{"id":6357,"date":"2017-11-02T12:42:10","date_gmt":"2017-11-02T11:42:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6357"},"modified":"2017-11-03T10:49:36","modified_gmt":"2017-11-03T09:49:36","slug":"katalonien-unabhaengigkeit-masochismus-ebmeyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/11\/02\/katalonien-unabhaengigkeit-masochismus-ebmeyer\/","title":{"rendered":"Der katalanische Masochismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung in Katalonien will unbedingt leiden. Und zur Not sorgt sie eben selbst daf\u00fcr, dass die eigene Demontage vorangetrieben wird.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6368\" aria-describedby=\"caption-attachment-6368\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6368 size-large\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/freitext-katalonien-masochismus-1024x683.jpg\" alt=\"Katalonien: Der katalanische Masochismus | Freitext\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-katalonien-masochismus-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-katalonien-masochismus-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-katalonien-masochismus-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-katalonien-masochismus.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6368\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jon Nazca \/ Reuters<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Immer gut: Wenn man im Moment der h\u00f6chsten Bedr\u00e4ngnis noch einen Trumpf ziehen kann, mit dem man sich nicht nur aus der Klemme rettet, sondern die Partie sogar gewinnt. Schlecht dagegen, wenn man den Trumpf nicht zieht und stattdessen mit voller Wucht gegen die Wand rennt.<!--more--><\/p>\n<p>So hat es die katalanische Regierung am 27. Oktober getan. Ministerpr\u00e4sident Carles Puigdemont, der sich als Gesicht der Polit-Utopie &#8222;unabh\u00e4ngiges Katalonien&#8220; einem \u00fcberm\u00e4chtigen spanischen Staat und einer verst\u00e4ndnislosen EU gegen\u00fcber sah und dem samt seinem Kabinett die Absetzung drohte, h\u00e4tte Neuwahlen f\u00fcr Katalonien ausrufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer noch an die Vernunft der <em>Generalitat<\/em> glauben wollte, war sogar \u00fcberzeugt, dass Puigdemont das tun w\u00fcrde. Die in Barcelona ans\u00e4ssige Tageszeitung <a href=\"http:\/\/www.lavanguardia.com\"><em>La Vanguardia<\/em><\/a> versicherte am 26. Oktober, der <em>President<\/em> werde am Mittag die Neuwahlen ank\u00fcndigen, und nannte auch schon einen Wahltermin, den 20. Dezember.<\/p>\n<p>Damit h\u00e4tte sich die Eskalation im spanisch-katalanischen Konflikt geschmeidig ausbremsen lassen. Am Ende gibt der Kl\u00fcgere nach, h\u00e4tte Puigdemont behaupten k\u00f6nnen. Sein Potenzial an Sturheit hatte der katalanische <em>Independentisme<\/em> doch mit dem trotz verfassungsgerichtlichem Verbot und Polizeigewalt durchgezogenen Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum ersch\u00f6pfend bewiesen. Puigdemont h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen: Nun wiederholen wir diese Demonstration eben im konstitutionellen Rahmen.<\/p>\n<p>H\u00e4tte er damit den ber\u00fcchtigten Verfassungsartikel 155, der Katalonien f\u00fcrs Erste unter spanische Zwangsverwaltung stellt, nicht abwenden k\u00f6nnen, so h\u00e4tte er ihn zumindest delegitimiert. Das Vorgehen der Regierung Rajoy in der Katalonien-Krise w\u00e4re dann auch international als das erschienen, was die <em>Independentistes<\/em> (sowie Teile der spanischen Linken) darin sehen: ein dumpf durchgesetztes Recht des St\u00e4rkeren.<\/p>\n<p>Aber nein. Puigdemont lie\u00df den 26. Oktober verstreichen, ohne Neuwahlen anzuk\u00fcndigen. Tags darauf rief das Parlament in Barcelona die &#8222;katalanische Republik&#8220; aus und beschloss damit seine eigene Entmachtung. F\u00fcr die kurze und haltlose Illusion, Katalonien zum Staat gemacht zu haben, gab die <em>Generalitat<\/em> alle politischen und moralischen Erfolge hin, die sie im Ringen mit der spanischen Regierung in den letzten Jahren erzielt hatte.