{"id":7346,"date":"2018-05-10T06:00:58","date_gmt":"2018-05-10T04:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7346"},"modified":"2018-05-10T12:22:03","modified_gmt":"2018-05-10T10:22:03","slug":"fc-kaiserslautern-fussball-abstieg-sila","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/05\/10\/fc-kaiserslautern-fussball-abstieg-sila\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Abgrund hinaus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ach, lieber FC Kaiserslautern, wie warst du einst glorreich. Aber ich bleibe dir treu und reise mit dir selbst ins letzte Kaff. Eine Liebeserkl\u00e4rung zum Abstieg<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7362\" aria-describedby=\"caption-attachment-7362\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7362 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/freitext-kaiserslautern-1024x576.jpg\" alt=\"1. FC Kaiserslautern: \u00dcber den Abgrund hinaus\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-kaiserslautern-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-kaiserslautern-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-kaiserslautern-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7362\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Andreas Schlichter\/Bongarts\/Getty Images)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Madame de Sta\u00ebl sagte, dass Reisen von allen Vergn\u00fcgen das traurigste sei. Ausw\u00e4rtsfahrende Tifosi des 1. FC Kaiserslautern wissen ganz genau, was sie meinte. Nehmen wir mal das Spiel in Darmstadt: Dort waren wir in dieser Saison zwei Mal, allerdings nicht, weil es so sch\u00f6n war, sondern da das erste Spiel abgebrochen wurde, nachdem Jeff Strasser, unser damaliger Trainer, in der Halbzeitpause kollabiert war \u2013 Verdacht auf Herzinfarkt, das ganze Stadion verabschiedete den Krankenwagen mit <em>You\u2019ll Never Walk Alone<\/em>. <!--more-->Die Ursache seines Zusammenbruchs war eine ins Trainingslager verschleppte Grippe; er hatte sich in seinen Bem\u00fchungen um den Klassenerhalt derart verausgabt, dass sein Herz aussetzte.<\/p>\n<p>Fu\u00dfballpathos ist einzigartig.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Ich habe in Heidelberg studiert, doch w\u00e4hrend meines Auslandsjahres in England beantwortete ich die Frage danach, woher ich komme, stets mit Kaiserslautern. Ich hatte n\u00e4mlich festgestellt, dass nur jeder zehnte Brite von Heidelberg geh\u00f6rt hatte, sie alle jedoch Kaiserslautern kannten.<\/p>\n<p>Nicht unbedingt die Stadt \u2013 aber den Fu\u00dfballverein, und es reichte mir, wenn sie sich bei ihrer Einsch\u00e4tzung davon, wer ich war, daran orientierten.<\/p>\n<p>Vergangenes Jahr, als ich in meine alten Heimat Sarajevo reiste und dort von meiner neuen Heimat Kaiserslautern erz\u00e4hlte, \u00fcberraschte mich einer meiner Gespr\u00e4chspartner \u2013 ein bosnischer Schriftsteller, der nie in Deutschland gewesen war \u2013 mit der Feststellung, wie schade er es doch finde, dass der 1. FC Kaiserslautern nicht mehr so erfolgreich sei wie in den Neunzigerjahren; das sei n\u00e4mlich damals ein &#8222;<em>zajeban tim<\/em>&#8220; gewesen, ein &#8222;<em>galliger<\/em>&#8222;, &#8222;<em>gef\u00e4hrlicher<\/em>&#8220; Verein. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass es nur wenige deutsche Vereine gibt, deren Niedergang in S\u00fcdosteuropa \u00fcberhaupt bemerkt werden w\u00fcrde. Aber der FCK ist nicht irgendein Verein. Ich muss nicht die Vielzahl unserer Errungenschaften auff\u00e4chern \u2013 und auch nicht der (irrwitzigen, haarstr\u00e4ubenden, tragischen) Fehlentscheidungen, die nun in unserem Abstieg in die dritte Liga ihren vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt finden.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Als meine Familie 1994 nach Deutschland kam, war der FCK noch eine Supermacht. Allerdings spielte das bei meiner Entscheidung, dass er von nun an mein Verein sein sollte, keine Rolle. Vielmehr erkl\u00e4rten mir Freunde in der Schule, dass es, da ich nun in Landau <em>in der Pfalz<\/em> lebte, nur einen Verein gebe, den ich lieben d\u00fcrfe: Lautre.