{"id":7375,"date":"2018-05-16T08:20:36","date_gmt":"2018-05-16T06:20:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7375"},"modified":"2018-05-17T07:47:10","modified_gmt":"2018-05-17T05:47:10","slug":"shmuel-shapira-hutmacher-rebhandl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/05\/16\/shmuel-shapira-hutmacher-rebhandl\/","title":{"rendered":"Der Hut macht den Mann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Werkstatt von Shmuel Shapira ist 160 Jahre alt. Kunden aus aller Welt kommen zu dem Wiener Hutmachermeister. Es geht nicht um Konsum, sondern um Lebensphilosophie.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7380\" aria-describedby=\"caption-attachment-7380\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7380\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/freitext-shapira-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-shapira-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-shapira-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-shapira-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7380\" class=\"wp-caption-text\">Der Wiener Hutmachermeister Shmuel Shapira \u00a9 Marko Lipu\u0161 f\u00fcr ZEIT ONLINE<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>\u00dcber den Musiker und Schauspieler <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1989\/25\/cool-obercool-hypercool\">John Lurie<\/a> schrieb Tad Friend einst im <em>New Yorker<\/em>: \u201e<em>He wore a Borsalino Fedora and old suits. Between Fourteenth Street and Canal\u2014the known universe, basically\u2014he was the man<\/em>.\u201d Es waren die Achtzigerjahre, in denen sich John Lurie bewegte, aber die Zeiten, in denen sich ein Mann \u00fcber seinen Hut definierte, waren eigentlich l\u00e4ngst vorbei. Gemeinhin wird der Beginn der Sechszigerjahre als jene Zeit angesehen, in welcher der Hut weitgehend aus der \u00d6ffentlichkeit verschwand \u2013 <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wissen\/geschichte\/2013-11\/john-f-kennedy-krankheit-frauen-karriere\">John F. Kennedy<\/a> war 1961 der erste US-Pr\u00e4sident, der sich ohne angeloben lie\u00df. <!--more-->Eine neue Haarmode (Elvistolle!) sowie das Automobil als Massentransportmittel (ein VW-K\u00e4fer war einfach zu niedrig, um darin einen Hut zu tragen) trugen ma\u00dfgeblich dazu bei. Die gut aussehenden, Hut tragenden <em>Mad Men<\/em> aus der Madison Avenue hatten ausgedient.<\/p>\n<p>L\u00f6bliche und weniger l\u00f6bliche Ausnahmen gab und gibt es nat\u00fcrlich auch in den Jahrzehnten danach: Sangesbarde <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2016-11\/leonard-cohen-nachruf\">Leonard Cohen<\/a> ging nie ohne seinen Fedora auf die B\u00fchne, mit diesem &#8222;Tschako&#8220; rundete er das Gesamtbild eines vollkommenen Gentleman ab. Und Radaubruder <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2016\/50\/pete-doherty-hamburg-demonstrations-clouds-hill-studio-johann-scheerer\">Pete Doherty<\/a> stie\u00df unter den jungen Nachahmern sogar so etwas wie ein kurzes Hutrevival an. Davon, deswegen &#8222;<em>the man<\/em>&#8220; zu sein, war er aber weit entfernt. Sein Gesamtbild litt nicht zuletzt unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol, da n\u00fctzte auch der Fedora nichts. Und <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2017-06\/bob-dylan-literaturnobelpreis-rede-plagiat\">Bob Dylan<\/a>? Naja.