<\/p>\n<p><strong>So schwach wie nie seit dem Ende der Franco-Diktatur<\/strong><\/p>\n<p>Spaniens Ministerpr\u00e4sident Mariano Rajoy setzte, unterst\u00fctzt von den Sozialdemokraten und den rechtsliberalen Ciudadanos in Madrid, sofort Artikel 155 in Wirkung. Nun muss er sich bei der Zwangsverwaltung nur halbwegs ma\u00dfvoll zeigen, dann kann er sich in der Krise, die er und seine Partei vor gut sieben Jahren selbst ausgel\u00f6st und seither nach Kr\u00e4ften befeuert haben, noch <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-10\/katalonien-mariano-rajoy-carles-puigdemont-abstimmung-folgen\/komplettansicht\">das Image eines treusorgenden Demokraten<\/a> verschaffen. Das Gleiche gilt f\u00fcr seine bisher vor allem als harte Nuss bekannte Stellvertreterin Soraya S\u00e1enz de Santamar\u00eda, jetzt kommissarische Pr\u00e4sidentin der <em>Generalitat<\/em>.<\/p>\n<p>Das titelgebende Motiv aus dem Jahrhundertroman <em>Incerta gl\u00f2<\/em><em>ria<\/em> (deutsch: <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/literatur\/article149103162\/Der-Ruhm-einer-Republik.html\"><em>Fl\u00fcchtiger Glan<\/em>z<\/a>) von Joan Sales scheint einmal mehr die katalanische Geschichte zu bestimmen. Am Ende des von Puigdemonts Regierung nach den Wahlen von 2015 ausgerufenen und von Beginn an eher deliranten &#8222;<em>proc<\/em><em>\u00e9<\/em><em>s<\/em>&#8220; hin zur ertr\u00e4umten Unabh\u00e4ngigkeit steht Katalonien so schwach da wie nie seit dem Ende der Franco-Diktatur. Dar\u00fcber kann auch der rappelvolle Presseclub in Br\u00fcssel nicht hinwegt\u00e4uschen, in dem der abservierte <em>President<\/em> der Welt zeigen wollte, &#8222;dass es ein Problem mit Katalonien gibt&#8220;.<\/p>\n<p>Denn dieses Problem wird nun nach den Regularien der spanischen Demokratie behandelt. Neuwahlen in Katalonien kommen auch so, nicht am 20., aber am 21. Dezember, und nicht von der katalanischen, sondern von der spanischen Regierung angesetzt. Puigdemonts Erz\u00e4hlung vom spanischen Unrechtsstaat, vor dem er sich in der EU-Kapitale habe in Sicherheit bringen m\u00fcssen, nehmen ihm nur noch fanatische <em>Independentistes<\/em> ab. Schon die gem\u00e4\u00dfigten Teile der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung \u2013 die Hunderttausenden, die Rajoys Holzhammerpolitik gegen Katalonien in den letzten Jahren zum <em>Independentisme<\/em> getrieben hat \u2013 k\u00f6nnen diese Volte Puigdemonts nicht mehr nachvollziehen.<\/p>\n<p>Auch das s\u00e4he anders aus, wenn er selbst den Trumpf Neuwahlen gezogen h\u00e4tte, anstatt die Chim\u00e4re einer &#8222;katalanischen Republik&#8220; loszulassen. In dem Fall h\u00e4tte die Regierung in Madrid der europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit beweisen m\u00fcssen, dass es ihr wirklich um die Demokratie geht und nicht um einen als Legalit\u00e4t bem\u00e4ntelten Kollisionskurs gegen eine aufm\u00fcpfige <em>Generalitat<\/em>, angetrieben vom alten Ressentiment der spanischen Rechten gegen &#8222;die Katalanen&#8220;<em>.<\/em><\/p>\n<p>Stattdessen verk\u00f6rpert Puigdemont nun die Selbstdemontage des <em>Independentisme<\/em>. Sein bizarrer Auftritt in Br\u00fcssel spielt Rajoy in die H\u00e4nde, dessen eigenes Versagen in der Katalonien-Politik pl\u00f6tzlich kaum noch interessiert (\u00e4hnlich wie seine Partei zuvor die Katalonien-Krise nutzen konnte, um von ihren heillosen Korruptionsskandalen abzulenken).<\/p>\n<p>Man hofft ja gerne, dass hinter politischen Man\u00f6vern ausgekl\u00fcgelte Strategien steckten. Wenn zum Beispiel das katalanische Parlament eine Republik ausruft, h\u00e4tte es auch einen soliden Plan, wie es die Republik tats\u00e4chlich gr\u00fcnden oder aber durch diesen Eklat endlich die f\u00f6deralistische Reform des spanischen Staats in Gang setzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Ein alter Verdacht erh\u00e4rtet sich<\/strong><\/p>\n<p>Es sieht jedoch alles danach aus, dass der fl\u00fcchtige Glanz der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung vom 27. Oktober blo\u00df das Schimmern war, mit dem der &#8222;<em>proc\u00e9s<\/em>&#8220; als Rohrkrepierer endete. Jetzt haben die <em>Unionistas<\/em> und die <em>Constitucionalista<\/em>s in Katalonien wie im Rest Spaniens das Heft in der Hand. Und falls sie so klug sind, nach der viel beschworenen &#8222;milden Anwendung&#8220; von Artikel 155 die \u00fcberf\u00e4llige Neujustierung Spaniens als F\u00f6deralstaat einzuleiten, wird dies nicht als Erfolg katalanischer Streiter f\u00fcr ein &#8222;Recht auf Selbstbestimmung&#8220; erscheinen. Sondern als Verdienst einer spanischen Regierung, die eine Staatskrise gemeistert und daraus besonnene Schl\u00fcsse gezogen hat.