{"id":6493,"date":"2017-12-01T12:33:29","date_gmt":"2017-12-01T11:33:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6493"},"modified":"2017-12-01T17:00:22","modified_gmt":"2017-12-01T16:00:22","slug":"china-cotten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/12\/01\/china-cotten\/","title":{"rendered":"Drei Wochen in der Normalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie das Erwachen aus der Kindheit oder aus einem mit skandinavischen M\u00f6beln vollgestellten Traum: Wer nach China reist, muss die europ\u00e4ischen Krustenr\u00fcstungen ablegen.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6514\" aria-describedby=\"caption-attachment-6514\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6514\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/freitext-china-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-china-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-china-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/freitext-china-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6514\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>In China zu sein! Endlich! Ich setze einen Fu\u00df in meine gr\u00f6\u00dfte Bildungsl\u00fccke. Es ist die Schwelle einer U-Bahn-Station. Polierter Granit, mit Blindenleitrillen und Warnansagen auf Chinesisch und Englisch. Peking.<!--more--><\/p>\n<p>Wie ist es?<\/p>\n<p>Es ist wie aufzuwachen aus der Kindheit oder aus einem mit skandinavischen M\u00f6beln m\u00f6blierten Traum. Hier sind Erwachsene.<\/p>\n<p>Sie gehen, links, rechts von mir, ihren Gewerben nach, waschen Sachen im Abfluss, f\u00fchren Pudel spazieren. Sie sprechen ohne die St\u00fctzr\u00e4der der kindlichen europ\u00e4ischen Moralm\u00e4rchen \u2013 so klingen f\u00fcr mich die Melodien der Sprechakte. Ich verstehe kein Wort, aber die Gesten sind nicht fremd. Die Mythen kann ich kaum wahrnehmen, lesbar ist mir der Bereich des Common Sense, der aber sitzt, f\u00fchlt sich &#8222;normal&#8220; an.<\/p>\n<p>Nehme ich alles als &#8222;normal&#8220; an, wo ich hinkomme und versuche, mich daran anzuschmiegen? Ein bisschen, aber in L\u00e4ndern der Dritten und Zweiten Welt f\u00fchlt es sich an, als w\u00fcrde man einer geistigen und k\u00f6rperlichen Akklimatisation an die globale Realit\u00e4t ein wenig n\u00e4her kommen, wenn man die Augen und Ohren gut aufsperrt. Denn man ist als Durchschnittseurop\u00e4erni<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> ja doch ein ziemlicher Wohlstandszombie. In diesem besonderen Fall k\u00f6nnte das realistische Gef\u00fchl auch noch eine speziellere Wurzel darin haben, dass wir in Europa von Gegenst\u00e4nden umgeben sind, die in China designt und produziert wurden; hier flutet die Umgebung dazu herein, wie ein Himmel fehlender Puzzlest\u00fccke.<\/p>\n<p>Wie ist es?, fragen mich per Mail und auf sozialen Medien Freunde, Familie und Bekannte. Ich antworte ungern und z\u00f6gernd, bin doch grad angekommen. Staubig, voller Ger\u00fcche, smogig, aber nicht unerbittlich.<\/p>\n<p>Es ist wie einzutauchen in ein Bad, und die Komputationen fangen an. Mein Volumen (unter Asiatennni sind Europ\u00e4ernnnie immer etwas zu gro\u00df; zugleich macht mich die Masse meine Winzigkeit und Unwesentlichkeit sp\u00fcren) berechne ich aus der Verdr\u00e4ngung des Umfelds, dazu, aus irgendeinem Wissen im Hintergrund zu destillieren, mein spezifisches Gewicht. Das alles quasimetaphorisch \u00fcbertragen: mein Gewicht als Mensch, als sogenanntes Individuum.<\/p>\n<p>Nicht gro\u00df. Wie eine Wassernuss etwa. Um mich herum flie\u00dft alles weiter. Als Tourist schwimme ich wie ein St\u00fcck Schei\u00dfe an der Oberfl\u00e4che; die, die hier leben, haben es schwerer.