{"id":6437,"date":"2017-11-19T06:00:43","date_gmt":"2017-11-19T05:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6437"},"modified":"2017-11-17T12:50:58","modified_gmt":"2017-11-17T11:50:58","slug":"humanismus-utopie-gegenwart-nawrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/11\/19\/humanismus-utopie-gegenwart-nawrat\/","title":{"rendered":"Humanismus darf keine Illusion sein"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit Egoismus, Panik oder Wut reagieren viele auf die Unsicherheit der Gegenwart. Ist eine Utopie m\u00f6glich, die dem Einzelnen wieder Halt und eine geistige Behausung gibt?<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6443\" aria-describedby=\"caption-attachment-6443\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6443\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/freitext-utopie-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-utopie-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-utopie-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-utopie-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6443\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ryan Young\/\/https:\/\/unsplash.com<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Mein Onkel erkrankte als Kind schwer an der Lunge. Er wurde von Opole in ein Krankenhaus in G\u0142ucho\u0142asy gebracht, wo er \u00fcber mehrere Monate in einem Bett lag und mit dem Tod rang. In den 1960ern herrschten in Polen die kommunistischen Kader, durch die Planwirtschaft war das Land stark verarmt, die Krankenh\u00e4user waren schlecht ausger\u00fcstet. <!--more-->Mein Onkel erinnert sich an diese Zeit aus zwei Gr\u00fcnden: Zum einen sieht er vor sich, wie morgens regelm\u00e4\u00dfig einer der \u00c4rzte an seinem Bett, das aus Platzgr\u00fcnden in einem Gang stand, im wei\u00dfen Kittel vorbeigeht und in seinem Arm ein Baby tr\u00e4gt. Diese Babys, das sehe ich ganz deutlich vor mir, erz\u00e4hlt er mir, in seinem heutigen Wohnzimmer in Bamberg sitzend, hatten blaue Gesichter. Ihre Haut war wie aus blauem Wachs. Ihre Augen waren zugekniffen, die M\u00fcnder zusammengepresst. Ich wei\u00df nicht, wohin die \u00c4rzte diese toten Babys brachten. Jede Nacht tr\u00e4umte ich, wie sie aus dem Fenster auf einen Haufen geworfen wurden.<\/p>\n<p>Seine zweite Erinnerung aus diesen Monaten im Krankenhaus ist die an seine Mutter, meine Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits. Sie arbeitete damals als Leiterin des Sekretariats einer Baufirma in Opole. Jeden Tag nach der Arbeit fuhr sie mit einem kleinen polnischen Fiat die 70 Kilometer von Opole nach G\u0142ucho\u0142asy. Meine Mutter hat mich jeden Tag besucht und sa\u00df an meinem Bett, bis ich einschlafen konnte, sagt mein Onkel. Es gibt keinen Menschen, den ich heute mehr vermisse.<\/p>\n<p>Diese Geschichte begleitet mich schon lange. Sie scheint mir, der ich heute in Berlin lebe, in der Welt des Jahres 2017 und also 25 Jahre nach dem Ende der totalit\u00e4ren Herrschaft des Kommunismus in Europa, etwas \u00fcber das Leben zu sagen, von dem ich ehrlich gesagt ziemlich wenig verstehe.<\/p>\n<p>&#8222;Nicht Swedenborgs Theologie entscheidet \u00fcber seine Bedeutung, sondern sein Bem\u00fchen um eine Deutung der Heiligen Schrift und die Schaffung eines <em>verbalen Raumes&#8220;<\/em>, schrieb Czes\u0142aw Mi\u0142osz in seinem Buch <em>Das Land Ulro<\/em>. &#8222;Dem Stil nach zwar v\u00f6llig unpoetisch, ist Swedenborgs Werk, \u00e4hnlich der <em>Divina Comedia<\/em>, eine gro\u00dfe Honigwabe, die von den Immen der Imagination einer gewissen Notwendigkeit entsprechend gebaut worden ist. Denn der Mensch bedarf einer Behausung, und es gen\u00fcgt ihm nicht ein Dach \u00fcber dem Kopf im physischen Sinn; sein Geist braucht Bezug und Richtung in der Vertikalen wie in der Horizontalen. Daher spricht man wohl auch von erbaulicher Lekt\u00fcre.