{"id":7100,"date":"2018-04-05T14:20:56","date_gmt":"2018-04-05T12:20:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7100"},"modified":"2018-04-05T15:30:33","modified_gmt":"2018-04-05T13:30:33","slug":"alleinerziehend-mutter-eltern-kind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/04\/05\/alleinerziehend-mutter-eltern-kind\/","title":{"rendered":"Gebt uns, was uns zusteht!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alleinerziehende Eltern sind noch immer schlechter gestellt. Wie kann es sein, dass im Jahr 2018 diese Ungerechtigkeit in der Politik kaum diskutiert wird?<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7150\" aria-describedby=\"caption-attachment-7150\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7150\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/04\/freitext-alleinerziehend-620x413.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-alleinerziehend-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-alleinerziehend-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-alleinerziehend-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-alleinerziehend.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7150\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Benjamin Manley\/unsplash.com<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Als ich vor zwei Monaten den Vertrag zu meinem neuen Job unterschrieben hatte, machte ich mir einen Spa\u00df, googelte im Internet &#8222;Brutto-Netto-Rechner&#8220; und guckte, was ich am Ende des Monats in den unterschiedlichen Steuerklassen raushaben w\u00fcrde. Ich gab alle sechs Steuerklassen nacheinander ein. Als alleinerziehende Mutter \u2013 was ich bin \u2013 ist man in Steuerklasse 2. Als Single ohne Kinder ist man in Steuerklasse 1, und wenn man verheiratet ist \u2013 egal ob mit oder ohne Kinder \u2013 landet man als Hauptverdiener der &#8222;Familie&#8220; in der Steuerklasse 3. Letzteres bezeichnet man als sogenanntes Ehegattensplitting. Der Hauptverdiener wird besser besteuert, der Zweitverdiener daf\u00fcr schlechter.<\/p>\n<p>Als alleinerziehende Mutter ist man ja per Definition der Hauptverdiener, weil es eben keine andere Person im Haushalt gibt, die die Familie ern\u00e4hren k\u00f6nnte. Man sieht meine Tochter und mich nur leider nicht als Familie an. Ein Ehepaar ohne Kinder aber schon.<!--more--><\/p>\n<p><strong>An Ungerechtigkeit eigentlich nicht zu \u00fcberbieten<\/strong><\/p>\n<p>Als ich jedenfalls die drei Ergebnisse erhielt, wurde mir schwarz vor Augen. Ich fragte mich, wieso ich dieses Brutto-Netto-Rechner-Spiel eigentlich nicht schon l\u00e4ngst gemacht hatte, und begriff, dass es den meisten vermutlich wie mir ergangen war und deswegen so gut wie niemand die Ergebnisse kennt. Ich sah schwarz auf wei\u00df, dass ich gerade einmal 60 Euro mehr als der Single ohne Kinder und 640 Euro weniger als der Hauptverdiener aus dem Ehegattensplitting bekam. 640 Euro weniger, obwohl dieser Hauptverdiener im Gegensatz zu mir sogar noch \u00fcber einen Zweitverdiener verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Dabei bekomme ich ja nicht einmal Unterhalt von dem Vater meiner Tochter. Und damit bin ich nicht so wahnsinnig alleine. 60 Prozent aller alleinerziehenden Frauen bekommen in Deutschland keine Alimente, sondern 150 Euro Unterhaltsvorschuss vom Staat pro Monat.<\/p>\n<p><strong>Kein Mitleid<\/strong><\/p>\n<p>Ich arbeite sehr gerne, sehr hart und sehr viel. Ich habe ein hohes Jahres-Brutto-Einkommen. Wirklich. Und damit bin ich eine privilegierte Alleinerziehende. Ich kann meine Tochter in eine Privat-Kita schicken, in der sie von morgens bis abends hervorragend betreut wird, damit ich meine 60-Stunden-Woche mit etwas weniger Schuldgef\u00fchlen meistern kann. Sie geht aber auch in diese Privat-Kita, damit sie englisch und hebr\u00e4isch lernt, um mit ihrem Vater \u2013 der den Kontakt zu ihr vor eineinhalb Jahren v\u00f6llig abgebrochen hat \u2013 irgendwann einmal sprechen zu k\u00f6nnen. Er ist n\u00e4mlich kein Deutscher. Und damit ich mir in zehn Jahren nicht vorwerfen lassen muss, dass ich nicht alles daf\u00fcr getan habe, dass diese beiden eines Tages Hand in Hand durch Tel Aviv schlendern und sich in Ettas zweiter Muttersprache oder ihrer ersten Fremdsprache unterhalten k\u00f6nnen, zahle ich 250 Euro im Monat extra.