<\/p>\n<p>Als N\u00e4chstes will ich wissen: Wie dicht bin ich? Asien stellt mir die Frage oft. Ich passe mich, wie gesagt, gern an Asien an, es gef\u00e4llt all meinen strukturellen Instinkten \u2013\u00a0das Funktionieren so dicht besiedelter St\u00e4dte wie Tokio oder eben Peking scheint zu best\u00e4tigen: <em>This is the way to go<\/em>. Ich lege mit Vergn\u00fcgen die europ\u00e4ischen Krustenr\u00fcstungen ab \u2013 Scheinmoral, gewohnheitsm\u00e4\u00dfige gegenseitige Verachtung, Rumgepose, Fassade Fassade, Bullshit, Arschsein und s\u00fc\u00dfliches S\u00e4useln \u2013 und meine dann, nackt mit den Delphinen zu schwimmen, oder was? Was bleibt denn als ich \u00fcber, wenn ich all das ablege, was mir an meiner Kultur nicht gef\u00e4llt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6495\" aria-describedby=\"caption-attachment-6495\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6495\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/1EdenArtIMG_20170923_114947GeborgteBlicke-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/1EdenArtIMG_20170923_114947GeborgteBlicke-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/1EdenArtIMG_20170923_114947GeborgteBlicke-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/1EdenArtIMG_20170923_114947GeborgteBlicke-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/1EdenArtIMG_20170923_114947GeborgteBlicke.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6495\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das fragte ich schon vor Jahren, in einem Regionalzug durch die japanische Nacht tuckernd, links und rechts Nachtes Schw\u00e4rze, totale Fremde, k\u00f6nnte All sein, nur dass da, wie ich wusste, lauter Menschen wohnten. Die fast alle in sehr engen und strengen Arbeitsverh\u00e4ltnissen steckten, w\u00e4hrend ich alleine selbst f\u00fcr den Unterschied zwischen Genie und geistiger Verkommenheit verantwortlich war. Sodass ich mich immer fragte, in Kyoto, in Buxtehude und in Palm Springs, und jetzt in China immer noch frage: Was mache ich hier, warum, zu welchem Zweck, und kann es denn denkbar zu irgendwas f\u00fchren?<\/p>\n<p>Meist gibt es darauf keine Antwort und ich mache, beunruhigt wie immer, weiter. Ich habe gelernt, dass es nicht auf alles sofort eine Antwort gibt, wenn ja, dann ist es manchmal eine dumme oder eine falsche. Gerade auf die Frage &#8222;Was machst du hier?&#8220; bringt die nahe Zukunft eigentlich immer die Antwort. Jedoch wenn sich Muster zu wiederholen beginnen, muss ich dien Navigatorni in mir wieder wecken. Wollen wir wirklich in diese Richtung gehen? Im Ausland, wo Integration zwar als m\u00f6glich eingetragen werden muss, aber endlose M\u00fchsal bedeutet, und von endloser Heiterkeit abh\u00e4ngig ist, um zu funktionieren, bin ich da denn mehr als eine Maschine, die Nahrung und Wasser vertilgt und halbfertige Gedanken, hastige, schlampige Zeichnungen hervorbringt? Aber wo ist denn Inland f\u00fcr mich?<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberhaupt nicht dicht, nein, reagiere zu leicht und schnell, korrodiere, bilde neue Substanzen, allerdings selten eine vollkommene Verwandlung; Unentschiedenheit, ob ich nach drau\u00dfen mich neu mache, oder das Au\u00dfen ins Innere sauge, es gibt aber kein Innen, ich schwimme brennend wie Aluminium.<\/p>\n<p>Um weniger chemisch extravagant zu sein: Ich im Bad \u2013 die erste Metapher scheint anzudeuten, dass, wer oben schwimmt, weniger dicht ist. Ich vermute dahinter <em>vicious circles<\/em>. Es schwimmen immer dieselben oben, die zu gr\u00f6\u00dferer Dichte nicht gezwungen werden, die bildet sich nicht freiwillig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6496\" aria-describedby=\"caption-attachment-6496\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6496\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/2SchriftzeichenIMG_20171001_114312KEINPOLLER-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/2SchriftzeichenIMG_20171001_114312KEINPOLLER-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/2SchriftzeichenIMG_20171001_114312KEINPOLLER-600x800.jpg 600w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/2SchriftzeichenIMG_20171001_114312KEINPOLLER.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6496\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die traditionelle chinesische Kultur hat viel Liebe f\u00fcr bizarr erodierte Steine \u00fcbrig, die sie mitunter auf kostbare Sockel stellen und schon im Mittelalter zu unvorstellbaren Summen kauften. Auch die Erkl\u00e4rung, diese Steine stellten Schriftzeichen nach, hilft mir nicht, sie gerne zu sehen. Das sollte mich \u00fcberraschen, denn generell liebe ich alle Arten von\u00a0Trompe-l&#8217;\u0152il und k\u00fcnstliche Nat\u00fcrlichkeit. Die G\u00e4rten mit ihrer artifiziellen Miniaturnatur, den k\u00fcnstlichen Felsen und ausgew\u00e4hlten Kostbarkeiten