&#8220; Mi\u0142osz fragt in <em>Das Land Ulro<\/em>, ob der naturwissenschaftlich gebildete Westeurop\u00e4er, der nach der Dekonstruktion der Religion durch den Atheismus und nach den Erfahrungen des Holocausts und der totalit\u00e4ren Systeme des 20. Jahrhunderts geistig entwurzelt wurde und in einem All schwebt, in dem alles zuf\u00e4llig und anhand von kalten Naturgesetzen geschieht, f\u00fcr sich eine geistige Behausung zu erschlie\u00dfen kann, in der er als Einzelner wieder Halt findet. Das Land Ulro aus einem Gedicht von William Blake ist eine geistige Landschaft des Todes, ein Waste Land, in dem es keine Hoffnung gibt, sondern in dem Sinnlosigkeit herrscht, weil der Mensch verstanden zu haben glaubt, dass es nur Materie und Naturgesetze und \u00f6konomische Abl\u00e4ufe gibt, und dass nach dem Tod das Nichts kommt, und dass somit das Leben selbst absurd ist.<\/p>\n<p><strong>Wachsende Unfreiheit des Einzelnen<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die Galeere ist f\u00fcr uns alle bestimmt&#8220;, schrieb Imre Kert\u00e9sz in seinem <em>Galeerentagebuch<\/em>. &#8222;Ihr habt sie gebaut, und wir fahren gemeinsam darauf, die Wasser aber, auf denen wir treiben, k\u00f6nnt ihr nicht beherrschen. Warum also tut ihr so, als seien Kapit\u00e4n, Steuermann, Erster und Zweiter Offizier und Besatzung n\u00f6tig?&#8220; Kert\u00e9sz, ein \u00dcberlebender des Holocausts, schrieb dies unter der kommunistischen Diktatur in Ungarn. Zur gleichen Zeit etwa schrieb im Westen Michel Foucault, dass der Humanismus eine Illusion sei, die verschleiern solle, dass der oder die Einzelne kein Subjekt der Freiheit ist, sondern ein Objekt des gesellschaftlichen Systems, in das er oder sie eingebettet ist.<\/p>\n<p>2017 k\u00f6nnte man fragen, ob der globalisierte Kapitalismus nicht eine besonders perfide Form der ins Private dringenden Objektivierung und Beherrschung des Einzelnen darstellt. Zwar rettet der durch ihn vorangetriebene technische Fortschritt Leben und erh\u00f6ht den Lebensstandard \u2013 die Zeit der an Lungenkrankheiten sterbenden Kinder, wie sie mein Onkel noch erlebt hat, ist heute in Europa vorbei. Aber er erzeugt auch eine Illusion der Freiheit und Individualit\u00e4t, die als moralische Utopie verkauft wird. Es zeigt sich, dass der moderne Kapitalismus nicht notwendigerweise gem\u00e4\u00df humanistischer Werte agiert und die menschliche W\u00fcrde f\u00f6rdert, sondern nur neue M\u00e4rkte erschlie\u00dft und neue Abh\u00e4ngigkeiten schafft. Jede Regung gegen den Markt, jeder Verzicht auf ein Antreiben des \u00f6konomischen Wachstums, wird sofort selbst wieder vermarktet.<\/p>\n<p>Interessanterweise richtet sich die aufwallende Wut \u00fcber die wachsende Unfreiheit des Einzelnen und seine unsichere Zukunft im globalisierten Kapitalismus nicht etwa gegen die eigene geistige Haltung im Rahmen der kapitalistischen Lebensweise. Sie richtet sich gegen die Demokratie, die angeblich nicht in der Lage ist, die Interessen der Individuen zu verteidigen. Sie richtet sich auch gegen die B\u00fcrger anderer Staaten und Kulturen oder anderer religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen. Als w\u00e4re die Apokalypse nahe, wird allerorts Huntingtons <em>Kampf der Kulturen<\/em> beschworen, es werden unberechenbare Egoisten und Chauvinisten an die Macht gew\u00e4hlt, oft aus dem trotzigen Gef\u00fchl heraus, dass jetzt auch schon alles egal sei, dass es gar nicht mehr schlimmer kommen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Kants Republik der Weltb\u00fcrger scheint bedroht. Kant schrieb 1795, dass die Menschheit notwendig zu einer Weltgemeinschaft zusammenwachsen m\u00fcsse, die auf den Prinzipien der Freiheit und Gerechtigkeit organisiert sei. Das schreibe nicht die Willk\u00fcr, sondern ein aus den transzendentalen Bedingungen der menschlichen Vernunft und Existenz abgeleitetes moralisches Gesetz vor. Kant sah am Ende der Geschichte den ewigen Frieden, verwirklicht durch eine Republik der freien Geister, die im Bewusstsein einer globalen Schicksalsgemeinschaft leben, in der kein Volk sich in einen vollst\u00e4ndig abgegrenzten Raum zur\u00fcckziehen kann. Eine solche Republik sei notwendig, weil auf einer kugeligen Erde, auf der wir einander nicht ausweichen k\u00f6nnen, der Friede unsere einzige \u00dcberlebenschance darstelle.<\/p>\n<p><strong>Die Stimme der Verantwortung<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee des Kantschen V\u00f6lkerrechts und einer Weltregierung ist heute in der Institution der Vereinten Nationen verwirklicht. Aber schon Hegel fand die Schwachstelle in Kants Argumentation: &#8222;Die Kantsche Vorstellung eines ewigen Friedens durch einen Staatenbund, welcher jeden Streit schlichtete und als eine von jedem einzelnen Staate anerkannte Macht jede Misshelligkeit beilegte und damit Entscheidung durch Krieg unm\u00f6glich machte, setzt Einstimmung der Staaten voraus, die auf moralischen, religi\u00f6sen oder welchen Gr\u00fcnden der R\u00fccksichten \u00fcberhaupt immer auf besondern souver\u00e4nem Willen beruhte und dadurch mit Zuf\u00e4lligkeit behaftet bliebe.&#8220; Dass Hegel hier einen wunden Punkt getroffen hat, sieht man daran, wie schwer die Weltgemeinschaft sich tut, eine einstimmige Entscheidung zu treffen und durchzusetzen. Es wird sich immer ein Egoist finden, der gegen eine zwar auf die Gemeinschaft bezogen vern\u00fcnftige, aber auf ihn selbst bezogen unliebsame Entscheidung sein Veto einlegen wird.<\/p>\n<p>In der Tat scheint die Zukunft, unsere Zukunft auf diesem Planeten, im Lichte dieser Tatsachen d\u00fcster. Das Paradies der Moderne, das Kant sich im ewigen Frieden ausgemalt hat, scheint nicht verwirklichbar. Was ist ein Egoist? Auf europ\u00e4ischer Ebene gibt es, so scheint es, ausschlie\u00dflich Egoisten. Die europ\u00e4ischen Staaten versuchen im Rahmen der EU ihre Interessen durchzusetzen, und aus der Sicht eines jeden dieser Staaten sind alle anderen Staaten nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Ein Egoist scheint jemand zu sein, der zwar die Stimme der Vernunft und des moralischen Gesetzes in sich h\u00f6rt, aber er vertraut nicht darauf, dass die Welt gut ist und dass er auf die Bereitschaft zu moralischem Handeln seitens der anderen Weltbewohner z\u00e4hlen kann. Bin ich gut, werde ich nur betrogen, denkt er. Er h\u00f6rt die Stimme der Verantwortung, aber seine Welt ist eine, in der diese Stimme das eigene Ungl\u00fcck, so man auf sie h\u00f6rt, vermehren wird.