{"id":7203,"date":"2018-04-19T15:39:35","date_gmt":"2018-04-19T13:39:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7203"},"modified":"2018-04-24T17:32:36","modified_gmt":"2018-04-24T15:32:36","slug":"migration-sprache-gorelik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/04\/19\/migration-sprache-gorelik\/","title":{"rendered":"Erinnerungen, die. Zuhause, das."},"content":{"rendered":"<p><strong>Als meine Familie nach Deutschland auswanderte, lie\u00dfen wir alles zur\u00fcck. Auch die Sprache. Lange blieb die Angst: Dass man mir ansieht, anh\u00f6rt, anriecht, dass ich anders bin.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7209\" aria-describedby=\"caption-attachment-7209\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7209 size-large\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/04\/freitext-migration-1024x576.jpg\" alt=\"Migration und Sprache - Erinnerungen, die. Zuhause, das.\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-migration-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-migration-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-migration-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7209\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Reinhard Krull\/EyeEm \/ Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Zug, der: Schlafwaggons, die Liegen blau. Blaues Plastik, aus dem durch Risse und L\u00f6cher der Schaumstoff dr\u00e4ngt. Ich habe noch nicht gelernt, mich zu ekeln, und sp\u00e4ter werde ich es auf eine pubert\u00e4re Weise tun: rebellisch und drastisch. Bei der Sauberkeit von Hotelbetten bin ich pingeliger als jeder, mit dem ich jemals verreiste.<!--more--><\/p>\n<p>Das wird sp\u00e4ter sein, da werde ich zu lang unter blau-karierter Bettw\u00e4sche in einem Asylantenheim hinter Stacheldraht mich mehr durch N\u00e4chte ge\u00e4ngstigt denn geschlafen haben, und auf karierte Bettw\u00e4sche wird der Hass ebenfalls ein pubert\u00e4rer, beinahe ein faschistischer sein. Der Zug jedenfalls: Schlafwaggons, die Liegen blau. Wir haben, wahrscheinlich, Karten gespielt. Wir haben, mit Sicherheit, aus dem Fenster gesehen. Das Grau schien mit jedem Kilometer zu weichen, als h\u00e4tte jemand langsam die Glasscheiben poliert. Klarheit wie Freiheit, so ein Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>In Warschau war mir \u2013 der Eiserne Vorhang schien, wenn man in der Sowjetunion lebte, \u00f6stlicher zu h\u00e4ngen \u2013, als h\u00e4tten wir den Westen betreten; ein buntes Schlaraffenland voller Menschen im Gl\u00fcck. Gegessen haben wir im Zug auch, und manchmal brachte der Schaffner einen Tee. Mein Vater hatte im Vorfeld die Taschen gepackt, die eigens f\u00fcr diese Auswanderung angefertigten, gro\u00dfe, beigefarbene Taschen aus rei\u00dffestem Stoff, der Rei\u00dfverschluss schwarz, ein verpacktes Leben oder eben, was nutzvoll erschien. Wertvoll w\u00e4re besser gewesen, aber das kann man erst im Nachhinein wissen, wenn man wo angekommen ist.