finde ich, wie jeder, bezaubernd, mag auch, wie ihr Echo in Europa zun\u00e4chst im Englischen Garten anschwillt, dann wieder im 19. Jahrhundert zurechtschrumpft, etwa im von Louis Aragon besungenen Parc des Buttes-Chaumont in Paris, so als w\u00fcrde jemand \u00fcber die Jahrhunderte den Fokus einer Linse einstellen. F\u00fcr Holzimitat aus verst\u00e4rktem Beton, erfunden Mitte des 19. Jahrhunderts von einem franz\u00f6sischen G\u00e4rtner, und alle daraus gemachten Treppchen, Gel\u00e4nderchen und Parkb\u00e4nke schw\u00e4rme ich \u00fcber alle Ma\u00dfen. Auch Steinimitat ist nah an meinem Herzen, etwa diese Landschaften, die sie in Zoos f\u00fcr B\u00e4ren, Steinb\u00f6cke und Affen bereitstellen. Wahrscheinlich ist die Manie f\u00fcr von der Natur bizarr geformte Steine genau das Gegenteil. Es ist m\u00f6glicherweise die Gestalt meines wunden Punkts, der Originalit\u00e4tssucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6497\" aria-describedby=\"caption-attachment-6497\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6497\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/3LandschaftAufWandIMG_20170930_091414SCHOENEPOLLER-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/3LandschaftAufWandIMG_20170930_091414SCHOENEPOLLER-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/3LandschaftAufWandIMG_20170930_091414SCHOENEPOLLER-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/3LandschaftAufWandIMG_20170930_091414SCHOENEPOLLER-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/3LandschaftAufWandIMG_20170930_091414SCHOENEPOLLER.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6497\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerade eben kam ich zuf\u00e4llig an einer Ausstellung alter buddhistischer Tongle-Bildrollen vorbei. Alt hei\u00dft, 11. bis 19. Jahrhundert. Zentrale Figur ist w\u00e4hrend dieser ganzen Zeitspanne auf fast allen Bildern eine gerade und gef\u00e4hrlich blickende Gottheit mit mehreren Armen, umarmt von einer Frau, die, auf seinem Scho\u00df, von ihm sexuell aufgespie\u00dft, befindlich, ihn mit den Armen umrankt. Unten links und rechts sind h\u00e4ufig D\u00e4monen auf der einen Seite, auf der anderen meditierende Menschen, die hellen, lebenstechnischen Frieden ausstrahlen.<\/p>\n<p>Was mich an diesen Bildern frappierte, abgesehen von den brillanten Farben und dem flirrenden Detailreichtum, war, dass mir einige Entwicklungen parallel zur europ\u00e4ischen Kunstgeschichte zu verlaufen schienen. Die Figuren aus dem 13. und 14. Jahrhundert haben Beinformen, wie ich sie von unserem Mittelalter kenne, die Neigung des Kopfes ist auch ganz dieselbe wie bei den alten deutschen Prinzessinnen der Dome. Durchscheinende Sch\u00f6nheiten, lang und d\u00fcnnen K\u00f6rpers, winden sich biegsam im Luftraum, blicken verliebt und verloren zum Himmel oder aufeinander. Mit dem 15. und 16. Jahrhundert kommt etwas Geraderes ins Spiel (und jetzt schieben sich sogar die kantigen Faltenw\u00fcrfe japanischer Herrscherportr\u00e4ts dieser Zeit vor mein inneres Auge). Die Panzertechnik. Der Faltenwurf. Die Macht. Das Gewand ist nicht mehr tailliert, sondern einem Geb\u00e4ude nachempfunden.<\/p>\n<p>Im 18. Jahrhundert wird es dann pastoral, Menschen und Tiere machen verschiedene Dinge auf Wiesen, und die Menschen sind von einer unerotischen, nicht tanzenden Nacktheit. Ausgesetzt und kindlich wirken sie jetzt, wie W\u00fcrmer oder unbeholfen gezeichnete Tiere. Als w\u00e4re etwas wie Aufkl\u00e4rung ins Spiel gekommen, eine Korrektheit wie eine Krankheit, die dem kollektiven Rhythmus den Mut nahm, den Tanz als Melodie der Welt er\u00fcbrigte. Als Erholungsfl\u00e4che von dieser als poesielos verstandenen Wahrheit dann: Bukolik.<\/p>\n<p>Was ist da plausibler, astrologische Erkl\u00e4rungen oder Erkl\u00e4rung durch gegenseitigen Einfluss? Es reicht vielleicht, k\u00fcnstliche Grenzen im Kopf zu entfernen, der graduelle \u00dcbergang, mit entsprechendem Austausch, zwischen Europa und Asien; das, was die Mongolen sahen (die man doch eher als beeinflussendes denn als beeinflusstes Volk im Kopf hat, aber das k\u00f6nnte t\u00e4uschen, wer sind sie?) \u2013 genau das ist der Mainstream. Versuche, alles aus uigurischer Perspektive zu sehen, und es ist viel weniger verwunderlich.