{"id":7089,"date":"2018-03-27T11:47:37","date_gmt":"2018-03-27T09:47:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7089"},"modified":"2018-03-28T09:18:06","modified_gmt":"2018-03-28T07:18:06","slug":"the-death-of-stalin-martinowitsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/03\/27\/the-death-of-stalin-martinowitsch\/","title":{"rendered":"Dieser urkomische Terror"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die britische Kom\u00f6die &#8222;The Death of Stalin&#8220; darf in Russland nicht in die Kinos. In Belarus ist sie erlaubt. Das hat nicht mit unterschiedlichem Sinn f\u00fcr Humor zu tun.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7097\" aria-describedby=\"caption-attachment-7097\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7097\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/03\/freitext-the-death-of-stalin-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-the-death-of-stalin-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-the-death-of-stalin-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/03\/freitext-the-death-of-stalin-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7097\" class=\"wp-caption-text\">Molotow (Michael Palin), Malenkow (Jeffrey Tambor), Wassili Stalin (Rupert Friend), Chruschtschow (Steve Buscemi) und Beria (Simon Russell Beale) in dem Film &#8222;The Death of Stalin&#8220; (von links nach rechts) \u00a9 2017 Concorde Filmverleih GmbH<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2018-03\/belarus-viktor-martinovich-stalins-death-movie\"><em>\u0427\u0438\u0442\u0430\u0439\u0442\u0435 \u044d\u0442\u043e\u0442 \u0442\u0435\u043a\u0441\u0442 \u043d\u0430 \u0440\u0443\u0441\u0441\u043a\u043e\u043c \u044f\u0437\u044b\u043a\u0435.<\/em><\/a><\/p>\n<p>Das Kulturministerium der Russischen F\u00f6deration hat den Verleih der britischen Kom\u00f6die <em>The Death of Stalin<\/em> <a href=\"http:\/\/www.dekoder.org\/de\/article\/debattenschau-death-stalin-verbot\">gestoppt<\/a>, da sie &#8222;Informationen enth\u00e4lt, deren Verbreitung die Gesetzgebung der Russischen F\u00f6deration untersagt&#8220;. In Belarus wird der Film gezeigt, und das hat nicht allein mit dem unterschiedlichen Sinn f\u00fcr Humor zu tun.<!--more--><\/p>\n<p><em>The Death of Stalin<\/em> l\u00e4sst sich ziemlich leicht beschreiben. Man erinnere sich einfach an die Episode aus Julian Barnes&#8216; Roman <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2017\/08\/julian-barnes-laerm-zeit-komponist-dmitri-schostakowitsch\/komplettansicht\"><em>Der L\u00e4rm der Zeit<\/em><\/a>, in der Dmitri Schostakowitsch nach dem ersten Verh\u00f6r die Marotte entwickelt, jeden Abend seinen Mantel anzuziehen und mit dem gepackten kleinen Koffer im Treppenhaus zu n\u00e4chtigen. Schostakowitsch rechnet mit seiner Verhaftung und will verhindern, dass die NKWD-Schergen klingeln und die Familie aufschrecken. Nun stelle man sich vor, Schostakowitsch w\u00fcrde von Steve Buscemi gespielt und jeder seiner Auftritte von Konservengel\u00e4chter begleitet.<\/p>\n<p>Angst ist doch einfach saukomisch! Zuletzt stelle man sich noch vor, die Szene, in der Schostakowitsch von seiner Angst zerm\u00fcrbt selbst zum NKWD geht, um sich zu stellen, dort aber erf\u00e4hrt, dass sie ihn nur noch nicht einkassiert haben, weil sein zust\u00e4ndiger Ermittler noch vor ihm verhaftet wurde\u00a0\u2013 diese entsetzliche Szene also werde als der Gipfel der Komik dargestellt. So ist der Film <em>The Death of Stalin<\/em>. Authentische Episoden wie die um das <a href=\"http:\/\/www.classicfm.com\/discover-music\/latest\/maria-yudina-stalin\">Mozart-Klavierkonzert<\/a>, das eigens f\u00fcr Stalin in der versiegelten Philharmonie eingespielt wurde (damit das Publikum nicht weglaufen konnte und die authentische Akustik erhalten blieb) werden ins Komische gewendet. M\u00f6glicherweise ist <em>The Death of Stalin<\/em> f\u00fcr britische Zuschauer und Zuschauerinnen, deren V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter den st\u00e4hlernen Geschmack in Erwartung einer unmotivierten n\u00e4chtlichen Verhaftung nie kennengelernt haben, ja tats\u00e4chlich ein grandioser Film. Ich habe ihn mit stockendem Herzen angeschaut. Mir war nicht nach Lachen zumute.