{"id":6978,"date":"2018-03-06T06:00:26","date_gmt":"2018-03-06T05:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6978"},"modified":"2018-03-05T20:28:34","modified_gmt":"2018-03-05T19:28:34","slug":"reue-poesie-grigorcea","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/03\/06\/reue-poesie-grigorcea\/","title":{"rendered":"In der Reue liegt die Kraft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Minutentakt wird heute alles bilanziert. Aber was wir verlernt haben: unsere Fehler zu bedauern. Dabei ist diese F\u00e4higkeit nicht nur der Ursprung aller Literatur.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6986\" aria-describedby=\"caption-attachment-6986\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6986\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/03\/freitext-reue-1024x576.jpeg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-reue-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-reue-620x349.jpeg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-reue-768x432.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6986\" class=\"wp-caption-text\"><br \/>Der russische Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin \u00a9 Keystone \/ Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Neulich auf einem Fest unter Literaten, bei flackerndem Kerzenlicht, sprach man \u00fcber gro\u00dfe Themen, die fr\u00fcher ausgiebig behandelt, heute aber in der Literatur nahezu verschwunden sind. Zum Beispiel die Reue. Wo gibt es noch das seitenweise Klagen \u00fcber die eigenen Verfehlungen, das Gr\u00fcbeln \u00fcber die eigene Unzul\u00e4nglichkeit, \u00fcber Gut und B\u00f6se, und dann den Schrecken, dass es vielleicht zu sp\u00e4t ist f\u00fcr eine Wiedergutmachung?<!--more--> Wie soll Reue vorkommen, wenn Selbsteingest\u00e4ndnisse und echtes Bedauern fehlen, warf ein Kollege ein. Das wurde heftig diskutiert. Es gibt ja auch andere Erz\u00e4hltechniken, fragmentarisch, das Bedauern kommt schon noch vor, fragmentarisch eben, oder etwa nicht? Man bedenke hingegen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die immer schnell, im Takt der neuen Medien, alles bilanziert und optimiert, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Eine Zurschaustellung der eigenen Fehler wirkt in diesem getakteten Alltag eher geschmacklos. In der Literatur hingegen wird sie immer wieder exerziert, wenn auch meist nur aus Effekthascherei und Marktschreierei, als falsches Bekenntnis und in der Wolle gef\u00e4rbte Eitelkeit. Echtes Bedauern w\u00e4re da ein zu leises Gef\u00fchl \u2013 und damit in der Kunst wirkungslos.<\/p>\n<p>Auf dem Nachhauseweg dachte ich, dass es ganz bestimmt ein Bedauern war, das mich zu meinen ersten Geschichten gebracht hat: nicht spontan reagiert, nicht die richtigen Worte gefunden zu haben. Diese kamen mir immer erst im Nachhinein in den Sinn, und dann auch gleich mit einer ganzen Geschichte. Eben der, wie es h\u00e4tte anders kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Meinen Arm gefasst, die Augen gl\u00e4nzend<\/strong><\/p>\n<p>Wie gerne ich B\u00fccher lese, in denen um die richtigen Worte gerungen wird! Dieser Aha-Effekt, endlich in einem gelungenen Ausdruck etwas Gesp\u00fcrtes erfasst zu haben, ist mein Zugang zur Lekt\u00fcre. Immer noch merke ich mir ganze Textpassagen, die mir gefallen, auch Gedichte.