{"id":6665,"date":"2018-01-09T06:00:44","date_gmt":"2018-01-09T05:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6665"},"modified":"2018-01-08T15:26:42","modified_gmt":"2018-01-08T14:26:42","slug":"hauptstadt-zu-verschenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/01\/09\/hauptstadt-zu-verschenken\/","title":{"rendered":"Hauptstadt zu verschenken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Konsum, der Bauboom, das Dr\u00f6hnen im Himmel, und hinter der T\u00fcr scharrt der Krieg: ein Spaziergang durch Beirut, auf der Stra\u00dfe der Verschw\u00f6rungstheoretiker.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6702\" aria-describedby=\"caption-attachment-6702\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6702\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/01\/beirut-1-620x349.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/01\/beirut-1-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/01\/beirut-1-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/01\/beirut-1-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6702\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sally Hayde \/ Reuters<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Was w\u00fcrde Tania wohl zu Jerusalem sagen? Ist das auch Wasis Schuld? Noch vor einem Monat waren wir in Beirut auf dem Weg zum Caf\u00e9 Younes und fragten uns: &#8222;Was ist eigentlich mit Wasi, unserem saudi-arabischen Freund?&#8220; Wir liefen die Hamra Road entlang, die Stra\u00dfe der Verschw\u00f6rungstheoretiker. Die Frage tauchte zum ersten Mal auf, als Tony uns von dem neuen Bauprojekt seiner Familie in Hazmieh erz\u00e4hlte, und ob sie vielleicht jetzt statt der vier Stockwerke doch zehn bauen sollten und wie sie das genehmigt bekommen. (Sein Vater hat fast sein ganzes Geld in diesen Neubau investiert und je h\u00f6her sie bauen k\u00f6nnen, desto mehr Geld kommt dabei f\u00fcr ihn heraus.) Tania machte unter der Hand die Bemerkung, sie k\u00f6nnten doch Wasi fragen, schlie\u00dflich sei der in der Baubranche t\u00e4tig. Der k\u00f6nnte das bestimmt regeln. So wie man eben jetzt denkt, dass Saudi-Arabien alles m\u00f6gliche &#8222;regelt&#8220;. Und Freunde haben sie auch \u00fcberall, selbst in Israel, wie man so h\u00f6rt. Tania hatte mal wieder ihre zynisch-idealistische Phase.<!--more--><\/p>\n<p>Tania stammt eigentlich aus England, ist aber schon so lange in Beirut, dass aus ihr eine britisch-libanesische Misch-Existenz geworden ist, die mit allen Wassern gewaschen und, wie sich sp\u00e4ter auf dem Weg zum Caf\u00e9 Younes zeigte, auch zu einer ausgefuchsten Verschw\u00f6rungstheoretikerin herangereift ist. Was w\u00fcrde sie jetzt blo\u00df sagen, nachdem Saad Hariri, der Ex-Premierminister, von anonymen Hijackern erst von Riad nach Paris verschleppt worden, dann angeblich &#8222;freiwillig&#8220; nach Beirut zur\u00fcckgekehrt und auf einmal wieder Premierminister geworden ist? Gab es da einen verschw\u00f6rungstheoretisch relevanten Zusammenhang? Auch zwischen Riad und Jerusalem? Wasi aber meldete sich nicht. Wasi war untergetaucht. Und die Idee kam auf, ihm einfach mal eine E-Mail zu schreiben.<\/p>\n<p>&#8222;Ich w\u00fcrde hier am liebsten auch mal raus, zumindest f\u00fcr zwei Wochen&#8220;, sagte Tania, w\u00e4hrend wir an einer Filiale von American Outfitters vorbeischlenderten, die Lichtexplosionen der Nike- und Adidas-Schaufenster noch in den Augenwinkeln. &#8222;Libanon mit seinem Anspruch, die Welt zu sein, das wird mir echt zu eng &#8230; Was wollt ihr Wasi denn schreiben?