{"id":7047,"date":"2018-03-20T09:32:36","date_gmt":"2018-03-20T08:32:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7047"},"modified":"2018-03-21T09:03:07","modified_gmt":"2018-03-21T08:03:07","slug":"marzahn-fusspflege-blumeier-oskamp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/03\/20\/marzahn-fusspflege-blumeier-oskamp\/","title":{"rendered":"&#8222;Mitten beim Sex is dit Bette einjekracht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unsere Autorin ist Schriftstellerin und arbeitet als Fu\u00dfpflegerin in Marzahn. Hier trifft sie Menschen, deren Geschichten sonst selten geh\u00f6rt werden. So wie Frau Blumeier<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7066\" aria-describedby=\"caption-attachment-7066\" style=\"width: 696px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7066\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/03\/freitext-marzahn.jpg\" alt=\"\" width=\"696\" height=\"464\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-marzahn.jpg 2000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-marzahn-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-marzahn-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-marzahn-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 696px) 100vw, 696px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7066\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sean Gallup\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist Teil unserer Mini-Serie &#8222;Fu\u00dfpflege in Marzahn&#8220;. <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/category\/fusspflege-in-marzahn\/\">Alle Folgen finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>Die Vorurteile gegen die Plattenbausiedlung im Ostberliner Stadtbezirk Marzahn halten sich hartn\u00e4ckig. Marzahn, hei\u00dft es, sei eine Betonw\u00fcste. In Wahrheit ist Marzahn quietschgr\u00fcn, es gibt breite Stra\u00dfen, gen\u00fcgend Parkpl\u00e4tze, intakte Gehwege und an \u00dcberg\u00e4ngen abgesenkte Bordsteinkanten, \u00fcberall Rollpisten, und alles, was R\u00e4der hat, kommt bestens voran und ans Ziel.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Vorurteil trifft allerdings zu: Plattenbauten sind hellh\u00f6rig. Das Kosmetikstudio, in dem ich als Fu\u00dfpflegerin arbeite, liegt ebenerdig am Fu\u00df eines Achtzehngeschosses und setzt irgendwo im Haus jemand die Bohrmaschine an, f\u00fchlen wir uns hier unten wie beim Zahnarzt.<\/p>\n<p>Frau Blumeier kenne ich seit zweieinhalb Jahren. Sie ist eine lustige, wache Person mit Berliner Schnauze, die j\u00fcnger wirkt (Mitte f\u00fcnfzig), als sie ist (Mitte sechzig). Sie wohnt im selben Hochhaus, in dem auch unser Studio ist, in der vierzehnten Etage. Stehe ich rauchend vor unserer T\u00fcr, sehe ich Frau Blumeier manchmal von Weitem. Wir winken uns zu, Frau Blumeier wendet per Joystick und rollt auf einen kurzen Plausch heran. Dann muss sie zur Physiotherapie, zum Einkaufen, zum Friseur oder zu einer Bekannten, d\u00fcst davon in ihrem schnittigen Elektromodell, den Oberk\u00f6rper nach vorn gebeugt wie ein Rennfahrer, und der Wind fegt ihr die Haare aus der Stirn. Die sechs km\/h H\u00f6chstgeschwindigkeit, die ihr fahrbarer Untersatz hergibt, sind Frau Blumeier zu wenig. Sie w\u00fcrde lieber mit sieben, acht, neun km\/h \u00fcber die Piste rollen. Generell hofft Frau Blumeier auf R\u00fcckenwind, damit die Batterie l\u00e4nger durchh\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Du bist nicht krank.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Erscheint sie alle sieben Wochen zum Termin, eile ich zur T\u00fcr, halte sie auf, rufe: &#8222;Kommse rin!&#8220;, und Frau Blumeier ruft: &#8222;Und setzense sich, wa?