{"id":6817,"date":"2018-02-06T16:34:54","date_gmt":"2018-02-06T15:34:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6817"},"modified":"2018-02-06T17:55:48","modified_gmt":"2018-02-06T16:55:48","slug":"revolution-hohlformel-niemann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/02\/06\/revolution-hohlformel-niemann\/","title":{"rendered":"Nicht Atmo, sondern Aufstand"},"content":{"rendered":"<p><strong>Revolution\u00e4r sind heute Nassrasierer oder Autos. Was einmal politische Brisanz hatte, wird zur Hohlformel. Dabei w\u00e4re echter Widerstand gegen die Verh\u00e4ltnisse so wichtig.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6825\" aria-describedby=\"caption-attachment-6825\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6825\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/freitext-revolution-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-revolution-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-revolution-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-revolution-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6825\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Christof Stache\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es ist bereits ein paar wenige Wochen her, dass der CSU-Politiker <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2018-01\/alexander-dobrindt-csu-buergerlich-konservative-revolution\">Alexander Dobrindt<\/a> &#8222;eine konservative Revolution der B\u00fcrger&#8220; eingefordert und angek\u00fcndigt hat, die endlich mit einer vermeintlichen &#8222;linken Revolution der Eliten&#8220; (gemeint ist die Achtundsechziger-Bewegung, deren letzte Vertreter heute l\u00e4ngst im Rentenalter sind) aufr\u00e4umt. Aber schon ist sie wieder vergessen. Das ist seltsam, h\u00e4lt man sich vor Augen, dass eine Revolution ein radikaler, abrupter, oft auch gewaltsam herbeigef\u00fchrter struktureller Systemwandel ist. Aber so sind Revolutionen heute offenbar: Sie verpuffen, kaum dass sie ausgerufen sind.<!--more--><\/p>\n<p>In unserer von Kommerz und Populismus gepr\u00e4gten Gegenwart geh\u00f6rt das Wort ohne Zweifel zu den beliebtesten Hohlw\u00f6rtern. Hohlw\u00f6rter funktionieren wie Gussformen. Sie lassen sich mit allen m\u00f6glichen Bedeutungen f\u00fcr alle erdenklichen Zwecke f\u00fcllen. Der Ger\u00e4tepark zum Beispiel, der uns umgibt und ohne den wir l\u00e4ngst nicht mehr \u00fcberleben k\u00f6nnen, wird st\u00e4ndig revolutioniert. Von der Computerentwicklung \u00fcber die Autoindustrie bis zum neuesten Rasierer \u2013 eine Revolution jagt die andere. Und wie bei Revolutionen \u00fcblich, soll, was gerade noch seinen Nutzen erf\u00fcllte, mit einem Schlag nutzlos geworden sein und m\u00f6glichst sofort ersetzt werden. Dasselbe gilt f\u00fcrs Kochen, f\u00fcrs Abnehmen, f\u00fcrs Fitnessprogramm. Im K\u00f6rper- und im Technologiebereich ist anscheinend jene permanente Revolution Wirklichkeit geworden, die einst Leo Trotzki, dem bolschewistischen Revolution\u00e4r und Gegenspieler Josef Stalins, als Ziel vor Augen stand.<\/p>\n<p>Die Rede von der Revolution meint in diesem Zusammenhang selbstverst\u00e4ndlich nicht die radikale Umw\u00e4lzung eines Gesellschaftssystems. Sie hat in erster Linie Atmo-Qualit\u00e4ten. Atmo ist ein Begriff aus der Tongestaltung bei Film, Funk und Fernsehen. Dabei handelt es sich um diffuse Hintergrundger\u00e4usche, die einen Raum- und Umwelteindruck vermitteln sollen. Atmos sind wichtig in einer \u00d6ffentlichkeit, die am Tropf der massenmedialen Verbreitung h\u00e4ngt. Wer heute Revolution sagt oder auf Reklamefl\u00e4chen schreibt, will vor allem ein Gef\u00fchl vermitteln. Dabei geht die Botschaft, also das, worin die radikale Umw\u00e4lzung angeblich bestehen soll, \u00fcber das Niveau eines vagen emotionalen Appells nicht hinaus. Der Begriff suggeriert eine Art Passion, Euphorie, Aufbruch zu etwas irgendwie Fortschrittlichem, verwegen Neuem und Unverzichtbarem, an dem man unbedingt und um jeden (Kauf-)Preis teilhaben muss. Seine urspr\u00fcngliche Bedeutung aber ist verw\u00e4ssert und entwertet zu einer Angelegenheit, die angeblich durch den Konsum bestimmter Produkte zu haben und zu befriedigen sein soll.