{"id":7426,"date":"2018-05-22T13:48:51","date_gmt":"2018-05-22T11:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7426"},"modified":"2018-05-23T09:53:40","modified_gmt":"2018-05-23T07:53:40","slug":"srebrenica-massaker-prosser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/05\/22\/srebrenica-massaker-prosser\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Um dem Massaker von Srebrenica zu entkommen, floh der damals 18-j\u00e4hrige Emin ins Gebirge. Auch 22 Jahre sp\u00e4ter kann er die Angst, die Schreie, die Toten nicht vergessen.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7434\" aria-describedby=\"caption-attachment-7434\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7434 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/freitext-srebrenica-1024x576.jpg\" alt=\"Srebrenica: &quot;Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht&quot; | Freitext\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-srebrenica-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-srebrenica-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/freitext-srebrenica-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7434\" class=\"wp-caption-text\">Freiwillige tragen im Juli 2015 S\u00e4rge mit identifizierten Opfern des zwanzig Jahre zur\u00fcckliegenden Massakers von Srebrenica \u00a9 Matej Divizna\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Irrweg Emins begann am fr\u00fchen Morgen des 12. Juli 1995. Tags zuvor war Srebrenica von der bosnisch-serbischen Armee eingenommen worden. Ihr Befehlshaber Ratko Mladi\u0107 hatte am Stadtrand auf den Stufen eines Caf\u00e9s angek\u00fcndigt, als Revanche f\u00fcr 500 Jahre osmanische Besatzung die Enklave zu erobern, durchzumarschieren bis Bratunac. <!--more-->Zwischen diesem Dorf nahe der Drina und den Steinstufen, auf denen sich Mladi\u0107 f\u00fcr die Kameras in Pose warf, lag in Poto\u010dari der St\u00fctzpunkt des niederl\u00e4ndischen UN-Bataillons. Die von Blauhelmen errichtete <em>Safe Zone<\/em>, in der Abertausend gro\u00dfteils muslimische Menschen Schutz vor den anr\u00fcckenden Truppen erhofften, w\u00fcrde in den folgenden Tagen und N\u00e4chten zum Mittelpunkt eines Kriegsverbrechens werden, das aufgrund seiner Ausma\u00dfe in der j\u00fcngeren Geschichte Europas eine unvergleichlich grausame Position einnimmt.<\/p>\n<p>Zweiundzwanzig Jahre sp\u00e4ter sitzen wir in der bosnischen Stadt <span data-original-name=\"Ilija\u0161\">Ilija\u0161<\/span> vor einer Tankstelle. An den Tischen neben uns Einheimische bei Kaffee oder Bier, regelm\u00e4\u00dfig heulen Motoren auf, brettert die hiesige Jugend in hochfrisierten Autos \u00fcber die Hauptstra\u00dfe, um der kleinst\u00e4dtischen Ereignislosigkeit ein wenig Angeberei entgegenzuhalten. Emin erz\u00e4hlt, dass ihn die Meldung vom Fall Srebrenicas an der Front erreichte. Er stopfte das N\u00f6tigste in seinen Rucksack, nahm Gewehr und Munitionsg\u00fcrtel und ging in den Wald. Wie eine Vielzahl seiner Kameraden hatte er Tuzla als Ziel, eine nordwestlich gelegene Stadt. Dorthin, ins Gebiet der eigenen Armee, wollten jene, die Srebrenica verteidigt hatten. In einer losen, Hinterhalten und Artillerieangriffen ausgesetzten und schnell zersplitterten, mehrere Tausend z\u00e4hlenden Kolonne versuchten sie, den waffenm\u00e4\u00dfig \u00fcberlegenen Serben zu entkommen. Tuzla erreichten nur ein paar Hundert. Der Gro\u00dfteil wurde im Sommer 1995 in den W\u00e4ldern Ostbosniens gestellt und <span class=\"st\">\u2013<\/span> wie auch die in Poto\u010dari ausgesiebten m\u00e4nnlichen Zivilisten \u2013 umgebracht.