<\/p>\n<p>Mir scheint, dass der Egoist im Land Ulro lebt. In einer Welt, die einen Raum der miteinander konkurrierenden Subjekte darstellt, deren gr\u00f6\u00dfter Fehler gegenseitiges Vertrauen w\u00e4re. Der Mensch ist in dieser Welt einer, der aus ideologischen Gr\u00fcnden andere Menschen in Gaskammern umbringt oder vor laufender Handykamera k\u00f6pft, vergewaltigt und verbrennt. In dieser Welt gibt es keine Hoffnung. Diese Welt wird regiert vom Tod, der von vornherein in der Materie implementiert ist, und im Gesetz vom <em>survival of the fittest<\/em>, dem wir uns f\u00fcgen m\u00fcssen. In dieser Welt lohnt es sich nicht, vern\u00fcnftig und selbstlos zu handeln. Man verdr\u00e4ngt sein Gewissen lieber. Weil man kein Vertrauen in die anderen Handelnden hat, erkl\u00e4rt man das Prinzip, demnach der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, zum Naturgesetz. Und im n\u00e4chsten Schritt glaubt man selbst an dieses Naturgesetz.<\/p>\n<p>An einem Sp\u00e4tnachmittag im November letzten Jahres betrat ich, einer ungewohnten Regung folgend, eine Kirche.<\/p>\n<p>Um mich herrschte, nachdem ich durch eine h\u00f6lzerne Schwingt\u00fcr und unter dem Steinbalkon hindurch in den Hauptraum getreten war, eine mir schon l\u00e4ngst in Vergessenheit geratene Stille. Der Duft des weit vorn neben dem Altar flackernden, Schatten an die Steinw\u00e4nde und gegen die S\u00e4ulen des Seitenganges werfenden Meeres aus Opferkerzen, das violett leuchtende Fenster hoch oben \u00fcber dem Eingang \u00fcber mir und die B\u00e4nke, die nur als Konturen aus der Dunkelheit der langen Halle in Reihen herausragten, waren mir pl\u00f6tzlich vertraut. Im violett, gr\u00fcn und rot gef\u00e4rbten Glas der Fenster entdeckte ich Bilder von Gestalten mit B\u00e4rten und in langen Umh\u00e4ngen \u2013 eine hielt ein Schwert in der Hand, eine andere hielt ein Buch vor der Brust, eine dritte hob eine Hand mit zwei erhobenen Fingern.<\/p>\n<p><strong>Panik vor der Zukunft<\/strong><\/p>\n<p>Ohne es zu wollen, wurde ich in diesem Augenblick Teil des Ganzen, aber in doppelter Weise: Als derjenige, der ich war und in diesem Moment hier stand, im Jahr 2017, und als das Kind, das ich einmal gewesen sein musste in den 1980er Jahren im sozialistischen Polen. Dieses Kind existierte nur als von diesem Ort in mein Ged\u00e4chtnis f\u00fcr einen Augenblick zur\u00fcckgerufene Erinnerung, in diesem steinernen Innenraum eines Raumschiffs, das nicht nur durch diese Stadt, in der ich seit ein paar Jahren lebe, sondern durch den Kosmos flog, mit unendlich hoher Geschwindigkeit, sodass durch die Relativit\u00e4t der Zeit bedingt der Urknall und die Geburt der Sterne und Planeten \u00fcber die Entstehung des Menschen gefaltet wurden, und damit \u00fcber mein Leben, angefangen mit meiner Kindheit, aber auf zirkul\u00e4re Weise, sodass sie auch mit der Ausl\u00f6schung all dessen und der \u00dcberf\u00fchrung in etwas anderes in Ber\u00fchrung kam, jenseits des Weltalls.<\/p>\n<p>Den Raum an den Bankreihen entlang zu durchschreiten und sich dabei in einer Art von R\u00fcckfall die Frage zu stellen, ob all die Geschichten wahr sein konnten: Von der Versteinerung der sich umdrehenden Frau Lots, die sich doch in der Erz\u00e4hlung von Orpheus spiegelte. Von der Hochzeit von Kana. Hatte der historische Jesus existiert und hatte er wirklich Wasser in Wein verwandelt? Wie war seine Jugend gewesen in dem steinigen und staubigen Landstrich, in dem jeder Olivenbusch und jede rosa Bl\u00fcte mit ihren Staubgef\u00e4\u00dfen und Kelchbl\u00e4ttern wie ein K\u00f6nigreich f\u00fcr sich aussehen? Sich diese Fragen zu stellen, ganz konkret, nach 25 Jahren, in deren Verlauf ich vergessen hatte, dass sie sich mir als Kind mit unendlich gro\u00dfer Dringlichkeit vor alles geschoben hatten, zumindest f\u00fcr die kurze Zeit w\u00e4hrend der Vorbereitung auf die Erstkommunion, bevor dann neue Fragen auftauchten, etwa ob Tanja Schell, schon in Bamberg, schon nach der Auswanderung aus der Stadt meiner Kindheit, in mich verliebt sei und mit mir gehen wolle.