<\/p>\n<p>Seit \u00fcber zwanzig Jahren besch\u00e4ftige ich mich mit der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. Ihr Anh\u00e4nger war ich nie, allerdings hatte ich f\u00fcr die Argumente der <em>Independentistes<\/em> angesichts der reaktion\u00e4ren und aggressiven Linie Rajoys phasenweise viel Verst\u00e4ndnis. Und die Idee, das konservative Schlagwort vom &#8222;Europa der Regionen&#8220; <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/regional-und-links\">als linkes Projekt wiederzubeleben<\/a>, fand ich grunds\u00e4tzlich verlockend.<\/p>\n<p>Mit den Entwicklungen der letzten Wochen aber erh\u00e4rtet sich ein alter Verdacht: dass der katalanische <em>Independentisme<\/em> im Kern doch nichts weiter ist als ein Masochismus. Er will unbedingt leiden, und zur Not sorgt er selbst daf\u00fcr, dass sein Leiden nicht aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Als Masochismus inszeniert hat sich der katalanische Nationalismus seit jeher. Er begr\u00fcndete sich in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts in der Wehmut \u00fcber lange verlorene Glorie (die Krone von Arag\u00f3n als mittelalterlich-mediterranes Imperium), und er erw\u00e4hlte das Datum der gr\u00f6\u00dften historischen Niederlage Kataloniens \u2013 den 11. September 1714, als Barcelona an die Bourbonen fiel \u2013 zum Nationalfeiertag.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive ist es heute nur folgerichtig, dass die angebliche &#8222;schweigende Mehrheit&#8220; in Katalonien, also diejenigen, die f\u00fcr den Verbleib bei Spanien sind, erst in den Tagen nach der Ausrufung der Republik und der Absetzung der Ausrufer eindrucksvoll auf die Stra\u00dfen ging.<\/p>\n<p>Sie lie\u00df den Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrwortern jahrelang den Vortritt, weil sie sich darauf verlassen konnte, dass der <em>Independentisme<\/em>, egal wie sehr er als gesellschaftliche und politische Bewegung erstarkte, sein gro\u00dfes Anliegen im entscheidenden Moment gegen die Wand fahren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Nachbemerkung am 3. November:<\/em><\/p>\n<p>Als ich diesen Text gestern fr\u00fch fertig schrieb, rechnete ich damit, dass die vor Gericht erscheinenden Mitglieder der katalanischen Regierung auf freiem Fu\u00df bleiben w\u00fcrden. Ihre Verhaftung macht bis auf Weiteres jede Hoffnung zunichte, dass die Regierung Rajoy und die ihr dienstbare Justiz in der Katalonien-Krise auf einen konstruktiven Kurs einschwenken. Die Audiencia Nacional \u2013 ein Sondergericht, das aus Francos &#8222;Gericht f\u00fcr \u00f6ffentliche Ordnung&#8220; hervorgegangen ist \u2013 operiert als verl\u00e4ngerter Arm der Hardliner in Madrid.<\/p>\n<p>Wo es gerade noch so aussah, als w\u00fcrde die Ausrufung der Neuwahlen den Konflikt in ruhigere Bahnen lenken und in einen allseits akzeptierten demokratischen Rahmen zur\u00fcckholen, tritt die Logik der Eskalation wieder unverh\u00fcllt zutage. Der katalanische Masochismus erscheint harmlos, ja geradezu vern\u00fcnftig im Vergleich mit dem Selbstzerfleischungsdrang des spanischen Establishments. Offenbar will Mariano Rajoy doch unbedingt als der Ministerpr\u00e4sident in die Geschichte eingehen, der Spanien zerst\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Autor Michael Ebmeyer ist Verfasser der <\/em>Gebrauchsanweisung f\u00fcr Katalonien<em> (Piper). Er erhielt 2011 ein Stipendium des katalanischen Instituts Ramon Llull f\u00fcr die \u00dcbersetzung des Romans <\/em>Maletes perdudes<em> von Jordi Punt\u00ed ins Deutsche. Lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/10\/11\/katalonien-krise-carles-puigdemont-mariano-rajoy-geschichte\/?sort=asc&amp;comments_page=14#comment-105272\">ausf\u00fchrliche Stellungnahme des Autors<\/a> zu den Leserkommentaren seines Textes &#8222;<a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/10\/11\/katalonien-krise-carles-puigdemont-mariano-rajoy-geschichte\/\">Die Monter sind wach<\/a>: Spaniens Ministerpr\u00e4sident Rajoy hat die katalanische Krise selbst ausgel\u00f6st. Vor mehr als sieben Jahren. Die aktuellen Vorg\u00e4nge erinnern schmerzhaft an die Franco-Diktatur.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung in Katalonien will unbedingt leiden. Und zur Not sorgt sie eben selbst daf\u00fcr, dass die eigene Demontage vorangetrieben wird. 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