{"id":6390,"date":"2017-11-09T11:49:48","date_gmt":"2017-11-09T10:49:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6390"},"modified":"2017-11-09T13:37:47","modified_gmt":"2017-11-09T12:37:47","slug":"deutsche-einheit-nachgeborene-fuerstenberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/11\/09\/deutsche-einheit-nachgeborene-fuerstenberg\/","title":{"rendered":"Wir brauchen die Einheit nicht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auch wir Nachgeborenen unterscheiden noch zwischen &#8222;wir Ossis&#8220; und &#8222;ihr Wessis&#8220;. Aber das ist nicht schlimm. Warum wir uns vom Einheitsgedanken verabschieden sollten.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6401\" aria-describedby=\"caption-attachment-6401\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6401\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/freitext-einheit-1024x716.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"448\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-einheit-1024x716.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-einheit-620x433.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-einheit-768x537.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6401\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Peter Kneffel \/ dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es ist wieder Herbst in Deutschland, und seit ich denken kann, bedeutet das, dass der Osten zum medial umsorgten Problemkind wird. Irgendwo zwischen der Ver\u00f6ffentlichung des Jahresberichts zum Stand der Deutschen Einheit im September und den Jubil\u00e4en von Einheitsvertrag und Mauerfall im Oktober und November, dieses Jahr zus\u00e4tzlich befeuert durch die Wahlerfolge der AfD, fragt sich das Land rituell, wie es eigentlich den Ossis geht.<!--more--> Diagramme belegen, dass es ihnen vergleichsweise schlecht geht: Auch wenn sich die Zahlen langsam angleichen, ist die Arbeitslosigkeit im Osten h\u00f6her als im Westen und die Wirtschaftskraft geringer, sind die Durchschnittsl\u00f6hne niedriger und die Renten kleiner. Dazu ist noch immer nur jeder zweite Deutsche der Meinung, die Menschen seien zu einem Volk zusammengewachsen. Nach 28-mal Herbst im wiedervereinten Deutschland kann ich das alles auswendig mitsingen, und lange dachte ich, diese Unterschiede gingen mich eigentlich nichts mehr an.<\/p>\n<p>Einerseits geh\u00f6ren Begriffe wie Durchschnittslohn und Rente als Freiberuflerin sowieso nicht zu meinem aktiven Wortschatz, andererseits habe ich keine Erinnerung an das Land namens DDR, in dem ich 1987 zur Welt kam. Deshalb bin ich als Nachgeborene auch meistens nicht gemeint, wenn von Ossis und Wessis die Rede ist.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz fand ich zwischen den herbstlichen Berichten eine kleine Infografik, die mich seltsam ber\u00fchrte. &#8222;<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/unterschiede-zwischen-ost-und-west-beim-waeschetrockner-hoert-die-einheit-auf-1.3692097\">Der Osten erbt anders&#8220;<\/a>, ist sie \u00fcberschrieben und zeigt anhand der Erbschaftssteuer pro Einwohner, dass in westdeutschen Familien ein Vielfaches an Verm\u00f6genswerten von einer Generation an die n\u00e4chste weitergegeben wird. Meine Ber\u00fchrung hat aber nur am Rande mit der Verteilung von Kapital zu tun. Vor allem trifft das Diagramm eine Unterscheidung, die mir merkw\u00fcrdig vertraut