<\/p>\n<p>Niemand kann mehr Gedichte rezitieren, hie\u00df es vor zwei Jahren im Schweizer Fernsehen. Ein Fernsehteam hatte Besuchern eines Literaturfestivals das Mikrofon hingehalten, und keiner von ihnen mochte ein Gedicht rezitieren. Letztes Jahr hat das Schweizer Fernsehen \u00fcbrigens mich angehalten, mit einem Literaten-Literaturquiz. &#8222;Wo befinden sich D\u00fcrrenmatts Chemiker?&#8220; &#8222;In der Psychiatrie.&#8220; &#8222;Falsch! Das sind die Physiker!&#8220;<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu den Gedichten. Gleich nach jenem Festival, vor zwei Jahren, als in mehreren Schweizer Medien verk\u00fcndet wurde, dass niemand mehr Gedichte kennen w\u00fcrde, bin ich auf Lesereise nach Sibirien geflogen. Es war meine erste Russlandreise und gleich eine ziemlich lange. In Moskau stieg ich auf einen kleinen Flieger in Richtung Tjumen um. Wir waren eine Handvoll Leute an Bord. Als ich zu meiner Sitznachbarin blickte, war mir, als h\u00e4tte ich eine Zeitreise getan: Die \u00e4ltere Dame trug einen rot-blauen Pullover mit Schulterpolstern und eine Vokuhila-Frisur, die wei\u00dfen Haare mit violettem Schimmer.<\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass sie Deutsch sprach, und als sie h\u00f6rte, dass ich f\u00fcr Lesungen nach Sibirien fahre, klatschte sie in die H\u00e4nde und konnte daraufhin ihre Begeisterung kaum b\u00e4ndigen. &#8222;Ich liebe die deutsche Sprache!&#8220;, rief sie laut und begann gleich, Gedichte zu rezitieren: &#8222;Ich ging im Walde \/ So f\u00fcr mich hin, \/ Und nichts zu suchen, \/ Das war mein Sinn.&#8220; Sie sprach mit Pathos, hatte meinen Arm gefasst und dr\u00fcckte ihn, die Augen gl\u00e4nzend. &#8222;Diotima! edles Leben!\/ Schwester, heilig mir verwandt! \/ Eh ich dir die Hand gegeben, \/ Hab ich ferne dich gekannt.&#8220; Ich muss wohl mit offenem Mund dort gesessen haben, denn die Frau schob mir hin und wieder ein Wort hin und drosselte ein bisschen den Rhythmus, auf dass ich mit einsteige in die Rezitation. Dann dr\u00fcckte sie meinen Arm noch fester. &#8222;Bist Du so m\u00fcd? Ich will Dich leise leiten \/ Aus diesem L\u00e4rm, der l\u00e4ngst auch mich verdross, \/ Wir werden wund im Zw\u00e4nge dieser Zeiten. \/ Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten, \/ Harrt schon der Abend wie ein helles Schloss.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Vergessene Peripherie<\/strong><\/p>\n<p>Der Steward rollte das Essen an uns vor\u00fcber, er hielt nicht einmal an, wollte nicht st\u00f6ren. Das kleine Flugzeug f\u00fcllte sich mit lichtem Dampf, der an Kohlrouladen, knackige saure Gurken und andere heimische K\u00f6stlichkeiten denken lie\u00df. Wir aber blieben in den h\u00f6heren Sph\u00e4ren der Dichtung h\u00e4ngen. &#8222;Und \u00fcber uns im sch\u00f6nen Sommerhimmel \/ War eine Wolke, die ich lange sah \/ Sie war sehr wei\u00df und ungeheuer oben \/ Und als ich aufsah, war sie nimmer da.&#8220;<\/p>\n<p>Der Frau liefen nun Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen, und ich hielt ihren Arm ebenfalls fest. In allen Gedichten sp\u00fcrte man ein Bedauern \u00fcber die Verg\u00e4nglichkeit und gleichzeitig einen milden Trost, der von der Formvollendung des Ausdrucks ebendieses Leides r\u00fchrte. Nach fast drei Stunden verabschiedeten wir uns mit einer Umarmung, und ich schritt hinaus in das fremde Tjumen mit einem unerwarteten Gef\u00fchl der Vertrautheit.