<\/p>\n<p>Ich ging durch die Schwingt\u00fcr zur\u00fcck in den Vorraum und wollte schon durch das Hauptportal in den Abend hinaustreten. Da entdeckte ich im Vorraum eine kleine Holzt\u00fcr, die offen stand und einen Zugang zum Turm erm\u00f6glichte. Ich zw\u00e4ngte mich zwei Minuten lang durch einen engen Wendeltreppenschacht aufw\u00e4rts und erreichte ein Stockwerk, auf dem einst die Kirchenglocken gehangen haben mussten. Ich stand pl\u00f6tzlich in einem Raum mit Holzboden. Von hier aus konnte man auf einen Balkon hinaustreten und einen Blick \u00fcber die D\u00e4cher und die beleuchteten Geb\u00e4ude der Stadt werfen.<\/p>\n<p>Ich stellte mich an eine zweite T\u00fcr, die viel kleiner war und zur anderen Seite des Turms ging und mit einer Leine abgesperrt war. Von hier hatte ich Einblick unter das Ziegeldach des Hauptk\u00f6rpers der Kirche. Ich schaute auf die sich unter dem Ziegeldach in einem stickigen Zwischenraum vor mir erhebenden Au\u00dfenw\u00e4nde der Hauptkuppel und der etwas kleineren Altarkuppel. Sie w\u00f6lbten sich \u2013 sie sahen aus wie aus Lehm geklebt, hatten keine Streben, sondern waren ganz glatt, wie zwei wei\u00df get\u00fcnchte Stein\u00f6fen eines Pizzab\u00e4ckers. Zwischen der T\u00fcr, an der ich stand, und den Kuppeln verliefen befestigte Gehwege aus Holzlatten, die, vielleicht weil sie nur von Handwerkern benutzt wurden, nicht von Gel\u00e4ndern begrenzt wurden und f\u00fcr Besucher abgesperrt waren.<\/p>\n<p>Als ich aus der Kirche heraustrat, trat ich in eine Welt, die mir f\u00fcr einen Augenblick aller Ganzheitlichkeit beraubt schien, und in der Angst herrschte, ja Panik vor der Zukunft. Ich trat in eine Welt, die sich, wie mir in diesem Moment vor Augen stand, aus einem existentiellen Grund am Rande des Wahnsinns befand.<\/p>\n<p><strong>Unendliche Gl\u00fcckseligkeit<\/strong><\/p>\n<p>Welche Voraussetzungen sollte unser Zuhause auf diesem Planeten bieten? Es muss zu allererst Sicherheit gew\u00e4hrleisten f\u00fcr die Zukunft \u2013 und das meint in unseren heutigen Gesellschaften die sichere Aussicht auf Arbeit, Rente, gut funktionierende Sozialsysteme und Stra\u00dfen, auf denen man spazieren gehen kann, ohne sich bedroht zu f\u00fchlen oder angegriffen zu werden. Ein Zuhause m\u00fcsste aber f\u00fcr mich noch etwas anderes bieten. Es m\u00fcsste in diesem Zuhause tats\u00e4chlich, wie Mi\u0142osz schreibt, auch einen geistigen Raum geben, der in einen metaphysischen Raum hineinreicht. Metaphysisch in dem Sinne, wie Kant es in seinen drei Fragen formuliert hat, die er in der <em>Kritik der reinen Vernunft<\/em> stellt: \u201eWas kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun?\u201c Kant beschreibt das grunds\u00e4tzliche Problem der menschlichen Vernunft, die \u00fcber bestimmte Grenzen hinaus keine Gewissheit erlangen kann, weshalb sie sich in allen Jahrhunderten Bilder und Erz\u00e4hlungen erfindet, um das hinter diesen Grenzen Liegende zu imaginieren. Diese Bilder und Erz\u00e4hlungen sind Fantasiegebilde. Aber die Grenze selbst gibt es, sie ist real. Die Welt existiert und kommt von irgendwoher. Auch vor dem Urknall muss es etwas gegeben haben. Aber weder die Unendlichkeit ist vorstellbar noch ist ein Anfang vorstellbar, vor dem es nichts gegeben hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich gibt es in der europ\u00e4ischen Weltliteratur einen besonders ber\u00fchrenden, befreienden Moment.