{"id":7075,"date":"2018-03-23T12:10:35","date_gmt":"2018-03-23T11:10:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7075"},"modified":"2018-03-23T17:44:23","modified_gmt":"2018-03-23T16:44:23","slug":"tellkamp-fluechtlinge-ani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/03\/23\/tellkamp-fluechtlinge-ani\/","title":{"rendered":"Eine Meinung allein macht noch keinen klaren Kopf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Schriftsteller Uwe Tellkamp meint, viele Fl\u00fcchtlinge k\u00e4men nur wegen der Sozialsysteme. Die meisten Deutschen sehen das anders. Woher ich das wei\u00df? Ich bin das Volk.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7084\" aria-describedby=\"caption-attachment-7084\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7084\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/03\/freitext-fluechtlinge-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-fluechtlinge-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-fluechtlinge-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-fluechtlinge-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-fluechtlinge.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7084\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sophia Kembowski\/dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der deutsche Schriftsteller Tellkamp aus Dresden behauptete k\u00fcrzlich, einhundert minus f\u00fcnf Prozent der Fl\u00fcchtlinge k\u00e4men nicht deswegen zu uns, weil in ihren Heimatl\u00e4ndern Krieg, Hunger und Zerst\u00f6rung den Alltag bestimmten. Vielmehr w\u00e4re ihr Plan, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/news\/2018-03\/09\/suhrkamp-distanziert-sich-von-tellkamp-180309-99-409389\">in die deutschen Sozialsysteme einzuwandern<\/a>. Ein Hammersatz. Zwar bl\u00f6d, falsch, rassistisch und zynisch, aber superpraktisch, um die Leute, also uns, hinterm Ofen vorzulocken.<!--more--><\/p>\n<p>Der Suhrkamp Verlag, in dem Tellkamps B\u00fccher erscheinen (meine \u00fcbrigens auch), twitterte rasch, eine derartige Auffassung entspr\u00e4che nicht der Haltung des Verlags zu diesem Thema. In Zeiten bl\u00f6der, falscher, rassistischer, zynischer und rechtsradikaler Behauptungen landauf, landab eine Stellungnahme, die Respekt verdient. Finde ich. Sie nicht?<\/p>\n<p>Hubert W., Braunschweig: &#8222;Dass das falsch sein soll, nur, weil Sie das so nicht wollen und erkennen, zeigt, dass Sie ein Systemschleimbeutel sind, weiter nichts.&#8220;<\/p>\n<p>Manfred K., Plauen: &#8222;Bleiben Sie, wo Sie sind, st\u00f6ren Sie dieses Land nicht mit Ihrem Unfug, Sie sind ein Gesinnungsdepp wie alle anderen Ihres Schlages auch.&#8220;<\/p>\n<p>Frauke Z., Bamberg: &#8222;Ekelhaft, einen renommierten Verlag auf die Weise in Misskredit zu bringen. Ich lese weiterhin die B\u00fccher von Suhrkamp, und die Verfilmung des Romans Turm von Tellkamp war ein Meisterwerk.&#8220;<\/p>\n<p>Henry F., Hannover: &#8222;Tellkamp sagt die Wahrheit. Und um das klar zu stellen: ich bin nicht ausl\u00e4nderfeindlich, ich bin inl\u00e4nderfreundlich.&#8220;<\/p>\n<p>Paul G., Halle: &#8222;Wer die Augen vor der sich immer weiter ausbreitenden Umvolkung in unserem Land verschlie\u00dft, so wie Sie, geh\u00f6rt zu der linksversifften Bande, die immer noch glaubt, der Araber und sein Islam sind Teil der Zivilisation. Sie tun mir leid, Sie armer Schreiberling.&#8220;<\/p>\n<p>Edith M., Pullach: &#8222;Wer unsere Sprache nicht spricht, wer unseren Herrn Jesus verleugnet und wer unsere Frauen missbraucht, ist kein Deutscher. Punkt. Und zu Tellkamp: Nur weil er nachdenkt, darf man ihn nicht gleich verurteilen. Wir haben Kultur in diesem Land.&#8220;<\/p>\n<p>Eberhard L., Bad T\u00f6lz: &#8222;Unter dem neuen Heimatminister werden die Dinge wieder in Ordnung gebracht, unsere Grenzen m\u00fcssen gesch\u00fctzt werden, und das wird passieren. Der Einsatz von Schusswaffen darf kein Tabu sein, wenn es darum geht, unser Leib und Leben gegen potenzielle Attent\u00e4ter zu verteidigen. Nur so l\u00e4sst sich massenhafte Einwanderung gezielt verhindern.