<\/p>\n<p>Aber so vieles andere blieb doch getrennt! Die Religionen kultivierten sich parallel dahin. Nur die Gesten flie\u00dfen \u00fcber den Globus, grenz\u00fcbergreifend wie das Meer und die Zugv\u00f6gel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6498\" aria-describedby=\"caption-attachment-6498\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6498\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/4UniversalBusinessParkIMG_20170923_114230GeborgteBlicke-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/4UniversalBusinessParkIMG_20170923_114230GeborgteBlicke-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/4UniversalBusinessParkIMG_20170923_114230GeborgteBlicke-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/4UniversalBusinessParkIMG_20170923_114230GeborgteBlicke-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/4UniversalBusinessParkIMG_20170923_114230GeborgteBlicke.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6498\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem wirklich mit Euphorie aufbl\u00fchenden Land (ich schreibe statt Land immer Lanf, und denke <em>Free Lunch<\/em>) \u2013 betrachtet man mal nur diesen Aspekt \u2013 jedem Studenten liegt es leicht, wie selbstverst\u00e4ndlich auf der Zunge: Wir sind ja ein Entwicklungsland \u2013 wenn ich in dieser Umgebung als schwarzes W\u00f6lkchen aus Europa herumtanze in gewohntem Pessimismus und in der zynischen Gedankenstimmung europ\u00e4ischer Kulturmenschen meiner Generation, f\u00fchlt es sich merkw\u00fcrdig an. Ich sp\u00fcre, ich bin ein nutzloser Mensch, ein Auswurf. Aber von was genau?<\/p>\n<p>K\u00f6nnte man aus dem BIP das Verbrechen herausf\u00e4llen, wie von Joghurt den Saft, von Metall Schlacke \u2013 aber es ist nicht so, es bleibt alles verbunden. Und dann gibt es einen leichten Schmerz in dem allen, zu sehen, wie das Entwicklungsland Trends und Verhalten mit dem so poetischen Eklektizismus der Euphorie zum Spielen aufgreift, Slogans in seinem frisch eingestellten Englisch, mit dem begr\u00fcndeten Selbstbewusstsein, das alles richtiger zu verstehen als die ranzige Gewohnheit der Imperialisten, sprechend holend, wie klares Wasser aus dem Brunnen der Tiefe der chinesischen Geschichte, Bilder und Verk\u00f6rperungen des neuen Lebens, Marken, Design, angefeuert, wie durch Saugkraft, vom geradezu gierigen Absatz f\u00fcr die immer virtuoser werdenden chinesischen Produkte.<\/p>\n<p>Ein Riesenbaby, als Greis geboren, und jetzt sind alle Teenager, wie die Ossis nach der Wende entdecken sie, was ihren Sinn reizt. Oma, Mama, Papa, Opa, Onkel h\u00f6ren beim Sport in den Parks auf kleinen Taschenradios diejenige Popmusik, die ihr Gefallen erregt. Es sind eher die Jungen, die teils verwirrt oder melancholisch werden, Bedenken witternd, f\u00fcr die es keinen Platz gibt in der Euphorie. Die in der Mitte des Lebens stehen, sind gefestigter \u2013 und ihre Ersch\u00fctterung kommt vielleicht eher in Form einer \u00e4u\u00dferen Krise, wenn ihre Werte nicht mehr funktionieren. Welche \u00fcbrigens sehr unterschiedlich sind. Chinesen sind sowohl f\u00fcr ihre pr\u00e4zise Gerechtigkeitsliebe bekannt als auch f\u00fcr r\u00fccksichtslosen Egoismus \u2013 es kommt eben bei verschiedenen Leuten vor. H\u00e4ufig in der Variante von \u00dcberlebensstrategien, die mehr von einem harten Leben als vom Herzen sprechen. Etwa erz\u00e4hlte Y. von einer Taxifahrerin, mit der er ein langes Gespr\u00e4ch voll echter Sympathie f\u00fchrte, und die ihm am Ende mit Falschgeld herausgab \u2013 nach einem federleichten Z\u00f6gern, das der Passagier im Nachhinein als Gewissenskampf interpretierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6499\" aria-describedby=\"caption-attachment-6499\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6499\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/5PropagandaIMG_20170929_115742-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/5PropagandaIMG_20170929_115742-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/5PropagandaIMG_20170929_115742-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/5PropagandaIMG_20170929_115742-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/5PropagandaIMG_20170929_115742.