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7429\" aria-describedby=\"caption-attachment-7429\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7429\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/Foto1-1024x768.jpg\" alt=\"Srebrenica: &quot;Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht&quot; | Freitext\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto1-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7429\" class=\"wp-caption-text\">Srebrenica \/ Poto\u010dari, 10. Juli 2017 \u00a9 Robert Prosser<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Am ersten Tag seiner Flucht h\u00f6rte Emin in der Ferne Sch\u00fcsse, Schreie. Er kauerte sich hinter einen Baum, wartete, bis die Stille zur\u00fcckkehrte. Er schlich voran, erreichte eine von Toten \u00fcbers\u00e4te Lichtung. Zwischen leblosen, \u00fcbereinandergeworfenen K\u00f6rpern umhertappend, die von MG-Salven niedergestreckt worden waren, dachte Emin nicht ans Umkehren oder daran, dass die M\u00f6rder noch in der N\u00e4he sein mochten. Dieser Anblick konnte nicht wahr sein, er musste im Wald einen falschen Schritt in eine albtraumhafte Parallelwelt getan haben, und er stolperte \u00fcber die Toten auf den gegen\u00fcberliegenden Waldsaum zu, dem Versprechen der eigenen Rettung hinterher. Er gelangte in eine Schlucht, und auch dort Erschossene und Verletzte, aus dem Geb\u00fcsch und zwischen den B\u00e4umen hervorrief oder fl\u00fcsterte man ihm zu: &#8222;Hilf mir. Rette mich.&#8220;<\/p>\n<p>Als \u00dcbersetzer begleitet mich Boris, den ich w\u00e4hrend der Recherche zu meinem Roman <em>Phantome<\/em> kennenlernte. Einer der Hauptcharaktere der Geschichte, die von \u00d6sterreich bis nach Bosnien und von 1992 bis 2015 reicht, ist ihm und seinen auf bosnisch-serbischer Seite durchgestandenen Kriegserfahrungen nachempfunden. Gegen Ende des Abends werden sie ihre jeweiligen Erlebnisse teilen: Emin, der Muslim im Talkessel von Srebrenica, Boris, der im Vla\u0161i\u0107-Gebirge stationierte Serbe, und es wird zu meiner \u00dcberraschung ein von beidseitigem Lachen unterbrochenes Darbieten von Anekdoten sein.<\/p>\n<p>Anfangs verwundert es, wie anders Emin im Gegensatz zu unserem Kennenlernen wirkt. In <span data-original-name=\"Ilija\u0161\">Ilija\u0161<\/span>, seinem Wohnort, begegnet uns ein gew\u00f6hnlicher Mittvierziger, von untersetzter, kr\u00e4ftiger Statur, mit kurz geschorenen Haaren und einem auff\u00e4llig sch\u00fcchternen L\u00e4cheln. Bei unserem Kennenlernen in der Woche zuvor, w\u00e4hrend der Trauerfeier zum 22. Jahrestag Srebrenicas, war er betrunken und aufgekratzt, selbstbewusst in einer unterschwellig aggressiven Art, nicht sonderlich verschiedenen von den restlichen Veteranen, die allj\u00e4hrlich anreisen, um vormalige Kameraden zu treffen und Gefallener zu gedenken. Gemeinsam mit den Frauen, die in Srebrenica ihre V\u00e4ter, Br\u00fcder, S\u00f6hne und Gatten verloren haben, kehren sie zur\u00fcck an einen Ort, der f\u00fcr sie aufgrund des Massakers und ihres eigenen \u00dcberlebens eine gro\u00dfe Niederlage und einen kleinen Sieg verk\u00f6rpert; sie tragen ihre alten Uniformen oder T-Shirts mit dem Emblem der einstigen Kampfeinheit, schwenken die Fahnen vergessener Kompanien und betrinken sich in den Ruinen zerst\u00f6rter H\u00e4user.