Regierung gesetzte Vorschrift gebunden, im Fall einer Stimmenmehrheit die Republik Katalonien auszurufen. Damit vereinnahmt er nicht nur die 57 Prozent der katalanischen Wahlberechtigten, die entweder nicht mit abgestimmt haben oder deren Stimmen nicht ausgez\u00e4hlt werden konnten, weil die Guardia Civil die Urnen konfiszierte. Sondern er tut auch \u2013 da kann er noch so konstruktiv und vers\u00f6hnlich formulieren \u2013 genau das, was die Hardliner in Madrid sich w\u00fcnschen. Er braucht blo\u00df &#8222;Unabh\u00e4ngigkeit&#8220; oder &#8222;Referendum&#8220; zu sagen, schon sehen sie rote Linien \u00fcberschritten und f\u00fchlen sich berechtigt, selbst umso r\u00fccksichtsloser zuzuschlagen.<\/p>\n<p>Denn unter dem argumentativen Deckmantel von Verfassungstreue und staatlicher Einheit brodelt noch ein anderer, gef\u00e4hrlicher Diskurs. Schon vor Puigdemonts gestriger Erkl\u00e4rung boten die pr\u00fcgelnden Polizisten nicht die einzigen verst\u00f6renden Bilder aus Katalonien und Spanien. Bei der gro\u00dfen Kundgebung gegen den <em>Independentisme<\/em> marschierten am 8. Oktober in Barcelona PP-Mitglieder, aber auch Sozialdemokraten auf einmal gemeinsam mit Anh\u00e4ngern der <em>Falange<\/em> (Nachfolgerin von Francos gleichnamiger Partei) und anderen bekennenden Rechtsextremen<em>. <\/em>Tags darauf in Valencia belie\u00dfen es die Neofaschisten bereits nicht mehr beim Mitlaufen. Unter &#8222;Sieg Heil!&#8220;-Rufen machten sie Jagd auf &#8222;Separatisten&#8220; und &#8222;Linke&#8220;.<\/p>\n<p>Mit ihrer stur konfrontativen Haltung zu Katalonien hat die Regierung Rajoy nicht nur binnen weniger Jahre das Monster des Staatszerfalls gro\u00dfgep\u00e4ppelt. Sie hat zudem das Monster eines brutalen spanischen Nationalismus von der Leine gelassen. Die Grenzen zum rechtsradikalen Spektrum waren bei der PP immer flie\u00dfend, und wenn es gegen &#8222;die Katalanen&#8220; geht, fallen sie ganz weg. Da wird das Referendum zum &#8222;Staatsstreich&#8220; erkl\u00e4rt, Puigdemonts Aufruf zum Dialog als &#8222;Erpressung&#8220; bezeichnet, und ein Parteisprecher droht Puigdemont an, er k\u00f6nne &#8222;enden&#8220; wie Llu\u00eds Companys. Companys, Pr\u00e4sident der Generalitat w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs, wurde 1940 auf Francos Befehl gefoltert und erschossen.<\/p>\n<p>Einen &#8222;unertr\u00e4glichen Gestank nach schlecht verheiltem Franquismus&#8220; attestiert der spanischen Regierung im Umgang mit Katalonien dieser Tage Ram\u00f3n Lobo, der f\u00fcr die Zeitung <em>El Pa\u00eds <\/em>20 Jahre lang aus Kriegs- und Krisengebieten berichtete. Und unter den Katalanen selbst, egal wie sie zu Puigdemont stehen, herrscht vor allem Fassungslosigkeit \u00fcber das Gebaren der Zentralmacht. &#8222;Der spanische Staat benimmt sich wie ein verwundetes Tier, das nichts mehr denkt und nur noch bei\u00dft&#8220;, schreibt uns eine Architektin aus Barcelona. &#8222;Es w\u00e4re so leicht, mit uns zu reden und uns zu \u00fcberzeugen. Aber das wird er nicht tun. Mir kommt es vor, als w\u00fcrde er gerade Selbstmord begehen.&#8220;<\/p>\n<p><em>Der Autor Michael Ebmeyer ist Verfasser der &#8222;Gebrauchsanweisung f\u00fcr Katalonien&#8220; (Piper). Er erhielt 2011 ein Stipendium des katalanischen Instituts Ramon Llull f\u00fcr die \u00dcbersetzung des Romans &#8222;Maletes perdudes&#8220; von Jordi Punt\u00ed ins Deutsche. Lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/10\/11\/katalonien-krise-carles-puigdemont-mariano-rajoy-geschichte\/?sort=asc&amp;comments_page=14#comment-105272\">ausf\u00fchrliche Stellungnahme des Autors<\/a> zu den unten stehenden Leserkommentaren.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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