<\/p>\n<p>Ich kaufe ihr in der Ackerhalle in Mitte immer die vorgeschnittenen Erdbeeren, obwohl sie das Doppelte kosten. Es ist ihre Lieblingsfrucht, und sie verdr\u00fcckt pro Tag ungef\u00e4hr 250 Gramm. Aber weil ich nach einem Zehn-Stunden-Tag keine Energie mehr habe, die Erdbeeren zu waschen, das Gr\u00fcn zu entfernen und sie in mundgerechte St\u00fccke zu schneiden, erkaufe ich mir Zeit und gebe das Doppelte aus. Und ich habe ein Konto eingerichtet, auf das ich jeden Monat 100 Euro \u00fcberweise, damit Etta davon einmal ihr Studium zahlen kann. Damit werde ich n\u00e4mlich in 18 Jahren auch ganz alleine dastehen. Das alles tue ich, ohne mich zu beschweren, weil ich gerne diese Verantwortung f\u00fcr ein Kind trage. Im Gegensatz allerdings zu den meisten V\u00e4tern und auch im Gegensatz zum Staat.<\/p>\n<p><strong>Ohne Logik<\/strong><\/p>\n<p>Als Hauptverdiener der Familie \u00fcbernehme ich alle anfallenden Kosten zu 100 Prozent: die Miete, das Telefon, den Strom, das Gas, das Auto, die Benzinkosten, den Babysitter, die Kita, Ettas Anziehsachen, Reisen und unser Essen. Und trotzdem kriege ich 640 Euro weniger als der Hauptverdiener einer Familie, der sich, im Gegensatz zu mir, alle eben genannten Unkosten mit seinem Zweitverdiener teilen kann.<\/p>\n<p>So wie es mir geht, geht es Millionen Frauen in diesem Land. Millionen Frauen, die l\u00e4cherliche 60 Euro mehr am Monatsende haben und l\u00e4cherliche 150 Euro Unterhaltsvorschuss, weil der Vater seiner Verantwortung nicht nachkommt. Sie haben Tausende Euro weniger als ein verheiratetes Paar ohne Kinder, obwohl sie eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung brauchen und dazu alleine ein Kind versorgen m\u00fcssen. Denn das Ehegattensplitting funktioniert unabh\u00e4ngig von den Kindern. Die 640 Euro bekommt der Hauptverdiener auch, wenn es keine Kinder im Haushalt gibt.<\/p>\n<p>Aber, was rede ich hier. Den meisten dieser vielen Millionen Frauen geht es eigentlich viel beschissener als mir. Sie k\u00f6nnen sich keine Privat-Kita und auch keine vorgeschnittenen Erdbeeren leisten, obwohl sie wahrscheinlich nicht mal weniger arbeiten als ich, sondern einfach schlechter bezahlt werden. Sie sind \u00fcberarbeitet, gestresst, voller Existenz\u00e4ngste und sorgen gleichzeitig daf\u00fcr, dass diese verheirateten Paare ohne Kinder, die auch noch mehr haben als sie, irgendwann Rente bekommen. Daf\u00fcr k\u00e4mpfen sie sich ab und haben am Monatsende ein Riesenloch in der Haushaltskasse.<\/p>\n<p>Wie kann das eigentlich sein? Wie kann es sein, dass im Jahre 2018 in der Politik zu keinem Zeitpunkt diese Problematik diskutiert wird? Wie kann es sein, dass sich niemand dieser Ungerechtigkeit annimmt?<\/p>\n<p>Denn das Mindeste, das wirklich Allermindeste w\u00e4re, wenn wir endlich bek\u00e4men, was uns als Hauptverdiener einer Familie zusteht, n\u00e4mlich eine Steuererleichterung, wie sie die Hauptverdiener beim Ehegattensplitting bekommen. Richtig gerecht w\u00fcrde es aber erst werden, wenn wir noch mehr bek\u00e4men, einfach, weil es keinen Zweitverdiener gibt, weil sich niemand mit uns die Unkosten teilt oder das Leben. Weil da niemand die W\u00e4sche f\u00fcr uns w\u00e4scht, die Sp\u00fclmaschine ausr\u00e4umt, die Eink\u00e4ufe erledigt und das Kind von der Kita abholt, wenn wir wieder l\u00e4nger im B\u00fcro bleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Das Ehegattensplitting ist nicht das Problem<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin nicht gegen das Ehegattensplitting. Mir ist egal, wie viel andere Leute verdienen. Mir ist auch egal, ob sie mehr haben als ich. Was ich nicht verstehe ist, wieso unverheiratete Hauptverdiener einer Familie diese Steuererleichterung nicht auch bekommen. Und daf\u00fcr gibt es auch keine logische Erkl\u00e4rung. Der deutsche Staat entlastet verheiratete, kinderlose Paare steuerlich und benachteiligt radikal alle Personen mit Kindern. Denn die 190 Euro Kindergeld gleichen die fehlenden 640 Euro nicht aus.<\/p>\n<p>Seit ich diese Brutto-Netto-Rechnung gemacht habe, bin ich deswegen auf der Suche nach meinem &#8222;Zweitverdiener&#8220;. Ich suche einen Mann oder eine Frau, der\/die am besten gar nicht arbeitet, aber auch kein Harzt IV bekommt. Ein Privatier w\u00e4re steuerlich gesehen das Allerbeste f\u00fcr mich. Diese Privatiers jedenfalls k\u00f6nnen sich gerne bei mir melden. Ich w\u00fcrde sie in einer standesamtlichen Trauung ehelichen, ohne dass wir uns danach je wiedersehen m\u00fcssen. Ich h\u00e4tte n\u00e4mlich gerne meine mir zustehenden 640 Euro mehr monatlich auf dem Konto. Also: Meldet euch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alleinerziehende Eltern sind noch immer schlechter gestellt. Wie kann es sein, dass im Jahr 2018 diese Ungerechtigkeit in der Politik kaum diskutiert wird? 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