{"id":7095,"date":"2018-04-17T13:30:25","date_gmt":"2018-04-17T11:30:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7095"},"modified":"2018-04-17T14:07:56","modified_gmt":"2018-04-17T12:07:56","slug":"masturbation-pubertaet-rebhandl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/04\/17\/masturbation-pubertaet-rebhandl\/","title":{"rendered":"Nach der H\u00f6lle kommt nichts mehr"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ja, die Pubert\u00e4t in \u00d6sterreich, was f\u00fcr eine Naturgewalt! Voller Todessehnsucht, \u00dcbermut und Sinnlosigkeit. Davor gab es leider nur eine Rettung.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7184\" aria-describedby=\"caption-attachment-7184\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7184\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/04\/freitext-pubertaet-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-pubertaet-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-pubertaet-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-pubertaet-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7184\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Photofusion \/ Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Als Heranwachsender suchte ich wie jeder andere Sicherheit und Orientierung, etwas, an dem man sich festhalten kann. Zumal diese Zeit meines Lebens gepflastert war mit Toten, fast wie bei Django: Der Bauer n\u00f6rdlich unseres Hauses erh\u00e4ngte sich, als ich sechs war. Der Sohn des Bauern westlich unseres Hauses erschoss sich wenig sp\u00e4ter. Die Mutter eines Freundes sprang in die G\u00fcllegrube und tauchte nicht mehr auf. Der Sohn eines Freundes meines Vaters, eines Gendarms, erschoss sich mit dessen Waffe. Es war ganz sch\u00f6n was los!<!--more--><\/p>\n<p>Das stellte das Leben als solches f\u00fcr uns Heranwachsende gewisserma\u00dfen unter Generalverdacht. Die hohen Berge ringsherum, das tiefe Elend inmitten? Oder doch etwas ganz anderes?<\/p>\n<p>Von den Gro\u00dfen kam dazu nicht viel als Antwort. Niemand a\u00df glutenfrei damals, um besonders lange zu leben, das war einfach kein Ziel; auch war niemand durch das Betrachten von Kunst im Museum so verst\u00f6rt, dass er sich deswegen gleich umbringen musste. Von den Gro\u00dfen kam dazu also nur Schulterzucken und irgendetwas mit &#8222;der Herrgott&#8220;. Und dann: &#8222;Geht&#8217;s wieder spielen!&#8220;<\/p>\n<p>Sie rauchten dabei ihre Zigaretten, denn Zigaretten gaben Sicherheit, und die brauchten sie selbst. Die Zigaretten hie\u00dfen Hobby, Smart oder Milde Sorte und kamen noch aus der staatseigenen Austria Tabak. Staatseigentum gab auch Sicherheit. Wir rauchten sie bald selbst und wollten dabei so cool aussehen wie die Erwachsenen.<\/p>\n<p><strong>Irgendeinen Sinn musste das Leben ja haben<\/strong><\/p>\n<p>Dann kamen die ersten deutschen G\u00e4ste ins Tal und brachten Stuyvesant und Ernte 23 mit, den Duft der gro\u00dfen, weiten Welt! Hamburger Hafen und Osnabr\u00fcck, das sollte man sich mal anschauen, sp\u00e4ter. Sie kamen in ihren Audis 100 C1 in sch\u00f6nem Rostbraun oder sattem, dunklem Gr\u00fcn, und setzten dem Trend zum Selbstmord f\u00fcr uns Heranwachsende etwas bis dahin Ungekanntes entgegen: Sch\u00f6nheit und Stil. Was f\u00fcr herrliche Autos die Deutschen damals bauten! Solche wollten wir irgendwann haben.