<\/p>\n<p>Mit Florian, einem an der Universit\u00e4t von Sarajevo lehrenden Germanisten, war ich am Abend des 10. Juli 2017 in Srebrenica eingetroffen. Am n\u00e4chsten Tag w\u00fcrden 71 Tote beerdigt werden. Die schmalen, gr\u00fcnen S\u00e4rge reihten sich nahe des Haupteinganges am Zaun der Gedenkst\u00e4tte. 71 Gr\u00e4ber waren ausgehoben, daneben Erdhaufen und bereitgelegte Schaufeln. Vor einem der Marmorpfeiler kniete ein junger Mann und weinte laut. Ich erkannte ihn wieder, bereits zwei Jahre zuvor, als ich erstmals in Srebrenica gewesen war, kauerte er abends an diesem Grab. Seine Verzweiflung war mir in Erinnerung geblieben, das von Schluchzen unterbrochene Beten und die w\u00fctende Trauer durchschnitten erneut die \u00fcber Boxen \u00fcbertragenen Gebete der Hodjas. Der einzige Unterschied lag in seiner Kleidung: Damals trug er Milit\u00e4runiform, nun war er in zivil. Wieder stand ich auf dem Friedhof, der Fabrik gegen\u00fcber, in der das niederl\u00e4ndische UN-Bataillon stationiert gewesen war. Erst diesmal aber verstand ich, was die freien Stellen bedeuteten, die etliche der nach Familien geordneten Gr\u00e4berreihen unterbrachen: Diese L\u00fccken waren f\u00fcr jene bestimmt, die noch nicht gefunden oder identifiziert waren. Jede der gr\u00e4sernen Leerstellen ein Mensch, auf dessen Entdeckung die Anverwandten weiterhin warteten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7430\" aria-describedby=\"caption-attachment-7430\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7430\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/Foto2.jpg\" alt=\"Srebrenica: &quot;Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht&quot; | Freitext\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto2.jpg 960w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto2-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto2-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7430\" class=\"wp-caption-text\">Srebrenica \/ Poto\u010dari, 10. Juli 2015 \u00a9 Robert Prosser<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der etwa 50-j\u00e4hrige Betreiber einer in einem Garten improvisierten Bar servierte Jelen, serbisches Bier. Er erz\u00e4hlte, Teil der Kolonne gewesen zu sein und sieben Tage bis Tuzla gebraucht zu haben. Mit der gewissen Abgekl\u00e4rtheit, die den Veteranen eigen war, zog er gemeinsam mit einem Trinkkumpan eine einfache Rechnung: neunzig Prozent der Serben waren in Ordnung, zehn Prozent dagegen waren Dreck. Diese schlichen nachts \u00fcber die Front und entf\u00fchrten Frauen und Kinder, um sie im Wald zu t\u00f6ten und ihre Leichen morgens in Sichtweite zu platzieren. Ein Kollege der beiden kam hinzu. Der hier, sagte der Wirt, habe 45 Tage bis nach Tuzla ben\u00f6tigt. Auf Florian und mich wirkte es wie eine besondere Zeitrechnung: Jede Erz\u00e4hlung, jede Erinnerung richtete sich danach, wie lange man im Sommer &#8217;95 in der Wildnis gewesen war. Es gibt M\u00e4nner, winkte der Neuank\u00f6mmling ab, die sich sechs Monate in den Bergen versteckt gehalten hatten. Er stellte sich als Emin vor. 18 war er zu Beginn des Krieges, 22 bei dessen Ende. Gestern war er angereist, hatte tags\u00fcber dem Bruder, der unweit von hier in seinem Heimatdorf lebe, bei der Heumahd geholfen. Ein, zwei Stunden sp\u00e4ter erkl\u00e4rten wir uns rauschbedingt innige Freundschaft, zugleich lag ein Deal in der Luft: Emin war gewillt, mir seine offenbar einzigartige Geschichte zu erz\u00e4hlen, ich als Autor k\u00f6nne damit was anfangen, darin waren sich Wirt und G\u00e4ste einig. 