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6499\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist so eine alte und massive Kultur und ein riesiges Land. Im h\u00f6heren China-Journalismus wimmelt es vor Dekadenztheorien, etwa der, dass China durch die geografische Lage, den Fortschritt und die harmonieorientierte Regierung fr\u00fch eine gro\u00dfe Bev\u00f6lkerungsdichte erreichte, und also fr\u00fch lernen musste, gro\u00dfe Massen an Menschen zu versorgen und zu verwalten. Der Gro\u00dfe Kanal zwischen Peking und Shanghai wurde fast 500 vor Christus angefangen und musste den Norden mit Reis aus dem S\u00fcden versorgen. Wobei bei allen Schritten der Versorgung wieder Massen von Menschen beteiligt sind \u2026 Bei so gro\u00dfen Prozessen muss die Planung mehr wie Wachstum funktionieren. Nach Gesetzen, die sich im Kleinen und im Gro\u00dfen wiederholen und verschiedenen Bereichen die Verl\u00e4sslichkeit eines Rhythmus&#8216;, einer Religion verleihen. Vieles, was einem als Westler in die Kategorie &#8222;konservativ&#8220; zu geh\u00f6ren scheint, schuldet sich einem feinen \u00fcberindividuellen Gef\u00fchl f\u00fcr die notwendigen Proportionen, damit diese gro\u00dfen gemeinsamen Situationen musikalisch und nicht kakofonisch als andauernder unn\u00f6tiger Kampf ablaufen (vgl. BER). Auf den Baustellenplanen steht, dass wir alle gemeinsam den Chinesischen Traum tr\u00e4umen. Der Nationalstolz scheint mir, neben der erw\u00e4hnten, auch olympischen Euphorie, teils der unbeholfene Ausdruck eines Instinkts, dass das alles, das ganze Land und die gro\u00dfe Entwicklung, ohne die spezifische, uralt gewachsene und harmoniebedachte chinesische Kultur niemals funktionieren w\u00fcrde. Aber so ein Nationalstolz schwillt gern im Zweifel an, gedeiht in einer Atmosph\u00e4re verdr\u00e4ngter Unsicherheiten und Zweifel, wie die ersten Mikroben in der Ursuppe. Etwa in Bereichen, wo Unterdr\u00fcckung mit \u00e4sthetischen Mitteln eine falsche Scham aufzwang, etwa nach Kolonialismus oder in den unterdr\u00fcckten Klassen. W\u00e4hrend aber der euphorische Nationalismus einwertig jubelt und nachdenklich sinniert wie die verliebten jungen Eheleute in einer Linie ihr Soll und Sein betrachten, wird bei uns gern in vorauseilender Rechtfertigungshaltung gebellt, man lasse sich nicht vorschreiben, sich zu sch\u00e4men, um den Vorhang des Nationalstolzes vorzuschieben, wo von Schwierigkeiten und Unwillen, mit neuen und fremden Realit\u00e4ten zurechtzukommen, abgelenkt werden soll. Der Nationalismus in der sogenannten Ersten Welt ist eigentlich kaum vergleichbar \u2013 nachdem die unteren Schichten auch nicht gerade auf einem aufsteigenden Kometen surfen. In Deutschland hat er etwas gewohnheitsm\u00e4\u00dfig Trotziges \u2013 schlie\u00dflich muss eien deutschre Nationalistni beharrlich die Augen davor verschlie\u00dfen, dass um siehn herum in seihrnem geliebten Land die Einwandererni schwerere H\u00fcrden mit weniger Wehleidigkeit bew\u00e4ltigt. Es ist belastend f\u00fcr das Image der Inl\u00e4nderni, wenn man nur die flei\u00dfigsten, kr\u00e4ftigsten, bravsten und bestausgebildetsten Ausl\u00e4nderni ins Land l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6500\" aria-describedby=\"caption-attachment-6500\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6500\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/6CharactersIMG_20170926_131938-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/6CharactersIMG_20170926_131938-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/6CharactersIMG_20170926_131938-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/6CharactersIMG_20170926_131938-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/6CharactersIMG_20170926_131938.