<\/p>\n<p><strong>Die Verzweiflung der leidenschaftlichen Huttr\u00e4ger<\/strong><\/p>\n<p>Der Fedora geht auf die Schauspielerin Sarah Bernhardt zur\u00fcck, die 1882 in einem gleichnamigen Theaterst\u00fcck eine Prinzessin F\u00e9dora (Romanoff) spielte. Der Hut, den sie dabei trug, wurde fortan nach dieser Figur benannt. Er bezeichnet einen (oft weichen) Filzhut, der l\u00e4ngs der Krone eingeknickt ist und sich an der Vorderseite nach unten biegt. In den Zwanzigerjahren l\u00f6ste er den zuvor von den meisten M\u00e4nnern getragenen Homburg ab. Das war ein recht hoher Hut mit hochgebogener, eingefasster Krempe, den man noch am jungen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2017\/37\/willy-brandt-bundeskanzler-spd\">Willy Brandt<\/a> sehen konnte.<\/p>\n<p>Nun, da die Firma Borsalino in Konkurs gegangen ist (oder jedenfalls jener Teil, der vom Investor mit Schulden belastet wurde), wird auch wieder verst\u00e4rkt die wirtschaftliche Seite der Hutfertigung beleuchtet. Dieser Markt wird mittlerweile wie alle anderen M\u00e4rkte auch mit Waren aus China \u00fcberschwemmt. Was die Bauern im Lagerhaus vorfinden oder die Touristen am Strand, das hat daher l\u00e4ngst nichts mehr zu tun mit dem, was die Gangsterbosse der Zwanzigerjahre trugen oder Humphrey Bogart in <em>Casablanca<\/em>. Nicht zuletzt deshalb fragen sich die wenigen verbliebenen, aber leidenschaftlichen Huttr\u00e4ger der Welt in Internetforen wie <em>The Fedora Lounge <\/em>zunehmend verzweifelt: \u201e<em>Are there no hatters anymore<\/em>?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7386\" aria-describedby=\"caption-attachment-7386\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7386 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3455r-620x413.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3455r-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3455r-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3455r-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7386\" class=\"wp-caption-text\">Die Werkstatt von Shmuel Shapira liegt im 7. Wiener Bezirk. \u00a9 Marko Lipu\u0161 f\u00fcr ZEIT ONLINE<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Als m\u00f6glicher Retter wird dabei immer wieder Shmuel Shapira genannt, Hutmachermeister in Wien. Seine Werkstatt liegt am Beginn der Mariahilfer Stra\u00dfe gleich hinter dem Museumsquartier im 7. Bezirk. Man geht durch den Hauseingang und kommt in einen schmalen Hof, eine Stiege f\u00fchrt hinauf zu seiner Werkstatt, die 160 Jahre alt ist und seit genau so vielen Jahren unver\u00e4ndert scheint: der Dielenboden; der Ofen gleich links vom Eingang; die Regale und Stellagen, in denen sich H\u00fcte und Rohlinge stapeln, sowie die Holzformen, auf denen er die H\u00fcte b\u00fcgelt, um sie zu dehnen \u2013 alles ist wie damals.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Ich wei\u00df ja nicht, ob ich es kann!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Wie viele ordentliche Hutmacher gibt es denn noch auf der Welt?&#8220;, frage ich ihn also gleich zu Beginn, und er fragt zur\u00fcck: &#8222;Soll ich sagen die Wahrheit? Ich wei\u00df das nicht! Woher soll ich das wissen?&#8220; Seine Kunden, meist M\u00e4nner, k\u00e4men zu ihm aus aller Welt und erz\u00e4hlten: &#8222;Es gibt einen in Kopenhagen, einen in Chicago. Und dann nat\u00fcrlich Lock in London.