{"id":6799,"date":"2018-02-02T09:19:47","date_gmt":"2018-02-02T08:19:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6799"},"modified":"2018-02-02T14:27:22","modified_gmt":"2018-02-02T13:27:22","slug":"belarus-wirtschaft-martinowitsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/02\/02\/belarus-wirtschaft-martinowitsch\/","title":{"rendered":"Eine lupenreine Miniperestroika"},"content":{"rendered":"<p><strong>Belarus lockert die Verstaatlichung und \u00f6ffnet sich der globalen Wirtschaft. Die Liberalisierung gilt aber ausschlie\u00dflich f\u00fcr die IT-Branche. Ist das schon Revolution?<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6807\" aria-describedby=\"caption-attachment-6807\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6807\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/freitext-belarus-it-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-belarus-it-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-belarus-it-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-belarus-it-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6807\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 [M] Dan Kitwood\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2018-01\/belarus-viktor-martinovich-it-boom-cryptocurrency\"><em>\u0427\u0438\u0442\u0430\u0439\u0442\u0435 \u044d\u0442\u043e\u0442 \u0442\u0435\u043a\u0441\u0442 \u043d\u0430 \u0440\u0443\u0441\u0441\u043a\u043e\u043c \u044f\u0437\u044b\u043a\u0435.<\/em> <\/a><\/p>\n<p>Belarus, bis vor Kurzem noch der am st\u00e4rksten isolierte Staat Osteuropas, hat sich mit einer radikalen <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2017-12-22\/europe-s-last-dictator-now-wants-to-be-its-blockchain-king\">Liberalisierung<\/a> seiner Gesetzgebung f\u00fcr die globale IT-Wirtschaft ge\u00f6ffnet. Allerdings nur in diesem einen Bereich.<!--more--><\/p>\n<p>Ende Dezember \u00fcberraschte der belarussische Pr\u00e4sident Alexander Lukaschenko mit einem f\u00fcr ihn sehr untypischen Schritt: Er unterschrieb das Dekret &#8222;<a href=\"http:\/\/belarus.ahk.de\/news\/rechtsnews\/#jfmulticontent_c1133414-1\">\u00dcber die Entwicklung der digitalen Wirtschaft&#8220;<\/a>, das in einem Land, in dem immer noch die auf Allbelarussischen Nationalversammlungen verabschiedeten F\u00fcnfjahrespl\u00e4ne gelten und die Wirtschaft an j\u00e4hrlich verlautbarten &#8222;Prognosen zur sozio\u00f6konomischen Entwicklung&#8220; ausgerichtet ist, eine ganze Reihe ultraliberaler Freiheiten verhie\u00df.<\/p>\n<p>Sogar sprachlich war dieses Papier au\u00dfergew\u00f6hnlich in seiner Kombination aus Sowjet-Volap\u00fck und Lexik aus einem futuristisch anmutenden Film \u00fcber die elektronische Zukunft der Menschheit. Dem Dekret zufolge f\u00e4llt das <em>mining<\/em> von <em>tokens<\/em> in Belarus k\u00fcnftig nicht mehr unter &#8222;unternehmerische T\u00e4tigkeit&#8220;, <em>tokens<\/em> sind nicht mehr meldepflichtig, die &#8222;Operatoren von Kryptoplattformen&#8220; sind berechtigt, nach Belieben Konten im Ausland zu er\u00f6ffnen (f\u00fcr Belarus ein Riesenzugest\u00e4ndnis), Residenten des Hightechparks (HTP) werden von Gewinn- und Mehrwertsteuer befreit.<\/p>\n<p>Auf HTP-Liegenschaften wird f\u00fcr drei Jahre keine Grundsteuer erhoben, f\u00fcr IT-Besch\u00e4ftigte gilt ein reduzierter Einkommenssteuersatz von 9 statt 13\u00a0Prozent. Und damit nicht genug\u00a0\u2013 die von den HTP-Residenten erwirtschafteten Devisen m\u00fcssen nicht wieder ver\u00e4u\u00dfert werden.<\/p>\n<p>Im Hightechpark besch\u00e4ftigte Ausl\u00e4nder ben\u00f6tigen keine Arbeitserlaubnis, au\u00dferdem sind sie befugt, sich 180\u00a0Tage pro Jahr in der Republik Belarus aufzuhalten!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte sich ein potenzieller Venture-Investor angesichts der hier verhei\u00dfenen Steuerbefreiungen nicht nur dankbar, sondern auch verwundert dar\u00fcber zeigen, wie viele Steuerarten und Vorschriften es bislang in Belarus gegeben hat. Aber das ist sicher nicht das vorrangige Anliegen dieses Dekrets.<\/p>\n<p><strong>Die Launen Russlands<\/strong><\/p>\n<p>Es will vor allem demonstrieren, dass Belarus nicht mehr das Land der &#8222;manuell gesteuerten&#8220; Wirtschaft ist, in dem vor jedem Investment erst einmal ein ganzer Packen Papiere beigebracht werden muss. <em>De facto<\/em> handelt es sich um eine lupenreine Perestroika inklusive Entstaatlichung und Entb\u00fcrokratisierung. Allerdings mit einem Unterschied: Die Liberalisierungsma\u00dfnahmen betreffen nur eine einzige Branche.<\/p>\n<p>Da stellt sich die zentrale Frage, ob sich ein kleiner Teil des Systems liberalisieren l\u00e4sst, w\u00e4hrend ansonsten jegliche Privatinitiative weiterhin staatlich bevormundet bleibt.