<\/p>\n<p>Allerdings kamen viele dieser Audis und BMWs erst gar nicht bei uns an, das war ein kleiner R\u00fcckschlag f\u00fcr einen Pubertierenden. Sie landeten zerkn\u00fcllt im Stra\u00dfengraben oder wickelten sich um einen Br\u00fcckenpfeiler. Die Deutschen n\u00e4herten sich unserem engen Tal n\u00e4mlich \u00fcber die sogenannte Gastarbeiterroute, die an unserem Ort vorbeif\u00fchrte, von Norden nach S\u00fcden und umgekehrt.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen waren damals ein Schlachtfeld, Todesursache: Rasen in Kombination mit Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. Airbag und Sicherheitsgurt gab es nicht, denn \u2013 siehe oben \u2013 ein \u00fcbertrieben langes Leben war niemandem ein gro\u00dfes Anliegen. Es herrschten einfach andere G\u00f6tter damals, wie der Philosoph Robert Pfaller nie vergisst zu erw\u00e4hnen: kleine, feine G\u00f6tter der Sorglosigkeit und des \u00dcbermutes, wie sie die Antike kannte; G\u00f6tter, die auch mal besoffen waren oder zu schnell unterwegs, und die das Risiko nicht scheuten. In der Rockmusik, die damals auch in unser Leben schwappte, ging die dazu passende Zeile so: <em>Born to be wild<\/em>. Irgendeinen Sinn musste das Leben ja haben.<\/p>\n<p>Wir suchten weiter nach einem Sinn und wurden zwanzig Meter von dieser Gastarbeiterroute entfernt f\u00fcndig, diesmal wirklich: In einer Art wildem Altpapierdepot, das dort in einem alten Schuppen untergebracht war. Kaputte K\u00fchlschr\u00e4nke und Waschmaschinen verschwanden im Moor, aussortierte Printprodukte in diesem Schuppen. Dort fuhren wir nun immer mit dem Fahrrad hin, denn dort lag verdammt viel Content herum, wie man heute sagen w\u00fcrde. Und Content zieht Kinder an. Wir fanden dort, w\u00e4hrend wir rauchten, Sch\u00e4tze mit Namen <em>Quick<\/em>, <em>Schl\u00fcsselloch<\/em>, <em>Wochenende<\/em>, <em>Praline<\/em> oder \u2013 wenn wir ganz gro\u00dfes Gl\u00fcck hatten \u2013: den <em>Playboy<\/em> mit Centerfold in der Mitte. Wir sahen Br\u00fcste! Angefeuchtete Lippen! Popos! Schenkel! Angehende Fetischisten sahen sogar F\u00fc\u00dfe!<\/p>\n<p><strong>Dazu brauchte ich nicht mal meine Hand!<\/strong><\/p>\n<p>Die Pubert\u00e4t ist eine Naturgewalt. Sie trifft einen wie eine Keule mit unglaublicher Wucht, und das Hirn wird noch einmal v\u00f6llig neu zusammengebaut, so hei\u00dft es. Was Sex und Frauen anging, hatten wir bis dahin ja nur die Pfarrer, die uns die Kr\u00e4fte der Natur austreiben wollten, und zwar mit dem Rohrstab. Ewiges H\u00f6llenfeuer dem, der auch nur daran denkt, sich &#8222;zu ber\u00fchren&#8220; (wie sie sagten)! Und noch ein paar Jahre l\u00e4nger f\u00fcr alle, die es auch tun!<\/p>\n<p>Ich war 13, das wei\u00df ich noch genau, und es muss ein Samstag gewesen sein, denn am Samstag wurde immer gebadet. Ich lag da also in der Wanne und hatte dieses Gottesgeschenk vor mir. (Jeder Mann denkt sp\u00e4ter, er h\u00e4tte ein &#8222;Gottesgeschenk&#8220; zwischen den Beinen. Aber hier meint Gottesgeschenk nur: Danke, lieber Gott, dass du es uns geschenkt hast, das Zumpferl!) Ich musste gar nicht viel tun, schon explodierte es. &#8222;Samenerguss&#8220; sagten die Pfarrer dazu, aber das Wort beschrieb nur ungen\u00fcgend, was passierte. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich sogar weinte: wegen der ewigen H\u00f6lle, die nun vor mir lag (oder weinte ich doch vor Gl\u00fcck?).