<\/p>\n<p><strong>Schein- und Pseudodebatten<\/strong><\/p>\n<p>Vergleichbares geschieht auch in der Politik. Wenn Dobrindt von einer konservativen Revolution redet, erzeugt und bedient er vor allem ein nebul\u00f6ses Gef\u00fchl des kulturellen Unbehagens. Der Raum- und Umwelteindruck, den er als Atmo beschw\u00f6rt, ist der einer durch \u00dcberfremdung bedrohten, sogenannten Heimat. Worum es dabei in Wahrheit geht, hat mit Umw\u00e4lzung nicht das Geringste zu tun, aber mit W\u00e4hlerstimmen: Gem\u00e4\u00df dem alten Franz-Josef-Strau\u00df-Diktum, rechts von der CSU d\u00fcrfe es keine Partei geben, m\u00f6chte Dobrindt nichts weiter als eine Stimmung schaffen, die das Aufbruchs-, Protest- und Rebellionspathos aus dem AfD- und Pegida-Kontext ins eigene Parteiprofil einzubinden versucht. Der Begriff Revolution aber verliert auf diesem Weg jegliche politische Substanz, dient nur noch als eine Art Geschmacksverst\u00e4rker f\u00fcr alte CSU-Forderungen wie die Fl\u00fcchtlingsobergrenze, die Aussetzung des Familiennachzugs und die Versch\u00e4rfung der Abschiebepraxis.<\/p>\n<p>Dies alles wissen wir im Grunde l\u00e4ngst. Dennoch spielen wir das Medienspiel der Schein- und Pseudodebatten allesamt mit. Denn es funktioniert \u2013 zumindest insofern wir so Aufmerksamkeit erregen, auch wenn wir dabei gleichzeitig die Demokratie ruinieren. Der Verfall politischer Begriffe zu populistischen Parolen ist symptomatisch f\u00fcr unsere desastr\u00f6se Politikkultur. Er ist Teil einer Systemkrise, der wenn schon nicht mit Revolution, so doch wenigstens mit einer Kampfansage der kritischen Intelligenz begegnet werden sollte. Denn die \u00dcbertragung von Werbestrategien in die Politik f\u00fchrt nicht allein zu einer st\u00e4ndig wachsenden Emotionalisierung der gro\u00dfen gesellschaftlichen Streitfragen. Sie h\u00f6hlt die politischen Inhalte selbst aus, sodass inzwischen offenkundig nicht einmal so manche politisch Handelnden noch wissen, was die da politisch eigentlich genau tun (wie ein prominentes amerikanisches Beispiel zurzeit beinahe t\u00e4glich belegt). Und sie f\u00fchrt, insofern sie Affekte anstachelt, zwangsl\u00e4ufig zu einer Radikalisierung beim Austragen politischer Konflikte. Wo Argumentation durch Emotion ersetzt wird, ist Gewalt, sind kriegerische &#8222;L\u00f6sungen&#8220; nicht fern. Die Sorte von Radikalit\u00e4t, die dabei entsteht, hat allerdings noch weniger mit Revolution zu tun als die j\u00fcngste Revolutionierung meines Nassrasierers \u2013 auch wenn sie zum Beispiel von fundamentalistischen Terroristen damit verwechselt wird. Sie ist nichts als dumpfe Barbarei.<\/p>\n<p>Der Ausdruck &#8222;konservative Revolution&#8220; tauchte \u00fcbrigens schon in den fr\u00fchen f\u00fcnfziger Jahren auf und l\u00f6ste Kontroversen aus. In seiner Dissertation hatte der Schweizer Publizist Armin Mohler eine Gruppe von Dichtern und Denkern aus der Zeit der Weimarer Republik zu Vertretern einer konservativen Revolution jenseits des Nationalsozialismus erkl\u00e4rt. Tats\u00e4chlich war die Formulierung von Schriftstellern wie Hugo von Hofmannsthal oder Thomas Mann bereits fr\u00fcher verwendet worden. Doch Mohler, damals Privatsekret\u00e4r von Ernst J\u00fcnger, wollte ein gesinnungsideologisches Kampfwort pr\u00e4gen. Der kritische Gegenwind war heftig: In der Geschichte habe eine konservative Revolution noch nie konkret stattgefunden, der Begriff sei daher unhaltbar, stifte nur Verwirrung, arbeite einem politischen Irrationalismus zu. Dar\u00fcber hinaus handle es sich bei der Formulierung um ein Oxymoron, also um eine sich selbst widersprechende rhetorische Figur, Bewahren und Umw\u00e4lzen schl\u00f6ssen einander aus. Die Einw\u00e4nde konnten dennoch die Karriere des Ausdrucks und seines Verfechters Mohler nicht verhindern. Der wurde Berater und Redenschreiber von Franz Josef Strau\u00df, sp\u00e4ter von Franz Sch\u00f6nhuber, dem Gr\u00fcnder und Parteivorsitzenden der Republikaner, am Ende war Mohler Stichwortgeber f\u00fcr die franz\u00f6sische Neue Rechte um Alain de Benoist.