&#8220; Wir hatten schon lange nichts mehr von ihm geh\u00f6rt. Sonst kam er alle paar Monate nach Beirut. Beirut, das ist f\u00fcr ihn eine Auszeit. Man k\u00f6nnte allerdings auch sagen: Beirut, das ist f\u00fcr ihn der kalkulierte, folgenlose und hemmungslose Exzess. Das war jedenfalls unser Verdacht. Hatte Wasi von all den Entwicklungen schon geahnt? Wusste er schon davon? (Die &#8222;Gefangennahme&#8220; von Hariri, das alte, schon bekannte Gef\u00fchl, dass Beirut mal wieder vor dem &#8222;Untergang&#8220; steht. Und pl\u00f6tzlich der Schock, der aber gleichzeitig etwas Beruhigendes hat. Keiner spricht mehr \u00fcber Beirut, jetzt geht es nur noch um Jerusalem.) Es gibt ein Foto, das ihn neben einem hochrangigen Mitglied der saudi-arabischen K\u00f6nigsfamilie zeigt. Seinen hohen milit\u00e4rischen Posten, angeblich ist er fr\u00fcher &#8222;General&#8220; gewesen, hat er zugunsten einer gut dotierten Beratert\u00e4tigkeit in der Baubranche aufgegeben. Es ist schwer zu sagen, wie alt er ist. Er k\u00f6nnte 40 sein, aber auch 70. Seine Haare sind leicht get\u00f6nt. Er l\u00e4chelt wohlgemut, er macht immer einen gesunden Eindruck. Er kommt aus demselben Grund in den Libanon wie die Europ\u00e4er. Um sich zu verj\u00fcngen, sich in den Spiegelungen und Projektionen, von denen der Libanon umstellt ist, zu verlieren. Er trinkt viel. Niemand kann mit ihm mithalten. Selbst Tony nicht.<\/p>\n<p><strong>Eine gro\u00dfe, heimliche Verachtung<\/strong><\/p>\n<p>Tony, der eng mit ihm befreundet ist, und der sofort alle Verabredungen sausen l\u00e4sst, wenn Wasi in der Stadt ist, pr\u00e4sentiert ihn uns als eine Troph\u00e4e. Viele im Libanon sagen: &#8222;Man kann nicht mit jemandem aus Saudi-Arabien befreundet sein, das ist leider unm\u00f6glich.&#8220; Tony hat das aber geschafft, mit seiner ihm eigenen Cleverness, aber auch mit der Bereitschaft, alles zu ertragen, zu dem sich Wasi w\u00e4hrend seiner Beirut-Wochenenden so hinrei\u00dfen l\u00e4sst. Dann sagt Tony immer: &#8222;Oh Gott! Wasi und die Frauen &#8230; Gott steh mir bei &#8230; Wisst ihr, wenn er eine Frau sieht, dann ist wirklich alles vorbei.&#8220; Ich habe mit ihm schon besprochen, dass wir Wasi eine Nachricht zu kommen lassen sollten. Wir sollten ihm schreiben: &#8222;He. Was ist los? Bist du sauer? Warum l\u00e4sst du uns im Stich?&#8220;<\/p>\n<p>Tony ist nerv\u00f6s, dass das mit dem Bauprojekt seines Vaters in Hazmieh alles gut geht, es ist direkt an der Autobahn und sein Vater sichert sich mit seinem Anteil, den zwei Stockwerken, seine Altersversorgung ab. Ob Wasi Tonys Vater dabei &#8222;beraten&#8220; hat? Bei unserer letzten Begegnung, einem opulenten Abendessen in Bigfeiyah in den Bergen, am Rand von Beirut, tauchte die eigentlich gebuchte Baucht\u00e4nzerin nicht auf. Das Restaurant war ziemlich verlassen, es waren zu wenige G\u00e4ste da. Wasi am\u00fcsierte sich trotzdem, klatschte rhythmisch und auch etwas m\u00fcde mit seinen kleinen H\u00e4nden zu den Kl\u00e4ngen der Mini-Band, die f\u00fcr einen etwas hallig melancholischen Sound sorgte. Die meiste Zeit starrte er auf sein neues Samsung-Handy. Vielleicht war er traurig, dass die Baucht\u00e4nzerin nicht gekommen war oder er suchte nach einem dieser absurden Videos, die er immer verschickt. In einem von ihnen steigt eine 85-j\u00e4hrige amerikanische Rentnerin auf einer silbernen Metallstange gef\u00fchlt 100 Meter hoch und balanciert wie eine Zirkus-K\u00fcnstlerin im Nachthimmel. Das ist irgendwo in den USA. Vielleicht in Texas? Solche Videos verschickt Wasi. Sie kursieren in unserem Freundeskreis. Es ist die Frage, ob Wasi sich damit \u00fcber die Amerikaner lustig macht oder \u00fcber seinen eigenen Traum nach Unsterblichkeit. Aber ist er \u00fcberhaupt zur Selbstironie f\u00e4hig? Tania sagte, dass das egal sei, denn im Grunde verachteten uns die Saudis. Es ist eine gro\u00dfe unausgesprochene und heimliche Verachtung, die Tony und ich nat\u00fcrlich nicht wahrhaben wollen.