<\/p>\n<p>Diese Frage l\u00e4sst sich nur beantworten, wenn man sich die wahren Beweggr\u00fcnde f\u00fcr die nun lancierte IT-Revolution in Belarus vor Augen f\u00fchrt. Sie gehen nach meinem Verst\u00e4ndnis auf die Krise des alten Wirtschaftsmodells zur\u00fcck, das auf der Weiterverarbeitung billigen russischen Erd\u00f6ls und Erdgases basierte. Als Russland Quoten f\u00fcr \u00d6llieferungen einf\u00fchrte und den Gaspreis anhob, musste das &#8222;belarussische Wirtschaftswunder&#8220;, das der Bev\u00f6lkerung im staatlichen Fernsehen pausenlos gepredigt wurde, einen ersten schweren Schlag hinnehmen. Nun, da die Beziehungen zu Putin sich wieder einigerma\u00dfen normalisiert haben, steht das Bruttoinlandsprodukt dank der wiederaufgenommenen \u00d6llieferungen besser da, allerdings wird das best\u00e4ndige Gef\u00fchl der Abh\u00e4ngigkeit von Moskau nicht mehr nur als \u00f6konomisch, sondern auch als politisch gef\u00e4hrlich wahrgenommen. Jahrelang hat die Regierung der Bev\u00f6lkerung eingetrichtert, eine konkurrenzf\u00e4hige Industrieproduktion und der Verkauf von Traktoren, Lkw und Textilien nach Asien und Lateinamerika garantieren sichere L\u00f6hne. Daran glaubt heute wohl nicht einmal mehr die Propagandamaschinerie, allzu trostlos ist die Lage der nicht privatisierten &#8222;Industriegiganten&#8220;. Die Wirtschaft braucht einen neuen Wachstumsbeschleuniger, ein lokales Wunder, das nicht den Launen Russlands unterworfen ist. Offenbar glaubt die Regierung, dass eine global ausgerichtete IT-Industrie dieses Wunder bewirken kann. Gegenw\u00e4rtig entfallen auf diesen Sektor nur 30.000\u00a0Besch\u00e4ftigte\u00a0\u2013 nicht eben viel f\u00fcr ein 9-Millionen-Land.<\/p>\n<p>Kurzfristig soll das Dekret den Anteil auf 100.000 steigern und j\u00e4hrlich 3\u00a0Milliarden US-Dollar durch den Verkauf von Softwarepaketen ins Land sp\u00fclen.<\/p>\n<p>Eigentlich alles prima: Die Regierung hat sich einfallen lassen, ein europ\u00e4isches Seoul zu kreieren. Nur wirkt rund um dieses Seoul, dieses Reservat des freien Marktes, das alte System fort.<\/p>\n<p><strong>Der zarte Hauch von Besorgnis<\/strong><\/p>\n<p>Die Justiz zum Beispiel. Auf den ersten Blick hat sie nichts mit den Liberalisierungen des Dekrets &#8222;\u00dcber die Entwicklung der digitalen Wirtschaft&#8220; zu schaffen. Sobald aber die erste Unstimmigkeit auftritt, der erste kritische Einwurf von staatlicher Seite, m\u00fcssen dieselben Gerichte ran, \u00fcber deren Urteile internationale Menschenrechtsorganisationen Interessantes zu berichten wissen. Das Dekret gibt ein Quasiversprechen ab, dass nichts vor Gericht landen wird, dass die IT-Unternehmer in einer Blase der Gl\u00fcckseligkeit schwimmen d\u00fcrfen, die weder Justiz noch Kontrolleure kennt (die in Belarus eine eigene, starke soziale Schicht darstellen). Aber der zarte Hauch der Besorgnis ist trotzdem zu sp\u00fcren, nicht wahr?<\/p>\n<p>Wenn ich mir die gro\u00dfartigen Normen des Dekrets &#8222;\u00dcber die Entwicklung der digitalen Wirtschaft&#8220; noch einmal zu Gem\u00fcte f\u00fchre, kommt mir unweigerlich die NEP in den Sinn. Die Neue \u00d6konomische Politik, 1921 in Sowjetrussland verabschiedet, liberalisierte ebenfalls die Spielregeln, schaffte die Enteignungen und Sollabgaben des Kriegskommunismus ab und brachte sogar eine Klasse sowjetischer Unternehmer hervor, die NEP-M\u00e4nner. Als sie f\u00fcr ein kurzfristiges Wirtschaftswachstum gesorgt hatte, ging sie mit der Verstaatlichung privater Aktiva und der Ausl\u00f6schung der NEP-M\u00e4nner als Klasse zu Ende. Der NEP sei Dank, wussten die Kommissare 1927 genau, wo sie Durchsuchungen vorzunehmen hatten.<\/p>\n<p>Die NEP war eine Geschichte ohne Happy End. Eine Geschichte dar\u00fcber, wie ein kleiner, frei gelassener Teil innerhalb eines Systems der Unfreiheit von der herrschenden Logik des Unionsstaates geschluckt wurde. Ich versuche trotzdem, Optimist zu bleiben. Es gibt ja auch andere Beispiele: die \u00d6ffnungs- und Reformpolitik in China, die Modernisierung Singapurs unter Lee Kuan Yew, die punktuellen Liberalisierungsma\u00dfnahmen in Myanmar, die das Land vollst\u00e4ndig umgekrempelt haben. Ich m\u00f6chte glauben, dass Belarus, ermutigt durch die Erfolge der Carte Blanche f\u00fcr die IT-Industrie, die Freiheiten auch auf andere Branchen ausweitet. Dann wird es eines Tages auch zu echten politischen Reformen kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aus dem Russischen von Thomas Weiler<\/em><\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus lockert die Verstaatlichung und \u00f6ffnet sich der globalen Wirtschaft. Die Liberalisierung gilt aber ausschlie\u00dflich f\u00fcr die IT-Branche. 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