200 Euro f\u00fcr die ersten 20 Tage, stellte Emin seine Konditionen klar, 300 f\u00fcr alles zusammen, den ganzen Wahnsinn seiner Flucht zum Pauschalpreis, und er schlug mit der Faust auf den Tisch. Wir tranken weiter, verhandelten, kamen schlie\u00dflich \u00fcberein, uns bald in <span data-original-name=\"Ilija\u0161\">Ilija\u0161<\/span>, seinem Wohnort, zu treffen. Erst, soviel Sinn besa\u00df ich im Suff immerhin, wollte ich mir ein bisschen was anh\u00f6ren, um selbst rauszufinden, ob seine Vergangenheit derart einzigartig war, wie in der provisorischen Kneipe behauptet wurde.<\/p>\n<p>Mit etlichen anderen fand Emin in der Nacht des 12. Juli 1995 Unterschlupf in den Ruinen eines niedergebrannten Dorfes. 13 Tage wartete er vergeblich auf eine M\u00f6glichkeit, \u00fcber Novo Kasaba hinaus zu gelangen. Dieser Ort bildete die Grenze: dar\u00fcber hinweg, die Hauptstra\u00dfe querend, und die Rettung w\u00e4re in Greifweite. Er sah, wie feindliche Soldaten Barrikaden errichteten und die Stra\u00dfe bewachten, er h\u00f6rte, wie per Megaphon Sicherheit versprochen wurde. Er sah, wie sich manche davon aus dem Unterholz locken lie\u00dfen. Wie sie durchsucht wurden und sich ein jeder, der ein Abzeichen der Armee besa\u00df, egal ob der muslimischen oder der vormaligen jugoslawischen, hinknien musste und mit einem Kopfschuss get\u00f6tet wurde. Nach 13 Tagen schloss Emin sich f\u00fcnf M\u00e4nnern an, die nach \u017depa wollten, einer weiteren von Bosniaken gehaltenen Enklave. \u017depa versprach mehr Schutz als die Dorfruinen, die, so das wahrscheinlichste Szenario, bald von ihren J\u00e4gern entdeckt werden w\u00fcrden. Wieder gelangte Emin auf die Lichtung, die er zwei Wochen zuvor gequert hatte. Immer noch lagen die Toten dort, aufgrund der Sommerhitze bis zur Unkenntlichkeit gebl\u00e4ht. Seine Weggef\u00e4hrten suchten zwischen den Leichen umher, vergeblich darauf hoffend, in den verfallenen K\u00f6rpern einen Hinweis auf einen Freund, einen Verwandten zu entdecken, w\u00e4hrend Emin auf eine junge Frau starrte, die an dem hohen Ast eines Baumes erh\u00e4ngt worden war. An sie, sagt er uns, kann er sich sehr gut erinnern, an ihre Kleidung, ihre Haare, das entstellte Gesicht. Sie war nicht hier gewesen, als Emin dieses Feld erstmals erreicht hatte, und er rief seine Kameraden zur Eile, wollte so schnell als m\u00f6glich fort.<\/p>\n<p>Wann h\u00f6rte er auf, die Tage und N\u00e4chte zu z\u00e4hlen? 14, 15, 16. Er schloss sich der Verteidigung \u017depas an. Am Ende einer schwer zug\u00e4nglichen Schlucht gelegen, war \u017depa im Verlauf des Krieges nie eingenommen worden, nach dem Fall Srebrenicas aber verst\u00e4rkten sich die Angriffe von Mladi\u0107. \u017depas Kommandant Avdo Pali\u0107 brach auf zu Verhandlungen, die unter Aufsicht der UN gef\u00fchrt wurden, und verschwand nach deren Ende spurlos. (Es sollte 14 Jahre dauern, bis in einem Massengrab entdeckte \u00dcberreste eindeutig Pali\u0107 zugewiesen werden konnten.) Die feindliche \u00dcbermacht r\u00fcckte an und weil ein \u00e4hnliches Massaker wie in Srebrenica bef\u00fcrchtet wurde, schlug man sich erneut in die W\u00e4lder.<\/p>\n<p>20, 21, 22. Emin glaubte den kursierenden Versprechungen nicht, den geteilten Hoffnungen: Ich habe einen Freund unter den Serben, er hilft mir, sagte einer. Und ein anderer: Sie werden uns nur einsperren, nichts sonst, sie werden uns gegen Gefangene eintauschen. Er erinnerte sich an den Brief seines Vaters, der mit der zweiten Ehefrau in Kroatien lebte und ihm schon vor Monaten geschrieben hatte: Wenn Srebrenica f\u00e4llt, dann ergib dich nicht, sie werden dich foltern, t\u00f6ten, erschie\u00df dich besser selbst. Einmal wurde Emin schwarz vor Augen, ein Schatten weitete sich zu grauem Nebel, innerhalb von Minuten war er blind. Ein