<\/p>\n<p><strong>Ideal einer Menschheitsbefreiung<\/strong><\/p>\n<p>Die politische Rede von der konservativen Revolution war von Anfang an eine Chim\u00e4re. Und doch ist der Unterschied zum gegenw\u00e4rtigen Gebrauch bemerkenswert: W\u00e4hrend der Begriff heute als Atmosph\u00e4re und Geschmacksverst\u00e4rker dient, bedeutete er in Zeiten des Kalten Kriegs, in der neben der milit\u00e4rischen auch massiv ideologische Aufr\u00fcstung betrieben wurde, den Versuch, dem kommunistischen oder einfach nur linken Gegner positiv besetzte Begriffe wegzunehmen, sie selbst zu besetzen und f\u00fcr eigene politische Ziele umzudeuten. Zu diesen positiv besetzten &#8222;sozialistischen&#8220; Begriffen z\u00e4hlte auch: Revolution. Nach der Analyse des Historischen Materialismus und Karl Marx ist &#8222;die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen&#8220; wie es im <em>Kommunistischen Manifest<\/em> hei\u00dft. Auf die Franz\u00f6sische Revolution von 1789 folgte deshalb zwingend die Oktoberrevolution von 1917, die f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter zur Gr\u00fcndung der Sowjetunion f\u00fchrte. Revolution bedeutet nach Karl Marx die Befreiung und Emanzipation der Individuen aus den Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen ihrer jeweiligen Herrschaftssysteme. Die Befreiung erfolgt schrittweise. Stufe f\u00fcr Stufe n\u00e4hert sich die Menschheit ihrem Ziel, der freien und gleichen Gesellschaft des Kommunismus. Das Ausma\u00df der revolution\u00e4ren Gewalt h\u00e4ngt ab von der Brutalit\u00e4t, mit der die Macht ihr Unterdr\u00fcckungssystem aufrechterh\u00e4lt und verteidigt.<\/p>\n<p>Was sich bei diesem Prozess jedoch immer wieder neu herausbilden muss, so folgt es aus der Marxschen Analyse, ist das revolution\u00e4re Subjekt. So wie sich der B\u00fcrger vom Adel befreien musste, musste sich der Arbeiter vom B\u00fcrger befreien. Denn der Knecht von einst schwingt sich hinterher stets zum Herrn auf. Der Kapitalist beerbte den Feudalherrn, die Bourgeoisie unterjochte die Arbeiterschaft. Zu guter Letzt aber werde die Diktatur des Proletariats die Voraussetzungen f\u00fcr eine wahrhaft kommunistische Gesellschaft schaffen \u2013 die allerdings erst nach ihr beginne.<\/p>\n<p>Die positive Verkn\u00fcpfung des Revolutionsgedankens mit dem Ideal einer Menschheitsbefreiung ist aber bekanntlich durch den real existierenden Sozialismus selbst zerst\u00f6rt worden. Schon bevor Stalin die UdSSR zum totalit\u00e4ren Terrorregime umbaute, wurde die Staatsform einer Sowjet-, also R\u00e4terepublik durch die Diktatur der Kommunistischen Partei ersetzt. Als 1921 die Matrosen in Kronstadt unter dem Motto &#8222;Alle Macht den Sowjets \u2013 Keine Macht der Partei&#8220; einen Aufstand anzettelten und die R\u00fccknahme des Parteidiktatur forderten, lie\u00df Leo Trotzki, der die Sowjets oder R\u00e4te als konterrevolution\u00e4r diffamierte, den Aufstand blutig niederschlagen. Stalin schaffte in der sowjetischen Verfassung von 1936 das R\u00e4tesystem dann auch formell ab und behielt es mit der Bezeichnung Sowjetunion nur im Namen bei.