&#8220; Aber was interessiert das ihn? Gar nichts interessiert ihn das. Der orthodoxe Jude, der in Israel unter M\u00e4nnern aufgewachsen ist, die alle Hut trugen, und der das Gesch\u00e4ft vor 22 Jahren \u00fcbernahm, gibt nichts auf Moden und Trends. Was er herstellt, und wie er es tut, das ist zeitlos. Im Englischen nennt man solch Handwerksware &#8222;<em>Bespoken&#8220;<\/em>, was so viel hei\u00dft wie: &#8222;Nach speziellen W\u00fcnschen angefertigt&#8220;.<\/p>\n<p>Herr Shapira ist heute extra meinetwegen in seine Werkstatt gekommen, denn es ist kein <em>nine to five<\/em> Job, den er da erledigt. Manchmal hat er viel zu tun, manchmal weniger. Manchmal kommt mitten im Winter ein Italiener und bestellt einen Panama-Hut f\u00fcr den Sommer, manchmal kommt ein Russe bei gr\u00f6\u00dfter Hitze und braucht einen warmen Hut f\u00fcr den sibirischen Winter. Ihm ist es egal. Es geht ihm einzig darum, die besten H\u00fcte herzustellen, einen nach dem anderen. Mit einem Kunden, der f\u00fcnf H\u00fcte haben will \u2013 &#8222;Egal, was es kostet!&#8220; \u2013, kann er nichts anfangen. Und wenn einer sagt: &#8222;Ich nehme gleich zwei!&#8220;, dann sagt er zu ihm: &#8222;Bitte, nimm zuerst einen!&#8220; Wenn er mit dem ersten zufrieden sei, dann k\u00f6nne er ihm sp\u00e4ter immer wieder einen neuen machen. Im \u00dcbrigen gilt: &#8222;Jeder neue Hut ist wie der erste, keiner ist wie der andere.&#8220; Hat er denn noch manchmal Zweifel an seinen F\u00e4higkeiten?, frage ich. &#8222;Immer!&#8220;, sagt er. &#8222;Ich wei\u00df ja nicht, ob ich es kann! Ich habe ja keine goldenen H\u00e4nde oder so was!&#8220; Manchmal m\u00fcsse er auch wieder von vorne anfangen, weil er mit einem Hut einfach nicht weiterkommt. Ist ein Hut fertig, dankt er dem lieben Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7385\" aria-describedby=\"caption-attachment-7385\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7385\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3343r-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3343r-683x1024.jpg 683w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3343r-533x800.jpg 533w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3343r-768x1152.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3343r.jpg 1890w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7385\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Jeder neue Hut ist wie der erste, keiner ist wie der andere.&#8220; \u00a9 Marko Lipu\u0161 f\u00fcr ZEIT ONLINE<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Skeptisch, aber mit Kenneraugen, pr\u00fcft er nun meinen Kopf: &#8222;Rechts ist er breiter, und die Stirn\u2026sehr interessant.&#8220; Mit dieser Kopfform, versichert er mir, w\u00fcrde ich jedenfalls keinen Hut von der Stange finden, und schon gar keinen, der mir passt. Dieses Schicksal teile ich allerdings mit 70 % aller M\u00e4nner auf dieser Welt. Au\u00dferdem: &#8222;Ein Hut muss auch zum Charakter passen, zur Gesichts- und Kopfform, zur Breite der Schultern, zur Ausstrahlung, zum Gang, zur Haltung.&#8220; Und ein Dutzend anderer Faktoren w\u00fcrde auch noch eine Rolle spielen. &#8222;Es gibt immer welche, wo es ein bisschen schwieriger ist&#8220;, seufzt er, und zum Stichwort Ausstrahlung: &#8222;Ich habe mal jemanden kennen gelernt, der hat im B\u00fcro gearbeitet und man hat ihn missachtet. Missachtet! Warum? Er trug den falschen Hut!&#8220; Sobald er den richtigen Hut trug (der nicht von ihm war), wurde er ganz anders behandelt. &#8222;Ich habe das selbst gesehen! Mit einem Hut, der zu dir passt, bist du ein anderer Mensch.