&#8220;. Sie f\u00e4hrt durch bis in die Fu\u00dfpflege, parkt nah beim Thron (dem Fu\u00dfpflegestuhl), steht allein aus dem Rollstuhl auf und schafft auch die zwei, drei Schritte auf ihren Knickbeinchen ohne meine Hilfe. Frau Blumeier macht alles, was irgendwie geht, selber, sogar die Behindertenwitze, und findet Rollstuhlfahrer, die sich &#8222;von Hacke bis Nacke bedienen lassen&#8220;, unm\u00f6glich. Sitzt sie auf dem Thron, ziehe ich ihr die Hausschuhe aus, Kinderhausschuhe der Firma Giesswein. W\u00e4hrend ich ihre F\u00fc\u00dfe wasche und abtrockne, plaudern wir \u00fcber die neuesten Neuigkeiten, albern herum. Und dann hat Frau Blumeier diesen Satz im Repertoire, den sie oft anwendet, wie eine Zauberformel: &#8222;Wollt ick grade sagen.&#8220; Alles, was ich sage, wollte Frau Blumeier gerade sagen. Auch was andere Leute sagen, wollte Frau Blumeier gerade sagen. Der Satz \u00f6ffnet ihr T\u00fcren, ebnet ihr Wege. Sie ist eine Zustimmungsk\u00fcnstlerin.<\/p>\n<p>Im Jahr 1955, als Tine Blumeier ein Jahr alt war, diagnostizierte man Poliomyelitis, kurz: Polio, Kinderl\u00e4hmung. Sie kam ins Krankenhaus, dort zur Beatmung in die &#8222;eiserne Lunge&#8220; und wurde mit knapp vier Jahren entlassen. Das M\u00e4dchen konnte h\u00f6chstens sitzen und Brei essen, aber das wei\u00df Frau Blumeier nur aus Erz\u00e4hlungen. An die Worte des Vaters hingegen erinnert sie sich: &#8222;Du hast ein paar Einschr\u00e4nkungen. Aber du bist nicht krank.&#8220; Die \u00c4rzte rieten, das Kind an einer Sonderschule anzumelden. Die Eltern hielten sich nicht an den Rat und schickten ihre Tochter auf eine polytechnische Oberschule. Bis auf den Sportunterricht konnte Tine Blumeier \u00fcberall problemlos mithalten. Sie schloss die Schule ab, sie arbeitete als Sekret\u00e4rin, sie heiratete. Von einer Schwangerschaft rieten die \u00c4rzte dringend ab. 1990, mit sechsunddrei\u00dfig Jahren, bekam Tine Blumeier einen Sohn. In dieser Zeit wurde ihr Betrieb abgewickelt. Auf dem Amt sagte man ihr, mit ihrer Behinderung habe sie im Westen ganz schlechte Karten. Da sa\u00df sie noch nicht im Rollstuhl, ging aber schon am Stock; das Post-Polio-Syndrom k\u00fcndigte sich an: Muskelschwund. W\u00e4hrend der Sohn mitten in der Pubert\u00e4t steckte, starb sein Vater an Leuk\u00e4mie. Das, sagt sie, sei eine schwere Zeit gewesen.<\/p>\n<p>Als Tine Blumeier meine Stammkundin wurde, stellte sie meinen geheimen Vorsatz, nach dem jeder Kunde das Studio fr\u00f6hlicher verlassen musste, als er es aufgesucht hatte, auf eine harte Probe. Ich habe um die sechzig Kunden und kann Vergleiche ziehen.<\/p>\n<p><strong>Schippern mit dem Jugendfreund<\/strong><\/p>\n<p>Manche empfinden jeden Schnupfen als pers\u00f6nliche Beleidigung, jammern sich durch die Jahre und f\u00fchlen sich vom Leben aufs \u00dcbelste betrogen. Nicht so die Zustimmungsk\u00fcnstlerin. Sie erz\u00e4hlte mir von einem kleinen Jungen, der seine Mutter auf der Stra\u00dfe gefragt hatte, ob die Frau da im Rollstuhl behindert sei. &#8222;Aba nur inne Beene, nich im Kopp!&#8220;, hatte Frau Blumeier geantwortet und den Jungen auf ihrem Scho\u00df eine Runde mitfahren lassen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Mutter kann Ihnen dankbar sein\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>&#8222;Wollt ick grade sagen&#8220;, sagte Frau Blumeier.<\/p>\n<p>Immer, wenn sie mich besuchte, schw\u00e4rmte sie davon, wie angenehm es sei, sich nicht mehr selbst um die F\u00fc\u00dfe k\u00fcmmern zu m\u00fcssen, eine Verbesserung in ihrem Leben, die auch der Sohn guthei\u00dfe. Der habe sich \u00fcbrigens ein Auto gekauft, auch, um seine Mutter herumkutschieren zu k\u00f6nnen. Ihr &#8222;Ein und Allet&#8220; sei der Sohn, und noch immer sei sie froh, sich damals nicht an den Rat der \u00c4rzte gehalten zu haben, auch wenn die k\u00f6rperliche Belastung der Schwangerschaft das Post-Polio-Syndrom vielleicht ein paar Jahre fr\u00fcher zum Ausbruch gebracht habe.