<\/p>\n<p>&#8222;Okay&#8220;, sagte ich. Ich vermute, das war diese Integration, von der alle sprechen \u2013 von diesem Tag an sagte ich, ohne jemals im Stadion gewesen zu sein, dass ich ein FCK-Fan sei. Vielleicht liegt es daran, dass ich vom Balkan stamme, aber es w\u00e4re f\u00fcr mich nicht infrage gekommen, einen Verein zu m\u00f6gen, der nicht zu der Region geh\u00f6rte, in der ich mich heimisch f\u00fchlte (wie eine dieser Salzstangen, die in Bonn aufwachsen, in Berlin leben und irgendwie St.-Pauli-Fans werden) \u2013 und ich f\u00fchlte mich in der Pfalz ja in kurzer Zeit sehr heimisch. Dieselben Freunde, die mir gesagt hatten, welcher Verein der einzige f\u00fcr mich sei, hatten mich n\u00e4mlich mit offenen Armen empfangen: Sie brachten mir bei, E-Gitarre zu spielen und Skateboard zu fahren, sie nahmen mich auf Konzerte mit, sie liehen mir ihre Super-Nintendos und stellten sich vor mich, wenn mich jemand hauen wollte (zum Beispiel ein Zuh\u00e4lter, \u00fcber dessen Ferrari 348 ich mich unbedacht laut lustig gemacht hatte). Wie h\u00e4tte ich einen anderen Verein m\u00f6gen sollen als sie?<\/p>\n<p><em>You don\u2019t choose your club, your club chooses you, <\/em>h\u00f6rte ich sp\u00e4ter in England<em>.<\/em> Stimmt wohl.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Der FCK ist der Verein einer Region, die aus einigen krausen Industriest\u00e4dt(ch)en, einem Weinbaustreifen und Wald, Wald, Wald besteht, ein unhipper, altmodischer Heimatverein: Lautrer ist, wer die Pfalz mag, wer in ihr aufgewachsen ist oder lebt. Mir ist bewusst, dass der Begriff &#8222;Heimat&#8220; derzeit umk\u00e4mpft ist und sowohl Menschen, die ihn verdammen, Schaum vor den Mund treibt, wie auch jenen anderen, f\u00fcr die er einen Fetisch darstellt. Aber das soll hier keine Rolle spielen. Politik raus aus dem Stadion, <em>I say<\/em>! Vielmehr ist wichtig, dass die Westkurve \u2013 wie eigentlich alle Fankurven deutscher Traditionsvereine \u2013 ihr Umfeld wie ein Soziogramm abbildet: Streber und Schl\u00e4ger, Fesche und Faschos, Tekker-Bauern und Trekker-Bauern, Schluchzer und Schimpfer, Punkrocker und Stubenhocker, Pfeifenstopfer und Drogenopfer, Schriftsteller und Bittsteller \u2013 sie alle sind da. Und du mittendrin \u2013 her mit meiner Hom\u00f6ostase, <em>you boys in red<\/em>!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Bald k\u00f6nnte es damit vorbei sein: Falls der FCK nicht den Direktaufstieg schafft, droht ihm die Insolvenz. Vielleicht muss das Stadion abgerissen und g\u00fcnstiger neu gebaut werden. Vielleicht muss man sich an die Vorstellung einer Zukunft ohne den FCK gew\u00f6hnen. Ich empfinde dar\u00fcber die gleiche Mischung aus Resignation und Schrecken wie vermutlich die meisten anderen Fans unseres Vereins. Aber das sind doch alles keine Gef\u00fchle, in denen man verharren sollte, oder?<\/p>\n<p>Meine Ausw\u00e4rtsfahrergruppe hat sich folglich darauf geeinigt, dass wir in der kommenden Saison noch \u00f6fter mit der Mannschaft verreisen werden. K\u00f6ln ist nicht weit, Wiesbaden vor der Haust\u00fcr und in Rostock, so stellten wir fest, hat fast jeder von uns Freunde oder angeheiratete Verwandtschaft. Vielleicht ist Zwickau, wo ich noch nie war, auch cool. Cooler als Ingolstadt ist es allemal.<\/p>\n<p>Wir werden Tausende von Kilometern im zugefurzten Ford, zugefurzten Toyota, zugefurzten Opel fahren, an den tristesten Rastst\u00e4tten abh\u00e4ngen, alle CDs durchh\u00f6ren, die wir besitzen. Als n\u00e4chstes ist die <em>The Sound of Perseverance<\/em> von DEATH dran.<\/p>\n<p>Wenn es die letzte Saison sein sollte \u2013 Freunde begleitet man auch \u00fcber die Styx.<\/p>\n<p>Und wenn nicht? Und wenn wir sogar wieder aufsteigen?<\/p>\n<p>Dann wird es die beste Saison \u00fcberhaupt: Dieser Orpheus wird voransingen, niemals zur\u00fcckblicken.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, lieber FC Kaiserslautern, wie warst du einst glorreich. Aber ich bleibe dir treu und reise mit dir selbst ins letzte Kaff. 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