&#8220;<\/p>\n<p>In seinem wundersch\u00f6nen deutsch-jiddischen Singsang spricht er dann mit mir \u00fcber Grunds\u00e4tzliches: &#8222;Wollen Sie einen weichen Hut nehmen, dann wird man Ihnen wahrscheinlich sagen: Ein weicher Hut hat eine gute Qualit\u00e4t! Aber ich sage Ihnen: So wird der aussehen!&#8220; Er nimmt einen seiner Fedoras und verbeult ihn. Die Frage ist also zun\u00e4chst: &#8222;Wollen Sie sich gegen die Sonne sch\u00fctzen oder am Abend ins Theater gehen? Wollen Sie den Hut f\u00fcr den Strand oder f\u00fcrs B\u00fcro?&#8220; Am Ende sei jeder Hut ein Kompromiss, au\u00dfer man leistet sich den Luxus, zu jeder Gelegenheit des Tages einen anderen aufzusetzen und diesen auch immer mit sich herum zu tragen.<\/p>\n<p><strong>Ein Panama-Rohling f\u00fcr 30.000 bis 40.000 Dollar<\/strong><\/p>\n<p>Ich mache dann einen Fehler und frage: &#8222;Was w\u00e4re denn ein passender Hut f\u00fcr mich?&#8220; Diese Frage macht den Meister durchaus ein wenig ungehalten, er m\u00f6chte erkennbar nicht gelangweilt und unterfordert werden. &#8222;Wissen Sie, was ein Plattfu\u00df ist?&#8220;, fragt er streng. &#8222;Wenn einer mit Plattf\u00fc\u00dfen normale Schuhe tr\u00e4gt, dann tut mir das als Beobachter weh!&#8220; So ungef\u00e4hr verhielte es sich auch mit dem Hut. Beweisen k\u00f6nne er das aber nur, wenn er einen anfertigt, daher: &#8222;Wenn einer die Zeit und das Geld hat, dann wird der den Unterschied sehen und sp\u00fcren.&#8220; Ansonsten solle jeder tragen, was er m\u00f6chte. Man k\u00f6nne den gleichen Hut auch in der Fabrik machen lassen, dann bezahlt man daf\u00fcr deutlich weniger, und der zeitliche Aufwand ist entsprechend k\u00fcrzer. Er aber hat auch schon mal drei Monate oder l\u00e4nger an einem Hut gearbeitet, also kommen wir gleich zum Spezialthema Preis:<\/p>\n<p>Stangenh\u00fcte kosten bei ihm ab 450 Euro aufw\u00e4rts, f\u00fcr Handgefertigtes verlangt er ab \u20ac 1.300 aufw\u00e4rts, aber auch mal 15.000 Euro. Oder sagen wir so: Eigentlich gibt es nach oben hin keine Grenzen. &#8222;Mein Lieferant aus Ecuador hat mir einen Panama-Rohling angeboten um 100.000 Dollar!&#8220;, sagt er. Seine eigenen Panama-Rohlinge stapeln sich im hinteren Raum, er zeigt mir einen, der 30.000 bis 40.000 Dollar wert sein d\u00fcrfte. Einmal kam ein \u2013 &#8222;Wie hei\u00dft das? Oligarch?&#8220; \u2013 Russe zu ihm, der hatte sich im Internet einen Panama-Hut f\u00fcr 45.000 Dollar gekauft und war mit dem Schwei\u00dfband nicht ganz zufrieden. Shapira tauschte ihm das billige, synthetische gegen ein hochwertiges, handgefertigtes Band aus, das bei ihm so viel kostet wie anderswo ein ganzer Hut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7382\" aria-describedby=\"caption-attachment-7382\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7382\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3251r-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3251r-683x1024.jpg 683w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3251r-533x800.jpg 533w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3251r-768x1152.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3251r.jpg 1890w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7382\" class=\"wp-caption-text\">Ein verlogenes &#8222;Das steht Ihnen aber gut!