<\/p>\n<p>&#8222;Lieber Wasi&#8220;, k\u00f6nnten wir schreiben, &#8222;es ist kein Problem, dass du die libanesischen Frauen so toll findest. Die libanesischen Frauen sind damit wohlvertraut. Ihre Sch\u00f6nheit ist eine Grenze, eine subtil gezogene rote Linie am Rande der arabischen Welt. Mit einem Auge schauen sie immerzu aufs Meer und entwerfen feministische Szenarios, die sie aber vorerst f\u00fcr sich behalten und mit dem anderen Auge schauen sie die ganze Zeit nur dich an. Und trink! Trink ruhig &#8230; Tu dir keinen Zwang an.&#8220; Nat\u00fcrlich schicken wir die E-Mail nicht ab. Keiner von uns wei\u00df, wie viel Spa\u00df Wasi wirklich versteht. Selbst Tony wei\u00df das nicht. Tony arbeitet bei einer gro\u00dfen libanesischen Bank. Er f\u00e4hrt ein uraltes Mercedes-Cabrio und hat sich neulich schweren Herzens von seiner russischen Freundin getrennt. Er ist einer der wenigen, f\u00fcr den die Golfstaaten als Arbeitgeber nicht infrage kommen. &#8222;Lieber Wasi&#8220;, w\u00fcrden wir schreiben. &#8222;Wir haben den Blue-Label-Whiskey schon bereitgestellt und einen halben Liter wie gewohnt in deine Thermoskanne gef\u00fcllt. Dein Zimmer im Phoenicia ist auch schon reserviert. Bezahlen w\u00fcrdest du es ja wohl lieber selbst, oder? Und wir versprechen dir hoch und heilig, das Thema Politik bleibt ausgespart. Keiner wird es wagen, nach Jerusalem zu fragen und ob ihr damit irgendetwas zu tun habt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich hab das Gef\u00fchl&#8220;, sagte Tania, w\u00e4hrend wir uns dem Crown Plaza Hotel n\u00e4herten, wo wir zum Caf\u00e9 Younes abbiegen mussten, &#8222;dass der Niedergang des britischen Gesundheitssystems mit solchen Leuten wie Wasi in Verbindung steht. Ich wei\u00df nur noch nicht wie &#8230;&#8220; Ihre Tochter, die f\u00fcr den B\u00fcrgermeister Khan in London arbeitet, hatte einen ganzen Tag beim NHS vergeudet. Tania hatte daraufhin erkl\u00e4rt, sie selbst sei in Beirut medizinisch besser versorgt als ihre Tochter in London. Und dann ging es wieder mit ihren Theorien los. Eine ging so: &#8222;Die Israelis greifen immer im Sommer an.&#8220; (Deswegen war jetzt erst mal Ruhe.) Eine andere lautete: &#8222;Das Land steht kurz vor dem Untergang&#8220;. (Und jetzt w\u00fcrde sie wahrscheinlich sagen: &#8222;Stimmt es denn, dass die demonstrierenden Pal\u00e4stinenser die israelischen Flaggen, die sie in Berlin verbrennen, selbst gebastelt haben? Und diese Angst vor einer neuen Welle des Antisemitismus&#8230; Das ist doch nur eine billige Kopie. Ein Abklatsch. Niemand w\u00fcrde doch wagen, das den Deutschen streitig zu machen.&#8220; Ich w\u00fcrde dazu nat\u00fcrlich nichts sagen und mich in Schweigen h\u00fcllen.)<\/p>\n<p><strong>Die Leute im Oman<\/strong><\/p>\n<p>Die Initiative musste von uns ausgehen. Wir mussten Wasi schreiben. Er meldete sich selbst nicht. &#8222;Ich schicke doch keine Mail nach Riad&#8220;, beschwerte sich Tony. &#8222;Wer wei\u00df, wer die liest.