<\/p>\n<p><strong>Die Angst, alles zu verlieren<\/strong><\/p>\n<p>Mein Vater faltete und legte zusammen und quetschte dazwischen: Bettw\u00e4sche, Geschirr, B\u00fccher kaum, ich durfte zwei; ich nahm Astrid Lindgren mit und den Tolstoj drehten sie mir an, der Bildung wegen. Kleidung, nur wenige Fotos, ein B\u00fcgeleisen war auch dabei; Schulhefte, Seife, wir hatten geh\u00f6rt, dass die in Deutschland teuer sein sollte, sogar K\u00fcchenhandt\u00fccher, die meine Eltern bis heute benutzen; n\u00fctzlich, ein bedeutendes Wort unter jenen, die um die Unsicherheiten des Lebens wissen.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfmutter st\u00f6hnte und k\u00fcsste die Dinge, die an Familie und Freunde verschenkt wurden, mein Vater dauergereizt, nein, das k\u00f6nnen wir nicht mitnehmen, nein, das auch nicht, ich sage das nicht noch einmal. Neun Gep\u00e4ckst\u00fccke, die mein Vater dauernd durchz\u00e4hlte, eins, zwei, drei, vier, f\u00fcnf, wie zwanghaft, neun Gep\u00e4ckst\u00fccke und ein zweites Leben, wir stiegen in den Nachtzug ein, den nach Berlin. Drau\u00dfen vor den Fenstern war es dunkel, als der Zug Sankt Petersburg verlie\u00df. Das Verstehen lie\u00df sich Zeit, es kroch gem\u00e4chlich in mich hinein; den Erwachsenen schaute ich beim Weinen zu.<\/p>\n<p>Berlin, der\/die\/das: Der Geruch von mit K\u00e4se \u00fcberbackenem Laugengeb\u00e4ck und das wird f\u00fcr immer so bleiben. Wir stehen am Gleis. Mein Vater bewacht die Taschen. Diese andere Sprache, die ohne Sinn. Sauberkeit und ich wei\u00df, ich darf nicht fragen, ob ich ein St\u00fcck von diesem Geb\u00e4ck haben darf, dessen Namen ich noch nicht kenne und so riecht wie Berlin f\u00fcr mich immer riechen wird; das Geld ist ebenfalls ein anderes, und wir haben wenig davon. Mein Vater tr\u00e4gt einen Teil in einer Tasche an seinem Herzen, meine Mutter den anderen in ihrem BH und was nach einer Schmuggelgeschichte klingt, ist nur die blanke Angst: alles zu verlieren.<\/p>\n<p><strong>Die Synthetik-Jogginghose taugt noch etwas<\/strong><\/p>\n<p>Wir verbringen den ganzen Tag am Gleis, einer dieser wenigen Tage im Leben, die in Details in der Erinnerung kleben, und dieses eine Wort: bunt, aber wirklich alles. Familienlegenden werden an diesem Tag geboren, zum Beispiel die: Wie ein fremder, Russisch sprechender Mann meinen Vater fragte, ob wir aus Russland seien und ob wir wohl f\u00fcr immer nach Deutschland z\u00f6gen, und ihm, nach Bejahung dieser offensichtlich zu bejahenden Frage, zwei Weisheiten mit auf den Weg gab: &#8222;Erstens h\u00e4ttet ihr das schon vor Jahren machen sollen, und zweitens nur den mitnehmen&#8220;, und er nickte in Richtung des kleinen, orangeledernen Aktenkoffers mit den zwei silbernen Schnallen, den mein Vater seit unserer Abfahrt an sich dr\u00fcckte wie einen neugeborenen S\u00e4ugling, den man vor umherschwirrenden Viren bewahren will: Dort wurden alle Dokumente, Geburts- und Heiratsurkunden, Ausreisegenehmigungen, in der Sowjetunion hart erarbeitete und in Deutschland niemals anerkannte Diplome, gelagert.