ist: Es teilt nicht nur jene Bev\u00f6lkerung in Ost- und Westdeutsche, die die DDR von der einen oder anderen Seite der Mauer selbst erlebt hat, sondern auch die Erben: Nachgeborene wie mich, die die DDR nur vom H\u00f6rensagen kennen. Auch ich denke an Gleichaltrige als &#8222;wir Ossis&#8220; und &#8222;ihr Wessis&#8220; \u2013 nicht kategorisch, nicht st\u00e4ndig, aber regelm\u00e4\u00dfig. Angesichts der \u00fcberwiegenden Gemeinsamkeiten (Kindheiten in der wiedervereinten BRD, auf denselben Spielpl\u00e4tzen, in denselben Schulen, vor denselben Fernsehprogrammen) scheint diese Kategorisierung fragw\u00fcrdig: Wer soll dieses <em>Wir<\/em> sein, das sich in Abgrenzung zu einem<em> Ihr<\/em> bildet?<\/p>\n<p><strong>Wir Kinder von der Baustelle<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich wir sage \u2013 und wie jede Wir-Bestimmung ist auch diese an den R\u00e4ndern unscharf, trifft sie auf den Einzelnen immer nur mehr oder weniger zu, schlie\u00dft sie ein und aus \u2013, wenn ich also wir sage, meine ich eine vierte Generation Ost, die zwischen 1985 und 95 geboren ist und keine eigenen Erinnerungen an die DDR hat, aber ostdeutsch sozialisiert aufgewachsen ist. Wir sind weder Ossis noch Wessis, beziehungsweise sind wir Ossis, wenn unsere westdeutsch sozialisierten Freunde Ossiwitze machen, und Wessis, wenn uns am heimatlichen K\u00fcchentischen attestiert wird, von der DDR keine Ahnung zu haben. Wir sind weniger von der DDR gepr\u00e4gt als von den Nachwendejahren und dem Prozess der Wiedervereinigung. Schauplatz unserer Kindheiten sind die Umbruchslandschaften der Neunzigerjahre, die neuen Bundesl\u00e4nder.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir sprechen lernten, wurden um uns herum die Stra\u00dfen umbenannt, die Innenst\u00e4dte renoviert und die Fabriken aufgekauft oder stillgelegt. W\u00e4hrend wir laufen lernten, erfanden sich unsere Eltern neu, hatten Gesch\u00e4ftsideen und keine Ahnung vom Gesch\u00e4ftemachen, gingen pleite und zum Arbeitsamt, wechselten den Arbeitgeber oder gleich den ganzen Beruf. W\u00e4hrend wir lesen lernten, gingen \u00fcber den Enth\u00fcllungen durch die BStU Beziehungen in die Br\u00fcche. W\u00e4hrend wir schreiben lernten, wurden Geb\u00e4ude der einen Epoche abgerissen und Geb\u00e4ude anderer Epochen wieder aufgebaut. Kurzum, wir sind auf einer Baustelle gro\u00df geworden, die alle Lebensbereiche betraf, und vermutlich war das Elternsein in dieser Zeit nicht so einfach. Wie soll man seinen Kindern auch eine Idee davon vermitteln, wie das mit dem Leben gehen k\u00f6nnte, wenn es einen selbst hoffnungslos \u00fcberfordert. Diese Kindheit auf der Gro\u00dfbaustelle ist es jedenfalls, die uns von euch, liebe westsozialisierten Freunde, unterscheidet. \u00dcberhaupt seid ihr wichtig f\u00fcr dieses Wir, denn ohne euch, ohne die Irritationen des Unterschieds, h\u00e4tte es sich nicht zu bilden begonnen.<\/p>\n<p>Der Unterschied offenbart sich (erstens) in Praktiken des Alltags. Wenn wir zusammen an den See fahren und ihr euch umst\u00e4ndlich mit Schl\u00fcpfertrick in eure Badehosen man\u00f6vriert, w\u00e4hrend wir gar keine Badehosen dabei haben. Wenn es eine sprachliche Verwirrung zwischen Pfannkuchen und Eierkuchen gibt. Wenn von Frankfurt die Rede ist und wir fragen: am Main oder an der Oder?, w\u00e4hrend ihr darunter selbstverst\u00e4ndlich das am Main versteht. Wenn es einen Geburtstag zu feiern gibt und ihr &#8222;Weil heute dein Geburtstag ist&#8220; nicht mitsingen k\u00f6nnt und stattdessen &#8222;Wie sch\u00f6n, dass du geboren bist&#8220; anstimmt.