{"id":6832,"date":"2018-02-11T06:00:42","date_gmt":"2018-02-11T05:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6832"},"modified":"2018-02-12T00:37:17","modified_gmt":"2018-02-11T23:37:17","slug":"migration-speicheltest-braslavsky","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/02\/11\/migration-speicheltest-braslavsky\/","title":{"rendered":"Die Vorfahren aus Afrika, die Tochter semmelblond"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum haben Menschen Angst vor Migration? Wir alle sind Gefl\u00fcchtete. Eine Speichelprobe hat mir die Geschichte meiner Familie erz\u00e4hlt. Sie wird bei allen \u00e4hnlich sein.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6850\" aria-describedby=\"caption-attachment-6850\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6850\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/freitext-migration-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-migration-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-migration-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-migration-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-migration.jpg 1219w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6850\" class=\"wp-caption-text\">Zugv\u00f6gel nahe Rahat, Israel \u00a9 REUTERS\/Nir Elias<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es geschah im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts in einem kleinen Dorf in Westafrika, unweit der Atlantikk\u00fcste, wo die Geschichte zwar l\u00e4ngst nicht begonnen hatte, aber wo sie einen n\u00e4chsten entscheidenden Wendepunkt nahm: Eine meiner Ur-Ur-Ur-Ahninnen ergriff die Flucht. An sich keine spektakul\u00e4re Sache in den Annalen meines Klans, aber diesmal sollte sie nicht nur interkontinentale Ausma\u00dfe haben, sondern derartige Konsequenzen, die die j\u00fcngsten genuinen Linien meines Gebl\u00fcts im (f\u00fcr historische Verh\u00e4ltnisse) &#8222;Affentempo&#8220; verbogen.<!--more--><\/p>\n<p>Sie (nennen wir sie Dalanda) stand kurz vor ihrer Vollj\u00e4hrigkeit, eine schmale, hochgewachsene Nymphe, vielleicht die zweitsch\u00f6nste in ihrem Dorf, die ihrem Namen durch ihre Neugier, ihren Einfallsreichtum und Witz alle Ehre machte. Doch ihre Kindheit und Jugend waren bestimmt von der Angst der Familie und der Dorfbewohner vor \u00dcberfremdung. \u00dcber die n\u00f6rdliche Atlantikroute kamen mehr und mehr Schiffe mit fremdartigen, m\u00e4nnlichen Einwanderern, meist abgemagerte, wei\u00dfh\u00e4utige Franzosen oder Spanier ohne gr\u00f6\u00dfere Bildung, die aus den kalten, \u00e4rmlichen &#8222;Schei\u00dfl\u00f6chern&#8220; Europas kamen, um in der warmen, paradiesischen Elfenbeink\u00fcste die gesellschaftliche Freiz\u00fcgigkeit auszunutzen und am uneingeschr\u00e4nkten Zugang zu den Reicht\u00fcmern der Natur teilzuhaben. Die Dorf\u00e4ltesten nannten sie ver\u00e4chtlich &#8222;Wei\u00dfes Pack&#8220;. Die Frauen wurden angehalten, sich von diesen M\u00e4nnern fernzuhalten, denn sie f\u00fcrchteten nichts mehr als den Untergang ihrer Kultur.<\/p>\n<p>Als kleines M\u00e4dchen stahl Dalanda sich manchmal unter einem Vorwand aus der Lehrstunde, suchte sich ein gutes Versteck am Hafen und beobachtete von dort aus fasziniert die Ankunft der Wei\u00dfen, deren Haut nie so wei\u00df war, wenn sie ankamen, sie war eher dunkel vom Dreck der wochenlangen \u00dcberfahrt.<\/p>\n<p>Vor zwei Wochen legte wieder so ein Schiff mit Wei\u00dfen an, aber diesmal stieg ein Mann aus, dessen Haut so rein und so wei\u00df war wie sein Hemd und der solch t\u00fcrkisfarbene Augen wie das Meer selbst hatte, dass Dalanda dachte, die G\u00f6tter h\u00f6chstpers\u00f6nlich h\u00e4tten ihn geschickt. Dieser J\u00fcngling aus Frankreich, nennen wir ihn Elliot, war gekommen, um die Sprache und Kultur der Einwohner zu studieren und ein Buch dar\u00fcber zu verfassen. Doch niemand im Dorf wollte ihm dabei behilflich sein \u2013 bis auf Dalanda. Sie traf ihn nur nachts und immer nur f\u00fcr drei Stunden und weihte ihn heimlich in die Welt ihrer Vorfahrinnen und Vorfahren ein. Dalanda wusste, dass das ein Verbrechen war. Und sie wusste, als Elliot sie k\u00fcsste, dass von da an nichts mehr so sein w\u00fcrde wie vorher. Bald erfuhr ihre Familie von ihrer Liaison mit dem Franzosen, und bald bemerkte sie ihre Schwangerschaft. Und Elliot liebte sie aufrichtig. Dalanda floh mit ihm vor dem Mitleid ihrer Familie und dem Gef\u00fchl der Schande, aber sie floh in die Hoffnung auf ein gl\u00fccklicheres Leben mit ihm. Monatelang zogen sie \u00fcbers Festland Richtung Norden, ausgezehrt von der Hitze, von Unwegsamkeiten und unz\u00e4hligen Betr\u00fcgereien, aber getrieben vom Adrenalin der Neugier, bis sie endlich den Hafen von Melilla erreichten und mit einer Schaluppe nach Europa \u00fcbersetzten.