&#8220; Aber Tony kann es nicht tun, er ist zwar mit Wasi befreundet, w\u00fcrde ihn aber niemals um etwas bitten, obwohl er schon unglaublich viele Geschenke von ihm bekommen hatte. Kurz nach Fertigstellung seines Studiums schenkte Wasi ihm einen nagelneuen Dell-Computer. Wer also sollte schreiben? &#8222;Schreib du doch&#8220;, schlug Tony vor. Aber vielleicht lag das an seinem Schlafdefizit. Er ist IT-Experte und die Bank ruft ihn regelm\u00e4\u00dfig nachts an, wenn eine Sicherheitsl\u00fccke geschlossen werden muss. Ich sagte zu Tony: &#8222;<em>Du<\/em> m\u00fcsstest doch das gr\u00f6\u00dfte Interesse daran haben, dass sich unser Verh\u00e4ltnis zu Wasi wieder normalisiert.&#8220; (Manche glauben, dass Wasi eventuell aufgrund der Paradise Papers selbst in Schwierigkeiten ist, so wie manche glauben, man habe Hariri nur deswegen zum R\u00fccktritt gezwungen, weil er mit seiner vom Vater geerbten Firma Saudi Oger, die dieses Jahr pleite gegangen ist, in undurchsichtige Gesch\u00e4fte verwickelt war.) Tony, der jetzt manchmal morgens um vier Uhr aufsteht, um die neueste Folge von <em>Game of Thrones<\/em> zu schauen, erkl\u00e4rte, seine Bank mache nur mit dem Oman Gesch\u00e4fte und dort sei alles okay. &#8222;Die Leute im Oman sind echt in Ordnung. Sehr entspannt. Sie geben uns ihr Geld und verzichten sogar auf die Zinsen.&#8220; Das hatte allerdings religi\u00f6se Gr\u00fcnde, aber Tony interpretiert das auch als ein Zeichen von Gro\u00dfz\u00fcgigkeit. Was also tun? Wie konnten wir Wasi zur\u00fcckgewinnen?<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt, wo Syrien uns in Ruhe l\u00e4sst, kommen die anderen, um sich einen neuen Spielball zu suchen&#8220;, sagte Tania, als wir das Younes schon fast erreicht hatten. Sie regte sich \u00fcber Gibran Bassil auf, den neuen Demagogen an der Seite von Pr\u00e4sident Aoun, der die libanesischen Christen aus \u00dcbersee zur\u00fcckholen will. Sie sollen daf\u00fcr sorgen, dass die Balance zwischen Christen und Moslems wieder ausgeglichen ist. &#8222;Was f\u00fcr ein Wahnsinn&#8220;, sagte sie. Und dann fiel ihr die Sache mit Calvin Klein ein, kurz bevor wir die Hamra Road, die Stra\u00dfe der Verschw\u00f6rungstheorien, wieder verlie\u00dfen. Sie erkl\u00e4rte, dass die neue Calvin-Klein-Kampagne ein Versuch sei, &#8222;pornografische Fantasien&#8220; in die Stadt hineinzuschleusen. Sie kam auf diesen Gedanken, als wir einen irakischen K\u00fcnstler und Fl\u00fcchtling trafen, der jetzt in Texas lebt, sich aber dort zu Tode langweilt. Tania sagte noch, auch eine Verschw\u00f6rungstheorie, dass die Amerikaner den Irak deswegen in Schutt und Asche gelegt haben, damit sie die Intellektuellen und K\u00fcnstler &#8222;abziehen&#8220; k\u00f6nnen, um damit ihre tr\u00fcbe und apathische Bev\u00f6lkerung in Texas aufzumischen. (So wie wir in Deutschland uns die Fl\u00fcchtlinge ins Land holen, um etwas gegen die depressive Grundkonstellation des Landes zu tun.) Tania fand das aber nicht lustig.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist Braindrain. \u00dcberall in der Welt gibt es das. Der Westen zieht die besten K\u00f6pfe ab und sortiert dann in aller Ruhe aus, wen er behalten will.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und warum findest du die Calvin-Klein-Kampagne pornografisch?&#8220;, fragte ich. Die beiden in Unterhosen vor einem grauen undefinierten Hintergrund posierenden Models sahen alles andere als sexy aus, eher traurig und hilflos.<\/p>\n<p>&#8222;Hast du nicht gesehen?&#8220;, sagte sie. &#8222;Das ist eine SM-Inszenierung. Es sind zwei in ihren Unterhosen gefangene Models, mager und willig. Sie machen sich f\u00fcr die Folterungen bereit &#8230; Und wei\u00dft du, wer sie sind?