{"id":6638,"date":"2017-12-21T06:00:31","date_gmt":"2017-12-21T05:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6638"},"modified":"2017-12-21T13:12:24","modified_gmt":"2017-12-21T12:12:24","slug":"heinrich-boell-geburstag-draesner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/12\/21\/heinrich-boell-geburstag-draesner\/","title":{"rendered":"Ach, du deutscher Bohnentopf!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Heinrich B\u00f6lls 100. Geburstag feiern? Nat\u00fcrlich. Aber muss deshalb gleich wieder gejammert werden, dass Schriftsteller heute nicht mehr engagiert sind? So ein Unsinn. <\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6642\" aria-describedby=\"caption-attachment-6642\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6642\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/12\/freitext-boell-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/12\/freitext-boell-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/12\/freitext-boell-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/12\/freitext-boell-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6642\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Welch deutsches Thema! Immer wieder h\u00f6rt man davon, &#8222;Engagement, politische Einmischung, Relevanz der Literatur&#8220;. Man h\u00f6rt es fordernd oder nostalgisch oder beides, aufs Beste miteinander verquickt. Ach, die Literatur! Ihr Niedergang! Insbesondere der Niedergang ihrer Autoren. Nicht engagiert, nicht interessiert, nicht politisch. Wie anders das war, als die gro\u00dfen Alten noch agierten: B\u00f6ll, Grass, und ein bisschen auch Walser.<!--more--><\/p>\n<p>Der m\u00e4nnliche, gealterte, wei\u00dfe literarische Meinungsmacher verschwindet. Ich gestehe, dass mein Bedauern dar\u00fcber sich in \u00fcberschaubaren Grenzen h\u00e4lt. Allemal, da an dem Geklage in der Sache nichts ist. Und dort, wo es einen Punkt trifft, trifft es ihn wie das ber\u00fchmte blinde Huhn, zuf\u00e4llig. Dass es sich bei <em>der<\/em> eingeklagten Art literarischer Relevanz um einen r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Mythos verbunden mit einem strukturellen Wandel handelt (der interessant ist), versteht das Klagen nicht.<\/p>\n<p>M\u00fchelos l\u00e4sst sich auf zahlreiche \u00c4u\u00dferungen zeitgen\u00f6ssischer Autoren aus verschiedensten Generationen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Prozessen verweisen. Ich nenne nur Namen wie Ulrich Peltzer, Kathrin R\u00f6ggla, Norbert Niemann, Thomas Lehr, Franzobel, die Menasse-Geschwister, Juli Zeh, die sich sowohl in literarischen wie au\u00dferliterarischen Werken zum Teil seit Jahrzehnten, in kontinuierlicher Arbeit, an politischen Debatten beteiligen. Die Liste lie\u00dfe sich ausdehnen. Sie ist prominent besetzt.<\/p>\n<p>Die von B\u00f6ll oder Grass einst ausgel\u00f6sten Skandale bleiben aus. Doch warum sollten sie auch eintreten? Welch seltsame Vorstellung von der Funktion von Literatur spiegelt sich in dieser Erwartung? Die Forderung, Literatur m\u00f6ge als weises, gar superweises Korrektiv der Politik und gegebenenfalls als &#8222;Gewissen der Nation&#8220; fungieren, scheint mir ein rechtes Relikt der f\u00fcnfziger Jahre. Der der Bundesrepublik nachh\u00e4ngenden Nachkriegszeit. Welch seltsames Verst\u00e4ndnis von Demokratie spiegelt sich darin? Welche Sehnsucht nach dem starken Mann?