{"id":7311,"date":"2018-05-01T06:00:06","date_gmt":"2018-05-01T04:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7311"},"modified":"2018-05-03T14:13:03","modified_gmt":"2018-05-03T12:13:03","slug":"kunst-oper-empathie-grigorcea","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/05\/01\/kunst-oper-empathie-grigorcea\/","title":{"rendered":"Sind K\u00fcnstler die besseren Menschen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Als Kind schlich ich mich heimlich in die Kulisse der Bukarester Oper. Hier lernte ich, wie Kunst uns zu empathischen Wesen macht. Gilt das umso mehr f\u00fcr die K\u00fcnstler?<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7317\" aria-describedby=\"caption-attachment-7317\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7317\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/04\/freitext-oper-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-oper-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-oper-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/04\/freitext-oper-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7317\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Peter Lewicki\/Unsplash<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ich \u00f6ffnete die T\u00fcr und wusste gleich, dass ich nicht hineindurfte, aber ich trat dennoch ein, schritt durch dieses Dunkel, worin ich erst nach und nach die Dinge wahrnehmen konnte, den Tisch da, die St\u00fchle dahinter, die Kleiderst\u00e4nder. Ich vernahm die Atemz\u00fcge der K\u00fcnstler, die zum Licht eilten, zur B\u00fchne. <!--more-->Ich stie\u00df mich nirgends, ging schnurstracks auf die linke Seite der B\u00fchne, gleich neben den samtenen Vorhang und nat\u00fcrlich von diesem verdeckt, den Kopf st\u00fctzte ich an der dicken Kordel ab, mit der der Vorhang festgezurrt war; ich lehnte mich so weit in den gerafften Vorhang vor, dass ich mich in seinen Falten unsichtbar w\u00e4hnte. &#8222;Wenn du in die Kulisse willst, musst du selbstbewusst tun und gesch\u00e4ftig, dann h\u00e4lt dich niemand auf&#8220;, hatte mir ein M\u00e4dchen gesagt, mit dem ich, zwei Stockwerke h\u00f6her, den Kinderballettunterricht in der rum\u00e4nischen Staatsoper Bukarest besuchte. Von da an lief ich nach dem Unterricht die Treppe hinunter und stahl mich durch die verbotene T\u00fcr in die Vorstellung.<\/p>\n<p>Und weil das klappte, wurde ich immer dreister, ich erschien jeden Tag, an dem Vorstellung war, in diesem Hintereingang, und zwar weit vor Beginn der Vorstellung, und begann, die Opernmitarbeiter, an denen ich mich zuvor noch angsterf\u00fcllt vorbeigeschlichen hatte, zeremoni\u00f6s zu gr\u00fc\u00dfen. Alle gr\u00fc\u00dften zur\u00fcck, \u00e4u\u00dferst freundlich, manche t\u00e4tschelten mir, dem Schulm\u00e4dchen, den Kopf. Ich war sicher, dass sie mich verwechselten, dass sie also dachten, ich sei das Kind von jemand Wichtigem, die Nichte des Direktors \u2013 oder auch nur die Tochter des Repetitors.<\/p>\n<p>Wir wohnten in Bukarest gleich gegen\u00fcber der rum\u00e4nischen Staatsoper, von der mich nur eine gro\u00dfe, damals allerdings nur sehr schwach befahrene Stra\u00dfenkreuzung trennte und der kleine Park, der nachts sp\u00e4rlich beleuchtet und der f\u00fcr mich jener gef\u00e4hrliche M\u00e4rchenwald war, in dem Hexen, Menschenfresser und Securitate-Agenten mit gez\u00fcckten Bajonetten lauerten. Dort war es am besten, einer Gruppe von Passanten dicht zu folgen. Im Dunkeln aber fanden das die meisten unangenehm und drehten sich oft nach mir um. Also tat ich am Parkeingang so, als w\u00fcrde ich mich gem\u00e4chlich und nichtsahnend auf einen Spaziergang begeben, nur um von einem bestimmten Punkt an im Zickzack zu rennen, so schnell ich nur konnte, hin zum beleuchteten Operneingang.