<\/p>\n<p>Stuttgart, ohne Artikel: Letztes Jahr in der Wohnung meiner Eltern, in der mein Vater immer noch die Synthetik-Jogginghose, die er damals in einer dieser Taschen mitbrachte, tr\u00e4gt, sie taugt immerhin noch etwas; an den W\u00e4nden h\u00e4ngen Fotografien von Petersburg zwischen afrikanischen Masken, die mein Vater auf Flohm\u00e4rkten kauft. Es ist Morgen, und ich habe nicht gut geschlafen, ich habe mich gew\u00e4lzt und ich habe unter der Teddyb\u00e4renbettw\u00e4sche geschlafen, blaue Teddyb\u00e4ren auf gelbem Grund, eine dieser gescheiterten Freuden, die meine Mutter mir zu machen versucht; sie wartet auf ein L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Eine Erinnerung an Kindheit, aber f\u00fcr Kindheit war ich zu gro\u00df, als ich diese Bettw\u00e4sche bekam, in der Pubert\u00e4t, als meine Eltern endlich Arbeit fanden und jetzt befanden, dass da etwas Geld war, um mir die Sachen zu kaufen, auf die ich lange mit gro\u00dfen Augen gestarrt hatte; ich hatte schweigend gestarrt und vielleicht schon zu viel verstanden. Wir haben nie \u00fcber das eine St\u00fcckchen Kindheit gesprochen, das fehlt. Das ist verloren gegangen und als es zu sp\u00e4t war, zu sp\u00e4t f\u00fcr die Teddyb\u00e4renbettw\u00e4sche, suchte ich unruhig danach. Ich habe nicht gut geschlafen und der Kaffee bei meinen Eltern schmeckt nach Wasser, und ich traue mich endlich zu fragen, was ich seit Jahren schon fragen will: Ob ich den orangeledernen Aktenkoffer wohl haben darf. Vorab erben, sozusagen. Warum denn das?, fragt mein Vater und schaut \u00fcberrascht von seinem morgendlichen K\u00e4sebrot auf. Wir sprechen nicht.<\/p>\n<p><strong>Warum habe ich dir nicht \u00f6fter ein Eis gekauft?<\/strong><\/p>\n<p>Kindheit, verlorene, die; unwichtig: Einmal sa\u00dfen mein Vater und ich im Bus und der Bus fuhr an einem Eiskiosk vorbei, und wir dachten wohl beide dasselbe, wir dachten beide daran, wie wir ganz frisch in Deutschland waren, ein paar Wochen vielleicht, ich, ein elfj\u00e4hriges M\u00e4dchen mit kurzen Haaren, und er, mein Vater, ich glaube, er war schon immer alt. Wir waren ganz frisch in Deutschland, alles schien oder war bunt, und meine Augen h\u00fcpften hin und her und wussten nicht, wohin, und mein Vater hatte Angst, wahrscheinlich, ich habe ihn nie gefragt; so eine Angst vor dem Leben.<\/p>\n<p>Das Eis war ebenfalls bunt, die vielen Sorten, 60 Pfennig die Kugel, das dachte ich und dass die Preise ja seitdem gestiegen sind, so etwas dachte ich, unwichtige Dinge, \u00fcber die Inflation dachte ich nach, \u00fcber den Wechsel von D-Mark zu Euro, da sagte mein Vater, dass er den Anblick dieses Kiosks hasst. Warum, fragte ich und schaute auf, das erste Mal seit Langem tats\u00e4chlich interessiert. Ich h\u00e4tte dir hier viel \u00f6fter ein Eis kaufen sollen, sagte mein Vater. Du hast immer mit diesen wollenden Augen hingeguckt, aber nie darum gebeten, und mir kamen die 60 Pfennig so viel vor und ich hatte Angst, dass wir das Geld brauchen k\u00f6nnten, aber es waren ja nur 60 Pfennig, was ist das schon, du warst doch ein Kind.<\/p>\n<p>Ein Kind, sagt er, und blickt zum Fenster hinaus. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeifahre, \u00e4rgere ich mich, warum habe ich dir nicht \u00f6fter ein Eis gekauft, du wolltest so gerne eins, sagt mein Vater. Alles war neu, ich wusste nichts, und dann sagt mein Vater: Aber das soll keine Entschuldigung sein. Wir sa\u00dfen im Bus, mein Vater und ich, als er mir von seinem Schmerz erz\u00e4hlte, und ich wusste nicht, was ich sagen k\u00f6nnte, ich traute mich nicht, seine Hand zu nehmen.