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das sind wir. Wir sind das!&#8220; Sie machte eine abwehrend Handbewegung in Richtung eines hupenden Taxifahrers. Sie war so w\u00fctend, dass ich sie nicht zu fragen wagte, was das eigentlich bedeutete. Ob damit wir, die Expats, oder wir, die Wahl-Libanesen oder wir, die wirklichen Libanesen, gemeint waren oder ob es \u00fcberhaupt noch ein &#8222;wir&#8220; gab.<\/p>\n<p>&#8222;Sie foltern uns und <em>wir<\/em> merken es gar nicht. Den Israelis ist das nur recht, die schauen zu und warten ab.&#8220; Ich wollte sie nicht weiter dr\u00e4ngen, wir waren verabredet, und das Caf\u00e9 Younes war nur wenige Meter entfernt.<\/p>\n<p><strong>Wie ein Explosionskrater<\/strong><\/p>\n<p>Dort sa\u00df mitten auf einem Tisch eine graue Katze. Sie hatte sich einfach so breitgemacht, obwohl kaum noch etwas frei war. Sie blinzelte wie eine Sphinx. Wir quetschten uns an einen Tisch daneben. Die Katze betrachtete uns mit einer gewissen Arroganz, aber auch mit Wohlwollen, in dem Wissen, wir w\u00fcrden ohnehin nichts gegen sie unternehmen. Es war kein Wunder, dass ich dachte, sie sei eine Inkarnation von Wasi, und dass man jetzt aufpassen musste. Ich \u00fcberlegte schon, ob ich ihr etwas Blue-Label-Whiskey anbieten k\u00f6nnte, um sie zu bes\u00e4nftigten. Und tats\u00e4chlich schnurrte sie. Einfach so, ohne dass sie jemand ber\u00fchrte oder liebkoste. Das Schnurren schien aus der Tiefe ihres grauen majest\u00e4tischen Katzenbauches zu kommen und dr\u00f6hnte geradezu, als ich mein Ohr an sie hielt.<\/p>\n<p>Eine \u00dcbersetzung des Schnurrens lautete: Es gibt keine Hoffnung, keine Aussicht auf Besserung. Das Schnurren ist das Scharren des Krieges hinter der T\u00fcr, das Dr\u00f6hnen der aus einem grauen bew\u00f6lkten Himmel pl\u00f6tzlich hervorbrechenden F16-Bomber, die aus dem S\u00fcden kommen. Aber es konnte im Grunde alles sein. (Etwas, auf das man gar nicht vorbereitet war, etwas, was <em>noch <\/em>schlimmer war.) Tonys Vater zieht trotzdem das Geb\u00e4ude in Hazmieh hoch, erh\u00f6ht es auf acht Stockwerke, weil er jemanden bestochen hat. Ein paar Tage sp\u00e4ter sind wir in der Baugrube. Sie sieht wie ein Explosionskrater aus. Tonys Vater ist wie immer total optimistisch.<\/p>\n<p>&#8222;Wisst ihr&#8220;, sagte Tania, sie sprach immer noch \u00fcber den irakischen K\u00fcnstler, der in Beirut eine Ausstellungser\u00f6ffnung hatte. &#8222;Diese Hitze &#8230; Wir halten sie einfach aus. Libanon ist ein Vulkan. Aber solange <em>wir<\/em> es aushalten, geht er nicht hoch. Es ist eben nur ein bisschen hei\u00df.&#8220; In diesem Moment \u00f6ffnete die Katze wieder die Augen und schaute uns an. Sie schien zu \u00fcberlegen, ob sie uns t\u00f6ten sollte. Aber auch: Ob sie \u00fcberhaupt Lust darauf hatte. &#8222;Vielen Dank&#8220;, k\u00f6nnten wir Wasi schreiben. &#8222;Dass du uns jetzt eine Weile in Ruhe l\u00e4sst. Das mit Jerusalem war eine gute Idee. Wir m\u00fcssen nur noch die passende Verschw\u00f6rungstheorie dazu finden.&#8220; Tania arbeitete bereits daran. Vielleicht hatte ja auch Putin bald eine Idee. Assad hatte noch ein Geschenk verdient. Vielleicht eine neue Hauptstadt? Und welche w\u00e4re dazu besser geeignet als unser wundersch\u00f6nes Beirut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Konsum, der Bauboom, das Dr\u00f6hnen im Himmel, und hinter der T\u00fcr scharrt der Krieg: ein Spaziergang durch Beirut, auf der Stra\u00dfe der Verschw\u00f6rungstheoretiker. 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