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6500\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre von Agnes Smedley hatte ich die Bilder von elender Armut im Kopf, aber zu essen gibt es in China reichlich, scheint es (wenigstens, solange man nicht hinter die Stromk\u00e4sten schaut), und alles kreist ums Essen \u2013 was wieder daran erinnert, dass die Zubereitung der Nahrung normalerweise schon rein menschheitsgeschichtlich, vor der Industrialisierung der Versorgungsketten und Individualisierung der Angestellten, eine gro\u00dfe, Zusammenarbeit und Planung vieler Kettenglieder fordernde, mehr oder weniger vollberufliche Sache <em>war<\/em>. Essen tut man gemeinsam. Einsam und vor allem auch idiotisch mit einer einzigen Substanz vollgestopft f\u00fchlte ich mich, als ich am letzten Abend, als ich mich allein einem Restaurant ausgeliefert fand, und wie erst jetzt, zu Hause in Wien angekommen, im Terror der eigenen vier W\u00e4nde! Das restliche Leben wirkt manchmal schmal, fl\u00fcchtig, wie ein Beistrich, neben dieser kollektivmenschlichen Kunst der Ern\u00e4hrung. Einmal war ich morgens in schwerem Regen auf dem Weg zum Bahnhof und geriet vor dem Eingang zur U-Bahn in etwas, was mir wie eine einzige Feier erschien: Alle Menschen fr\u00fchst\u00fcckten an rollenden St\u00e4nden an einer bestimmten Stra\u00dfenecke, an provisorischen Tischen auf winzigen St\u00fchlen (\u00fcbrigens oft von exquisiten Proportionen, die St\u00fchle meine ich \u2013 die Menschen sowieso) hockten M\u00fctter mit Kindern, Businessleute, Arbeiter, Beamte, Singles, alle, auf dem Weg zur Arbeit, zur Uni oder in den Kindergarten, fl\u00fcchtig und lebhaft schl\u00fcrften sie Nudelsuppe, l\u00f6ffelten Brei oder bissen in Dampfkn\u00f6del, <em>haphazardly. <\/em>Es wirkte wie der gro\u00dfe Tisch einer gro\u00dfen, im Chaos der verschiedenen Tagesabl\u00e4ufe eingespielten Familie, in der Vertr\u00e4umtheit des Regens auch noch sch\u00f6ner, vielleicht, als sonst.<\/p>\n<p>M\u00fcll und Sauberkeit befinden sich knappst nebeneinander. Die Hygiene ist eine des Wissens, wie die Kenntnis von Schriftzeichen, Materialkenntnis, man greift mit pr\u00e4ziser Hand nicht daneben, denkt nicht einmal daran.<\/p>\n<p>Freilich, viel Plastik geht dabei drauf. Manchmal ist die Hygiene durch die Seide unserer Zeit, die d\u00fcnnsten Sackerl oder wenn Sie wollen T\u00fcten, gew\u00e4hrleistet, etwa, indem man sie um die Hartplastiksch\u00fcsseln f\u00fcr die Nudelsuppe fl\u00f6\u00dft, was mir ein vielleicht nicht vollkommen dummer, aber doch ziemlich gedankenloser Aberglaube erscheint, wie im Supermarkt zu denken, dass Dinge, die aus einer Fabrik kommen und dort verpackt wurden, durch diese Verschwei\u00dfung garantiert sauber sind. Ein ziemlich symbolisches Vertrauen in die Konzerne, Fabriken und Betriebe, die Religion unserer Zeit.<\/p>\n<p>Die Fabriken sind aber auch beeindruckend. Auf <em>Xinhuanet<\/em> oder in der englischsprachigen Print-Zeitung <em>China Daily<\/em>, beides Organe der Regierung, kommen regelm\u00e4\u00dfig technische Berichte auf eine Art, die mir in europ\u00e4ischen Zeitungen fehlt: respektheischend. Der strenge Fokus aufs Ereignishafte unserer Zeitungen, wo Berichte \u00fcber laufend funktionierende Verfahren sich als \u00fcbertriebene Idyllen formulieren (&#8222;Frau Sabathy ist technische Zeichnerin. Sie zeigt uns eine Skizze auf dem iPad \u2026&#8220;), oder mit Superlativen und hochstilisierten Neuerungen schaumschlagen, oder eine Selbsterh\u00f6hung durch Kritik herbeischreiben m\u00fcssen, ziehe ich wenigstens nicht vor. (Die Artikel, wo das Abfeiern der chinesischen Leistungen zu weit geht, sind freilich deutlich zu erkennen.) Ich mag Artikel dar\u00fcber, wie die Bauern in Xinjiang Trauben trocknen, vor allem, wenn sie knapp und sachlich das Verfahren erkl\u00e4ren. Diese Zeitung hat den Effekt, jeden Morgen meinen Respekt zu wecken. Deutsche Zeitungen haben den Effekt, jeden Morgen die Besserwisserei zu streicheln und Gassi zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>F\u00e4hrt man \u00fcberland, etwa im superglatten Hochgeschwindigkeitszug, noch besser aber langsam tuckernd in einem alten Schlafwaggon, sieht man die M\u00fclldeponien, in landstrichartigen Dimensionen. Man sieht auch berauschende Berge, saftige Kan\u00e4le und schmucke H\u00e4uschen \u2013 zwischen Nanjing und Suzhou sieht es t\u00e4uschend aus wie in Holland \u2013, und \u00fcberall sehr, sehr viele sorgf\u00e4ltig kultivierte, in manueller Gr\u00f6\u00dfe dimensionierte Gem\u00fcseg\u00e4rten. Chinesennnie leiden bei uns unter der engen Gem\u00fcseauswahl \u2013 hier m\u00fcsste etwas Bildung durch den Globus sickern.