{"id":6875,"date":"2018-02-15T06:00:02","date_gmt":"2018-02-15T05:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6875"},"modified":"2018-03-21T09:04:02","modified_gmt":"2018-03-21T08:04:02","slug":"marzahn-fusspflege-paulke-oskamp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/02\/15\/marzahn-fusspflege-paulke-oskamp\/","title":{"rendered":"&#8222;Wissense, wo se hier sind? Uff de Schei\u00dfe von Berlin&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herr Paulke, Marzahner Ureinwohner, hat sein Leben lang geschleppt: Schr\u00e4nke oder Klaviere. Seine F\u00fc\u00dfe sind reparaturbed\u00fcrftig, seine Spr\u00fcche daf\u00fcr umso flockiger.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7068\" aria-describedby=\"caption-attachment-7068\" style=\"width: 698px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7068\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/02\/freitext-marzahn-2.jpg\" alt=\"\" width=\"698\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-marzahn-2.jpg 2000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-marzahn-2-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-marzahn-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/02\/freitext-marzahn-2-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 698px) 100vw, 698px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7068\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sean Gallup\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist Teil unserer Mini-Serie &#8222;Fu\u00dfpflege in Marzahn&#8220;. <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/category\/fusspflege-in-marzahn\/\">Alle Folgen finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>Am \u00f6stlichen Rand von Berlin, in Marzahn, stehen die Plattenbauten: Elfgeschosser, Achtzehngeschosser, F\u00fcnfundzwanziggeschosser. Am Fu\u00df eines solchen Hochhauses liegt unser Kosmetikstudio. Hier arbeite ich als Fu\u00dfpflegerin. Als ich vor knapp drei Jahren anfing, geh\u00f6rte Herr Paulke zu meinen ersten Kunden. W\u00e4hrend der ersten Behandlung hatte er mich lachend gefragt: &#8222;Wissense, wo se hier sind? Uff de Schei\u00dfe von Berlin. Dit warn fr\u00fcher allet Rieselfelder, und denn hamse Hochh\u00e4user hinjeklotzt. Wo de Erde uffjebuddelt is, k\u00f6nnset noch riechen.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p>Herr Paulke war Erstbez\u00fcgler, seit 1983 wohnte er hier, ein Marzahner Ureinwohner, ein Prolet, ein Greis nun, mit Anstand im Leib, fatalistischem Witz und Demut gegen\u00fcber den Massakrierungen des Alters. Herr Paulke nahm sich einfach nicht so wichtig. In seinem Gesicht herrschte ein asymmetrisches Durcheinander: schielende Augen, Warzen, Altersflecken, der Zahnersatz krumm und schief, ein Sammelsurium aus verschiedenen Zeitaltern. Die Knie total kaputt. Arthrose. Die F\u00fc\u00dfe hatten mir beim Erstkontakt, als ich sie ins Wasser stellte und wusch, einen Schrecken eingejagt. Bald mochte ich sie. Sie waren rundum geschwollen, die Haut braun verf\u00e4rbt und schuppig, von tausend lilablauen, wirr verlaufenden Adern zerfurcht. Wie verwitterte Steine.<\/p>\n<p>Herr Paulke hat bei Autotrans gearbeitet, der gr\u00f6\u00dften Spedition der DDR. Er hat sein Leben lang geschleppt, Schr\u00e4nke, K\u00fchltruhen, Klaviere. Sein Kombinat hat nicht blo\u00df poplige Wohnungsumz\u00fcge gemacht, es hat ganze Betriebe von A nach B verpflanzt, Orchester auf Gastspiele ins Ausland begleitet. Das, erz\u00e4hlte Herr Paulke, sei sch\u00f6n gewesen. Ab und zu h\u00e4tten er und seine Kollegen umsonst ins Konzert gedurft, bevor sie den ganzen Kram wieder abtrugen, auf Lkws luden und in die Heimat transportierten. Als Herr Paulke nicht mehr schleppen konnte, lie\u00df er sich in den Kundendienst versetzen, Ortsbegehungen, Vorabsprachen, Kalkulationen. Als auch das zu schwer wurde, wollte er ins B\u00fcro wechseln, was man ihm verwehrte. Herr Paulke nahm finanzielle Einbu\u00dfen in Kauf und ging mit 57 Jahren in den Vorruhestand. 