Unbekannter nahm ihn bei der Hand und leitete ihn durch den Wald. Das Augenlicht kehrte zur\u00fcck, der Mann, der ihn gef\u00fchrt hatte, verschwand im Chaos eines Hinterhalts. Die Sch\u00fcsse aus dem Wald, die Schreie der Verwundeten und jener, die zum Angriff ansetzten. Die zur\u00fcckgelassenen Verletzten und der Hunger, der sich nicht absch\u00fctteln lie\u00df, nie reichten die unterwegs gefundenen Pilze und Beeren aus. Tags\u00fcber stieg die Temperatur auf 40 Grad, man lag im Geb\u00fcsch und sehnte die k\u00fchlere Nacht herbei, verdr\u00e4ngte, dass es in der Dunkelheit kaum m\u00f6glich war, im Gel\u00e4nde voranzukommen. Mal waren sie zu zweit, zu dritt, zu f\u00fcnft, man verlor oder fand sich, alle vom Verlangen getrieben, ins eigene Territorium zu finden. Eine versprengte Armee verhungernder M\u00e4nner, die durchs Gebirge irrte und jeden Tag, jede Nacht mit neuen Albtr\u00e4umen konfrontiert wurde, hinter sich Verfolger, die ihr diese Alptr\u00e4ume mit milit\u00e4rischem Kalk\u00fcl bescherten, die Wildnis strategisch absuchten und eingebunden waren in einen rigiden Ablauf, mit Essenspausen, Wachabl\u00f6sen, Befehlsausgaben. Manchmal regnete es f\u00fcr Stunden, man kauerte unter einem Baum oder einem Steinbrocken, und wie die N\u00e4sse bis auf die Knochen sickerte, erschien die zuvor verfluchte Hitze als das weitaus angenehmere \u00dcbel.<\/p>\n<p>23 Tage, 24, 25. An einem Berghang st\u00f6\u00dft Emin auf mehrere hundert M\u00e4nner. Sie hatten K\u00fche und Schafe, aus serbischen D\u00f6rfern gestohlen. Jeden Tag wurden Tiere geschlachtet und das Fleisch gegrillt, niemanden k\u00fcmmerte es, dass der Rauch sie verraten k\u00f6nnte. Endlich bekam Emin zu essen, bei der Erinnerung an den unerwarteten Fleisch-Segen lacht er auf, es war mehr, als er in sich zu stopfen vermochte. Dann das Unvermeidliche, die Serben kamen mit Maschinengewehren und Artillerie, Soldaten mit roten Bandanas, pr\u00e4zisiert er. Vor Angst irr gewordene Tiere hetzten \u00fcber den Hang, ihnen nach die M\u00e4nner, die sich vorm Beschuss in den Wald retten wollten oder hinter Steinbrocken gekauert, das Gesicht am Boden, um ein schnelles Ende beteten. Mit 16 anderen floh Emin in die Ruine einer Schule. Bereits zu Kriegsbeginn zerst\u00f6rt, war das Geb\u00e4ude nach mehreren Jahren zugewachsen, verborgen hinter einem Wall aus Dornen und Str\u00e4uchern. Erneut verstecken und warten. Hungern und zusehen, wie Laster \u00fcber die Stra\u00dfe rumpeln, auf den Ladefl\u00e4chen die Gefangenen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7431\" aria-describedby=\"caption-attachment-7431\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7431\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/Foto3-1024x768.jpg\" alt=\"Srebrenica: &quot;Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht&quot; | Freitext\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto3-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto3-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto3-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7431\" class=\"wp-caption-text\">Srebrenica \/ Poto\u010dari, 11. Juli 2017 \u00a9 Robert Prosser<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>26, 27, 28. Unterwegs mit einem, der verr\u00fcckt geworden war und einen Granatwerfer mitschleppte, ohne Munition daf\u00fcr zu haben. Sp\u00e4ter erfuhr Emin, eine Mine habe den Jungen samt nutzloser Waffe zerfetzt, nichts sei mehr von ihm gefunden worden. Aber ich glaube, setzt Emin nach, es hat auch niemand nach ihm gesucht. Sie erreichten