<\/p>\n<p><strong>Am Grab weinten nur Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Und weil Elliot sich nicht mit einer (schwarzen) Frau wie Dalanda zu Hause sehen lassen konnte, versteckten sie sich im Sommerhaus bei Freunden auf Sardinien. Dort brachte Dalanda einen Jungen zur Welt, nennen wir ihn Jacopo, dessen Haut wie Honig gl\u00e4nzte und dessen krauses Haar r\u00f6tlich-braun in der Sonne schimmerte. Elliot verdiente sich Geld als Lehrer und Dalanda versteckte sich meistens im Haus, weil sie die ver\u00e4chtlichen Blicke der Dorfbewohner nicht aushalten konnte. Sie k\u00fcmmerte sich um ihren Sohn, unterrichtete ihn und konnte ihm keinen Wunsch abschlagen, er war der Blickfang der gesamten Insel.<\/p>\n<p>Und Jacopo wuchs heran, ein Mann so sch\u00f6n und schlau und redegewandt, er wurde ein Dandy und Womanizer. Und als ihn eines Tages ein einflussreicher Mann aus Florenz und Vater einer seiner vielen Freundinnen, einer seiner eher mittelsch\u00f6nen, aufsuchte, ihn f\u00fcr die Schwangerschaft seiner Tochter zur Rechenschaft zog und ihn aufforderte, sie zu heiraten, da floh Jacopo vor der Verantwortung und vor dem Gerede der Leute. Etwas \u00fcbereilt nahm er das lukrative Angebot eines schwedischen Orthop\u00e4dieschuhmachers an, der gerade aus Nordafrika zur\u00fcckgekehrt und auf der Durchreise war, und stieg in seine neu gegr\u00fcndete Schuhmanufaktur im schwedischen Lund ein. Er sollte \u00fcberdies das Gesicht auf den Werbeschildern sein, das lachende Gesicht zum gesunden Schuh f\u00fcr den modernen Mann.<\/p>\n<p>Er sollte, denn leider hatte sich sein Partner finanziell derart \u00fcbernommen, dazu wurde ihm die staatliche Unterst\u00fctzung gek\u00fcrzt, hinzu kamen noch (aufgrund eines \u00dcberfalls auf das Schiff) Material-Lieferausf\u00e4lle, dringend ben\u00f6tigtes Leder, das er in Nordafrika bestellt hatte, so dass der schwedische Unternehmer Bankrott ging und sich kurz darauf das Leben nahm.<\/p>\n<p>Aber Jacopo hatte genug Charme, um zu \u00fcberleben. Er wurde dem Schwedischen sehr schnell m\u00e4chtig und verzauberte mit seinem italienischen Singsang die Herzen der wohlhabenden Frauen von Lund. Offiziell blieb er unverheiratet und kinderlos. Wie viele Kuckuckskinder allerdings von ihm waren, dar\u00fcber l\u00e4sst sich heute nichts mehr sagen. Jacopo starb zu jung an den Folgen von Syphilis. An seinem Grab weinten nur Frauen, und einige Kinder, die sie bei sich hatten, sahen ihm verd\u00e4chtig \u00e4hnlich.<\/p>\n<p><strong>Illegal in Schweden untergetaucht<\/strong><\/p>\n<p>Hier h\u00e4tte die Geschichte offiziell zu Ende sein k\u00f6nnen, aber da war noch sein uneheliches Kind, das er in Italien zur\u00fcckgelassen hatte, ein M\u00e4dchen, sagen wir mit dem Namen Beatrice, die heimlich bei Dalanda und Elliot aufwuchs, um der einflussreichen m\u00fctterlichen Familie in Florenz keine Schande zu machen. Beatrice hatte die t\u00fcrkisfarbenen Augen ihres Gro\u00dfvaters, die hagere, hohe Statur und den Witz ihrer Gro\u00dfmutter und wildes, sehr wildes lockiges blondes Haar. Kaum war sie 16 Jahre alt, suchte sie ihr Gro\u00dfvater aus Florenz auf, er kreuzte gemeinsam mit einem greisenhaften Herren auf, einem reichen Kaufmann aus Mailand, und verk\u00fcndete, dass Beatrice diesen Mann heiraten solle, um die Ehre der Familie wiederherzustellen. Noch in derselben Nacht ergriffen Beatrice und Dalanda gemeinsam die Flucht mit allem Geld, das Elliot f\u00fcr sie auftreiben konnte. Sie wollten Jacopo finden und machten sich auf die Suche nach ihm. Elliot, der gesundheitlich schwer angeschlagen war, kehrte zu seiner Familie nach Frankreich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Unweit von Lund wurde Dalanda Opfer eines rassistischen \u00dcberfalls. Beatrice war nun auf sich allein gestellt, und wie ihr Vater hatte sie Gl\u00fcck. Sie traf schnell auf die Frau eines schwedischen Gro\u00dfunternehmers, die Jacopo mehr als nur kannte, die Beatrice zu sich nahm und von seinem Schicksal berichtete. Beatrice schrieb Gro\u00dfvater Elliot einen langen Brief an die Adresse, die Gro\u00dfmutter Dalanda vor Urzeiten mal in ihr Notizbuch geschrieben hatte. Aber eine Antwort erhielt sie nicht. Sie traf bald (und eher zuf\u00e4llig) auf einen norwegischen Desertierten, nennen wir ihn Svein, der (\u00fcberzeugter Patriot) f\u00fcr die d\u00e4nische Krone im napoleonischen Feldzug gegen Schweden in die Schlacht ziehen sollte und sich aber bei Nacht und Nebel auf dem Weg an die Front davongeschlichen hatte. Er war daraufhin illegal in Schweden untergetaucht und hatte f\u00fcr einen Bauern gearbeitet, um an finanzielle Mittel zu kommen. Ein H\u00fcne mit rotbraunem Haar und stechend blauen Augen. Er wollte weiter nach England, um dann \u00fcber den Atlantik nach Amerika auszuwandern. Svein verliebte sich in Beatrice und Beatrice in ihn. Und kurz darauf brannten sie gemeinsam durch. Svein fl\u00fcchtete vor dem Gesetz und Beatrice aus Liebe und vor der Alternativlosigkeit.