{"id":7445,"date":"2018-05-24T11:54:58","date_gmt":"2018-05-24T09:54:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7445"},"modified":"2018-05-24T14:56:50","modified_gmt":"2018-05-24T12:56:50","slug":"marzahn-fusspflege-russin-oskamp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/05\/24\/marzahn-fusspflege-russin-oskamp\/","title":{"rendered":"Die Einsamkeit im sechsten Stock"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unsere Autorin ist Schriftstellerin und arbeitet nebenher als Fu\u00dfpflegerin in Marzahn. Im Fr\u00fchling bl\u00fchen dort die Kirschb\u00e4ume, die Hasen hoppeln. Aber die Idylle tr\u00fcgt.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7457\" aria-describedby=\"caption-attachment-7457\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7457 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/05\/Oskamp-Marzahn-620x349.jpg\" alt=\"Marzahn - Die Einsamkeit im sechsten Stock\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Oskamp-Marzahn-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Oskamp-Marzahn-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/05\/Oskamp-Marzahn-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7457\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Lena Mucha f\u00fcr ZEIT ONLINE<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist Teil unserer Miniserie &#8222;Fu\u00dfpflege in Marzahn&#8220;. <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/category\/fusspflege-in-marzahn\/\">Alle Folgen finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>Das ganze Jahr \u00fcber weht in der Ostberliner Plattenbausiedlung Marzahn ein kr\u00e4ftiges L\u00fcftchen. Ich erkl\u00e4re mir das mit der N\u00e4he zum flachen Brandenburger Umland, \u00fcber das die gef\u00fcrchteten sibirischen Fallwinde hinwegsausen, um mit unz\u00e4hmbarer Wucht direkt in Marzahn einzufahren, sich zwischen den Hochhausriesen in Windkan\u00e4len zu b\u00fcndeln und alles, was nicht mit vollem Heimwerkereinsatz festgel\u00f6tet ist, von den Balkonen zu fegen \u2013 Sitzkissen, Geranienk\u00e4sten, Sonnenschirme.<!--more--><\/p>\n<p>Im Mai sprie\u00dft und gr\u00fcnt es in Marzahn und sch\u00e4umt in allen T\u00f6nen zwischen den Hochh\u00e4usern hervor. Auf der Wiese vor dem Studio, in dem ich als Fu\u00dfpflegerin arbeite, stehen Kirschb\u00e4ume. Im April erbl\u00fchten sie in \u00fcppigem Wei\u00df, bis der Wind die Bl\u00fctenbl\u00e4tter wie Schneeflocken \u00fcber die Wiese trieb. Bald werden die Fr\u00fcchte reif sein und lauter Vietnamesen anlocken, Leichtgewichte, die in den \u00c4sten herumklettern, um kostenlos zu ernten. Ein Taubenpaar wohnt hier, und abends, wenn es dunkel geworden ist, hoppeln Feldhasen durchs Gras.<\/p>\n<p>Meine Chefin \u2013 ich nenne sie Tiffy \u2013 ist sechs Jahre \u00e4lter als ich, eins achtundf\u00fcnfzig gro\u00df und tr\u00e4gt einen Bob mit ausrasiertem Nacken. Alles, was Tiffy erlebt, erlebt sie hier, denn sie ist immer im Studio, Montag bis Freitag, Woche f\u00fcr Woche, Monat f\u00fcr Monat, Jahr f\u00fcr Jahr. Tiffy bietet Kosmetikbehandlungen, Massagen und Fu\u00dfpflege an. Ich komme mittwochs und freitags und unterst\u00fctze sie in der Fu\u00dfpflege. Tiffys Arbeitstage gehen nicht selten von acht bis zwanzig Uhr, aber reich wird sie davon nicht. Tiffys Lohn sind zufriedene Kunden und ein prall gef\u00fclltes Terminbuch.