<\/p>\n<p>&#8222;Wer ein Kind hat, kann sich ein Leben ohne Kind gar nicht mehr ausmalen&#8220;, sagte ich.<\/p>\n<p>&#8222;Wollt ick grade sagen&#8220;, sagte Frau Blumeier.<\/p>\n<p>Ein andermal erz\u00e4hlte sie mir von einer tr\u00fcbsinnigen Bekannten, die in einer total verm\u00fcllten Wohnung hause. Dort schaue sie, Frau Blumeier, nach dem Rechten, bringe Eink\u00e4ufe, sortiere die Post, wasche die W\u00e4sche. An Kr\u00fccken bewege sie sich durch den Ramsch und versuche, indem sie aufr\u00e4ume, sich einen Weg zu bahnen. Am kommenden Wochenende k\u00f6nne sie aber nicht helfen, da mache sie einen Bootsausflug.<\/p>\n<p>&#8222;Was denn f\u00fcr ein Boot?&#8220;, fragte ich.<\/p>\n<p>&#8222;Tja, dit wollnse jetz wissen, wa?!&#8220;, lachte Frau Blumeier.<\/p>\n<p>Sie hatte Lutz wiedergetroffen, einen alten Jugendfreund, und Lutz lud sie andauernd auf sein Boot ein. In holder Eintracht schipperten Frau Blumeier und ihr Jugendfreund \u00fcber die Spree, mit Picknick und allem Pipapo.<\/p>\n<p>&#8222;Sind Sie verknallt, Frau Blumeier?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wollt ick grade sagen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Schnattern, plappern, bl\u00f6deln<\/strong><\/p>\n<p>Im Winter darauf machten Frau Blumeier und Lutz die sch\u00f6nsten deutschen Weihnachtsm\u00e4rkte unsicher, jedes Wochenende ein Ausflug \u2013 N\u00fcrnberg, Dresden, L\u00fcbeck. Auf dem Thron packte Frau Blumeier mit beiden H\u00e4nden ihre Beine, verfrachtete sie in die richtige Position und lie\u00df sich die Fu\u00dfmassage behagen, die wegen fehlender Hornhaut immer besonders ausgiebig ausfiel. Ich sah ihr ins Gesicht, das mich ein bisschen an das einer Katze erinnerte, vielleicht wegen des hellen Flaums auf der Oberlippe. Frau Blumeier schnurrte.<\/p>\n<p>Ein Mittwoch Anfang M\u00e4rz, kurz vor sechzehn Uhr. Frau Blumeier kichert schon, als sie \u00fcber die Schwelle des Studios f\u00e4hrt. Beim Umsteigen vom Rolli in den Fu\u00dfpflegestuhl darf ich wie immer nicht helfen. Ich ziehe ihr die Kinderhausschuhe von den F\u00fc\u00dfen. Wir schnattern, plappern, bl\u00f6deln. Als ich die winzigen Zehenn\u00e4gel schneide, platzt Frau Blumeier heraus: &#8222;Uns is vielleicht wat Peinlichet passiert!&#8220;<\/p>\n<p>Ich sehe von ihren Zehen auf, deren zarte Haut ich nicht verletzen darf.<\/p>\n<p>Mitten beim Sex sei &#8222;dit Bette einjekracht&#8220;, Lutz und sie seien auf der Erde herumgekrabbelt und h\u00e4tten versucht, den Lattenrost zur\u00fcck in den Rahmen zu fummeln. Am n\u00e4chsten Tag sei im Fahrstuhl der Mann zugestiegen, der unter ihr wohne, habe saubl\u00f6d gegrinst und gesagt: &#8222;Bei Ihnen is ja wohl Halligalli nachts, wa?&#8220; Das sei ihr, Frau Blumeier, derma\u00dfen peinlich gewesen, dass sie am liebsten im Erdboden versunken w\u00e4re. Sie lebe wirklich gern in Marzahn, aber dass man in der Platte alles h\u00f6re, sei unm\u00f6glich. Und das Schlimmste: Jedes Mal, wenn sie diesem Mann jetzt begegne, w\u00fcrde der wieder saubl\u00f6d grinsen und sich \u00fcberhaupt nicht mehr einkriegen.<\/p>\n<p>&#8222;Frau Blumeier, das ist der blanke Neid&#8220;, sage ich.<\/p>\n<p>&#8222;Wollt ick grade sagen&#8220;, sagt Frau Blumeier.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Autorin ist Schriftstellerin und arbeitet als Fu\u00dfpflegerin in Marzahn. Hier trifft sie Menschen, deren Geschichten sonst selten geh\u00f6rt werden. 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