<\/p>\n<p>Ich habe noch nie so eine kaputte Stadt gesehen. Vor der Reise hatte ich mir Luftbilder im Internet angeschaut, zur Vorbereitung, aber von unten sieht alles anders aus. Es ist eine Ruinenstadt, alles br\u00f6ckelt, Gehsteige, Treppen, Geb\u00e4ude, die Proportionen stimmen nicht \u2013 die H\u00e4user sind gedrungen, die Statuen riesengro\u00df \u2013, und ganz breit ist auch die Hauptstra\u00dfe, vierspurig, obwohl kaum einer auf ihr f\u00e4hrt. Die Stadt war menschenleer, vergessene Peripherie, alles still, und dennoch gab man mir f\u00fcr das Hotel vier Schl\u00fcssel \u2013 f\u00fcr den Eingang, den Etagengang, f\u00fcr die Zimmersektion und schlie\u00dflich f\u00fcr mein Zimmer. Als ich die T\u00fcr hinter mir schloss, war sie eine Handl\u00e4nge k\u00fcrzer als die T\u00fcrschwelle und lie\u00df so einen gro\u00dfen Balken Licht von drau\u00dfen in mein Zimmer. Das Fenster indes war schmal und vergittert.<\/p>\n<p>Man h\u00e4tte sich in einem Tarkowski-Film w\u00e4hnen k\u00f6nnen, aber ich ging lieber durch die Stadt, ich ging spazieren, als einziger Spazierg\u00e4nger, und hatte im Ohr noch die Gedichte aus dem Flugzeug. Gedichte, die, wie mir jetzt schien, in ihrer allgemeinen G\u00fcltigkeit doch auch diese Gegend hier mitgemeint haben mussten.<\/p>\n<p><strong>Petersilie und viel Eingelegtes<\/strong><\/p>\n<p>Meine Lesungen in Tjumen waren ein gro\u00dfer Erfolg. Die S\u00e4le an der Universit\u00e4t jedes Mal prallvoll, die Audienz elegant, mit Schals und hochgesteckten Haaren, die M\u00e4nner mit Anzug und allerlei Abzeichen vom Debattierclub, vom Schachclub und vom Intellektuellenclub, alle G\u00e4ste in h\u00f6chster Aufregung. Auf Russisch vorgelesen wurden sehr deskriptive Passagen aus meinem Roman <em>Das prim\u00e4re Gef\u00fchl der Schuldlosigkeit<\/em>, Betrachtungen w\u00e4hrend eines Spaziergangs. Mitten in der ersten Lesung stand eine Frau auf, mit gerecktem Zeigefinger, und rief: &#8222;Das \u2026 ist \u2026 Literatur!&#8220; Worauf das Publikum beherzt applaudierte.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df war mein Staunen, als anschlie\u00dfend Fragen aus dem Publikum zugelassen wurden und keine dieser Fragen aus dem Repertoire der bequemen Fragen gestellt wurden, die ich sonst so kenne, sondern ernsthafte Exkurse durch die Weltliteratur, Fragen zu Stilistik, zu meinem k\u00fcnstlerischen Weltbild, zum Glauben, Fragen, die aufs Ganze abzielten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich lud die Veranstalterin dazu ein, hinabzusteigen in den Keller, und wir stiegen alle hinab, auf einer br\u00f6ckelnden Treppe, geduckt, unter allerlei notd\u00fcrftig befestigten Rohren und Leitungen, wobei die Herren galant den Arm anboten und gekichert wurde und gejauchzt, wenn jemand ausrutschte oder sich in eine Spinnwebe oder sonst was Klebriges tastete. Wir kamen in einen gr\u00f6\u00dferen Raum mit niedriger Decke, der wohl der Heizungsraum war und wo f\u00fcr ein Ap\u00e9ro gedeckt war, mit Samowar und belegten Br\u00f6tchen, alles liebevoll dekoriert mit Petersilie und viel Eingelegtem.<\/p>\n<p>Die Ansprachen waren tief empfunden und hielten lange an, es wurde dabei auch rezitiert und gesungen, und meine Moderatorin hatte mir viel zu \u00fcbersetzen. Dann wurde \u00fcber die russische Literatur geredet, wieder einiges rezitiert, anwesend war ja auch eine Delegation der Beat-Poeten der Region, und schlie\u00dflich fragte jemand, ob ich umarmt werden d\u00fcrfte zum Abschied. Ich sagte: Ja klar, warum nicht \u2013 worauf sich alle Anwesenden in die Reihe stellten f\u00fcr die herzliche Umarmung. Ich umarmte jeden von ihnen \u2013 sowohl bei dieser ersten Veranstaltung als auch bei den folgenden. Die Veranstalterin muss wohl allen gesagt haben, dass ich auch umarmt werden d\u00fcrfte, denn die Leute stellten sich jedes Mal auf.