<\/p>\n<p>Ich indessen leide darunter, dass ich schon lange die &#8222;Idee&#8220; habe, es w\u00e4re gut, wenn jeder B\u00fcrger ein St\u00fcck Feld h\u00e4tte, auch wenn es nicht zur Selbstversorgung reicht, allein zum Ausgleich und f\u00fcr den Realit\u00e4tssinn, und als eine Art Luxus. Ich leide, weil diese &#8222;Idee&#8220; (in Anf\u00fchrungszeichen, weil sie nun wirklich nicht besonders originell ist) nichts vom Geschmack der Naivit\u00e4t verliert dadurch, dass es in China, au\u00dfer in den Gro\u00dfst\u00e4dten, tats\u00e4chlich so ist, und es den Leuten auch tats\u00e4chlich sehr gut zu tun scheint.<\/p>\n<p>Es klingt bei solchen Beobachtungen, als w\u00fcrde ich die Welt verbessern wollen. Wahrscheinlich will ich nur \u2026 also, ich habe eine Idee von Pflicht und Ordnung, in der ich gerne leben w\u00fcrde, und die ich nicht schaffe, selbst alleine herzustellen. Ich brauche Hilfe! Nur gemeinsam kann ich dicht werden! Nat\u00fcrlich ist mein Leben viel zu unregelm\u00e4\u00dfig, das ist meine selbst verschuldete Unm\u00fcndigkeit, hier schon mal gepr\u00fcgelt. Wegen einer obsessiven Arbeitsweise und unregelm\u00e4\u00dfigen, schwer zu definierenden Terminen habe ich es nicht einmal ann\u00e4hernd t\u00e4glich in den Garten meiner Mutter geschafft, als sie einen mietete, nicht einmal w\u00f6chentlich, obwohl ich, wenn ich dort war, sorgf\u00e4ltig j\u00e4tete. Vielleicht allzu sorgf\u00e4ltig \u2026 Es w\u00e4re das alles nie so weit gekommen, wenn die Ordnung, die ich mir w\u00fcnsche, herrschte. Ich st\u00fcnde nicht vor der merkw\u00fcrdigen, etwas besch\u00e4menden Aufgabe, mir freiwillig k\u00fcnstliche Pflichten zu erfinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6502\" aria-describedby=\"caption-attachment-6502\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6502\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/8KauernIMG_20171002_102757GeborgteBlicke-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/8KauernIMG_20171002_102757GeborgteBlicke-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/8KauernIMG_20171002_102757GeborgteBlicke-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/8KauernIMG_20171002_102757GeborgteBlicke-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/8KauernIMG_20171002_102757GeborgteBlicke.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6502\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es sind alle so brav und ich liebe das und w\u00fcrde gern auch so sein. Wie in Godard-Filmen manchmal. Die Konzentration. Der gemeinsam wahrgenommene Raum der Sch\u00f6nheit eines Moments. Die richtigere Einsch\u00e4tzung vom Wert von Bildung, vom Ernst der Uni und des Lebens, keine popkulturell bis zur unkenntlichen Lehre reproduzierte Antihaltung. Meine so anstrengende Gewohnheit von Skepsis, Ekel, und immer das Andere machen zu m\u00fcssen, habe ich ja gelernt. Und ich w\u00fcrde diesen Individualismus und Suprematismus, der mir tief anprogrammiert ist, so gerne los. Es ist verdammt anstrengend, sich immerzu von allen Regeln, die man als Einschr\u00e4nkungen der pers\u00f6nlichen Freiheit empfindet, freik\u00e4mpfen zu m\u00fcssen, nur um, endlich alleine und frei, in Melancholie und kreisende Gedanken zu verfallen. Sie kreisen um meine Unn\u00fctzheit, darum, dass ich mit 35 immer noch aus Tr\u00e4umen und lauter nicht zu Ende verfolgten Interessen bestehe, ehrgeizig rumkletternd im Wertesystem der Kunst, ohne daran zu glauben, ohne wahren Kern also, um den ich trotz aller Anpassungsleistungen gravitieren k\u00f6nnte, mich hat ein Kern nie interessiert. Aber so wie es ist, kann ich niemandem erkl\u00e4ren, wer ich bin. Ein hohler Charakterpanzer. Eine Kakerlake. \u00dcberlebt. Millionen Jahre Evolution \u00fcberlebt, zu was? Zu mehr \u00fcberleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6503\" aria-describedby=\"caption-attachment-6503\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6503\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/9CamouflageIMG_20170930_094306-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/9CamouflageIMG_20170930_094306-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/9CamouflageIMG_20170930_094306-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/9CamouflageIMG_20170930_094306-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/9CamouflageIMG_20170930_094306.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6503\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Materialmisere und die Materialpracht. Materialbewusstsein, wo man hinschaut.