<\/p>\n<p><strong>Restaurierung des Stalin-Kultes<\/strong><\/p>\n<p>Aber es soll hier weniger um den Film selbst gehen als um sein Schicksal an den Orten, in denen sein Protagonist gelebt und gewirkt hat. Dass <em>The Death of Stalin<\/em> in Belarus laufen kann, in Russland aber nicht, ist doch einigerma\u00dfen verwunderlich. Belarus wurde noch vor Kurzem als &#8222;<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!1093949\/\">sozialistisches Freilichtmuseum&#8220;<\/a> tituliert, aktuell trifft es das vom Lonely Planet gepr\u00e4gte Schlagwort <em>&#8222;<a href=\"http:\/\/media.lonelyplanet.com\/shop\/pdfs\/1405-Eastern_Europe__-_Belarus__Chapter_.pdf\">communism with cappuccino&#8220;<\/a><\/em> wohl besser, dennoch ist der sowjetische Konservatismus hierzulande nach wie vor eine tragende S\u00e4ule der Staatsideologie. Erw\u00e4hnt sei hier nur die <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/reise\/Fern\/article148672982\/Bei-Minsk-wird-der-Zweite-Weltkrieg-zum-Volksfest.html\">Stalin-Linie<\/a> \u2013 ein gro\u00df angelegtes Freiluftmuseum, das mehrere Artilleriestellungen im befestigten Raum Minsk miteinander verbindet, um die milit\u00e4rische St\u00e4rke der UdSSR in der Stalin-Zeit zu verherrlichen.<\/p>\n<p>Eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Freigabe einer Satire \u00fcber Stalin und seinen Tod im Land der Stalin-Linie k\u00f6nnte vielleicht das Bestreben Minsks sein, seine Unabh\u00e4ngigkeit von russischer Kulturpolitik deutlich herauszustellen. Zumal die Kultur noch das Gebiet ist, auf dem Russland Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen bisweilen duldet. Aber die Sache ist komplizierter.<\/p>\n<p>Es sieht danach aus, als trage die Restaurierung des <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/07\/05\/stalin-kunst-russland-martinowitsch\">Stalin-Kultes<\/a>, die in den letzten Jahren in Russland betrieben wird, Z\u00fcge einer politischen Metonymie. Wie Stalin als Z\u00f6gling eines Priesterseminars einst das biblische Motiv des T\u00e4ufers und Wegbereiters bem\u00fchte, um sich als Gott und Lenin als seinen Propheten zu deklarieren, wird heute Stalin zum Vorl\u00e4ufer Putins erkl\u00e4rt. Beide lassen sich als &#8222;V\u00e4ter der V\u00f6lker&#8220; interpretieren, beide verstehen sich als &#8222;Bezwinger des Faschismus&#8220; (die moderne russische Propaganda stilisiert den Krieg in der Ostukraine zur Schlacht gegen Faschisten und Bandera-Leute). Beide, Stalin wie Putin, haben personalistische Regime etabliert, die die Mechanismen von Partei oder Nomenklatura zur konfliktfreien Macht\u00fcbergabe \u00fcbergehen (die letzte Pr\u00e4sidentschaftskandidatur Putins wurde nicht auf einem Parteitag der Regierungspartei Einiges Russland beschlossen).<\/p>\n<p><strong>Lachen als Legitimierung von Gewalt<\/strong><\/p>\n<p>Der auf die Schippe genommene Tod des Vorl\u00e4ufers kann in einem Land, das sich selbst in der von diesem Vorl\u00e4ufer begr\u00fcndeten symbolischen Tradition verortet, pl\u00f6tzlich gar nicht mehr so lustig sein. \u00dcber Stalins Tod lachen hei\u00dft irgendwie auch \u00fcber Putin lachen. Und wer wollte sich \u00fcber dieses Lachen freuen. Deshalb wird <em>The Death of Stalin<\/em> <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2018\/jan\/23\/russia-urged-to-delay-death-of-stalin-release-until-summer\">verboten<\/a>.