<\/p>\n<p><strong>Poppige Provokation<\/strong><\/p>\n<p>Eine Revolution, der gewaltsame Umsturz der bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, ist in der Geschichte mehrfach gelungen. Ein revolution\u00e4rer Systemwandel konnte sich politisch auf Dauer noch nie durchsetzen. Die Franz\u00f6sische Revolution m\u00fcndete in der Schreckensherrschaft unter Robespierre und im Kaisertum Napoleons. Die Pariser Kommune von 1871, das Vorbild f\u00fcr eine R\u00e4tedemokratie, w\u00e4hrte etwas mehr als zwei Monate, bevor sie milit\u00e4risch beendet wurde. In Bayern gab es die R\u00e4terepublik vier Wochen, in Berlin lie\u00df man es gar nicht erst so weit kommen.<\/p>\n<p>Andererseits schwebt <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2018\/02\/hannah-arendt-essay-freiheit-revolution-zyklus-zeitalter\">Hannah Arendt<\/a> noch 1963 in ihrem Buch <em>\u00dcber die Revolution<\/em> nach wie vor ein System mit direkt gew\u00e4hlten R\u00e4ten als m\u00f6gliches Ziel eines revolution\u00e4ren Wandels vor. R\u00e4te sind mit einem imperativen Mandat ausgestattet, also im Gegensatz zum freien Mandat des parlamentarischen Abgeordneten nicht nur ihrem Gewissen gegen\u00fcber verantwortlich, sondern an die Weisungen ihrer Basis gebunden. Sie k\u00f6nnen jederzeit abgew\u00e4hlt werden. Der Sinn dieser Regelung besteht darin, eine direktere Beteiligung der Bev\u00f6lkerung an ihren politischen Institutionen zu gew\u00e4hrleisten. Noch unter dem Eindruck der gewaltsamen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands von 1956 hielt jedoch auch Arendt die Verwirklichung eines solchen Systems f\u00fcr v\u00f6llig utopisch.<\/p>\n<p>Es sieht demnach beinahe so aus, als habe man den Begriff Revolution zu Recht zu einem Reklamewort verkommen lassen. Zumal ab der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts noch eine weitere bis heute ungekl\u00e4rte Schwierigkeit aufgetaucht ist: Wer eigentlich \u00fcbern\u00e4hme im Fall einer Revolution die Rolle des revolution\u00e4ren Subjekts? Das beginnende Verschwinden der Arbeiterklasse im Westen, ihre Aufl\u00f6sung in eine konsumorientierte neue Mittelschicht einerseits, ihr Absinken in ein prek\u00e4res Subproletariat andererseits, war schon zu Zeiten der Studentenunruhen um 1967 und 1968 zu beobachten. Letztlich war es das Fehlen dieses Subjekts, das dazu f\u00fchrte, dass die anfangs als Revolution angedachte Studentenbewegung im Gestus der Revolte stecken blieb bzw. in die realit\u00e4tsblinde Konstruktion eines linksterroristischen revolution\u00e4ren Untergrunds abglitt. Die poppige Provokation ersetzte die politische Aktion. So ist es kein Zufall, dass heute mit \u00e4hnlich parasit\u00e4rem Duktus wie beim Pseudobegriff &#8222;Konservative Revolution&#8220; vor bald siebzig Jahren rechtsradikale Randgruppen wie die Identit\u00e4ren Pop-Strategien des subversiven Protests kopieren und gegen Symbolfiguren eben jener 68er richten. Man mag Aktionen wie die St\u00f6rung einer Auff\u00fchrung mit Fl\u00fcchtlingen von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2016-04\/identitaere-bewegung-wien-theater-elfriede-jelinek-die-schutzbefohlenen\">Elfriede Jelineks St\u00fcck <em>Die Schutzbefohlenen<\/em><\/a> an der Uni Wien 2016, bei der rechtsextreme Aktivisten das Publikum mit k\u00fcnstlichem Blut bespritzten, f\u00fcr armselig und l\u00e4cherlich halten, Erregung l\u00f6sten sie in der populistischen \u00d6ffentlichkeit allemal aus.<\/p>\n<p><strong>Offensiv nachdenken<\/strong><\/p>\n<p>Eine Revolution, die Umw\u00e4lzung der Verh\u00e4ltnisse also in ein gerechteres, weniger ungleiches, nicht mehr ausbeuterisches System scheint also nach hundertf\u00fcnfzig Jahren des Scheiterns und des Verrats an der Sache in weitere Ferne ger\u00fcckt denn je. Dennoch werden wir nicht herumkommen um das Entwerfen und Verfechten besserer Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Seit der \u00f6konomischen und digitalen Globalisierung wird die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen immer gr\u00f6\u00dfer. Die Ausbeutung ganzer