<\/p>\n<p>Keine dieser Irritationen reicht noch f\u00fcr eine Herkunftsbestimmung aus, die Verschiebungen haben l\u00e4ngst das Fremde zum Eigenen gemacht und das Eigene zum Fremden. Aber sie sind es, die uns im Jahr 2015 nachdenklich werden lie\u00dfen, als Katrin G\u00f6hring-Eckardt sagte: &#8222;30 Prozent der Kinder und Jugendlichen heute haben bereits einen Migrationshintergrund. Und dabei habe ich die Ossis noch nicht mitgerechnet.&#8220; Haben wir einen Migrationshintergrund? Irgendwie schon, schlie\u00dflich haben unsere Eltern in einem anderen Land gelebt, aber wir sind da unsicher. F\u00fcr die meisten w\u00e4re es ein Migrationshintergrund ohne geografische Verschiebung und ohne Zweisprachigkeit, ohne die M\u00f6glichkeit, das Herkunftsland der Eltern zu besuchen, w\u00e4hrend wir gleichzeitig in seinen \u00dcberresten leben, die sich l\u00e4ngst zu etwas Neuem geformt haben. \u00dcberhaupt hat sich inzwischen alles ein wenig beruhigt. Zwar haben es die wenigsten unserer Eltern in die F\u00fchrungsetagen des Landes geschafft, wie die <a href=\"http:\/\/www.mdr.de\/heute-im-osten\/wer-beherrscht-den-osten-studie-100.html\">Studie &#8222;Wer beherrscht den Osten?&#8220;<\/a> 2016 eindr\u00fccklich belegte, aber der Gro\u00dfteil von ihnen hat einen Platz in der neuen Gesellschaft gefunden, die Innenst\u00e4dte sind hergerichtet, und die Fachwerkh\u00e4user, die noch zu retten waren, sind saniert.<\/p>\n<p><strong>Kontinuit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>t und Diskontinuit<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>t<\/strong><\/p>\n<p>Der Unterschied zeigt sich (zweitens) im Zugriff auf Gesellschaft. Man findet ihn, verborgen zwischen den Zeilen, in den Reaktionen auf die Gegenwart und den Annahmen f\u00fcr die Zukunft. Wenn ihr best\u00fcrzt seid \u00fcber den Zusammenbruch des Euro, und wir mit der Gelassenheit des Fatalismus anmerken, dass auf dieser Welt eh nichts bleibt, wie es ist. Wenn euch ein Wort wie <em>Bausparvertrag<\/em> problemlos \u00fcber die Lippen geht, und wir Zweifel haben, dass es das System, innerhalb dessen <em>Bausparvertrag<\/em> erst sinnhaft wird, noch geben wird, wenn wir ein Haus bauen wollen.<\/p>\n<p>Im ersten Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit von 1997 steht mit Blick auf die Konflikte zwischen Neu- und Altbundesb\u00fcrgern: &#8222;Die Kontinuit\u00e4t westlichen Lebens kollidierte mit der Diskontinuit\u00e4t \u00f6stlicher Lebenspl\u00e4ne.&#8220; Es ist genau dieser Unterschied, der sich auf die n\u00e4chste Generation \u00fcbertragen hat. W\u00e4hrend ihr Westsozialisierten \u00fcber einen vergleichsweise unersch\u00fctterten Zugriff auf Gesellschaft verf\u00fcgt, der aus einer bald 70-j\u00e4hrigen politischen und \u00f6konomischen Stabilit\u00e4t resultiert, ist die Erz\u00e4hlung, dass hier von heute auf morgen alles anders sein kann, fest in unsere DNA eingeschrieben. Wir haben Staat und Gesellschaft als etwas kennen gelernt, das pl\u00f6tzlich zusammenbrechen kann und neu gedacht werden muss. Jede Generation unserer Familien wuchs in ein v\u00f6llig verschiedenes staatliches System hinein; unsere Gro\u00dfeltern ins Dritte Reich, unsere Eltern in die DDR und wir in die wiedervereinte BRD. F\u00fcr mich f\u00fchlt es sich eher unwahrscheinlich an, dass meine Kinder mal in demselben politisch-\u00f6konomischen System aufwachsen werden wie ich. F\u00fcr euch liegt eine Generation mehr Kontinuit\u00e4t dazwischen. Das ist nicht viel, aber diesen Glauben an Stabilit\u00e4t, den merkt man euch an. Beziehungsweise merke ich mir an, dass er fehlt.