<\/p>\n<p>Nach tagelanger \u00dcberfahrt auf einem eher klapprigen Kahn erreichten sie Edinburgh. Sie zogen weiter ins Landesinnere bis an die K\u00fcste auf der anderen Seite der Insel, bis nach Ayr. Einige Monate vergingen, bis sie einen kleinen Hof \u00fcbernehmen konnten, gerade noch rechtzeitig, bis Beatrice einen Sohn zur Welt brachte, Angus Thore Jacopo. Der erste Name ein schottischer, um ihn zu erden, der zweite Name kam von Sveins Vater und dahinter der von Beatrices Vater.<\/p>\n<p><strong>Die n\u00e4chste F\u00e4hre nach Liverpool<\/strong><\/p>\n<p>Lange w\u00e4hrte ihr Gl\u00fcck leider nicht. Die Dorfbewohner \u00e4chteten sie, weil sie Ausl\u00e4nder waren, dazu noch ein gemischtes Paar und unverheiratet. Aber auch nach ihrer Hochzeit \u00e4nderte sich nichts. Svein geriet mehr und mehr in Streitigkeiten mit einem Nachbarhof, die sich zu handfesten Kleinkriegen entwickelten, bis eines Tages Svein und der Nachbar derart in Rage gerieten, dass Svein die Beherrschung verlor und ihn ermordete. Er wurde verhaftet und zu lebenslang verurteilt. Bald darauf bekam Beatrice die Nachricht, dass er sich in der Zelle erh\u00e4ngt hatte.<\/p>\n<p>Auf dem Hof konnte und wollte sie nicht bleiben. Sie ertrug die Feindseligkeiten nicht mehr. Hals \u00fcber Kopf verkaufte sie das Anwesen viel zu g\u00fcnstig, packte die wichtigsten Dinge, sammelte alles Geld zusammen und nahm ihren Sohn. Sie heuerte einen Bootsmann an, der sie zun\u00e4chst auf die irische Insel, nach Belfast bringen sollte. Die ersten Tage wohnte sie in einer billigen Pension. Und bald fand sie eine Anstellung als Hausm\u00e4dchen bei der Familie O\u2019Brian, bei der sie ihren Sohn tags\u00fcber mit den Kindern der Herrschaften unterbringen durfte. Dort schrieb sie ihrem Gro\u00dfvater Elliot erneut einen langen Brief nach Frankreich. Aber auch jetzt bekam sie wieder keine Antwort. Die Monate zogen ins Land, Angus war bereits ein Jahr alt und Mrs. O\u2019Brian sah der Niederkunft mit ihrem achten Kind entgegen, als Beatrice pl\u00f6tzlich eine Rose auf ihrem Bett vorfand. Zun\u00e4chst dachte sie sich nichts dabei. Beim n\u00e4chsten Mal lag allerdings ein Brief mit dem Siegel der O\u2019Brians daneben. Mr. O\u2019Brian erwartete sie um Mitternacht am Hintereingang des Hauses. Aus diesem Treffen entwickelte sich eine Aff\u00e4re, die Beatrice vom ersten Tag an bereute, die sie aber leider nicht verhindern konnte. Sie wusste, dass, wenn sie nicht mitspielte, er sie hinauswerfen lassen w\u00fcrde. Und sie wusste, dass, wenn seine Frau davon erfahren sollte, sie sie ebenfalls sofort entlassen w\u00fcrde. So gut Beatrice konnte, verheimlichte sie die Liaison, aber sie wurde alsbald schwanger. Und die Schwangerschaft schritt voran. Und sie h\u00e4tte f\u00fcr ihren Zustand auch leicht eine wahre L\u00fcge erfinden k\u00f6nnen, w\u00e4re ihr nicht Mr. O\u2019Brian zuvorgekommen. Der hat die Aff\u00e4re kurzerhand beendet und ihre Anstellung gek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Beatrice beschloss, zu ihrem Gro\u00dfvater nach Frankreich zu fahren. Mit Angus bestieg sie die n\u00e4chste F\u00e4hre nach Liverpool, von wo aus sie die n\u00e4chste F\u00e4hre Richtung S\u00fcden nehmen wollte. Aufgrund eines Unwetters war der F\u00e4hrbetrieb allerdings lahmgelegt. Beatrice hatte kaum finanzielle Mittel zur Verf\u00fcgung. Sie fand keine bezahlbare Unterkunft. Sie suchte sich einen Unterschlupf im Wartesaal eines Krankenhauses und versteckte sich so gut sie konnte. Eine Nacht hatte sie das Mitleid einer Schwester, die sie mit dem kleinen Jungen nicht auf die Stra\u00dfe werfen wollte. Aber die Nachtschwester am n\u00e4chsten Tag verfuhr streng nach Vorschrift und setzte sie mit dem Betriebsschluss am fr\u00fchen Abend vor die T\u00fcr. Sie und Angus stellten sich unter einen Vorsprung, um sich vor dem Regen zu sch\u00fctzen, als ein Mann auf sie zukam. Er betrachtete Beatrices wilde Locken, warf einen Blick auf den kleinen Jungen und einen auf ihren gew\u00f6lbten Bauch und bot ihr einen Unterschlupf bei sich zu Hause an. Arthur, nennen wir ihn so, war kein Adonis, das kugelrunde Gesicht, das sp\u00e4rliche Haar, die stets ben\u00e4ssten, wulstigen Lippen, das steife L\u00e4cheln, aber er war herzensgut. Er war angestellt bei einer englischen Privatbank. Beatrice gew\u00f6hnte sich an ihn, sagen wir es so, sie liebte ihn nicht, aber sie f\u00fchlte sich sicher und sie mochte seinen morbiden Humor. Er war zwar oft betrunken, aber wollte ihr alle W\u00fcnsche erf\u00fcllen. Arthur heiratete sie und adoptierte Angus. Und dann brachte sie das Kind O\u2019Brians zur Welt, ein M\u00e4dchen, nennen wir sie Natalie Dalanda.