<\/p>\n<p><strong>Den Stacheldraht wegweinen<\/strong><\/p>\n<p>Zuhause, das: Hinter Stacheldraht, was man damals Asylantenheim nannte; zu dem man heute Fl\u00fcchtlingsunterkunft sagt. Ich wei\u00df nicht, als w\u00fcrden Worte Orte zu etwas Besserem machen, als n\u00e4hmen Worte Orten die Scham. Sie steckten uns hier hinein, das Hier mit Stacheldraht umz\u00e4unt, und hier blieben wir, zu f\u00fcnft in ein Zimmer gedr\u00e4ngt, zwei Stockbetten aus braunem Metall, ein Tisch dazwischen, ein orangefarbener Schrank. Eine Matratze f\u00fcr meinen Bruder, die mein Vater jeden Morgen hinter den Schrank presste, und als mein Bruder sp\u00e4ter zum Studieren wegzog, das Gef\u00fchl von Freiheit: Das zw\u00f6lf Quadratmeter gro\u00dfe Zimmer schien mit einem Mal gro\u00df. Vom Sperrm\u00fcll schleppte ich eines Tages stolz einen gr\u00fcnen Sessel an, und mein Vater schickte mich wieder zur\u00fcck, wohin damit, aber die rote Stoffmaus, die ich am selben Tag fand, die durfte ich behalten. Kein Heim \u2013 kein Heimweh, paradox eigentlich, weil wir das, was wir nicht Zuhause zu nennen wagten, Heim nannten; es war einfacher auszusprechen und vielleicht einfacher zu beleben, als das andere, das Asylantenwohnheim.<\/p>\n<p>Nachts weinte ich unter blau-wei\u00df-karierter Bettw\u00e4sche, die von der Heimverwaltung ausgeteilt wurde, den Stacheldraht weg, diese stinkende, stets fettfilm\u00fcberzogene K\u00fcche, die die sechzig, die sie teilten, nicht sauber kriegten, die d\u00fcnnen Holzbrettw\u00e4nde zwischen den einzelnen Zimmern, Holz, ein Hauch, die Angst, die nachts gr\u00f6\u00dfer wurde, und die Scham, die nicht wich. Ich weinte, obwohl sich nichts \u00e4nderte, und wenn sie mich fragten, nach dem Warum, und meistens fragten sie nicht, so erwiderte ich, ich weine nach dem Hund, den wir bei Verwandten zur\u00fccklassen hatten m\u00fcssen. Wir gaben uns M\u00fche, ein Leben zwischen den mitgebrachten Sachen, den zwei braunen Stahlhochbetten, dem Tisch und dem wutgetr\u00e4nkten Schweigen auf zw\u00f6lf Quadratmetern einzurichten, \u00fcber uns wachte die Angst, sie klebte sozusagen an der grauen Decke.<\/p>\n<p>Erinnerungen, die: Unsere Erinnerungen legen wir uns zurecht in erz\u00e4hlbare Geschichten. Ich hatte mir auch eine zurechtgelegt und ich achtete darauf, sie so zu erz\u00e4hlen, dass man lachen durfte \u00fcber mein Ungl\u00fcck: Wenn ich gefragt wurde, wie es war, neu in einem Land zu sein und die Sprache nicht zu verstehen, so erz\u00e4hlte ich, anfangs habe ich die Schulf\u00e4cher, aufgrund nicht vorhandener Sprachkenntnisse, anhand der verschiedenfarbigen Heftumschl\u00e4ge unterschieden: Montags hatte ich gelb, blau, zwei Mal rot und dann gr\u00fcn, dienstags blau, gelb, orange, braun, gr\u00fcn.<\/p>\n<p><strong>Der Teebeutel, das westliche Wunder<\/strong><\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hlte, wie ich die Sprache aufsog, wie ein hungriges Tier schnappte ich nach Worten, hielt sie mit aller Kraft fest, lie\u00df sie auf der Zunge zergehen: Monatelang antwortete ich mit \u201emeinetwegen\u201c auf jede mir gestellte Frage. Ich wusste nicht, ob das Wort &#8222;ja&#8220; oder &#8222;nein&#8220; bedeutete, aber ich mochte den Klang. Als ich genug Worte gesammelt hatte, da schrieb ich ein Buch, in dem auch das Fl\u00fcchtlingswohnheim eine Rolle spielte, und \u00fcber das Wohnheim schrieb ich: Ein Zuhause, f\u00fcr das ich mich bis auf die Knochen sch\u00e4mte, und ich freute mich an der Sprache, die die meine geworden war. Meine Geschichte hatte ich mir zurechtgelegt und gefaltet, dass ich sie vorzeigen konnte. Nichts davon war gelogen und nichts war erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ich habe versucht, aber nie gelernt, wie man das aufschreiben kann: Wie es ist, wenn man das verl\u00e4sst, was so gro\u00dfspurig und assoziationengetr\u00e4nkt Heimat genannt wird, was sowohl Liebe ist als auch Hass, und wie es ist, ein neuer Mensch werden zu m\u00fcssen oder vielleicht \u00fcberhaupt wieder ein Mensch. Wie das langsam geschieht, in kleinen Erfolgen und gro\u00dfen \u00c4ngsten, \u00fcber diese eine Freude, wenn man nach dem passenden Artikel zum Wort nicht suchen muss. <em>Der<\/em> Baum und <em>das<\/em> Geb\u00fcsch, <em>der<\/em> Teebeutel, das ist das Ding mit dem Faden dran, das man in die Teetasse h\u00e4ngt, ein westliches Wunder.<\/p>\n<p>Kleine Erfolge: Wenn die Dinge keine Wunder mehr sind, sondern Alltag und der Teebeutel ein Teebeutel sein darf. Gro\u00dfe \u00c4ngste: Dass man mir ansieht, anh\u00f6rt, anriecht, dass ich jemand anderes bin. Erst Jahre sp\u00e4ter die Erkenntnis, sich an falscher Stelle gesch\u00e4mt zu haben und die zweite Scham: Die, sich gesch\u00e4mt zu haben. (Und die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der dieser Konjunktiv II oder was f\u00fcr eine Zeitform das sein soll, gebildet wird; dieser nicht mehr notwendige Stolz).<\/p>\n<p><strong>Sich selbst verschweigen<\/strong><\/p>\n<p>Die Klassiker im Versuch, aus der Minderheit in die Mehrheit aufzusteigen: Sich f\u00fcr die Eltern sch\u00e4men, die zu Russisch scheinen und deshalb nicht zu Schulauff\u00fchrungen kommen d\u00fcrfen oder zum Abholen vom Schullandheim. B\u00fccher mit kyrillischer Schrift werden zu Hause gelesen, und \u00fcber Dinge, die in meiner Erinnerung fehlen, schweige ich mit einem Nicken hinweg, als w\u00fcsste ich genau, worum es geht: Was eine Schult\u00fcte und wer Wickie ist, wonach Weihnachten riecht und wie Stollen schmeckt (bis man allein verstanden hat: Es ist etwas zu essen!).<\/p>\n<p>Im Soziologiestudium lerne ich sp\u00e4ter, was ich da tat: Sich selbst verschweigen, um mich in einer neuen Welt h\u00f6rbar zu machen. Der gr\u00f6\u00dfte kleine Erfolg: Die Angst verwandelt sich in eine vor mir selbst. Nicht, was die anderen von mir denken, sondern was ich bin oder nicht mehr bin, weil ich nicht mehr zu sein wagte. Wie aus einer Bewegungslosigkeit aufzuwachen: Er kann das, der Hals, den Kopf erheben. Geschriebene Worte, ich. Ich bin es, die der Sprache befiehlt. Ich bin mir nicht sicher, was ich mit dem Aktenkoffer, in dem mein Vater all die Dokumente mitbrachte, die auswiesen, wer wir in diesem anderen Leben gewesen waren, machen soll; er darf nicht in den feuchten Keller, und auch sonst habe ich keinen Platz f\u00fcr ihn. Also steht er vor\u00fcbergehend \u2013 und das Vor\u00fcbergehend ist zum Alltag geworden \u2013 hinter dem Kachelofen herum. Einfach so.<\/p>\n<p>Ankommen, das.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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