{"id":7269,"date":"2018-04-26T11:34:57","date_gmt":"2018-04-26T09:34:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7269"},"modified":"2018-04-26T12:20:53","modified_gmt":"2018-04-26T10:20:53","slug":"fusspflege-marzahn-pietsch-oskamp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/04\/26\/fusspflege-marzahn-pietsch-oskamp\/","title":{"rendered":"&#8222;Was gibt&#8217;s Neues an der Front?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"font-size: 12pt;\">Unsere Autorin ist Schriftstellerin und nebenher Fu\u00dfpflegerin in Marzahn. Dass hier nur alte DDR-Bonzen leben, ist ein Klischee. Aber manchmal trifft sie doch einen. <\/span><\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7279\" aria-describedby=\"caption-attachment-7279\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7279\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/04\/freitext-marzahn-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-marzahn-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-marzahn-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-marzahn-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7279\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sean Gallup\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist Teil unserer Miniserie &#8222;Fu\u00dfpflege in Marzahn&#8220;. <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/category\/fusspflege-in-marzahn\/\">Alle Folgen finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>Noch immer geistert ein uraltes Vorurteil durch die K\u00f6pfe: In der Ostberliner Plattenbausiedlung Marzahn, hei\u00dft es, tummeln sich lauter ehemalige DDR-Bonzen und SED-Funktion\u00e4re. Das trifft nicht zu, wof\u00fcr ich, allersp\u00e4testens seit ich als Fu\u00dfpflegerin in Marzahn arbeite, meine Hand ins Feuer lege. Ich betreue die F\u00fc\u00dfe von Maurern, Fleischern, Chemiefacharbeitern, Schneiderinnen, Verk\u00e4uferinnen, Krankenschwestern. Eine Elektronikfacharbeiterin ist dabei, eine Rinderz\u00fcchterin, eine Tankwartin. Fast alle meine Kunden sind Rentner, manche erst seit Kurzem, manche schon seit langer Zeit.<!--more--><\/p>\n<p>Ein einziger waschechter Parteifunktion\u00e4r sucht mich allerdings regelm\u00e4\u00dfig auf. Seit ich ihn kenne, hat das Vorurteil ein Gesicht: das von Herrn Pietsch. Er ist ein wandelndes Klischee.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zum Termin steht Herr Pietsch vor der T\u00fcr unseres Studios, die karierte Schieberm\u00fctze auf der Glatze, und glotzt ernst durch die Scheibe. Es ist unter seiner W\u00fcrde, irgendwo anzuklopfen oder zu klingeln; alle T\u00fcren haben sich von selbst zu \u00f6ffnen, wenn Herr Pietsch auftaucht; so kennt er es, davon geht er aus, auch wenn es seit drei\u00dfig Jahren nicht mehr klappt. Ich lasse ihn ein, &#8222;Herr Pietsch, ich gr\u00fc\u00dfe Sie!&#8220;, doch mein L\u00e4cheln wird nicht erwidert. Verschwiegen legt Herr Pietsch die Jacke ab, wirkt, als sei er dienstlich hier und m\u00fcsse irgendwas pr\u00fcfen. Eine Kosmetikkundin, die wartend im Korbsessel sitzt, gr\u00fc\u00dft er im doppelten Sinn von oben herab, denn Herr Pietsch ist ein gro\u00dfer Mann. Mit seinem Beutelchen geht der Eins-neunzig-Rentner vor mir her in den Fu\u00dfpflegeraum.