<\/p>\n<p><strong>Mit einem griechischen Partisanen<\/strong><\/p>\n<p>Langsam schien Beatrices Leben in ruhigen Bahnen zu verlaufen. Sie verfasste einen n\u00e4chsten Brief an ihren Gro\u00dfvater, auch um ihm ihre neue Adresse mitzuteilen, aber ein paar Jahre zogen ins Land, ohne eine Reaktion von ihm. Eines Tages kam Arthur ungew\u00f6hnlich fr\u00fch nach Hause, mit einem Koffer. Er war nerv\u00f6s, er bat sie, das Wichtigste und die Kinder zusammenzupacken. Sie verschwanden noch in derselben Nacht, verlie\u00dfen England \u00fcber D\u00e4nemark, nahmen dann unz\u00e4hlige Kutschen kreuz und quer \u00fcber den europ\u00e4ischen Kontinent, um schlie\u00dflich in Karlsbad unterzutauchen. Erst hier erfuhr Beatrice den Grund f\u00fcr die Flucht. Arthur, der zwanzig Jahre lang ein treuer und loyaler Angestellter bei der Bank war, wurde gek\u00fcndigt, ohne Angabe von Gr\u00fcnden. Nur aufgrund von Rationalisierungsma\u00dfnahmen. Er griff sich noch am selben Tag alles Geld, das er in der Bank finden konnte, verstaute es in einem Koffer und ging nach Hause. W\u00e4hrend der Reise tauschte er Teile davon in andere W\u00e4hrungen. Von einem Teil dieses Geldes kaufte er ein zweist\u00f6ckiges Reihenhaus unter dem Familiennamen Sacher, ein gel\u00e4ufiger Familienname in dieser Gegend, den Arthur und die Familie ab da an offiziell trugen.<\/p>\n<p>Das erste Jahr verging fast lautlos. Arthur f\u00fcrchtete jeden Engl\u00e4nder, der zur Erholung in die Kurstadt kam. Beatrice \u00fcberredete ihn, irgendwo aufs Land zu ziehen und das Haus zu verkaufen. Das taten sie und zogen auf einen Hof in der N\u00e4he eines kleinen b\u00f6hmischen Dorfes. Hier kam bald Beatrices drittes Kind zur Welt, nennen wir es Johann Elliot.<\/p>\n<p>Die Jahre vergingen. Die Kinder wuchsen heran. Natalie Dalanda, eine Pummelige mit Potenzial f\u00fcr eine Landpomeranze, brannte eines Tages (gegen den Willen ihrer Eltern) mit einem jungen griechischen Partisanen (sagen wir: Kassandros) nach Griechenland durch und schloss sich dort dem Unabh\u00e4ngigkeitskampf an. Kassandros stirbt in den Unruhen. Und sie kehrt f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter mit zwei kleinen T\u00f6chtern heim, Franziska und Barbara. Arthur und Beatrice sind bereits tot. Natalie heiratet schlie\u00dflich einen b\u00f6hmischen Finanzbeamten und zieht nach Pilsen. Angus hatte seinen Namen in Albert ge\u00e4ndert und f\u00fchrte den Hof. Johann versuchte sich nach einer j\u00fcngsten Pleite mit der Gr\u00fcndung einer Porzellan-Manufaktur.<\/p>\n<p>Wir stecken jetzt tief im 19. Jahrhundert. Weitere Hochzeiten \u00fcber D\u00f6rfer und Kulturen hinweg, Kinder, Todesf\u00e4lle, Gesch\u00e4fte, Bankrotts wechseln sich ab. Reiche zerfallen, der Erste Weltkrieg und dann der Zweite. Und schlie\u00dflich fliehen meine Gro\u00dfeltern Emma und Edmund (v\u00e4terlicherseits) mit Erhard und (m\u00fctterlicherseits) meine Gro\u00dfmutter Frida mit ihren sieben Kindern aus den sogenannten Ostgebieten in den \u201cOsten\u201d weiter westlich. Und ich? \u2013 Ich fliehe dann (wie kann es anders sein) im Fr\u00fchsommer 1989 aus diesem \u201cneuerlichen Osten\u201d und bewege mich seither ebenso rastlos \u00fcber die Kontinente wie alle meine Vorfahren.<\/p>\n<p><strong>Die Kunst des Fliehens<\/strong><\/p>\n<p>Diese Geschichte verdanken wir zwei genealogischen Tests, die zwar nicht in allem identisch sind, aber sich in der Grundaussage decken. Den mit dem ausf\u00fchrlicheren Ergebnis (23andme) nutze ich hier zur Illustration. Letztes Jahr schickten wir (meine Mutter, mein Bruder, mein Mann, meine Tochter und ich) je eine Speichelprobe an zwei transatlantische Labors. Mit dem Tag, als ich die Ergebnisse sah, \u00e4nderte sich mein Bewusstsein \u00fcber das, woraus ich gemacht bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6841\" aria-describedby=\"caption-attachment-6841\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6841 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/emmaschromosomes-620x449.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmaschromosomes-620x449.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmaschromosomes-768x556.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmaschromosomes.jpg 887w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6841\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot Reports\/23andme<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6842\" aria-describedby=\"caption-attachment-6842\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6842 size-large\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/emmas_ancestry_timeline-1024x460.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmas_ancestry_timeline-1024x460.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmas_ancestry_timeline-620x278.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmas_ancestry_timeline-768x345.