\u00a0Es ist der Moment in der <em>G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die<\/em>, in dem Dante und Vergil sich nach dem Durchschreiten der neun Kreise der H\u00f6lle am Oberschenkel von Luzifer entlang durch das Loch zw\u00e4ngen, das der Herrscher der Dunkelheit dort unten, am tiefsten Punkt nicht nur der Erde, zu dem sie abgestiegen waren, sondern eines ganzen Kosmos, mit seinem K\u00f6rper wie ein Pfropfen verstopft. Sie dr\u00fccken sich durch dieses Loch, und pl\u00f6tzlich stellt sich f\u00fcr sie und auch mich, den Leser, das ganze Weltbild auf den Kopf. Es vollzieht sich eine Drehung aller Bezugspunkte in mir. Der Augenblick, da sie sich durch dieses Loch zu zw\u00e4ngen versuchen, zieht sich scheinbar unendlich in die L\u00e4nge, und es steht pl\u00f6tzlich in Frage, ob sie es schaffen werden. Aber dann \u00fcberwindet das Luftbl\u00e4schen den Scheitelpunkt der Wasserwaage und strudelt mit dem Wasser auf die andere Seite. In dem Moment, da ich meinen inneren Gleichgewichtssinn wiedererlangt habe, stehen die zwei Helden auf einem Sandstrand, mit dem Berg des Purgatoriums \u00fcber sich und dar\u00fcber dem blauen Himmel, der in seiner Tiefe in das Weltall \u00fcbergeht, in dem die Sterne der Heiligen und das Reich von Jesus Christus sowie der K\u00f6nigin der Ewigkeit, der Heiligen Jungfrau, funkeln. Dort oben, so meint Dante, erwarte sie unendliche Gl\u00fcckseligkeit. F\u00fcr Dante verk\u00f6rperte sich diese Gl\u00fcckseligkeit nicht zuletzt in Gestalt seiner gro\u00dfen Liebe Beatrice, die in seinem realen Leben um das Jahr 1300 jung verstorben war und die auf ihn dort oben nun, als eine der reinen, heiligen Hofdamen der Mutter Gottes wartete. Beatrice vereinte seine ganze Hoffnung auf Erl\u00f6sung in einer Person in diesem himmlischen Oben des Daseins.<\/p>\n<p>Die Erleichterung sp\u00fcre ich an dieser Stelle der Lekt\u00fcre wohl bemerkt, obwohl ich \u00fcberhaupt nicht religi\u00f6s bin. Ich stamme zwar aus einem r\u00f6misch-katholischen, aber auch skeptischen, naturwissenschaftlich gepr\u00e4gten Elternhaus und habe selbst eine Naturwissenschaft studiert. Trotzdem bin ich erleichtert.<\/p>\n<p>Gerade noch passierte ich mit Vergil die lasterhaften, verlogenen Bisch\u00f6fe und Herz\u00f6ge und Richter und H\u00e4ndler aus Dantes historischem Florenz, die sich gegenseitig in einem brodelnden Becken mit hei\u00dfem Pech \u00fcbergie\u00dfen und verbrennen, wieder Fleisch ansetzen und von Neuem mit dem \u00dcberguss beginnen. Ich ging durch den Kreis der Ma\u00dflosen, in dem diese sich gegenseitig das Gehirn herausl\u00f6ffeln, das sofort wieder nachw\u00e4chst. Durch alle neun Kreise ging ich und glaubte bald, dass es nur noch Strafe gibt, nur noch Selbstsucht, Hass, Neid, Brutalit\u00e4t, Terror, Verst\u00fcmmelung, G\u00e4ngelung, Vergewaltigung, Totschlag, Mord, ethnische S\u00e4uberungen, Volksverhetzung, Eigennutz, L\u00fcge, Verrat. Ich meinte schon, diese H\u00f6lle, diese Ewigkeit aus Schmerz, sei das eigentliche Dasein des Menschen. Und dann stehe ich vor der Kreatur, die all das B\u00f6se verk\u00f6rpert in einem einzigen Punkt \u2013 dem Erdmittelpunkt, dem im geologischen, emotionalen und im kosmologischen Sinne tiefsten Punkt aller Existenz. Ich n\u00e4here mich dieser Kreatur, ich dr\u00fccke mich an sie und klettere an ihrem Oberschenkel entlang hinab, im warmen Hauch ihres Atems, schon jeder Hoffnung entledigt, schon ganz und gar dem Tod geweiht. Pl\u00f6tzlich