&#8220; wird man von Shmuel Shapira nicht h\u00f6ren. @ Marko Lipu\u0161 f\u00fcr ZEIT ONLINE<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Daher gilt: Wenn der Kunde kaufen will, wenn er mit dem Preis, der Zeit und mit allen anderen Nachteilen seiner Hutanfertigung einverstanden ist und bestellen m\u00f6chte, &#8222;dann werde ich ihm sehr gerne das Beste, was m\u00f6glich ist, von mir geben&#8220;. Aber wenn er k\u00e4me mit &#8222;Was w\u00e4re, wenn?&#8220;, dann sagt er: &#8222;Ich habe keine Zeit f\u00fcr Fantasien!&#8220; Entscheidend sei einzig der Wille des K\u00e4ufers, sich einen Hut fertigen zu lassen. Wenn dieser vorhanden sei, dann g\u00e4be es eine Basis des Vertrauens, dann k\u00f6nne er beginnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich macht er heute aber eine Ausnahme und &#8222;fantasiert&#8220; ein bisschen vor sich hin, und soviel kann er mir freundlicherweise gleich verraten: Ein Homburg f\u00fcr den Alltag, das w\u00e4re nicht der richtige Hut f\u00fcr mich, &#8222;da sehen Sie aus wie ein Kasperl.&#8220; Ehrlichkeit geh\u00f6rt zu seinem Gesch\u00e4ft, ein verlogenes &#8222;Das steht Ihnen aber gut!&#8220; wird man von ihm nicht h\u00f6ren. &#8222;Wenn Sie damit in die Oper gehen wollen oder ihn f\u00fcr sonstige besondere Anl\u00e4sse brauchen, dann kann man \u00fcberlegen. Aber das h\u00e4tte ich Ihnen auch schon am Telefon sagen k\u00f6nnen!&#8220; Wie denn das?, frage ich. Er erkannte meinen &#8222;Charakter&#8220; bereits am Telefon und wusste sofort, was zu mir passen w\u00fcrde. Anrufen kann man ihn \u00fcbrigens an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr.<\/p>\n<p><strong>Immer irgendwo ein Makel<\/strong><\/p>\n<p>Kunden, die noch nie einen Hut hatten, werden in einem Erstgespr\u00e4ch, das zwischen einer dreiviertel Stunde und drei Stunden dauern kann, an die Sache herangef\u00fchrt. Bei denjenigen, die schon H\u00fcte h\u00e4tten, w\u00e4re es ein bisschen einfacher, aber auch nicht immer: &#8222;Ich erinnere mich an einen Kunden, der ist da gestanden, wirklich sehr sch\u00f6n angezogen, ein Gentleman. Aber der Fedora, den er trug, der war eine Katastrophe! Stellen Sie sich einen Mann vor, der mit zerrissenen Schuhen hinausgeht!&#8220; So ungef\u00e4hr empfand er den Anblick dieses Mannes.<\/p>\n<p>Er sch\u00e4tzt meinen Kopfumfang zun\u00e4chst auf Gr\u00f6\u00dfe 60, setzt mir dann aber den wom\u00f6glich hundert Jahre alten <em>Conformateur<\/em> auf, eine Art Vermessungsger\u00e4t, in das er einen kleinen Zettel einlegt. &#8222;Jetzt wird es weh tun!&#8220;, sagt er und dr\u00fcckt mir das Teil ordentlich drauf. Als er den Zettel herausnimmt, blickt der Meister auf eine Art Google Maps f\u00fcr Hutmacher: Drei Punkte markieren die h\u00f6chste Stelle, zahlreiche andere den Umfang. Shapira sieht sein Urteil von zuvor best\u00e4tigt: &#8222;Ihr Kopf ist nicht normal oval!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7384\" aria-describedby=\"caption-attachment-7384\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7384 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3444r-620x413.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3444r-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3444r-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/LM-Shapira_3444r-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7384\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Ein Hut muss zum Charakter passen&#8220;, sagt Shmuel Shapira \u00a9 Marko Lipu\u0161 f\u00fcr ZEIT ONLINE<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Zum Trost zeigt er mir die Kopfformen von Hunderten anderer Kunden, die mir noch viel weniger normal als meiner vorkommen. Der Geburtskanal richtet so manche Verheerung an, zahlreiche Verformungen sind erkennbar, um die er sich als Hutmacher in der Folge k\u00fcmmern muss. Ich habe dann doch nur Gr\u00f6\u00dfe 57 \u00bd, und die fertigen Fedoras von der Stange, die ich probiere, passen mir erwartbar allesamt nicht.