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6842\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot Reports\/23andme<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, ausgewiesene, Jahrhunderte alte Expertise in Sachen Flucht zu haben. Ich beherrsche die Kunst des Fliehens aus dem Effeff: Fliehen vor dem Gesetz, vor Mitleid, vor der Verantwortung, vor der Enge der Provinz, vor der Ideologie und dem Staat, vor einem selbst, vor den Schulden und f\u00fcr die eigene Sache, f\u00fcr die Liebe und f\u00fcr die Tr\u00e4ume. Sogar ein halbseidener Test in Facebook, der vorgibt, anhand des Fotos die ethnischen Zugeh\u00f6rigkeiten sch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, bescheinigt mir (wenngleich l\u00fccken- und fehlerhaft) eine \u00e4hnliche Qualifikation.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-6844\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/emma_quizzstar-1024x961.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"601\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emma_quizzstar-1024x961.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emma_quizzstar-620x582.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emma_quizzstar-768x721.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emma_quizzstar.jpg 1596w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und warum erz\u00e4hle ich diese Geschichte? Weil ich als Th\u00fcringerin bezeichnet werde, und das zu Recht! Denn ich bin dort geboren und aufgewachsen. Th\u00fcringen war mein Biotop, das mich gepr\u00e4gt hat, jedenfalls die ersten 18 Jahre meines Heranwachsens. Und kein Mensch und keine Autorit\u00e4t bezweifelt das, obwohl ich die erste Generation auf diesem (deutschem) Gebiet bin. Eigentlich bin ich nicht von da oder doch? Ist es nicht unerheblich, woher jemand kommt? \u2013 Wohin jemand will, ist doch entscheidender? Ein Mensch, der sein Leben in einem Gebiet verbracht und dort mitgespielt hat, geh\u00f6rt auch dorthin, solange er dort sein m\u00f6chte. Und wann geh\u00f6rt jemand wirklich dorthin, wo er sein m\u00f6chte? Wenn er am gro\u00dfen Spieltisch mitspielen kann (nat\u00fcrlich nach dessen Regeln), aber auch um den Hauptgewinn.<\/p>\n<p>Meine Geschichte k\u00f6nnte so oder anders gelaufen sein. Wichtig ist nicht, dass sie genau so gelaufen sein muss, sondern dass diese Geschichte wom\u00f6glich exemplarisch f\u00fcr europ\u00e4ische Familiengeschichten ist. Die Geschichte meiner Ahninnen (und somit auch meine Geschichte) hat aber nicht nur die Dramaturgie der interkulturellen Kopulation, sondern auch der zwischenartlichen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6845\" aria-describedby=\"caption-attachment-6845\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6845 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/emmasneanderthal-620x418.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"418\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmasneanderthal-620x418.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmasneanderthal-768x518.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmasneanderthal.jpg 934w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6845\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot Reports\/23andme<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Meine Geschichte ist keine besondere. Fluchtbewegungen sind uns sogar ins Gesicht geschrieben, aber niemand kann oder will sie heute aus den Gesichtern lesen. Doch wer die Menschen auf den Stra\u00dfen aufmerksam betrachtet und einmal seinen national-kulturell eingeklemmten Blickwinkel vergisst, der wird vielleicht erkennen und erahnen, dass sich kaum einer von uns hier schon sehr lange aufh\u00e4lt. Wir sind alle irgendwann hier gelandet, von irgendwoher gekommen, aus irgendeinem Grund.<\/p>\n<p><strong>Angst f\u00fcr \u00dcberfremdung als Illusion<\/strong><\/p>\n<p>Die Balkanroute ist seit Jahrtausenden eine der Hauptschlagadern des europ\u00e4ischen Organismus, und Fluchtbewegungen sind seit jeher die Kraftwerke im europ\u00e4ischen (und weltweiten) Genpool. Sie erschaffen und stabilisieren erst die Diversit\u00e4t, auf die Europa so stolz ist.<\/p>\n<p>Und trotzdem kursiert die Angst vor \u00dcberfremdung seit jeher beim Auftauchen gr\u00f6\u00dferer Migrationswellen. Und diese Angst ist nicht rechtsradikal, sondern vorinstalliert. Denken wir zur\u00fcck an die 1930er-\/40er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Endlose Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me von Deutschen, die in Marseille ein Schiff bestiegen, um in die USA auswandern zu k\u00f6nnen. Ja, Deutschland war damals eines der gr\u00f6\u00dften &#8222;Schei\u00dfl\u00f6cher&#8220; Europas (wenn ich noch einmal diesen peinlichen Trumpismus bem\u00fchen darf).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6846\" aria-describedby=\"caption-attachment-6846\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6846 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/emmaspaternal-620x392.