<\/p>\n<p><strong>Der j\u00fcngste Kreisparteisekret\u00e4r der ganzen DDR<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Was gibt&#8217;s Neues an der Front?&#8220;, frage ich. Herr Pietsch, der Schuhe und Socken auszieht, starrt aus dem Fenster. Ich kenne das inzwischen: Herr Pietsch fremdelt erst, sp\u00e4ter schie\u00dft er umso heftiger \u00fcbers Ziel hinaus. Ich kauere mich hin, schiebe das Fu\u00dfbad an den rechten Fleck und schaue von unten in sein Gesicht, aus dem die Augen zu stark hervortreten; zwei Halbkugeln w\u00f6lben sich nach au\u00dfen. Herr Pietsch tr\u00e4gt in th\u00fcringischem S\u00e4chsisch und wegen der dritten Z\u00e4hne leicht vernuschelt vor: &#8222;Sicher, es gibt ein paar Dinge, mit denen ich nicht zufrieden bin, aber ich komme klar. Ich bew\u00e4ltige mein Leben.&#8220;<\/p>\n<p>Eberhard Pietsch, geboren 1941, stammt aus einfachen Verh\u00e4ltnissen. Er besuchte die Arbeiter- und Bauernfakult\u00e4t, wurde Lehrer f\u00fcr Geschichte und Mathematik. Er heiratete und bekam eine Tochter. Beruflich wechselte er schnell die Spur und startete seine Funktion\u00e4rslaufbahn. Zuerst war er bei der FDJ-Bezirksleitung in Th\u00fcringen, bald bef\u00f6rderte man ihn auf einen Parteiposten. Einmal trompetete er mir stolz entgegen: &#8222;Ich war der j\u00fcngste Kreisparteisekret\u00e4r der ganzen DDR!&#8220; Dazu begl\u00fcckw\u00fcnschte ich ihn. Der Kreis, dessen Parteisekret\u00e4r er in den Siebzigern gewesen war, grenzte an die Bundesrepublik Deutschland, und ich gewann den Eindruck, Herr Pietsch habe die f\u00fcnfunddrei\u00dfig Kilometer Staatsgrenze ganz allein bewacht. 1981 zog Herr Pietsch mit seiner Familie in die Hauptstadt, fuhr als SED-Kader zu Kongressen ins sozialistische Ausland und begleitete DDR-Delegationen zu Olympischen Spielen. Ich habe nie begriffen, worin genau seine Arbeit bestand.<\/p>\n<p>Als ich ihn zum ersten Mal sah, fragte er mich, ob ich wisse, wann Pioniergeburtstag sei. Dreizehnter Dezember, sagte ich, nannte auf Nachfrage au\u00dferdem den Tag der NVA (erster M\u00e4rz), den Lehrertag (zw\u00f6lfter Juni) und den Tag der Republik (siebter Oktober) und sang ihm als kleines Extra &#8222;Immer lebe die Sonne&#8220; auf Russisch vor. Damit habe ich sein krankes Herz gewonnen. Er sieht in mir die flei\u00dfige Jungpionierin, die ich einmal war. Ich erinnere Herrn Pietsch an seine besten Jahre.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber Sexualkontakte akribisch Buch gef\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich seine F\u00fc\u00dfe wasche, erz\u00e4hlt er mir von einem neuen Sessel, den er sich gekauft hat, auf dessen Lieferung er allerdings drei Monate warten muss. Da er den alten Sessel schon entsorgt hat, sitzt Herr Pietsch zu Hause derzeit auf einem Campingstuhl. Ich trockne die an langen Beinen h\u00e4ngenden langen F\u00fc\u00dfe ab, die mich an Hasenl\u00e4ufe erinnern. Dann bediene ich die Pedalerie des Fu\u00dfpflegestuhls. Herr Pietsch f\u00e4hrt unter leisem Surren in die H\u00f6he.