Kontinente, Ausgrenzung ganzer Bev\u00f6lkerungsschichten, Betrug im ganz gro\u00dfen Stil, die Verbreitung von L\u00fcgen sind heute an der Tagesordnung. Und die Dynamik dieses fatalen Prozesses gesellschaftlicher Erosion d\u00fcrfte immer noch weitergehen. Es ist kein Katastrophismus, darauf hinzuweisen, dass Spannungen sich irgendwann explosionsartig entladen, wenn sie sich \u00fcber lange Zeit aufstauen und eine L\u00f6sung nirgends in Sicht ist. \u00dcber eine solche L\u00f6sung in der politischen \u00d6ffentlichkeit endlich wieder offensiv nachzudenken, anstatt sich mit angeblich alternativlosen Gegebenheiten abzufinden, ist daher dringend geboten. Und auch wenn die Entw\u00fcrfe besserer Gesellschaftsmodelle utopisch sein m\u00f6gen \u2013 wir brauchen sie als Perspektive f\u00fcr unser politisches Handeln, wie <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/30\/sokrates-apologie-der-pluralitaet-hannah-arendt\">Hannah Arendt<\/a> noch wusste.<\/p>\n<p>Ein modifiziertes R\u00e4tesystem scheint hierf\u00fcr nach wie vor attraktiv. Der US-amerikanische \u00d6konom Michael Albert etwa arbeitet an einem Modell f\u00fcr eine partizipative Wirtschaftsordnung, das er Parecon nennt und das seine Strukturen auf demokratischen Produzenten- und Konsumentenversammlungen aufbaut. Der griechische Philosoph und \u00d6konom Takis Fotopoulos schl\u00e4gt in seinem Buch <em>Umfassende Demokratie<\/em> die Selbstverwaltung von Produktionsst\u00e4tten, Kulturinstitutionen und Medien mit Arbeiter-, Angestellten-, Studentenr\u00e4ten etc. und deren f\u00f6derative Vernetzung vor, um die Machtkonzentration der entfesselten M\u00e4rkte zu brechen.<\/p>\n<p><strong>Zur Ware herabgew\u00fcrdigt<\/strong><\/p>\n<p>Von elementarer Bedeutung wird sein, auch \u00fcber das revolution\u00e4re Subjekt neu nachzudenken. Der Impuls hierzu kommt aus dem Postkolonialismus-Diskurs. Schon <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2002\/38\/Apostel_der_Entkolonisierung\">Frantz Fanon<\/a> lie\u00df in seinem Hauptwerk <em>Die Verdammten dieser Erde<\/em> von 1960 die marxistischen und existenzialistischen Vorstellungen vom ausgebeuteten Arbeiter hinter sich und setzte den kolonialisierten K\u00f6rper <em>und<\/em> den kolonialisierten Geist des Schwarzen und ehemaligen Sklaven an dessen Stelle. Keine Partei, erst der Kampf gegen die einstigen Sklaventreiber und heutigen Rassisten werde die neuen Organisationsformen der Gesellschaft hervorbringen, so Fanon. Der Philosoph <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/49\/postkolonialismus-achille-mbembe\">Achille Mbembe<\/a> greift Fanons Gedanken wieder auf und \u00fcbertr\u00e4gt sie auf die gegenw\u00e4rtige Weltgesellschaft. In der digitalen und \u00f6konomischen Globalisierung werden der K\u00f6rper <em>und <\/em>der Geist aller Menschen nach dem &#8222;Vorbild der Sklavenlogiken des Fangens und Erbeutens&#8220; und der &#8222;kolonialen Logiken der Besetzung und Ausbeutung&#8220; in Besitz genommen, schreibt Mbembe. Wie der schwarze Sklave von damals wird der Einzelne von heute zur Ware erniedrigt. Nach Mbembe werden wir derzeit alle zu &#8222;Negern&#8220; gemacht.<\/p>\n<p>Wenn wir langfristig wirklich etwas am Zustand der Welt \u00e4ndern wollen, sollten wir endlich anfangen, ein allgemeines Bewusstsein zu schaffen daf\u00fcr, dass und mit welchen Mitteln und Methoden wir gefangen, in Besitz genommen und zur Ware herabgew\u00fcrdigt werden \u2013 physisch <em>und <\/em>psychisch. Um den Strukturen, die daf\u00fcr sorgen, dass dies bislang so ohne Weiteres m\u00f6glich ist, \u00fcberhaupt erst wieder an den richtigen Stellen Widerstand entgegensetzen zu k\u00f6nnen. Vielleicht hat dann irgendwann einmal auch die Idee einer Revolution wieder Sinn.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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