<\/p>\n<p>Dass ich diese Differenz als Defizit empfinde, hat etwas mit dem Unterschied zwischen Mehrheit und Minderheit zu tun. Ihr Westsozialisierten geh\u00f6rt der 83-prozentigen Mehrheit an, wir der 17-prozentigen Minderheit. Sch\u00e4tzungsweise ist das der Grund daf\u00fcr, dass wir inzwischen textsicher sind, wenn &#8222;Wie sch\u00f6n, dass du geboren bist&#8220; gesungen wird, w\u00e4hrend ihr bei &#8222;Weil heute dein Geburtstag ist&#8220; nicht \u00fcber die zweite Zeile hinaus kommt. Noch so eine Parallele zu den Debatten um Migrationshintergr\u00fcnde: Die Mehrheit setzt die unsichtbaren Normative fest. Ihr seid die Regel, wir die Abweichung. Niemand spricht von BRD-Literatur, wohingegen DDR-Literatur ein g\u00e4ngiger Begriff ist. Es mag sprach\u00f6konomisch sein, die Hintergr\u00fcnde der Mehrheit nicht zu explizieren, sondern vorauszusetzen, und nur die Abweichungen zu benennen. Problem ist dabei immer dasselbe: Es gibt kein gleichberechtigtes Nebeneinander der Lebenswirklichkeiten. Was ich mir w\u00fcnsche, ist eine Sprache, die die Gleichzeitigkeit parallel existierender Realit\u00e4ten hierarchiefrei aush\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Das Gef<\/strong><strong>\u00e4<\/strong><strong>lle zwischen Schulbank und K<\/strong><strong>\u00fc<\/strong><strong>chentisch<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist nicht einmal vergangen.&#8220; Mit diesem Satz, der eine Zeile von William Faulkner paraphrasiert, er\u00f6ffnet Christa Wolf ihr Buch <em>Kindheitsmuster<\/em>, das literarisch vorf\u00fchrt, wie nachfolgende Generationen von den Erlebnissen ihrer Vorfahren gepr\u00e4gt sind. In diesem Sinne ist die DDR auch f\u00fcr mich weder tot noch vergangen, sie ist in meine Sprache und meinen K\u00f6rper eingeschrieben und somit Teil meiner Gegenwart. Mit eurer Gegenwart hat die DDR hingegen nur sehr wenig zu tun. Sie ist euch Kuriosum und Belustigung, wenn ihr <em>Good Bye, Lenin!<\/em> schaut, sie ist euch historische Kulisse und Mahnmal, wenn ihr durch Berlin lauft. F\u00fcr euch ist die DDR ein Eintrag im Lexikon der deutschen Geschichte, f\u00fcr uns ist sie der Hintergrund auf den Fotos in unseren Familienalben. Keine Ahnung, wor\u00fcber ihr auf Familienfeiern streitet, aber sch\u00e4tzungsweise nicht dar\u00fcber, ob die Idee des Sozialismus die Errichtung der Mauer gerechtfertigt hat oder ob das Verlassen des Landes f\u00fcr die zur\u00fcckgebliebene Familie zumutbar war. Als mein Geschichtslehrer anno 2004 ein Arbeitsblatt mit zwei Spalten austeilte, die dem Vergleich der DDR mit dem Dritten Reich dienen sollten, habt ihr eure Stifte gez\u00fcckt und wir haben emp\u00f6rt den Klassenraum verlassen. Erst viele Jahre sp\u00e4ter haben wir verstanden, dass hier zum ersten Mal das Gef\u00e4lle zwischen heimatlichem K\u00fcchentisch und Schulbank, zwischen deutscher Geschichte und Familiengeschichte, zu gro\u00df f\u00fcr uns geworden war.