1989 kam die Wende und f\u00fcr Herrn Paulke der Lymphknotenkrebs, unterhalb des rechten Kiefers. Er wurde operiert und bestrahlt.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberp\u00fcnktlich, etwas abgemagert<\/strong><\/p>\n<p>Als der Krebs unter Kontrolle gebracht war, fingen Herr und Frau Paulke das Reisen an, jedes Jahr zweimal, und Herr Paulke sagte im R\u00fcckblick: &#8222;Dit war jut, wie wa dit noch abjegriffen haben.&#8220; Er wusste von den Fjorden Norwegens zu berichten, von den Palmen im Tessin, von den Pubs in Dublin. Das Reisen war, als ich Herrn Paulke kennenlernte, schon lange nicht mehr m\u00f6glich. Sein Aktionsradius verkleinerte sich zusehends.<\/p>\n<p>Jedes Mal, wenn ich Herrn Paulke wiedersah, war er an einer anderen Stelle reparaturbed\u00fcrftig. Einmal erz\u00e4hlte er, man habe ihm auf der rechten Seite &#8222;sone Art Schlauch einjebaut, vom Hals bis inne Leiste, der rejuliert irjendwat und muss ab und zu nachjestellt werden&#8220;. Genau wusste er es nicht; er vertraute den \u00c4rzten. F\u00fcr jeden seiner Arztbesuche musste Frau Paulke telefonisch den Krankentransport bestellen, h\u00e4ufig ging es in Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn, &#8222;ins UKB&#8220;, sagte er, manchmal aus Versehen &#8222;UKW&#8220;. Nur die Physiotherapeutin kam ins Haus, zweimal die Woche f\u00fcr zwanzig Minuten. &#8222;Die looft mit mir de Treppen ruff und runta, Kniebeujen muss ick machen, uffn R\u00fccken liejen und radfahrn.&#8220; Ich staunte \u00fcber die \u00dcbungen. &#8222;Jaja&#8220;, sagte Herr Paulke ein bisschen stolz, &#8222;allet sone Dinga!&#8220;<\/p>\n<p>Als vor eineinhalb Jahren der Krebs im Unterkiefer zur\u00fcckkam, erz\u00e4hlte mir Herr Paulke von der bevorstehenden Operation, wieder mal im UKB. &#8222;Hamse Schiss?&#8220;, fragte ich, w\u00e4hrend ich seine F\u00fc\u00dfe f\u00fcr den Krankenhausaufenthalt in Ordnung brachte. Herr Paulke \u00fcberlegte kurz. &#8222;Wennet klappt, denn klapptet, und wennet nich klappt, denn klapptet nich.&#8220; Sechs Wochen sp\u00e4ter stand er wieder vor der T\u00fcr, \u00fcberp\u00fcnktlich, etwas abgemagert: &#8222;Essen war beschissen, drei Wochen blo\u00df Suppe, zehn Kilo hab ick valorn. Aba de Zehenn\u00e4gel sind jewachsen.&#8220; Seine Zehen zuckten, als ich \u00fcbersch\u00fcssige Nagelhaut entfernte. &#8222;Kitzelt, wa?&#8220;, lachte ich. &#8222;Umso bessa&#8220;, lachte Herr Paulke, &#8222;denn lebt noch wat!&#8220;<\/p>\n<p>Im September 2016 kam Herr Paulke ohne Z\u00e4hne; die ganze obere Kauleiste fehlte. Wo die Schneidez\u00e4hne hingeh\u00f6rt h\u00e4tten, gl\u00e4nzten zwei dunkelgoldene Stummelchen. Das provisorische Gebiss benutze er nicht, weil es scheuere, erkl\u00e4rte Herr Paulke. &#8222;Banane jeht ooch nich, dit vaklebt allet, wejen Untadruck.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Beim L\u00e4cheln die Lippen geschlossen<\/strong><\/p>\n<p>Immer wenn ich \u00fcber Herrn Paulkes flockige Spr\u00fcche lachte, zeigte sich eine hauchzarte Regung in seinem Gesicht, eine Mischung aus Unglauben, Stolz und Scham. Er war nicht mehr gewohnt, dass man auf ihn reagierte. F\u00fcr diesen Augenblick schien die Erinnerung an den jungen, kr\u00e4ftigen Mann auf, der Herr Paulke einmal gewesen war. Der mit den Weibern geflirtet hatte. Er h\u00e4tte noch gewusst, wie es geht. Er hatte ein gutes Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Ich cremte ihm an jenem Septembertag vorsichtig die F\u00fc\u00dfe ein, zog die Handschuhe aus und Herrn Paulke Socken und Schuhe an. Er stemmte sich aus dem Fu\u00dfpflegestuhl. Ich hielt ihm beide H\u00e4nde hin. Er legte seine hinein. Warme, schlaffe Haut. So angefasst standen wir einander gegen\u00fcber, blickten uns an. Es war sch\u00f6n. Es gefiel uns. Es diente auch, aber nicht nur zur Stabilisierung von Herrn Paulkes Kreislauf. Ich h\u00e4tte ihm gern einen Fussel von der Schulter gezupft, seinen Kragen gerichtet oder ihm ganz kurz die Wange gestreichelt. Ihn \u00fcber die Serviceleistung hinaus ber\u00fchrt. Herr Paulke hielt beim L\u00e4cheln die Lippen geschlossen.