<\/p>\n<p>Der enge Kanon, eng wie die klassischen Seidenkleider f\u00fcr Damen.<\/p>\n<p>Die Dialekte, die hohe, komplexe Sprache der Dichtung, und die falschen T\u00f6ne der oft unbeholfen wirkenden, unsystematischen Propaganda. Das ist f\u00fcr Propaganda ideal \u2013 aus Sicht derer, die mit ihr leben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im alten Regierungspalast von Nanjing (einem luftigen Bau mit durch reizende G\u00e4nge und Innenh\u00f6fe verbundenen hellen Geb\u00e4uden, umgeben von einem Garten) h\u00e4ngt eine gro\u00dfe Antinarkotika-Ausstellung. China hat vielleicht das \u00e4lteste Drogenproblem der Welt, und auch erfolgreich bek\u00e4mpft, jedoch nie ganz besiegt \u2013 bleibe wachsam! In der Ausstellung h\u00e4ngen k\u00fcnstlerisch anspruchsvolle und vielf\u00e4ltige Plakate gegen Drogenmissbrauch, in verschiedenen traditionellen chinesischen Kunsttechniken wie dem roten Scherenschnitt, Kalligrafie und Malerei, aber auch, \u00e4hnlicher als bei uns, in sich an Jugendkulturen anbiedernden Stilen. Vor zwei Jahren las ich Arthur Waleys \u00dcbersetzung von Ausz\u00fcgen aus dem Tagebuch von Lin Tse-H\u00fc (in der damaligen Transkription), dem Beamten, dem aufgetragen wurde, mit dem von den internationalen H\u00e4ndlern angeheizten Opiumschmuggel endg\u00fcltig aufzur\u00e4umen. Er machte einen guten Anfang, vernichtete gro\u00dfe Massen von Stoff und teilte den schmuggelnden Diplomaten diplomatisch, aber deutlich mit, dass chinesische Gesetze auch f\u00fcr sie gelten (sie waren anderer Meinung) \u2013 und dann gab es eine kleine Hafenrauferei, die von den Amerikanern und Engl\u00e4nder zum Anlass genommen wurde, den Opiumkrieg anzufangen.<\/p>\n<p>Die Kontinuit\u00e4t der Verhaltensmuster ist erschreckend. Nur k\u00f6nnten die Machtverh\u00e4ltnisse diesmal wieder geografisch umgekehrt angeordnet sein. Die USA haben ein Drogenproblem \u2013 etwa ein Drittel der Bev\u00f6lkerung, sagt man, ist nach irgendwelchen Substanzen s\u00fcchtig (ganz zu schweigen von der nicht ausschlie\u00dflich chemischen Sucht nach dem kurzen Befriedigungsrhythmus von billigen Produkten und Rhetoriken) \u2013 und China ist in der Lage, seine Handelsinteressen durchzusetzen. Was China \u00fcbrigens in Afrika tut, hat immerhin das Gesicht, den Gestus von Solidarit\u00e4t, und nicht die Lions-Club-Attit\u00fcde der Hilfe von oben herab. Kann sein, sie versuchen jetzt dort, was die Welt bei ihnen selbst in den letzten Jahrzehnten gemacht hat. Eine Mischung, eben, aus massivem Technologieschub und Ausbeutung.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine dekadente, \u00fcberreife Zivilisation schaut das alles bemerkenswert frisch aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6504\" aria-describedby=\"caption-attachment-6504\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6504\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/11\/10RenovierenIMG_20170930_163551RenovierenCharacters-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/10RenovierenIMG_20170930_163551RenovierenCharacters-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/10RenovierenIMG_20170930_163551RenovierenCharacters-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/10RenovierenIMG_20170930_163551RenovierenCharacters-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/11\/10RenovierenIMG_20170930_163551RenovierenCharacters.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6504\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0 Polnisches Gendering: Alle f\u00fcr alle Geschlechter n\u00f6tigen Buchstaben in beliebiger Reihenfolge ans Wortende<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie das Erwachen aus der Kindheit oder aus einem mit skandinavischen M\u00f6beln vollgestellten Traum: Wer nach China reist, muss die europ\u00e4ischen Krustenr\u00fcstungen ablegen. \u00a0 [\u2026]<\/p>\n","protected":false},"author":1006,"featured_media":6514,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7,5],"tags":[],"class_list":["post-6493","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft-politik","category-schriftstellerleben"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Drei Wochen in der Normalit\u00e4t - 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