eine Lichtung, die von Papier \u00fcbers\u00e4t war, von weit weg war zwischen den Zweigen das helle Flackern zu erkennen. Auf den Briefen prangte das Emblem des Roten Kreuzes, adressiert waren sie an die Bewohner \u017depas. Sie lagen als Hinweis verstreut, glaubte Emin: Aus \u017depa Geflohene hatten die Rot-Kreuz-Nachrichten, die sie w\u00e4hrend der Belagerung von Verwandten oder Freunden erhalten hatten, hier f\u00fcr Nachfolgende hinterlassen, als Beleg, auf dem richtigen Weg zu sein. Oder man hatte sich ihrer entledigt, da alles, das nicht zum \u00dcberleben notwendig war, ausgemustert wurde. Emin etwa warf ein T-Shirt aus dem Rucksack, im Wald wog bereits dieses Kleidungsst\u00fcck zu viel, jedes Gramm z\u00e4hlte auf der Flucht. Bald lie\u00df er den Rucksack an einem Baum zur\u00fcck, behielt nur das Gewehr und den Munitionsg\u00fcrtel. Im Kopf der eine Gedanke, wiederholt er uns: Wenn die Serben mich entdecken, steck ich mir die M\u00fcndung in den Mund und dr\u00fccke ab.<\/p>\n<p>Einmal trank Emin aus einem Bach und als er am n\u00e4chsten Tag wieder zur selben Stelle kam, da er versehentlich im Kreis gegangen war, lag in der Furt ein Toter. Ein anderes Mal kauerte er reglos im Geb\u00fcsch, sp\u00fcrte vor M\u00fcdigkeit die M\u00fccken und Insekten nicht, die ihn umschwirrten und auf ihm krabbelten. Erschreckend nah h\u00f6rte er die Stimme eines Verfolgers: Wieso m\u00fcssen wir unseren Kopf riskieren, warum haben wir keine Hunde? Ein zweiter fragte zur\u00fcck: Glaubst du nicht, man w\u00fcrde uns anklagen, wenn wir sie von Hunden t\u00f6ten lassen?<\/p>\n<p>32, 33, 34. Mit mehreren anderen versuchte er, durch eine Schlucht zu gelangen, dr\u00fcben, hie\u00df es, w\u00e4ren sie sicher. Die Rettung, immer auf eine andere H\u00fcgelseite oder an den entfernten Rand eines Waldes verlegt, dort hinten, dort oben\u2026 Als sie die Schlucht erreichten, h\u00f6rten sie lautes Hacken, S\u00e4gen. Heranschleichend erkannten sie serbische Soldaten, die einen St\u00fctzpunkt ausbauten. Zu viert krochen sie nachts am Posten vorbei, gelangten auf einen H\u00fcgel und von dort zu einer weiteren Schlucht. An deren Flanken standen zwei Bunker, getrennt von einem Steinfeld, das sie in der folgenden Nacht so leise als m\u00f6glich durchquerten. Langsam, in die Dunkelheit geduckt, bereit, beim ersten Anzeichen von Alarm loszulaufen, um wider aller Wahrscheinlichkeit den aus den Bunkern zielenden MGs zu entrinnen. Kein Wachtposten bemerkte die Vier, in den fr\u00fchen Morgenstunden kletterten sie einen Berg hoch, rasteten auf einer verwilderten Weide. In die umliegenden Baumst\u00e4mme waren Namen geschnitzt, helle Zeichen in der dunklen Rinde. Unsere Namen, sagt er. Fahir, Salko, Mensur, Alija. Muslimische Namen, eingeritzt von jenen, die es vor ihnen an diesen Ort geschafft hatten, und die bezeugten, was Emin zu finden hoffte: Hier lag das Gebiet der bosniakischen Armee. 25. August 1995, sagt er, das war der Tag, an dem ich wusste, \u00fcberlebt zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7432\" aria-describedby=\"caption-attachment-7432\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7432\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/Foto4.jpg\" alt=\"Srebrenica: &quot;Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht&quot; | Freitext\" width=\"500\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto4.jpg 720w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Foto4-600x800.