<\/p>\n<p><strong>Eine lang vermisste Harmonie<\/strong><\/p>\n<p>Wie h\u00e4sslich ich schon damals die Basreliefs auf der Fassade fand, die muskul\u00f6sen Gestalten mit der finsteren Miene, die doch S\u00e4nger und T\u00e4nzer repr\u00e4sentieren sollten, in Wahrheit aber Abgesandte des kommunistischen, kunstverachtenden Kollektivs waren! Ich lief um das Geb\u00e4ude herum, dorthin, wo ich den Hintereingang wusste und endlich aufatmen konnte, wenn mich die Porti\u00e8re herzlich begr\u00fc\u00dfte. &#8222;Beeil dich, es f\u00e4ngt gleich an!&#8220;, rief sie mir zu.<\/p>\n<p>Ich \u00f6ffnete also die gro\u00dfe T\u00fcr und trat routiniert in die vertraute Dunkelheit der Kulisse, wo ich alles kannte, den Tisch, die St\u00fchle, die Kleiderst\u00e4nder; hin und wieder umging ich einen gro\u00dfen wei\u00dfen Schrank oder drei Gartenb\u00fcsche auf R\u00e4dern, die sp\u00e4ter in die Szene geschoben werden sollten.<\/p>\n<p>Beim Vorhang hatte man mir einen kleinen Stuhl hingestellt. Ich setzte mich und wartete freudig auf den ersten Ton, vernahm vorerst nur die gro\u00dfe Stille, den Anlauf und dann, dumpf, wie aus der Ferne, durch den dicken Vorhang: die Ouvert\u00fcre, die mich von allen Seiten umwehte wie eine letzte Erkenntnis: &#8222;Jetzt erkenne ich\u2018s st\u00fcckweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.&#8220; Ich gab mich der Musik hin.<\/p>\n<p>Eine meiner Lieblingsopern war damals schon <em>Lucia di Lammermoor<\/em> von Gaetano Donizetti. &#8222;<em>Verranno a te sull&#8217;aure<\/em>&#8220; \u2013 bei dieser Arie atmete ich als Kind flach und genauso als Jugendliche, als k\u00e4me die Musik aus mir, aus meiner Ergriffenheit. \u00dcberhaupt erklang es in mir ebenso harmonisch, <em>belcanto<\/em>, im Duett, Terzett, Quartett, Quintett, wie im Chor, wie eine Erinnerung an eine lang vermisste Harmonie.<\/p>\n<p>Die Geschichten verga\u00df ich immer wieder, aus den Libretti waren mir nur einzelne Arien erinnerlich und eben das Ganze, sehr allgemein. Die meisten Handlungsb\u00f6gen fand ich plump, wie f\u00fcr mich gemacht, den blutigen Laien, der eine Musik im reinen Zustand, als wundervollstes Destillat der Stille, nicht aufzunehmen vermocht h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>Die Erhabenheit ihres Gesichts<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Handlung immer weiter verstrickte und alles auf der B\u00fchne endlich in Blut und Wahnsinn versank, die S\u00e4nger h\u00e4nderingend und mit von Tragik verzerrtem Gesicht ihr sinnbildlich \u00fcbertriebenes Schauspiel hinlegten \u2013 das f\u00fcr ein Publikum von heute nur noch erheiternd w\u00e4re \u2013, trug die Musik alle h\u00f6heren Erkenntnisse mit sich: die Sehnsucht des Menschen, Wagnis, Reue und immer wieder das Trachten nach dem Wahren und Guten, nach der Liebe.