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Heimat ist, was wir sp\u00fcren<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin ein Volksempf\u00e4nger. Ich h\u00f6re zu, ich notiere, ich schweife ab, ich \u00fcber- und ich untertreibe, ich leide und ich lebe. Ich liebe dieses Land, und manchmal nervt es mich unb\u00e4ndig. Ich verehre deutsche Dichter und amerikanische, italienische und russische, franz\u00f6sische, griechische und t\u00fcrkische, und oft lese ich zuf\u00e4llig Gedichte und Geschichten, bei denen ich das Herkunftsland der Autoren googeln muss.<\/p>\n<p>Ich finde Google ziemlich faszinierend und den Duden und den Brockhaus immer noch fantastisch. Geboren wurde ich als Halbsyrer und Halbschlesier in Oberbayern, und ich spreche bayerisch und deutsch, aber wenn ich einen Niederbayern in der Muttersprache reden h\u00f6re, einen Oberpf\u00e4lzer, eine S\u00e4chsin oder Friesin, wird es schwierig mit der Kommunikation. Doch dann f\u00e4llt mir ein: Heimat ist nicht das, was wir h\u00f6ren, sondern das, was wir sp\u00fcren. In meiner Heimatstadt M\u00fcnchen bin ich Erwachsener und Kind und daheim und manchmal so fremd wie in Berlin, wo ich mich in einen Metropolisten verwandle, oder in Hamburg, wo ich die Arme nach der gro\u00dfen weiten Welt ausstrecke, um dann doch wieder an der Br\u00fccke 10 zu versumpfen und gl\u00fccklich zu sein. Jedes Jahr freue ich mich auf Leipzig im Fr\u00fchling, auch wenn es mal wieder schneit, und ich ging beschwingt durch Weimar, Freiburg, Stuttgart, Gie\u00dfen, Wernigerode, Rostock, Potsdam, Hannover, K\u00f6ln, Quedlinburg, N\u00fcrnberg und so viele andere Klein-, Mittel- und Gro\u00dfst\u00e4dte, D\u00f6rfer und Peripherien.<\/p>\n<p>Die meisten Orte in Deutschland habe ich noch nie gesehen, und ich f\u00fcrchte, bis zum Ende meines Lebens wird sich daran nicht viel \u00e4ndern. Das macht nichts. Wo ich bin, ist ein Teil von Deutschland, und wo ich nicht bin, auch. Wir kennen uns nicht, Sie und ich, aber wenn wir uns schreiben oder sonstwie in Kontakt treten w\u00fcrden, verst\u00fcnden wir uns, zumindest auf sprachlicher Ebene (au\u00dfer, unsere Dialekte w\u00fcrden sich beharken, aber auch dann f\u00e4nden wir, sch\u00e4tze ich, eine L\u00f6sung).<\/p>\n<p><strong>Stimmen Sie ein in die Hassges\u00e4nge?<\/strong><\/p>\n<p>Wahrscheinlich stimmt unser Denken bei einigen Themen des t\u00e4glichen und n\u00e4chtlichen Lebens nicht \u00fcberein, wahrscheinlich w\u00fcrden Sie mich f\u00fcr die eine oder andere \u00c4u\u00dferung, die ich im Eifer so kundtue, beschimpfen, weil Sie eine andere Meinung haben, die Sie f\u00fcr richtiger halten. Wahrscheinlich sind wir beide gelegentlich Meinungsverteiler und kuscheln uns wohlig an Gleichgesinnte.<\/p>\n<p>Vielleicht aber auch nicht. Ich kenne Sie ja nicht. Vielleicht geht Ihnen Ihre Meinung ab und an genauso auf den Wecker wie mir die meine, und Sie sagen sich, so wie ich: Eine Meinung allein macht noch keinen klaren Kopf. Und dann schauen wir \u2013 Sie bei sich, ich bei mir \u2013 aus dem Fenster und staunen: Da laufen Leute herum, die v\u00f6llig anders aussehen als wir, die mehrere Sprachen durcheinander sprechen und ziemlich sicher andere G\u00f6tter anbeten als wir, falls wir so etwas \u00fcberhaupt noch tun. Und wir denken: Aha, ach so, na gut.<\/p>\n<p>Und dann h\u00f6ren wir, wie nebenan jemand vom Balkon br\u00fcllt, das Pack da unten solle schleunigst verschwinden, und zwar zur\u00fcck an den Bosporus oder ins hintere Morgenland. Und wir denken uns unseren Teil. Oder doch nicht? Klatschen Sie lieber dem Nachbarn Beifall? Stimmen Sie ein in seine Fl\u00fcche und Hassges\u00e4nge? Finden Sie jetzt doch, der Dresdner Autor hat Recht? Echt? Ich dagegen bin \u00fcberzeugt, dass einhundert minus f\u00fcnf Prozent der Deutschen Fl\u00fcchtlinge f\u00fcr Notleidende halten, denen geholfen werden muss, und zwar aus den Mitteln unserer prall gef\u00fcllten Sozialsysteme. Woher ich das wei\u00df? Ich bin das Volk. So wie Sie.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schriftsteller Uwe Tellkamp meint, viele Fl\u00fcchtlinge k\u00e4men nur wegen der Sozialsysteme. Die meisten Deutschen sehen das anders. Woher ich das wei\u00df? 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