aber kippt die Welt, Oben wird zu Unten, Unten wird zu Oben, und ich stehe am Strand des Purgatoriums, atme frei, und um mich legen die Seligen in ihren Booten am Ufer an. Sie betreten gl\u00fccklich den schmalen Pfad zwischen den Felsen und steigen \u00fcber die neun Kreise des Purgatoriums, des L\u00e4uterungs- und S\u00e4uberungsbergs, zum ersten Kreis des Himmels hinauf, wo das ewige Leben auf sie wartet. Und man k\u00f6nnte auch, wenn man von dem historisch durch das katholisch-christliche Weltbild eingef\u00e4rbten Vokabular abstrahiert, sagen: zu einem Gebiet der Hoffnung, der Zuversicht hinauf.<\/p>\n<p><strong>Niemand garantiert einen guten Ausgang<\/strong><\/p>\n<p>Vor der Weltgemeinschaft liegen ohne Zweifel gro\u00dfe Herausforderungen. Die Konflikte, die sich aus dem Klimawandel und der \u00dcberbev\u00f6lkerung ergeben, zum Beispiel. Das \u00f6konomische Wachstum, das uns Europ\u00e4ern unendliche M\u00f6glichkeiten der hedonistischen Selbstverwirklichung noch in den 1990er Jahren versprach (und erst recht den Osteurop\u00e4ern, f\u00fcr die der kapitalistische Westen ein nicht zug\u00e4ngliches Paradies dargestellt hatte), hat in Europa neue Formen der Ungleichheit hervorgebracht. Gleichzeitig kommen die globalen Konflikte in Person der Schutzsuchenden aus Afrika und dem Nahen Osten vor unserer Haust\u00fcr an und erinnern uns daran, dass die menschliche Existenz kein friedliches Paradies per se ist. Wenn ich hier in Berlin in eine U-Bahn steige, denke ich oft, dass ein junger Mann oder eine junge Frau zusteigen k\u00f6nnten, ein islamischer Amri oder ein christlicher Breivik, um so viele Menschen wie m\u00f6glich zu t\u00f6ten. Ich frage mich dann, ob ich nicht lieber die n\u00e4chste U-Bahn abwarten sollte. Die Zukunft scheint unsicher. Nichts ist garantiert. Aber nie war etwas garantiert. Jetzt k\u00f6nnen wir dieses Faktum der menschlichen Existenz lediglich wieder sehen, da sich der Schleier der Euphorie nach dem Zusammenbruch der totalit\u00e4ren Systeme in Europa wieder l\u00fcftet und das eigentliche Problem sichtbar wird.<\/p>\n<p>Das eigentliche Problem ist, dass der Mensch frei ist. Freiheit ist etwas Sch\u00f6nes, solange man sie nicht hat und sie will. Aber sie bedeutet auch moralische Verantwortung. Die Verantwortung ergibt sich aus der Tatsache, dass man als freier Mensch selbst entscheiden muss, wie man handelt. Das gilt auch f\u00fcr die Menschheit im Ganzen. Niemand garantiert uns einen guten Ausgang der Geschichte. Wir m\u00fcssen selbst daf\u00fcr sorgen, dass die Welt ein guter Ort wird, an dem alle in W\u00fcrde, Freiheit und Frieden zusammenleben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Utopie einer toleranten, friedlichen und Schutz bietenden Weltgemeinschaft ist die einzige Vision, an deren Ende noch Menschen leben. Die Utopie derjenigen, die meinen, wir bef\u00e4nden uns im Krieg und m\u00fcssten Homosexuelle, Ausl\u00e4nder und Andersdenkende oder -glaubende &#8222;ausschaffen&#8220;, um das eigene Leben zu sch\u00fctzen, errichtet gerade das Land Ulro. Es ist eine ekelhafte Welt, in der ich nicht leben m\u00f6chte. Im Land Ulro h\u00f6rt der Egoismus nicht auf zu herrschen. In den v\u00f6lkischen Paradiesen wird die Angst weiterregieren, da sie dort die einzige Reaktion auf die Abwesenheit von Garantien angesichts einer unbestimmten Zukunft darstellt.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Egoismus, Panik oder Wut reagieren viele auf die Unsicherheit der Gegenwart. 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