<\/p>\n<p>&#8222;Es war mir wie immer ein Vergn\u00fcgen&#8220;, sagte ich.<\/p>\n<p>&#8222;Mir ooch&#8220;, sagte er, schlug die Augen nieder.<\/p>\n<p>Dann sah er \u00fcber meine Schulter hinweg und durch die Fensterscheibe. &#8222;Meene Frau, da isse.&#8220;<\/p>\n<p>Herr Paulke h\u00e4ngte sich bei mir ein; wir schlurften in den Eingangsbereich. Ich \u00f6ffnete Frau Paulke die T\u00fcr. Ich gab Herrn Paulke einen neuen Termin, kassierte zweiundzwanzig Euro und bedankte mich f\u00fcr das wie immer gro\u00dfz\u00fcgige Trinkgeld. Ich lie\u00df das Handtuch und die Brieftasche von Herrn Paulke in Frau Paulkes Beutelchen rutschen, aus dem sie einen Kalender hervorzog, eigentlich nur ein dickes DIN-A-4-Blatt. &#8222;Hab ick jekooft, f\u00fcr n\u00e4chstet Jahr&#8220;, sagte Frau Paulke, und dass sie immer wie verr\u00fcckt hinterher sein m\u00fcsse mit all den Terminen. Dass man beim Augenarzt erst in drei Monaten einen Termin kriegt. Dass morgen schon wieder die Physiotherapeutin aufkreuzt. Dass ihr k\u00fcnstliches H\u00fcftgelenk nicht mehr mitspielt. Dass sie morgens schwer in die G\u00e4nge kommt. Dass sie am besten schnell laufen kann. Dass ihr Mann aber nur langsam laufen kann. Dass es auf dem Markt R\u00e4ucherfisch gibt. Dass bei Lidl demn\u00e4chst ein Pfennigpfeiffer einziehen soll.<\/p>\n<p><strong>M\u00fcllt\u00fcten, Wattepads, Kaffeesahne<\/strong><\/p>\n<p>Herr Paulke verabschiedete sich, wuchtete den Rollator aus der T\u00fcr, schob in langgezogenen, lahmen Schritten davon, die Knie eingeknickt, der Oberk\u00f6rper gebeugt. Frau Paulke tippelte nebenher. Ich rief: &#8222;Bis in sechs Wochen! Passense uff sich uff!&#8220; Herr Paulke hob eine Hand. Umdrehen konnte er sich nicht mehr, zu gro\u00df die M\u00fche, sich fortzubewegen.<\/p>\n<p>Vier Wochen sp\u00e4ter rief Frau Paulke an. Ihr Mann k\u00f6nne zum n\u00e4chsten Termin nicht kommen, weil &#8222;\u2026 er is jestorben&#8220;. Erschrocken dr\u00fcckte ich Frau Paulke mein Beileid aus. Gerade seien die neuen Z\u00e4hne fertiggeworden, erz\u00e4hlte sie aufgeregt, hier vor ihr auf dem Tisch l\u00e4gen sie, in der Dose. &#8222;Zweetausend Euro soll ick bezahlen, und nu hatta jan\u00fcscht mehr davon. Die kann ja ooch keen andrer nehmen, die Z\u00e4hne.&#8220;<\/p>\n<p>Ich schloss f\u00fcr einen Moment die Augen. Dann radierte ich im Terminbuch Herrn Paulkes Namen aus.<\/p>\n<p>Neulich traf ich Frau Paulke bei Netto. Ich brauchte M\u00fcllt\u00fcten, Wattepads und Kaffeesahne f\u00fcrs Studio. Frau Paulke war auf der Suche nach Leipziger Allerlei. Sie sah schmal aus, ging am Stock. Ich fragte, ob sie ihren Mann manchmal auf dem Friedhof besuche. Sie sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Dit is zu weit. Eenma hat ma mein Sohn hinjefahrn. Da hab ick uff de Bank jesessen. \u00dcbrijens, die vonne Kasse warn echt kulant. F\u00fcr de Z\u00e4hne von mein Mann musst ick blo\u00df f\u00fcnfhundert Euro bezahlen.&#8220;<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Paulke, Marzahner Ureinwohner, hat sein Leben lang geschleppt: Schr\u00e4nke oder Klaviere. Seine F\u00fc\u00dfe sind reparaturbed\u00fcrftig, seine Spr\u00fcche daf\u00fcr umso flockiger. 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