<\/p>\n<p>In seinen besten Jahren befand sich Herr Pietsch politisch-weltanschaulich nicht nur auf der richtigen Seite, sondern dort ziemlich weit oben, jedenfalls f\u00fcr sein Gef\u00fchl. Er oben, die anderen unten. Dieses Schema kann Herr Pietsch innerlich nicht mehr verlassen; er beurteilt die Welt noch heute von der richtigen Seite und von ziemlich weit oben aus. Da ich die entsprechenden Ehrentage und Lieder kenne, befinde ich mich in Herrn Pietschs Augen ebenfalls auf der richtigen Seite, allerdings als Fu\u00dfpflegerin ziemlich weit unten.<\/p>\n<p>In seinen besten Jahren war Herr Pietsch nicht nur ein bedeutender Mann, der viel reiste, in seinen besten Jahren ging Herr Pietsch auch viel fremd \u2013 hier eine aufstrebende Genossin, da eine Dolmetscherin, dort eine Leichtathletin. Mit seiner Sekret\u00e4rin hatte er jahrelang ein Verh\u00e4ltnis. Herr Pietsch muss \u00fcber diese Aff\u00e4ren akribisch Buch gef\u00fchrt haben, denn einmal nannte er mir die Zahl aller Sexualkontakte seines Lebens (einundf\u00fcnfzig), wozu ich ihn ebenfalls begl\u00fcckw\u00fcnschte, wie es sich f\u00fcr die Fu\u00dfpflegerin eines Eberhard Pietsch geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Die Mauer fiel, die Wende kam, Frau Pietsch lie\u00df sich scheiden<\/strong><\/p>\n<p>Ich bezwinge die verholzten Zehenn\u00e4gel, die sich schwer schneiden lassen. Mit der Sonde befreie ich die Nagelfalze von toter Haut. Das reizt die Nervenenden, weshalb Herrn Pietschs Zehen hin und wieder zucken. Es ist ihm unangenehm und er beteuert, nichts damit zu tun zu haben. Der Motor geht an, der Fr\u00e4ser brummt. Ich gl\u00e4tte vorsichtig die L\u00e4ngsrillen auf den Nagelplatten und versuche, den frisch geschnittenen Kanten eine ebenm\u00e4\u00dfige Form zu geben, was aufgrund des br\u00fcchigen Materials nur halb gelingt.<\/p>\n<p>Gerade hatte Herr Pietsch eine Aff\u00e4re mit einer vollbusigen, vierzehn Jahre j\u00fcngeren Parteifreundin begonnen, als die Sache aufflog. Seine Ehefrau ertappte ihn auf frischer Tat, trennte sich von ihm und schmiss ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Zu jener Zeit lag nicht nur Herrn Pietschs Ehe, sondern auch die DDR in ihren letzten Zuckungen. Die Mauer fiel, die Wende kam, Frau Pietsch lie\u00df sich scheiden. W\u00e4hrend am Brandenburger Tor die deutsche Wiedervereinigung gefeiert wurde, bezog Herr Pietsch jene Einraumwohnung in Berlin-Marzahn, in der er heute noch lebt (und aktuell auf dem Campingstuhl sitzt). Er wollte wieder als Lehrer arbeiten; man wies ihn ab. Um der Arbeitslosigkeit zu entkommen, fing er bei einer Versicherung an. In dem Marzahner B\u00fcro betreute er seinen Kundenstamm, alles \u00dcbernahmen aus der staatlichen Versicherung der DDR. Nach dreizehn Jahren Versicherung fiel Herr Pietsch auf der Stra\u00dfe um. Notarzteinlieferung. Herzoperation. F\u00fcnf Byp\u00e4sse in acht Stunden. Nach der Reha ging Herr Pietsch mit dreiundsechzig Jahren und saftigen Rentenabz\u00fcgen in den Ruhestand.