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"392\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmaspaternal-620x392.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmaspaternal-768x486.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmaspaternal.jpg 985w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6846\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot Reports\/23andme<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denken wir an eine Situation, in der jetzt drei Millionen Deutsche nach Laos auswandern, um dort ein neues Leben zu beginnen. Denken wir noch einmal an die Ankunft unz\u00e4hliger Schiffe mit wei\u00dfen M\u00e4nnern an den K\u00fcsten Afrikas.<\/p>\n<p>Aber Angst vor \u00dcberfremdung ist eigentlich eine Illusion. Das kann man an meiner Ahnengeschichte ablesen. Meine Familie war vor 300 Jahren noch rein afrikanisch und schwarzh\u00e4utig. Heute habe ich einen deutschen Pass, habe eine doppelte deutsche Vertreibungsgeschichte am Hals und reichlich europ\u00e4isches Genmaterial gesammelt (in verdammt kurzer Zeit). Mein Mann ist Israeli, ein Ashkenasi-Jude aus alter deutscher und alter russischer Familie mit ebenfalls noch Anteilen von in der \u00fcbrigen Welt gesammeltem Genmaterial, und meine Tochter (\u00fcber ihren Cocktail wollen wir lieber nicht reden) hat eine so wei\u00dfe Haut wie Elfenbein, glattes, blondes Haar wie eine Semmel, blaue Augen wie das Meer und ist in guter deutscher Tradition des 19. Jahrhunderts musisch hoch begabt. Heute sind wir in dieser j\u00fcngsten Familiengeschichte nicht mehr wiederzuerkennen. Reicht das als erster Beweis?<\/p>\n<p><strong>Europa als aufgekl\u00e4rtes Biotop<\/strong><\/p>\n<p>Warum ist eine Angst in Europa dennoch gerechtfertigt? Weil es eine andere Angst ist, die wir eigentlich haben und die nur versch\u00fcttet ist von ideologisiertem oder religi\u00f6shaftem Rassend\u00fcnkel oder auch kontaminiert mit ideologisiertem Moralpredigerd\u00fcnkel, der wie ein wei\u00dfes, sauberes Spannbettlaken \u00fcber die Angst vor eigenem Rassend\u00fcnkel gespannt ist. Beide Ans\u00e4tze verstellen uns die Sicht. Die Sicht auf unsere eigentliche Angst \u2013 vor Radikalisierung, denn die europ\u00e4ische Geschichte ist voll davon. Das Mittelalter hatte mit der eigentlichen Absicht der biblischen Texte so wenig zu tun wie der Islamismus mit der urspr\u00fcnglichen Absicht des Koran und des Wortes Islam, n\u00e4mlich Frieden zu finden. Eine Pegida oder Legida oder auch irgendwie politisch motivierte pseudochristliche Gegenwehr des sogenannten wei\u00dfen Europ\u00e4ers ist der erste Schritt in ein erneutes dunkles Zeitalter. Davor sollten wir uns wirklich f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Erinnern wir uns eigentlich daran, dass noch vor einhundert Jahren die Christen die schlimmsten Radikalen, Fundamentalisten und Terroristen auf der Welt waren? Sie schlachteten gleicherma\u00dfen Muslime, Buddhisten oder Ungl\u00e4ubige noch bis ins 20. Jahrhundert hinein. Ist das die heroische europ\u00e4ische Kultur, die wir verteidigen? Nein!<\/p>\n<p>Das Europa, das jedenfalls ich und viele, die ich kenne, verteidigen wollen, ist ein multikulturelles aufgekl\u00e4rtes Biotop, in dem es nicht wichtig ist, wie wir aussehen oder woher wir kommen, sondern wie wir leben, was wir f\u00fchlen und wie wir miteinander umgehen. Wir verteidigen doch unseren Lebensstil und um ihn f\u00fcrchten wir. Niemand, der nach Europa kommt, ist wirklich eine Fremde oder ein Fremder, sondern nur neu hier. Wir k\u00f6nnen leicht mit einem gro\u00df angelegten (europaweiten) genealogischen Gentest beweisen: Kaum einer von uns hier hat mehr die Gene der alten germanischen (oder indoeurop\u00e4ischen) V\u00f6lker. Und trotzdem existiert europ\u00e4ische Kultur noch und entwickelt sich stetig weiter.<\/p>\n<p><strong>Menschenrecht und Adrenalin<\/strong><\/p>\n<p>Dass ich eine Europ\u00e4erin bin, sp\u00fcrte ich 1994 zum ersten Mal, als ich ein Praktikum bei einem Verlag in New York absolvierte. Nicht in Asien, Afrika oder Sibirien f\u00fchlte ich diese Identit\u00e4t so stark. Warum? Weil die Amerikaner so aussehen wie wir, weil sie nat\u00fcrlich alte Europ\u00e4er sind, aber weil sie sich ein eigenes kulturelles Biotop geschaffen haben, mit anderen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, die feine aber sp\u00fcrbare Unterschiede zu unserem Leben aufweisen. Und jede, die in die USA auswandert, wird, wenn sie bleiben und nicht untergehen will, Teil dieses Biotops, trotz Chinatown oder Little Italy. Es ist eine Haltung, die alle Parallelwelten verbindet. Die Matrix eines echten Einwanderungslandes.