<\/p>\n<p>Der \u00f6sterreichische Dramatiker Felix Mitterer hat gerade seine Autobiografie ver\u00f6ffentlicht, und eine der sch\u00f6nsten Szenen darin ist die, in der er von seiner ersten &#8222;Selbstber\u00fchrung&#8220; erz\u00e4hlt, in Tirol, wo sie so katholisch sind wie in Afghanistan muslimisch. Auch f\u00fcr ihn war es ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Erlebnis. Wir beide machten in der Folge einfach weiter, da es ja irgendwie auch schon egal war. Es gibt keine Steigerung von H\u00f6lle, das war uns bald klar.<\/p>\n<p>Die Autorin Katja Lewina hat im vergangenen Dezember f\u00fcr das Magazin\u00a0<em><a href=\"https:\/\/mailserverhhcas.zeit.de\/owa\/redir.aspx?C=-Fv_LbcxFPMqLtD9jtGrlYvs3MZJ-7DyfwQri5CKrUL1QgG5mYXVCA..&amp;URL=http%3a%2f%2fjetzt.de\">jetzt.de<\/a><\/em>\u00a0versucht, es sich 496-mal zu &#8222;besorgen&#8220;. Ich darf sagen: Das schaffte ich in einer Woche. Ach was, am Tag! Masturbation war unsere Rettung, entschieden ein Grund, sich nicht umzubringen. Ich musste nur irgendwo am Bauch herumliegen: Den Teppich, das Bett, die Decke, den Polster, die Schultasche. Dazu brauchte ich nicht mal meine Hand! Ich brauchte nur nach der Schule das Kinoprogramm der Tageszeitung zu lesen. Sobald ich zu den damals noch existierenden Sexkinos kam und zu den Filmen, die sie zeigten, ging es wieder los. Was f\u00fcr ein erf\u00fclltes Sexleben ich damals hatte: Katja Bienert (!), Bo Derek (!!) Brooke Shields (!!!). Und ja, ich war gut. Sie waren alle sehr zufrieden mit mir (und ich mit ihnen).<\/p>\n<p><strong>Wer masturbiert, kann niemandem wehtun<\/strong><\/p>\n<p>Gott wei\u00df, wer das alles immer sauber machte (okay, ich wei\u00df es auch: meine wunderbar verst\u00e4ndnisvolle Mutter). Ich h\u00e4tte damals neue Universen erschaffen k\u00f6nnen, Uranos war ein kleiner Schlaffi gegen mich. Erst recht, sobald das SW-Fernsehen mit der Formel 1 in unsere Wohnzimmer kam. Diese erlaubte uns eine grobe Einordnung der Dreifaltigkeit Zigaretten-Autos-Frauen. Bildungsfernsehen gewisserma\u00dfen. Denn wir sahen Au\u00dfergew\u00f6hnliches: Sonnenbrillen, Koteletten, offene Hemden, Gold auf den Brusthaaren und ausgestellte Hosen bei den M\u00e4nner. Und Frauen, wie wir sie bis dahin nur aus den Zeitschriften kannten. Es schien sie also wirklich zu geben! Man musste nur aussehen wie James Hunt, dann konnte man sie sogar &#8222;haben&#8220;. Eine Fluppe im Mund und ein schnelles Auto unter dem Arsch, mehr schien es nicht zu brauchen.<\/p>\n<p>Die Hippies lagen vielleicht nicht ganz falsch mit ihrer Idee, die Welt durch st\u00e4ndigen ungesch\u00fctzten und unbedachten (&#8222;Wer bist du noch mal?&#8220;) Geschlechtsverkehr zu retten. Aber ausgereift war das nicht. Begegnungen mit anderen Menschen f\u00fchren schlie\u00dflich immer irgendwann zu Konflikten. Wer hingegen masturbiert, der kann niemandem wehtun, der kann nichts anstellen, der muss keinen Atomknopf dr\u00fccken (dass man den Gr\u00f6\u00dften hat, das kann man sich ja immer noch vorstellen).<\/p>\n<p>Masturbation gilt also zu Unrecht als nicht gesellschaftsf\u00e4hig, jedenfalls in Kreisen, wo man gerne Jogginghose tr\u00e4gt: &#8222;Ey, du Wichser!&#8220; kann man sich von solchen oft anh\u00f6ren. Die machen auf dicke Hose wie Trump, Putin, Erdo\u011fan oder andere stets angespannte Prachtkerle dieser G\u00fcteklasse. W\u00fcrden die sich \u00f6fter mal gem\u00fctlich um sich selbst k\u00fcmmern und sich dabei entspannen, h\u00e4tten wir ein paar Probleme weniger.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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