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich die Hornhaut von Herrn Pietschs vertrockneten F\u00fc\u00dfen schrubbe, spricht er \u00fcber die n\u00e4chste und damit bereits dreiundvierzigste Wanderung seiner Herzsportgruppe, in der er eine F\u00fchrungsposition innehat. Herr Pietsch konzipiert die Wanderungen; er l\u00e4uft sie vorher ab, stoppt die Zeit, pr\u00fcft die Bahnverbindungen und reserviert, nachdem er die Namen auf der von ihm herumgereichten Teilnehmerliste gez\u00e4hlt hat, einen Tisch in einer &#8222;Gastschd\u00e4dde&#8220;, wo die Herzsportgruppe nach erfolgter Wanderung einkehrt und sich st\u00e4rkt. Wenn ein Mitglied Geburtstag hat, bereitet Herr Pietsch eine Rede vor, die er vor versammelter Mannschaft h\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Niemand ruft an<\/strong><\/p>\n<p>Ich werfe ein, dass die Herzsportgruppe froh sein kann, dass Herr Pietsch die Wanderungen immer perfekt organisiert. Herr Pietsch freut sich erwartungsgem\u00e4\u00df nicht \u00fcber mein Lob, sondern erwidert, indem er absch\u00e4tzig die Brauen \u00fcber den Basedow-Augen hochzieht: &#8222;Bassema off M\u00e4dschn.&#8220; Das ist s\u00e4chsisch und hei\u00dft &#8222;Pass mal auf, M\u00e4dchen.&#8220; &#8222;Bassema off M\u00e4dschn&#8220; ist der Auftakt zu einer ins Grunds\u00e4tzliche tendierenden Ausf\u00fchrung, in der ein gewiefter Hirsch einem geistig unterbelichteten M\u00e4dchen mitteilt, dass er die Planung einer solchen Wanderung aufgrund jahrelanger Erfahrung als Kreisparteisekret\u00e4r aus dem \u00c4rmel sch\u00fcttelt. Herr Pietsch ruft mir zu, als ob ich mitschreiben soll: &#8222;Der Eberhard Pietsch konnte schon immer organisieren! Der Eberhard Pietsch wei\u00df, was die Herzsportgruppe braucht! Der Eberhard Pietsch ist ein guter Redner!&#8220;<\/p>\n<p>Seit bald drei\u00dfig Jahren lebt Herr Pietsch allein. Das Verh\u00e4ltnis zu seiner Ex-Frau ist unterk\u00fchlt, auch die Tochter drosselt den Kontakt auf ein Minimum. Zu Geburtstagen wird Herr Pietsch nicht eingeladen. Niemand ruft an, um sich hin und wieder nach seinem Befinden zu erkundigen. Dem Enkel hat Herr Pietsch sein Gartengrundst\u00fcck \u00fcberschrieben. Der Enkel hat es genommen, ohne ein Wort des Dankes, und ruft trotzdem nicht an.<\/p>\n<p>Ich wische den Staub von Herrn Pietschs F\u00fc\u00dfen und trage Cremeschaum auf. Die Haut saugt den Schaum auf wie ein Schwamm, ich muss mehrmals f\u00fcr Nachschub sorgen. Herr Pietsch f\u00e4ngt von den Krankheiten an und kriegt von der Fu\u00dfmassage nichts mit. Nicht nur zu seinen Verwandten, auch zu seinen F\u00fc\u00dfen hat Herr Pietsch keinen Kontakt. Ich k\u00f6nnte ihm ebenso gut in den Ohren bohren.<\/p>\n<p><strong>Eine &#8222;\u00e4roudische&#8220; Ausstrahlung<\/strong><\/p>\n<p>Er spricht vom Kardiologen, vom Orthop\u00e4den, vom Augen- und vom Hautarzt und landet schlie\u00dflich bei der Urologin, die er zu Kontrollzwecken in Abst\u00e4nden aufsucht. Deren medizinische Frage nach seiner sexuellen Aktivit\u00e4t bildet die \u00dcberleitung zu Herrn Pietschs Zentralthema: die Erektion, seine eigene, die er auch heute ausf\u00fchrlich beschreibt als zwar vorhanden, allerdings unzuverl\u00e4ssig. Wie die DDR, seine Ehe und seine Karriere neigt auch Herrn Pietschs Erektion zum pl\u00f6tzlichen Zusammenbruch. Er sei etwas \u00e4ngstlich wegen der Herzmedikamente, wolle die von der Urologin empfohlene Tablette f\u00fcr dauerhaften Stand dennoch ausprobieren. Dann fehle nur noch eines: die Sexualpartnerin. Weit und breit keine zu sehen. Nun fragt Herr Pietsch mich, wie jedes Mal, ob ich Interesse an Sex mit ihm h\u00e4tte. Ich erwidere, wie jedes Mal, dass ich vergeben bin und er mit der Fu\u00dfpflege vorlieb nehmen muss. Aber Herr Pietsch l\u00e4sst nicht locker: Ich sei nicht dumm und h\u00e4tte eine &#8222;\u00e4roudische&#8220; Ausstrahlung. Ich lehne nochmals h\u00f6flich ab. Trotz oder wegen der Niederlage strafft sich Herr Pietsch und sagt etwas zerknirscht, dass wir das Thema jetzt beendet haben. Klar, die Tagesordnung gibt immer noch er vor.