<\/p>\n<h2><strong>Arme, Augen, M\u00fcnder aufgerissen<\/strong><\/h2>\n<p>Im Fr\u00fchling bleiben Tiffy und ich gern f\u00fcr einen Moment in der ge\u00f6ffneten T\u00fcr stehen, wenn wir unsere Kundinnen verabschiedet haben. Wir schl\u00fcrfen an unseren Kaffeep\u00f6tten, halten die Nasen in die Sonne oder schauen den Passanten zu. Tiffy kennt viele von ihnen mit Namen und gr\u00fc\u00dft sie, zum Beispiel die beiden Lesben, die auf der Wiese vor unserem Studio regelm\u00e4\u00dfig mit ihren bulligen Hunden Gassi gehen. Kinder mit Schulranzen und Sportbeutel tr\u00f6deln durchs Gras, Omis zuckeln an Rollatoren vorbei, Berufst\u00e4tige schleppen Eink\u00e4ufe nach Hause. Junge Frauen schieben Kinderw\u00e4gen, und manchmal d\u00fcst meine Kundin Frau Blumeier, den Fahrtwind im Haar, in ihrem schnittigen Elektrorollstuhl um die Ecke und winkt uns. Tiffy und ich am\u00fcsieren uns \u00fcber den Anblick und winken fr\u00f6hlich zur\u00fcck. Schon empfangen wir unsere n\u00e4chsten Kunden; die T\u00fcr geht zu, die Arbeit weiter und leicht von der Hand.<\/p>\n<p>Es war im Mai vor drei Jahren, an einem sp\u00e4ten Mittwochnachmittag. Ich fegte den Fu\u00dfpflegeraum. Im Bad nahm ich die Instrumente aus der Desinfektionsl\u00f6sung und sp\u00fclte sie ab. Bis mein n\u00e4chster Kunde erschien, blieben mir zwanzig Minuten. Tiffy bearbeitete in ihrem Raum den R\u00fccken von Frau Kunkel, die sich jede Woche eine Massage g\u00f6nnte, und ich trug gerade die Instrumente zur\u00fcck in den Fu\u00dfpflegeraum, als es an die T\u00fcr donnerte. Ich eilte in den Eingangsbereich, auch Tiffy kam angelaufen, die H\u00e4nde voller Massage\u00f6l. Vor der Scheibe sahen wir das lesbische P\u00e4rchen mit den bulligen Hunden. Die Lesben fuchtelten mit den Armen, Augen und M\u00fcnder aufgerissen, die Hunde zerrten an den Leinen, stellten sich auf die Hinterbeine, bellten.<\/p>\n<p>Tiffy \u00f6ffnete. &#8222;Einen Krankenwagen!&#8220;, riefen die Lesben. Eine Frau sei aus dem Haus gesprungen, die Hunde h\u00e4tten den Aufprall geh\u00f6rt und angeschlagen. Wir rannten aus dem Studio und um die Ecke, wo uns der Wind entgegenpeitschte. Da lag sie, die Frau, wie eine weggeworfene Puppe, an der Hinterseite des Achtzehngeschossers, vier oder f\u00fcnf Meter von der Wand entfernt, neben einem Gullydeckel. Wir rannten zur\u00fcck ins Studio; ich griff nach dem Telefon, dr\u00fcckte die drei Zahlen, reichte Tiffy den H\u00f6rer. &#8222;Hier hat sich eben eine Frau aus dem Hochhaus gest\u00fcrzt&#8220;, rief Tiffy, nannte ihren Namen und die Adresse des Studios.<\/p>\n<h2><strong>&#8222;Sie atmet noch!&#8220;<\/strong><\/h2>\n<p>Frau Kunkel kam auf Socken aus dem hinteren Raum und zog sich im Laufen ihren Pulli \u00fcber. Wir rannten zu dritt aus dem Studio. Wir sollten nichts anfassen, nur Passanten fernhalten und umleiten, instruierte uns Tiffy. Da standen wir an der Ecke des Punkthochhauses im Wind: zwei Lesben, zwei Hunde, Frau Kunkel, Tiffy, ich. Etwa zwanzig Meter trennten uns von der Frau. Sie lag auf dem Bauch, leicht gekr\u00fcmmt, ein Bein angewinkelt. Sie trug einen Rock, keine Schuhe. Ein Fu\u00df war seltsam verdreht. Das T-Shirt war hochgerutscht und gab den Blick auf den BH-Verschluss frei. Die Arme lagen locker neben dem K\u00f6rper. Das Gesicht, begraben unter einem Wust lockiger dunkelblonder Haare, war nicht zu sehen. Man konnte meinen, sie w\u00fcrde schlafen. Leute, die vom Einkaufen kamen und den Trampelpfad \u00fcber die Wiese nahmen, schickten wir um die Vorderseite des Hauses; hatten sie Kinder dabei, versperrten wir ihnen die Sicht. Immer wieder sahen wir zu der Frau hin, als m\u00fcssten wir sie bewachen. Tiffy sagte pl\u00f6tzlich: &#8222;Sie atmet. Sie atmet noch!