<\/p>\n<p>Shapira k\u00f6nnte mir nun einen Hut auf den Kopf bauen, den w\u00fcrde er dann aus Stroh oder Filz fertigen, der wiederum aus verschiedensten Materialien bestehen kann: Wildhase, Biber, Zobel, Nutria oder Nerz. Er zeigt mir das Fell eines Chinchillas: &#8222;Tausend Haare von einem Chinchilla sind wie ein Haar von einem Menschen!&#8220; Daraus werde Filz gemacht, je dichter, desto h\u00e4rter, desto stabiler. Ein weicher Hut w\u00e4re daher \u2013 anders, als die meisten glauben! \u2013 eben kein guter Hut. Hingegen k\u00f6nne man sehr gutes, hartes Material mit viel Arbeit auch weich machen und dehnen. Manchmal arbeitet er tagelang an einem Millimeter zus\u00e4tzlicher Breite, was durchaus wichtig w\u00e4re: &#8222;Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit Sakko oder ohne!\u201c Entsprechend m\u00fcsse der Hut auf die Breite der Schultern abgestimmt sein.<\/p>\n<p>Aus Gesch\u00e4ftsinteressen redet Shapira niemandem etwas ein, er h\u00e4tte kein gutes Gef\u00fchl dabei. Als orthodoxer Jude sagt er sich: &#8222;Wenn ich nicht ehrlich sein kann mit Geld, dann will ich \u00fcberhaupt nicht arbeiten.&#8220; Einmal meinte ein Lieferant zu ihm: &#8222;Warum kaufst du diesen teuren Filz? Mach den Hut doch mit billigem, glaubst du, der Kunde wird es merken?&#8220; Aber auf so etwas l\u00e4sst er sich nicht ein. Wohl auch deswegen bekommt er immer wieder Lob zu h\u00f6ren, wie jenes eines Kunden, der ihn aus Amerika anrief: &#8222;Was hast du mir gemacht f\u00fcr einen Hut? Ein Auto ist dar\u00fcbergefahren! Jetzt habe ich ihn aufgesetzt, und er ist wie vorher!&#8220;<\/p>\n<p>Oder: &#8222;Irgendein Vizepr\u00e4sident in einer hohen Stellung in irgendeiner Regierung&#8220; h\u00e4tte ihn angerufen und gesagt: &#8222;Ich f\u00fchle mich, als w\u00e4re ich mit dem Hut geboren! Ich will ihn am Abend gar nicht runternehmen. Wenn ich schlafen gehe, lege ich ihn neben das Bett, und in der Fr\u00fch setze ich ihn gleich wieder auf. Er ist wie ein St\u00fcck von mir.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn man ein Einzelst\u00fcck fertigt, dann hat es immer irgendwo einen Makel, den er nicht wegmachen kann. Wenn einen Kunden so etwas st\u00f6rt, dann eignet er sich nicht f\u00fcr seine Kartei. Wenn er aber sagt: &#8222;Ich will das haben!&#8220;, dann wei\u00df er, es passt. &#8222;Der Hut ist das heikelste Kleidungsst\u00fcck des Mannes. Ich kann ihn kaum reinigen, vielleicht ein bisschen frisch machen, ganz leicht b\u00fcrsten.&#8220;<\/p>\n<p>Das sch\u00f6nste f\u00fcr ihn ist, wenn er Kunden auf der Stra\u00dfe mit ihren H\u00fcten sieht, dann kann er sich mit Kenneraugen selbst davon \u00fcberzeugen, wie gut alles passt: Der Charakter des Tr\u00e4gers, seine Ausstrahlung, der Gang, die Haltung, die Kleidung, die Statur. Und obendrauf, als Kirsche auf der Sahne gewisserma\u00dfen, sein handgefertigter Hut.<\/p>\n<p><em>S.Y. Shapira, Szaszi H\u00fcte, Mariahilfer Stra\u00dfe 4-6, 1070 Wien, www.szaszi.com<\/em><\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Werkstatt von Shmuel Shapira ist 160 Jahre alt. 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