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7432\" class=\"wp-caption-text\">Blick auf Srebrenica, 12. Juli 2015 \u00a9 Robert Prosser<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es ist keine Rede mehr von den 300 Euro, die er f\u00fcr seine Geschichte wollte. Emin erz\u00e4hlt von der Zeit im Wald und Boris \u00fcbersetzt. Auf der Busfahrt zur\u00fcck nach Sarajevo wird dieser mir gegen\u00fcber anmerken, wie ersch\u00fctternd er das Aufeinandertreffen empfunden hat; was er im Krieg erfahren musste sei nichts im Vergleich zu den Erlebnissen von Emin, der das Pech gehabt hatte, in einer der ostbosnischen, umk\u00e4mpften Enklaven festzusitzen. Im Verlauf des Gespr\u00e4chs wird deutlich, weshalb Emin in der Lage war, den 45 Tage w\u00e4hrenden Irrweg durchzustehen. In den Jahren vor dem Fall Srebrenicas, erkl\u00e4rt er, war eine seiner Aufgaben, nachts \u00fcber die Frontlinie zu schleichen, um serbische D\u00f6rfer zu attackieren. Wir haben die Drecksarbeit gemacht, sagt Emin. Wie die Typen, die im M\u00fcll stochern. Nichts Regul\u00e4res, eher Sonderaufgaben, wenn die normalen Jungs nicht f\u00e4hig waren, taktische Ziele zu erreichen. Eine <em>Elite-Hitmen-Group<\/em>, sagt er und lacht. Manchmal waren sie f\u00fcr Tage im Hinterland unterwegs, um feindliche Stellungen auszuschalten, die Drina im R\u00fccken auf den richtigen Moment zum Angriff wartend.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich auf eine einfache Aussage runterbrechen: Er war jung und dr\u00fcckte ab, wenn es hie\u00df, man solle schie\u00dfen. Er f\u00fchrte die Befehle aus, hinterfragte nichts, hatte h\u00f6chstens im Sinn, sich vor den Kameraden als Mann zu beweisen. \u00c4hnlich einfach ist die Bilanz, die er mehr als 20 Jahre sp\u00e4ter ziehen kann: Der Krieg hat ihm ein \u00e4rmliches Leben beschert, manchmal scheint es ihm ein g\u00e4nzlich vergeudetes. Er hat eine schlechtbezahlte Arbeit im S\u00e4gewerk, kommt abends auf ein Bier zur Tankstelle, besucht einmal j\u00e4hrlich Mutter und Bruder, die den zerst\u00f6rten Hof wieder aufgebaut haben. Er selbst will nicht mehr zur\u00fcck in das Dorf, das zur H\u00e4lfte aus Ruinen besteht, niemand k\u00fcmmert sich um die H\u00e4user jener Familien, die in Massengr\u00e4ber oder ins Ausland verschwunden sind.<\/p>\n<p>Kurz nach dem Krieg errichtete die niederl\u00e4ndische Regierung in <span data-original-name=\"Ilija\u0161\">Ilija\u0161<\/span> Notunterk\u00fcnfte f\u00fcr Vertriebene \u2013 f\u00fcr Emin damals eine willkommene M\u00f6glichkeit, Abstand zu Srebrenica zu gewinnen. Mit seiner Familie lebt er immer noch im billig erbauten Provisorium, die tempor\u00e4re Wohnl\u00f6sung wurde ungewollt eine dauerhafte. Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht, sagt er. Gelegentlich spricht er mit seiner Frau dar\u00fcber, nie jedoch mit seinen zwei jugendlichen Kindern. Neugierig w\u00e4ren sie, ja, aber er schafft es nicht, ihnen zu erz\u00e4hlen, was er gesehen und getan hat. Lange verschwendete er keinen Gedanken daran, hakte es ab als unab\u00e4nderliche Erfahrung. Vielleicht, weil er damals jung und unbek\u00fcmmert gewesen war, mutma\u00dft Emin, vielleicht war das der n\u00f6tige Schutz, um selbst den Krieg zu \u00fcberstehen. Je \u00e4lter er aber wird, umso h\u00e4ufiger qu\u00e4len ihn Albtr\u00e4ume, vergessen geglaubte Episoden, zu wiederkehrenden Schreckbildern verzerrt. Ich hab einen Schaden, sagt er und tippt sich an die Schl\u00e4fe.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um dem Massaker von Srebrenica zu entkommen, floh der damals 18-j\u00e4hrige Emin ins Gebirge. 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