<\/p>\n<p>H\u00f6chste Zeit, noch einmal \u2013 auch praktisch \u2013 \u00fcber Luhmanns Gedanken zur Funktionslosigkeit der Kunst als deren gesellschaftssystemischer Funktion nachzudenken.<\/p>\n<p>Und sie umzusetzen.<\/p>\n<p>Oder einfacher bzw. anders gesagt: Nehmen wir B\u00f6ll und sehen uns die Relevanz seiner Literatur einmal an.<\/p>\n<p>B\u00f6lls Licht ist stark verblasst. Der 100. Geburtstag steht an, da legt man ein paar Scheite ins Feuer, erinnert sich. Doch was zeigt sich?<\/p>\n<p>Das <em>Times Literary Supplement<\/em> durchschaute das Ph\u00e4nomen fr\u00fch. Offensichtlich half es, von au\u00dferhalb des deutschen Topfes aus, in dem der Nachkrieg suppte, zuzusehen. Das <em>TLS<\/em> konstatierte: ein ehrenhafter Mann. Als Schriftsteller nicht bemerkenswert.<\/p>\n<p>B\u00f6ll war Zeitgenosse, Beobachter, Aussprecher. Mutig, einer der kommentierte, auch half. Mahner und \u00f6ffentliche Figur. Eines war nicht: exzellenter Schriftsteller. Er war einer, der versuchte, Literatur zu schreiben.<\/p>\n<p>Auch das ist ehrenwert. Nichtexzellente Literatur hat, der Fall beweist es, ihre Funktionen. Aber sie wird bzw. bleibt historisch. B\u00f6ll war Dokumentarist, Zeuge. Der versuchte, hie und da das literarische Gewand zu nutzen, um auf etwas zu zeigen. Oder, wie im Fall seines Pamphletes (so B\u00f6ll selbst) <em>Die verlorene Ehre der Katharina Blum<\/em>, um sich selbst zu verteidigen.<\/p>\n<p>Am 10.01.1972 hatte B\u00f6ll im Spiegel f\u00fcr Baader und Meinhof Gnade oder freies Geleit gefordert. Das wurde als Unterst\u00fctzung der RAF interpretiert. Tats\u00e4chlich dachte B\u00f6ll laut nach \u00fcber den Rechtsstaat und dessen Prinzipien. Die beispielsweise Vorabverurteilungen ausschlossen. Er sorgte sich \u00fcber die Entwicklung medialer Macht, wenn nicht Gewalt, verstrickte sich in unklarer Argumentation, wurde von einigen sachlich korrigiert, gestand Fehler ein. Der Gro\u00dfteil der Kritik allerdings fiel anders aus: Springer gegen Spiegel. Ein Medienkrieg, der in unserer medialen Landschaft seinerseits extrem historisch erscheint. B\u00f6ll sah sich als Person diffamiert und an den Pranger gestellt. <em>Shitstorm<\/em>, sagte man heute. Die Gef\u00fchle kann man sich vorstellen. Oder besser, hoffentlich, nicht.<\/p>\n<p>B\u00f6ll, der redliche Katholik aus K\u00f6ln, als junger Mann an die Fronten des Zweiten Weltkrieges geschickt, gepr\u00e4gt von Sprachlosigkeit (seine Kriegstageb\u00fccher zeigen sie), B\u00f6ll wusste, wovor er sich f\u00fcrchtete.<\/p>\n<p>Das war ein gro\u00dfes Gut.<\/p>\n<p>Gegen die Angriffe aus dem Umfeld Springer wehrte er sich mit einem St\u00fcck Literatur. Bericht, Erz\u00e4hlung, Pamphlet <em>Blum<\/em>. Der Untertitel: <em>Wie Gewalt entstehen und wohin sie f\u00fchren kann<\/em>. Das Buch m\u00e4andert, der Erz\u00e4hler versteckt sich, wird mehr und mehr zu B\u00f6ll selbst, der sich eine Opfer-Frau erfindet und ihr, um &#8222;ihren&#8220; Springerskandal zu entfachen, eine Sex- statt einer Politgeschichte anh\u00e4ngt. Wie schade. Wie eng gedacht. Man sp\u00fcrt die Beleidigung des Autors im Text, sieht das enge Raster seines Denkens (Frauen wird Politik nicht zugestanden) und kann nicht umhin zu bemerken, wie dieses St\u00fcck &#8222;engagierter Literatur&#8220; dank seines Vorabdrucks im Spiegel zu einem (willf\u00e4hrigen?) Teil des Medienkampfes Springer-Spiegel gemacht wird.