<\/p>\n<p>Hingegen konnte ich die Opera buffa desselben Donizetti, etwa <em>Don Pasquale<\/em>, die st\u00e4ndig ins Programm r\u00fcckte, nicht auf Anhieb sch\u00e4tzen. Die Musik trug eine Unruhe in sich, die meine eigene, schlummernde, in Wallung brachte. Mit den Blechbl\u00e4sern und den Pauken, den ganzen Schlaginstrumenten, zog in schnellem Tempo eine Welt an mir vorbei, die so ganz anders war als die starre Welt der kommunistischen Diktatur, in der ich als Jugendliche lebte; die Musik nahm mich nicht mit, sie lie\u00df mich in dem Bedauern zur\u00fcck, etwas ganz Gro\u00dfes verpasst zu haben. Mag sein, dass das Libretto dem ortsans\u00e4ssigen Kulturkanon gef\u00e4llig war \u2013 der reiche Geizkragen Don Pasquale wird von seinem Neffen und dessen mittelloser Geliebten Norina hereingelegt \u2013, die galoppierende Musik aber, die wie nach vorne geneigten Streichinstrumente, transportierten viel mehr, eine Freiheit und eine gewitzte Leichtigkeit, die mir v\u00f6llig fremd waren. Ich war im Begriff, sie an mir vorbeiziehen zu lassen, endg\u00fcltig und unumkehrbar.<\/p>\n<p>In den Pausen blieb ich sitzen und schaute dem Kulissenwechsel zu, Seile schwangen hinab, Bodenluken \u00f6ffneten sich, hinten wurden gro\u00dfe Panoramabilder hineingetragen. Manchmal kam die Souffleuse vorbei und nahm mich mit in die Kabinen, meist in das der Chors\u00e4ngerinnen, in dem viel geraucht wurde und mit spitzen T\u00f6nen gelacht: &#8222;Haha, h\u00f6rt auf, h\u00f6rt auf, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich sterbe vor Lachen.&#8220;<\/p>\n<p>Vor allem die eine Chors\u00e4ngerin mochte ich, sie hatte lachende Augen, auch wenn sie nicht lachte, und denselben \u00fcberm\u00e4\u00dfig gelockten Pony, egal ob sie eine Zigeunerin in <em>Carmen<\/em> war oder in <em>Nabucco<\/em> im Sklavenchor sang. Ihr lachendes Gesicht strahlte eine Erhabenheit aus, die f\u00fcr mich auch der Musik innewohnte. In der Kabine erz\u00e4hlte sie einmal vom Tod ihres Vaters; sie habe nie gedacht, dass sie ihn \u00fcberleben w\u00fcrde, aber sie habe ihn \u00fcberlebt, wie, das k\u00f6nne sie sich selbst nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Souffleuse wurde oft bei den Chors\u00e4ngerinnen gesucht. &#8222;Entschuldigt, ihr Damen, ich komme mit geschlossenen Augen hinein&#8220;, sagte der sch\u00f6ne Tenor und er wurde zur Souffleuse gef\u00fchrt, der er dann beide H\u00e4nde k\u00fcsste.<\/p>\n<p><strong>Am Ende stets Demut<\/strong><\/p>\n<p>Der Gong \u2013 sobald er ert\u00f6nte, flatterte es in alle Richtungen, &#8222;schnell auf deinen Platz!&#8220;, sagte mir die Souffleuse und schickte mich durch den mit Kleiderst\u00e4ndern vollgestellten Gang zur\u00fcck in die Kulisse. &#8222;Tz tz, wieder habt ihr hier geraucht, Kinder!&#8220;, beschwerte sich der Sopran, eine korpulente Dame, die immer in flauschigen Hausschuhen ging und erst bei meinem Stuhl am B\u00fchnenrand in die unbequemen Schuhe mit dem geh\u00f6rigen Absatz schl\u00fcpfte. Wie anmutig sie war auf der B\u00fchne, als Cio-Cio-San und als Floria Tosca, &#8222;<em>vissi d&#8217;arte, vissi d&#8217;amore<\/em>&#8222;. In Giacomo Puccinis Musik entdeckte ich mich, ja, genauso f\u00fchlte ich, wie es da klang.