<\/p>\n<p>Was l\u00e4uft bei uns schief? Wir glauben, es g\u00e4be hier Leute ohne Migrationshintergrund. Das ist eine Illusion. Wenn jemand nach Deutschland kommt, wird er an den Migrantentisch gesetzt. Oder an den Fl\u00fcchtlingstisch. An den Vertriebenentisch. Menschen fliehen nicht nur vor dem Krieg, sondern auch f\u00fcr ihre Tr\u00e4ume und Hoffnungen. Woandershin zu gehen, ist ein Menschenrecht und mit Adrenalin verbunden. Ich selbst habe schon an verschiedenen Orten der Welt gelebt und gearbeitet. Und wenn ich auswandere, dann will ich mitspielen \u2013 am gro\u00dfen Tisch: um den Hauptgewinn. Ich will kein Mitleid, keine Migrantin spielen am Migrantentisch und Migrantenspielregeln bekommen. Ich will alles, wie jeder andere auch. So komme ich am schnellsten an und lerne am schnellsten die Regeln. Ich erk\u00e4mpfe mir meinen Platz. Das ist ein Menschenrecht. Ich will auch nicht an den verfickten Frauentisch! Eine befreundete amerikanische Autorin sagte mir neulich: &#8222;Ich will weltbester Autor sein und nicht weltbeste Autorin.&#8220; Migrantentische, Vertriebenentische, Frauentische etc. f\u00fchren zu Regelverletzungen, das sind Parallelspiele, die das gro\u00dfe Spiel unterwandern, die den Hauptgewinn verweigern und zu Ausgrenzungen, Radikalisierungen und Stigmatisierungen f\u00fchren. Und sie sind eine Illusion, eine falsche, altbackene und biedere dazu. Geben wir sie auf.<\/p>\n<p>Und geben wir noch etwas auf. Die dumme Angst davor, dass Menschen sich nicht ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. Ich ziehe wieder die genuine Geschichte meiner aus Hochstaplern, Dandys, Romantikerinnen, Kleinkriminellen, Gelegenheitsm\u00f6rdern, Patrioten, Kreativen und noch mehr zwielichtigen Gestalten bestehenden Sippe heran. Eine der gro\u00dfen Technologien der Natur lautet: Anpassung. Das bedeutet in keinem Fall Selbstaufgabe, aber erneute Selbstdefinition unter anderen Bedingungen.<\/p>\n<p>Die Souver\u00e4nit\u00e4t einer Kultur wird durch ihre l\u00e4ssige und \u00fcberzeugte Aus\u00fcbung t\u00e4glich gest\u00e4rkt. Die Souver\u00e4nit\u00e4t der europ\u00e4ischen Kultur basiert auf der Idee der Diversit\u00e4t, Freiheit und Demokratie. Hier sollte sich niemand wundern, wenn der Nachbar eines Tages mit einem rosafarbenen Pl\u00fcsch-Kaninchen auf dem Kopf auf die Stra\u00dfe geht, weil er auf einer Webseite gelesen hat, dass er auf diese Weise st\u00e4ndig mit der gro\u00dfen kosmischen Quelle der Vitalenergie verbunden und nicht nur ein ges\u00fcnderer, sondern auch ein besserer Mensch sei. Daf\u00fcr wird er nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein Ergebnis eines Jahrhunderte andauernden blutigen Kampfes gegen radikales Denken von radikalen Arschl\u00f6chern. Okay w\u00e4re f\u00fcr uns auch, wenn er noch ein paar Leute um sich herum scharen w\u00fcrde, die es ihm gleicht\u00e4ten und die sich durch l\u00e4rmende Rituale dieser heiligen kosmischen Quelle erkenntlich zeigen w\u00fcrden. Das z\u00f6ge sicherlich einige Schaulustige an, wir k\u00f6nnten das genie\u00dfen. Bl\u00f6d w\u00e4re es jedoch, wenn diese Gruppe beginnen w\u00fcrde, unsere neutralen Institutionen zu unterwandern und \u00fcber unsere Finanz\u00e4mter Gelder f\u00fcr ihren Kost\u00fcmverein einzutreiben. Hier s\u00e4he ich die Souver\u00e4nit\u00e4t der europ\u00e4ischen Kultur in ihrem Grundsatz der Glaubensfreiheit und der freien Konkurrenz unter den Bewusstseinsindustrien unterwandert und am meisten gef\u00e4hrdet, die selbst gesetzten Spielregeln verletzt und korrumpiert, weil Strukturen und Instrumente geschaffen w\u00fcrden, die eine einseitige Bevorteilung bef\u00f6rderten und damit ein Tor zur Radikalisierung installierten. Also die vollst\u00e4ndige Trennung von Glaubensinstitution und Staat ist f\u00fcr eine erfolgreiche pluralistische Gesellschaft Voraussetzung.<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck zur Angst<\/strong><\/p>\n<p>2012 hielt ich mich einen Monat in Sarajevo auf Einladung des Goethe-Instituts auf. So h\u00e4tte auch jede Stadt am Mittelmeer aussehen k\u00f6nnen, mediterraner Lebensstil, viel Espresso, fr\u00f6hliches, geschw\u00e4tziges Gem\u00fct. H\u00e4tte ich nicht vorher dar\u00fcber gelesen, ich h\u00e4tte es nicht vermutet. Der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung ist muslimisch. Kopft\u00fccher waren kaum zu sehen. Und ein Journalist von Al Jazeera (der Sohn eines ehemaligen Imams) erz\u00e4hlte mir, dass gerade die Saudis versuchen, durch Bestechungsgelder in der H\u00f6he eines Monatsgehalts, die Frauen dazu zu bringen, Kopft\u00fccher zu tragen. Aber die EU hat sich vom Balkan abgewandt. Ihre Politik dort ist gescheitert, dabei ist der Islam auf dem Balkan sehr, sehr alt und sehr, sehr europ\u00e4isch verwurzelt. \u00dcber neuerliche Rekrutierungen von Seiten des ISIS brauchen wir uns nicht zu wundern. Wir haben sie im Stich gelassen und sie als Mitspieler stigmatisiert und aus dem Spiel geworfen.