<\/p>\n<p><strong>Pl\u00f6tzlich fiel er auf die Knie<\/strong><\/p>\n<p>Wieder durch die leere Stadt spazierend, kamen mir die Ereignisse bei den Lesungen unwirklich vor, wie aus einem Film im London unter dem Bombenhagel, als einige Londoner ausschweifende Bunkerpartys feierten. Ich spazierte an blauen H\u00e4usern mit geschnitzter Fassade vorbei, die seitlich in die Erde einsanken, und an kleinen klobigen Bauten, die br\u00f6ckelten. Alles war verstaubt, auch die kleinen B\u00e4ume, die so aus Plastik zu sein schienen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es ist, von hier zu sein und hier zu leben, in dieser \u00d6dnis, und sich so sehr angesprochen zu f\u00fchlen von der Literatur. Woran spannt sich die emotionale Landkarte an so einem Ort auf? Mit welchem Blick schaut hier ein kunstsinniger Mensch um sich, jeden Tag, was ist ihm lieb? Und \u00fcberhaupt: Warum r\u00fcstet uns die Kunst nicht dazu aus, unseren Sch\u00f6ngeist auch hinauszutragen und unsere Umgebung zu ver\u00e4ndern? Vermag die Kunst etwas nur im Privaten zu bewirken, uns nur im engen Kreis zu r\u00fchren und zu tr\u00f6sten? Und was ist dann mit unserem Gewissen?<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren spazierte ich in Paris mit einem russischen Kollegen abends die Seine entlang, als er pl\u00f6tzlich auf die Knie fiel und inbr\u00fcnstig auf Russisch rezitierte. Ich verstehe kein Russisch, aber sein Pathos vermochte mich zu bewegen. Nur rezitierte er und rezitierte und h\u00f6rte nicht mehr auf. Touristen begannen uns schon zu fotografieren, und ich versuchte den Kollegen hinaufzuziehen auf die Beine, aber er blieb kniend und steigerte sich noch in seinem Pathos, fast weinte er. Nichts Derartiges in unserer kollegialen Beziehung hatte auf so einen Ausbruch hingedeutet. Ich l\u00e4chelte, ein bisschen abgewandt von der Stra\u00dfe und den Leuten, und wartete ab. Es tat mir sehr leid, dass ich nicht zu reagieren wusste, dass ich nichts von den Klagen verstand, die immer lauter wurden und wehleidiger. Ab und zu nickte ich dem Kollegen zu. Irgendwann stand er auf, erstaunlich aufger\u00e4umt, und wir liefen weiter die Bouquinisten entlang, als w\u00e4re nichts gewesen. &#8222;Was war das eben?&#8220;, fragte ich ihn. &#8222;Puschkin!&#8220;, sagte er, am\u00fcsiert \u00fcber die Frage.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Minutentakt wird heute alles bilanziert. Aber was wir verlernt haben: unsere Fehler zu bedauern. 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Ihre Romane wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen \u00fcbersetzt. Soeben erschienen: \"Die Dame mit dem maghrebinischen H\u00fcndchen\" (Novelle, D\u00f6rlemann Verlag). Grigorcea organisiert seit 2015 monatliche Benefiz-Lesungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge im Tanzhaus Z\u00fcrich, schreibt die Kolumne f\u00fcr das Z\u00fcrcher Opernhausmagazin und betreibt mit ihrem Schriftsteller-Ehemann Perikles Monioudis den Literaturblog www.neue-telegramme.ch. Dana Grigorcea schreibt auch Kinderb\u00fccher. 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