<\/p>\n<p>Ich ziehe ihm die Socken an, kremple ihm die Hosenbeine herunter, fahre den Fu\u00dfpflegestuhl ins Parterre, reiche Herrn Pietsch den Schuhanzieher; die Hasenl\u00e4ufe verschwinden in den Schuhen.<\/p>\n<p>Seine schmale Rente erlaubt ihm keine gro\u00dfen Spr\u00fcnge. In seiner Einraumwohnung hat er Briefumschl\u00e4ge deponiert und beschriftet. Darin legt er Geld f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Ausgaben zur\u00fcck: der neue Sessel, eine Kurzreise in die th\u00fcringische Heimat, im vergangenen Jahr eine Dauerkarte f\u00fcr die IGA. Ein Briefumschlag ist f\u00fcr die Fu\u00dfpflege. Herr Pietsch kam erst alle sechs, dann alle f\u00fcnf Wochen zu mir. Inzwischen steht er alle vier Wochen vor der T\u00fcr.<\/p>\n<p>Als ich, das erkaltete Fu\u00dfbad in den H\u00e4nden, den Raum verlassen will, z\u00fcckt Herr Pietsch einen Piccolo Marke S\u00f6hnlein Brillant aus seinem Beutelchen und \u00fcberreicht mir das Sektfl\u00e4schchen: &#8222;Gute Arbeit, Genossin.&#8220; Ich lache und bedanke mich f\u00fcr das Geschenk. Herr Pietsch fasst mich um die Taille: &#8222;Kann ich ein Foto von Ihnen haben?&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sage ich, &#8222;kein Foto, Herr Pietsch.&#8220; Seine Basedow-Augen sehen mich traurig an.<\/p>\n<p>Am Kassentresen ranzt er mich an, als sei ich seine unf\u00e4hige Sekret\u00e4rin: &#8222;Bassema off M\u00e4dschn&#8220;, es k\u00f6nne wohl nicht so schwer sein, einen Termin zu finden, ich solle &#8222;hinne machen&#8220;, er habe heute noch andere Verpflichtungen. Ich schreibe den Termin ins Buch und auf Herrn Pietschs Kundenk\u00e4rtchen, kassiere zweiundzwanzig Euro, begleite den Mann zur T\u00fcr, halte sie auf. Er verabschiedet sich ernst und dienstlich. Geknickt schleicht der Eins-neunzig-Rentner davon, die karierte Schieberm\u00fctze auf der Glatze, das leere Beutelchen in der Hand. Ach Eberhard, du altes Arbeiter- und Bauernkind. Dein Leben lang hast du deinen Posten mit deiner Person verwechselt. Gr\u00fc\u00df mir die Herzsportgruppe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Katja Oskamp, geboren 1970 in Leipzig, in Berlin aufgewachsen. Studierte Theaterwissenschaft, arbeitete als Dramaturgin am Volkstheater Rostock, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ver\u00f6ffentlichte den Erz\u00e4hlungsband &#8222;Halbschwimmer&#8220; und die Romane &#8222;Die Staubf\u00e4ngerin&#8220; und &#8222;Hellersdorfer Perle&#8220;. Arbeitet seit 2015 als Fu\u00dfpflegerin in Berlin-Marzahn.<\/em><\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Autorin ist Schriftstellerin und nebenher Fu\u00dfpflegerin in Marzahn. Dass hier nur alte DDR-Bonzen leben, ist ein Klischee. Aber manchmal trifft sie doch einen. 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