<\/p>\n<p>Wie ich mich f\u00fcr den Sopran freute, wenn sie einmal die unbequemen Schuhe in der Kulisse lassen und barfu\u00df auf die B\u00fchne gehen durfte zu ihrer Sterbeszene. Und wie sch\u00f6n sie sterben konnte \u2013 als Traviata, Leonora, Luisa, Julia, als zarte Mimi und als Manon. Ich weinte mit, auch f\u00fcr den sch\u00f6nen Tenor, der von der Trauer \u00fcberw\u00e4ltigt auf die Knie fiel und mit biegsamer Stimme klagte. Ich war bezwungen von der Erkenntnis, dass am Ende stets diese gro\u00dfe Demut stehen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Ich bin der festen \u00dcberzeugung, dass uns die Kunst wandelt und dass sie uns, \u00fcber den Augenblick der Kunsterfahrung hinaus, auch im Alltag zu sensitiven, alerten, ja emphatischen Menschen macht. Wer sich von der Musik tragen l\u00e4sst, mit der verbannten Manon Lescaut gestorben ist und mit Des Grieux getrauert hat, ist \u2013 zumindest f\u00fcr diesen Moment \u2013 gel\u00e4utert. Das ist schon viel. Umso gl\u00fccklicher m\u00fcssten dann die K\u00fcnstler selbst sein, dachte ich.<\/p>\n<p>Nur wurde vor zwei Jahren die Bukarester Oper von <a href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=12489:hausverbot-fuer-nicht-rumaenische-kuenstler-innen-in-der-oper-bukarest&amp;catid=126:meldungen-k&amp;Itemid=100089\">einem gro\u00dfen Skandal<\/a> ersch\u00fcttert, \u00fcber den auch die internationale Presse berichtete. Bei einem F\u00fchrungswechsel wurde der Leiter des Balletts, der d\u00e4nische Ballettstar Johan Kobborg heruntergestuft, vergr\u00e4mt, seine Inszenierungen wurden boykottiert und er erhielt schlie\u00dflich, zusammen mit seiner Verlobten, der rum\u00e4nischen Ballettt\u00e4nzerin Alina Cojocaru, die in vielen Fachzeitschriften als die beste Ballerina der Gegenwart gilt, Zutrittsverbot in der Bukarester Oper. Das internationale Corps de Ballet, das in Bukarest unter Kobborgs Leitung formiert wurde und eine beachtliche Anerkennung gefunden hatte, l\u00f6ste sich auf. Den ortsans\u00e4ssigen K\u00fcnstlern der Staatsoper Bukarest, die eine Festanstellung bis zur Pensionierung innehaben, waren die besser bezahlten internationalen Stars ein Dorn im Auge.<\/p>\n<p>Vor dem Operneingang, zwischen den Basreliefs mit den muskul\u00f6sen K\u00fcnstlern, stimmten sie den Sklavenchor an und skandierten schlie\u00dflich: &#8222;Raus mit den Ausl\u00e4ndern!&#8220; Darunter erkannte ich auch meine einst so geliebten S\u00e4nger, den fr\u00fcher so sch\u00f6nen Tenor, den Sopran mit den flauschigen Hausschuhen, die Souffleuse, die Chors\u00e4nger, ein paar Musiker aus dem Orchester und auch die Portiere vom K\u00fcnstlereingang. Wie alt sie alle geworden waren!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dana Grigorcea, 1979 in Bukarest geboren, ist eine schweizerisch-rum\u00e4nische Schriftstellerin. Ihre Romane wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen \u00fcbersetzt. Soeben erschienen: &#8222;Die Dame mit dem maghrebinischen H\u00fcndchen&#8220; (Novelle, D\u00f6rlemann Verlag). Grigorcea organisiert seit 2015 monatliche Benefiz-Lesungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge im Tanzhaus Z\u00fcrich, schreibt die Kolumne f\u00fcr das Z\u00fcrcher Opernhausmagazin und betreibt mit ihrem Schriftsteller-Ehemann Perikles Monioudis den Literaturblog www.neue-telegramme.ch. Dana Grigorcea schreibt auch Kinderb\u00fccher. Sie lebt mit Mann und den beiden Kindern in Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Kind schlich ich mich heimlich in die Kulisse der Bukarester Oper. Hier lernte ich, wie Kunst uns zu empathischen Wesen macht. 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