<\/p>\n<p>Der Unterschied zeigt sich also (drittens) im Blick auf die Vergangenheit und dem Grad ihres Einflusses auf die Gegenwart. Wie k\u00f6nnte es auch keinen Unterschied f\u00fcr den eigenen Zugriff auf Geschichte machen, ob die Eltern und Gro\u00dfeltern in der BRD oder in der DDR gelebt haben. Das Ged\u00e4chtnis ist auch in der Nachgeborenengeneration zweigeteilt, und das ist noch deutlich zu niedrig angesetzt, in Wahrheit sind es ja viel mehr Ged\u00e4chtnisse. Denn wie k\u00f6nnte es f\u00fcr uns Ostsozialisierte der vierten Generation wiederum keinen Unterschied machen, ob die Eltern und Gro\u00dfeltern Parteifunktion\u00e4re oder Verfolgte, Republikfl\u00fcchtige oder politisch Unauff\u00e4llige waren. Die innere Einheit gibt es nicht, wenn darunter ein Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl verstanden wird, das auf einer einheitlichen Erinnerungskultur aufbaut. Aber wenn ihr mich fragt, ist das auch nicht schlimm.<\/p>\n<p><strong>Pluralisierung der Perspektiven<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Laut einer Forsa-Umfrage ist noch immer <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article169173604\/Ein-Volk-Auch-27-Jahre-nach-der-Einheit-ist-das-vielen-fremd.html\">nur jeder zweite Deutsche der Meinung, die Menschen seien seit der Wiedervereinigung zu einem Volk zusammengewachsen<\/a>. Anna Kaminsky, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sagte dazu: &#8222;Die innere Einheit kommt nicht von heute auf morgen, aber sie kommt.&#8220; Ich bin anderer Meinung als Frau Kaminsky. Ich glaube, die innere Einheit kommt nicht, und, viel wichtiger, wir brauchen sie auch nicht. Das Problem liegt im Begriff selbst: Das Wort ist zu eng verwandt mit Einheitlichkeit, Einigkeit, Homogenit\u00e4t. Die numerische erste Silbe passt nicht mehr zu dem Land, in dem wir leben. Die ganze Idee ist innerhalb einer pluralistischen Migrationsgesellschaft hinf\u00e4llig. Diese verlangt beziehungsweise erm\u00f6glicht, so ist es auf der Homepage der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung zu lesen, &#8222;sich immer wieder in neuen Kontexten zu orientieren, andere Lebensweisen kennenzulernen und \u00fcber selbst oder fremd gesetzte Grenzen hinauszudenken.&#8220;<\/p>\n<p>So werden Trennlinien zwischen dem Eigenen und dem Fremden br\u00fcchig und &#8222;Eindeutigkeiten als Mythen&#8220; entzaubert. Wenn wir das ernst nehmen wollen, und das halte ich f\u00fcr klug, m\u00fcssen wir uns von der inneren deutschen Einheit als gesellschaftlicher Zielsetzung verabschieden und der Vokabel ihren Platz in den Geschichtsb\u00fcchern zuweisen. Damit meine ich mitnichten eine Geschichtsvergessenheit, wie sie Sachsen-Anhalts <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/news1\/article167790235\/Sachsen-Anhalts-AfD-Chef-Poggenburg-lobt-die-DDR.html\">AfD-Landeschef Andr\u00e9 Poggenburg<\/a> betreibt, wenn er sagt, dass sein Stasi-Opa stolz auf ihn gewesen w\u00e4re. Was ich meine, ist die Ersetzung der Einheitsidee durch ein multiperspektivisches Selbstverst\u00e4ndnis, das seine Kraft aus der Pluralisierung der Perspektiven auf Geschichte und Gesellschaft bezieht. Als ad\u00e4quaten Ersatz schlage ich hiermit den Begriff der Vielfalt vor. Bis n\u00e4chsten Herbst hat Forsa hoffentlich erste Umfrageergebnisse dazu, wie es um die deutsche Vielfalt steht.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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