<\/p>\n<p>In Belarus ist Stalin bis heute eine widerspr\u00fcchliche Figur. Einerseits kam Gorbatschows Perestroika in Minsk nur als ferner Nachhall der lauten Ersch\u00fctterungen in der Metropole an, daf\u00fcr unterblieb hier auch die Wiederbelebung des Stalin-Kultes als Reaktion auf die Offenbarungen Ende der Achtzigerjahre. Die Erinnerung an die erschossenen und enteigneten Urgro\u00dfeltern ist hier noch lebendig. Das unterschiedliche Verh\u00e4ltnis von Belarussen und Russen zu Stalin wird an einem Witz ziemlich deutlich (damit n\u00e4hern wir uns wohl auch der Haltung des Films wieder an): Sitzen drei Gro\u00dfm\u00fctter da und weinen. Die Tatarin denkt an die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/2014-03\/krimtataren-russland-krieg\">Deportation<\/a>, die Ukrainerin an den <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/internationales\/europa\/ukraine\/174179\/analyse-80-jahre-holodomor-die-grosse-hungersnot-in-der-ukraine?p=all\">Holodomor<\/a>, die Russin an Stalins Begr\u00e4bnis.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt ist noch das unterschiedliche Verh\u00e4ltnis zu einer humoristischen Betrachtung des Repressionsthemas von Bedeutung. Wer eine klare Parallele in der Gr\u00f6\u00dfe Stalins und Putins sieht, muss das Lachen \u00fcber Stalin und das hektische Gewusel seiner Umgebung nach dem Tod des F\u00fchrers als blasphemisch empfinden. F\u00fcr Belarus ist das Lachen \u00fcber eine ver\u00e4ngstigte Gesellschaft eine Form der Legitimierung von Gewalt. Die Briten k\u00f6nnen dar\u00fcber lachen, wie s\u00e4mtliche Hausangestellte Stalins erschossen werden und der NKWD-Offizier anschlie\u00dfend demjenigen eine Kugel in den Kopf jagt, der diese S\u00e4uberungsaktion organisiert hat\u00a0\u2013 dann hat es das alles nie gegeben, dann gab und gibt es keine Repressionen und kann nie welche geben. Dass einem das Herz stockt, wenn man den Tomatensaft aus den durchschossenen K\u00f6pfen spritzen sieht, habe ich ja schon erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Ich denke, der Regisseur Armando Iannucci war bei der Konzeption dieses Films davon ausgegangen, dass Humor als Heilmittel gegen ideologische Perversionen wirkt. Dass Lachen den Tyrannen endg\u00fcltig in der Gruft bannen kann, in der er schon vor 60\u00a0Jahren seine Ruhe h\u00e4tte finden sollen. Nun gilt aber das Stalin-Paradox, dass er wieder und wieder aus seinem Grab kommt und sich Herzegowina-Flor-Papirossy in seine Pfeife br\u00f6ckelt. Der Historiker <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/article99NFV-1.344630\">Boris Ilisarow<\/a>, der \u00fcber Stalins Randnotizen zu den russischen Klassikern aus dessen Privatbibliothek gearbeitet und eine exzellente Studie \u00fcber Stalins Verh\u00e4ltnis zu den Werken Dostojewskis, Tolstois, Gorkis und Anatole Frances vorgelegt hat, f\u00fchrt in seinem Nachwort allein drei solcher &#8222;Wiederauferstehungen&#8220; an. Ilisarow geht davon aus, dass nur die Zeit dabei helfen kann, sich Stalins zu entledigen. Es bed\u00fcrfe noch einiger Generationen, bis freie Menschen, deren Gro\u00dfv\u00e4ter den st\u00e4hlernen Geschmack in Erwartung einer unmotivierten n\u00e4chtlichen Verhaftung nie kennengelernt haben, Josef Dschugaschwili endlich in eine Reihe mit Tyrannen wie Iwan dem Schrecklichen, Dschingis Khan, Napoleon und Nero stellen k\u00f6nnen. Aber lassen diejenigen, die Stalin als ihren Vorl\u00e4ufer auffassen, diese neuen Generationen heranwachsen?<\/p>\n<p><em>Aus dem Russischen von Thomas Weiler<\/em><\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die britische Kom\u00f6die &#8222;The Death of Stalin&#8220; darf in Russland nicht in die Kinos. In Belarus ist sie erlaubt. 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