<\/p>\n<p>Einfluss? Meinungsf\u00fchrerschaft? Literarische Relevanz?<\/p>\n<p>Schon sieht es dunkel aus. Hinzukommt, dass das Literarische selbst dabei auf der Strecke bleibt. Ungeschickte, h\u00f6lzerne Sprache. B\u00f6ll k\u00f6chelt im eigenen Saft. Eine pers\u00f6nlich politische Schlacht, literarisch nur verbr\u00e4mt. Direkt ausgetragen w\u00e4re mir all dies lieber; es w\u00e4re auch effektiver. Stattdessen wird Literatur missbraucht, um Politik in Kleinb\u00fcrgerwelten zu beugen und &#8222;Lebensweisheit&#8220; auf Stammtischniveau zu verspr\u00fchen.<\/p>\n<p>Engagement? Relevanz?<\/p>\n<p>Seit 1972 ist mit dem Attentat w\u00e4hrend der Olympischen Spiele in M\u00fcnchen internationaler, medial bewusst agierender Terror auch in Deutschland pr\u00e4sent. Man befindet sich in einer Spirale der Eskalation. B\u00f6ll indes spinnt seinen Skandal um eine Unschuld vom Lande, Haushaltshilfe, ehrlich und treu, einer Liebesnacht wegen medial zermalmt. Der wirkliche Schrecken, das, was sich nicht fassen l\u00e4sst, auch wenn man seine Schatten sehr wohl sieht \u2013 B\u00f6lls eigener Artikel von 1972 benennt sie bereits \u2013 wird abgebogen in ein R\u00e4uberpist\u00f6lchen aus der Welt der \u00e4lteren M\u00e4nner, die j\u00fcngeren Frauen an die W\u00e4sche gehen.<\/p>\n<p>Seit 1972 wird Fernsehen in Farbe ausgestrahlt. Drei Kan\u00e4le, einige Zeitungen. Jeder Stimme, die ert\u00f6nt, kommt strukturell ein vollkommen anderer Resonanzraum zu als heute. Wirkt es heute, als &#8222;engagierten&#8220; Schriftsteller sich nicht, so liegt das zum einen daran, dass die Entstehung von Meinungsf\u00fchrerschaft sich grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert hat. Zum anderen ist man als Autor gut beraten, dar\u00fcber nachzudenken, wie und auf welche Weise man sich funktionalisieren lassen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>B\u00f6ll scheint damit keinerlei Problem gehabt zu haben. Er wusste, wo gut und b\u00f6se sitzen, oder wollte jemand sein, der das wei\u00df.<\/p>\n<p>Eben daran aber zerbricht die Literatur. Sie ist kein Organ der Antworten, sondern eines der Fragen. Eben hier kann sie ihre Funktion der Funktionslosigkeit wahrnehmen: blinde Flecken zeigen. Sie ist ein Organ der Vielfalt, Vielstimmigkeit, der Widerspr\u00fcche. Autoren sind nicht weise und sollten nicht in dieser Funktion installiert werden. So ist es gut, das oben eingeklagte &#8222;Engagement&#8220; endlich zu entfernen. Ich dr\u00fccke <em>delete<\/em>. L\u00f6sche ein Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>H\u00f6re ich Klagen?<\/p>\n<p>Ach, deutscher Bohnentopf!<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinrich B\u00f6lls 100. Geburstag feiern? Nat\u00fcrlich. Aber muss deshalb gleich wieder gejammert werden, dass Schriftsteller heute nicht mehr engagiert sind? So ein Unsinn. 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