&#8220;<\/p>\n<p>Ich ertrug das Herumstehen nicht l\u00e4nger. &#8222;Vielleicht finden sie uns nicht&#8220;, sagte ich und rannte zur Stra\u00dfe. Eine Minute vielleicht, die mir wie eine Stunde vorkam, hielt ich Ausschau nach einem Wagen mit Blaulicht. Endlich sah ich einen, der sich im Schritttempo n\u00e4herte. Ich winkte mit ausgestreckten Armen, der Krankenwagenfahrer lie\u00df die Scheinwerfer zweimal aufflackern. Ich lotste ihn in eine Einfahrt. Sanit\u00e4ter stiegen aus. Sie fragten, ob ich Krankenschwester sei, wohl wegen meiner wei\u00dfen Kleidung. Ich verneinte. Die Polizei fuhr vor. Ob ich okay sei, fragte eine junge Polizistin. Ich bejahte. Die Polizisten sperrten den Ort mit Flatterband ab. Dahinter staute sich ein H\u00e4uflein Schaulustiger. Die Sanit\u00e4ter knieten sich neben die Frau und untersuchten sie behutsam. Ich wandte mich ab, wollte nicht in ihre Gesichter sehen; gleich w\u00fcrde darin lesbar, was Fakt war. Die junge Polizistin befragte die Lesben und machte sich Notizen. Die Frau wurde mit einer Plane abgedeckt. Alles lief mit minimalem Aufwand ab, ohne jedes Aufsehen, ruhig und routiniert. Die Polizisten baten die Schaulustigen und uns, den Platz zu verlassen. Gehorsam l\u00f6ste sich das Menschenh\u00e4uflein auf. &#8222;Tsch\u00fcss&#8220;, sagten die Lesben und gingen z\u00f6gerlich mit ihren Hunden davon.<\/p>\n<p>Ich empfing Herrn Schwarz, einen dickb\u00e4uchigen Maler mit viel Hornhaut, tiefen Rhagaden und einem Goldkettchen um den Hals. Ich erz\u00e4hlte ihm, was eben passiert war. Herr Schwarz sagte, es gebe eben immer wieder Idioten, und sprach von seinem bevorstehenden Urlaub in der T\u00fcrkei. Er wolle sich dort in der Sonne aalen und sich f\u00fcr wenig Geld das Gebiss sanieren lassen.<\/p>\n<h2><strong>Humpelnd, ein Bein nachziehend<\/strong><\/h2>\n<p>Am Abend, nachdem unsere letzten Kunden gegangen waren, r\u00e4umten Tiffy und ich auf, putzten und machten die Abrechnung. Wir zogen uns um, schlossen die Fenster, l\u00f6schten die Lichter. Wir verlie\u00dfen das Studio und gingen zur Hausecke. Nichts war zu sehen, kein Flatterband, kein Blutfleck. Wir verabschiedeten uns. Ich ging zur Haltestelle der Stra\u00dfenbahn, wo ich mich umdrehte und am Achtzehngeschosser emporblickte. Dem Aufprallort nach zu urteilen, war sie nicht aus einer Wohnung gesprungen, sondern von einem der kleinen Balkone, f\u00fcr jedermann \u00fcber das Treppenhaus zug\u00e4nglich. Oder war sie gar nicht gesprungen? Hatte der Wind die Frau vom Balkon gerissen? Wieso hatte Tiffy gemeint, dass die Frau noch atmete? Gibt es dieses letzte Aushauchen, ein finales Erschlaffen, wenn alle Muskeln versagen, alle Spannung aus dem K\u00f6rper weicht, die Organe ihre Arbeit einstellen? Wenn das Herz aufh\u00f6rt zu schlagen?<\/p>\n<p>In den Tagen und Wochen darauf trug die Kundschaft Verschiedenes \u00fcber die Tote zusammen: Sie sei eine Russin gewesen, keine vierzig Jahre alt. Habe allein in einer kleinen Wohnung im sechsten Stock gelebt, zu niemandem Kontakt gehabt, mit niemandem gesprochen. Vom Sehen hatten viele die Frau gekannt. Sie sei \u00f6fter durch das Wohngebiet gelaufen, humpelnd, ein Bein nachziehend. &#8222;Die ist schon mal gesprungen&#8220;, sagte Tiffy. &#8222;Hat nicht geklappt. Wahrscheinlich nicht hoch genug. Davon hat die das kaputte Bein behalten.&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt ist wieder Mai. Die Tauben turteln, die Hasen hoppeln, der Wind weht. Tiffy ist noch immer nicht reich. Das Terminbuch ist noch immer prall gef\u00fcllt. Bald kommen die Vietnamesen, klettern in den B\u00e4umen herum und ernten die reifen Kirschen. Wenn ich vor dem Studio stehe und in die Sonne blinzle, bleibe ich dicht an der Hauswand. Wenn ich den M\u00fcll wegschaffe, mache ich einen Bogen um die Stelle neben dem Gullydeckel. Ich gr\u00fc\u00dfe, wenn sie mit den Hunden ihre Gassirunden auf der Wiese drehen, die beiden Lesben.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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