<\/p>\n<p>Es gibt keine Lebenshaltung oder Glaubensrichtung, die wir hier auf diesem Kontinent nicht aus\u00fcben k\u00f6nnten und nicht schon ausge\u00fcbt h\u00e4tten. Und das muss mindestens jeder Abgeordnete und Diplomat (und eigentlich auch jeder Europ\u00e4er) aus der europ\u00e4ischen Geschichte wissen, wenn er nicht als korrupter Radikaler oder (schlimmer noch) geistiger Tiefflieger enttarnt werden m\u00f6chte. Der Balkan ist zudem die Wiege und die Schleuse der europ\u00e4ischen Kulturen. Also bitte aufh\u00f6ren, diesen Unsinn zu verbreiten und politisches Kapital daraus zu schlagen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Angst. Diese Angst vor \u00dcberfremdung, die viele sp\u00fcren angesichts gr\u00f6\u00dferer Einwanderungswellen, ist ein Gef\u00fchl, das wir nicht einfach vom Tisch wischen und stigmatisieren k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen uns damit besch\u00e4ftigen, gerade weil diese Angst unserer europ\u00e4ischen Kultur und unserem Lebensstil widerspricht, die und den wir so vehement verteidigen. Jeder ist anf\u00e4llig f\u00fcr eine radikale Haltung, aber diese Haltung verstellt den Blick auf das ganze Bild und f\u00fchrt zu Fehl- und Kurzschl\u00fcssen. Wie w\u00e4re es, wenn wir (zun\u00e4chst deutschlandweit) den genealogischen Gentest zum Usus machten, finanziert von der Krankenkasse oder einem einzurichtenden Bewusstseins-, Deradikalisierungs- oder meinetwegen Antirassismusfonds? Und von da an bekommt jedes Neugeborene sein genuines Cluster. Wir w\u00fcrden wahrscheinlich schnell verstehen, was wir wirklich als N\u00e4chstes tun m\u00fcssen, um hier in Europa alle miteinander weiter Spa\u00df zu haben. Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Einwanderung ist keine Bedrohung f\u00fcr die europ\u00e4ische Kultur. Es ist nur unsere Angst. Und die Radikalisierung dieser Angst hat in der europ\u00e4ischen Geschichte die dunkelsten Kapitel hervorgebracht.<\/p>\n<p><strong>Die h\u00f6fliche Bitte um Verst\u00e4ndnis<\/strong><\/p>\n<p>Wir wissen heute, dass Wanderbewegungen von Afrika weg und auch wieder zur\u00fcck verliefen. Und von dort wieder weg und so weiter. Der Begriff Fl\u00fcchtling ist politisch motiviert, ein ideologisches, entmenschlichendes Monster, das von den pers\u00f6nlichen Geschichten der Menschen ablenken will, die uns vielleicht interessieren und ber\u00fchren w\u00fcrden. Schlimmer ist noch der Begriff Wirtschaftsfl\u00fcchtling, der dem Gefl\u00fcchteten das Recht aberkennen will, sein Gl\u00fcck an einem anderen Spieltisch zu versuchen. Meine v\u00e4terliche Linie reicht 680 Generationen zu einem Mann zur\u00fcck, der vor ungef\u00e4hr 17.000 Jahren gelebt hat, als er Afrika gerade verlassen hatte und zum ersten Mal den europ\u00e4ischen Kontinent betrat. Wenn er mich jetzt fragen w\u00fcrde, wie die Welt dort heute aussehe, was soll ich ihm sagen? Hat sich seine Reise dahin gelohnt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6847\" aria-describedby=\"caption-attachment-6847\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6847 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/emmasmaternal-620x380.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"380\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmasmaternal-620x380.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmasmaternal-768x471.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/emmasmaternal.jpg 939w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6847\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot Reports\/23andme<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Schrift hier ist ein kleines humanistisches Manifest am Anfang des 21. Jahrhunderts, das keine radikalen St\u00fcrme entfesseln m\u00f6chte. Im Gegenteil. Es bittet sehr h\u00f6flich um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr unser Vergessen und Verdr\u00e4ngen angesichts der schmerzhaften Geschichte unseres Kontinents, es empfiehlt aber ein Wiederbewusstwerden f\u00fcr die, die wir alle einmal waren und hier geworden sind, woher wir alle kamen und was wir alle durchgemacht haben. Es bittet um R\u00fccksicht auf unsere uralten \u00c4ngste und Vorbehalte voreinander und unsere Lage, es spricht sich aus f\u00fcr Contenance und Optimismus, und angesichts der n\u00e4chsten Herausforderungen \u2013 wie dem baldigen Auftauchen einer weiteren Art in unserem Leben in Form von menschen\u00e4hnlichen Hubots, einem Newbie ohne afrikanische Wurzeln, ohne Wurzeln \u00fcberhaupt, der aber von uns lernen soll, menschlich zu sein und mit uns umzugehen \u2013 r\u00e4t es blo\u00df eines: Entspannt euch, bitte. Auch ganz links. Und auch ganz rechts.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum haben Menschen Angst vor Migration? Wir alle sind Gefl\u00fcchtete. Eine Speichelprobe hat mir die Geschichte meiner Familie erz\u00e4hlt. 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