{"id":7616,"date":"2018-07-05T14:04:25","date_gmt":"2018-07-05T12:04:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7616"},"modified":"2018-07-06T13:32:36","modified_gmt":"2018-07-06T11:32:36","slug":"zoo-tbilisi-georgien-tiere-menschen-faszination","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/07\/05\/zoo-tbilisi-georgien-tiere-menschen-faszination\/","title":{"rendered":"Gedanken im Gehege"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum sind Menschen fasziniert von eingesperrten Tieren? Geht es um Artenschutz oder die Beherrschung der Welt? Zu Besuch im Zoo von Tbilisi.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7621\" aria-describedby=\"caption-attachment-7621\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7621\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/07\/begi-16-9.jpg\" alt=\"Zoo: Gedanken im Gehege - Freitext\" width=\"700\" height=\"393\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/begi-16-9.jpg 1000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/begi-16-9-620x348.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/begi-16-9-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7621\" class=\"wp-caption-text\"><em>Das ist Begi, das ber\u00fchmteste Nilpferd Georgiens (\u00a9 Vano Shlamov\/AFP\/Getty Images)<\/em><\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Zoo von Tbilisi liegt im toten Winkel eines Autobahnkreuzes. Der Eintritt kostet bis zum Alter von drei Jahren nichts, danach einen und ab zw\u00f6lf zwei Lari, weniger als einen Euro. F\u00fcr das Taxi vom Liberty Square hierher habe ich acht Lari bezahlt, was vermutlich verhandelbar gewesen w\u00e4re, wenn ich auf diesem Gebiet nicht so unf\u00e4hig w\u00e4re. Im Eingangsbereich finden sich keine Tiere, es sieht aus wie auf dem Rummel: Eine Schie\u00dfbude, ein Karussell in Hei\u00dfluftballonform, eine W\u00fcrstchenbude, ein Autoscooter, ein Klettergarten und sechs immobile R\u00fctteleinheiten (ein Motorrad, zwei Autos und drei Dinosaurier), f\u00fcr die ich dank der Alltagsprobleme eines \u00dcbersetzerkollegen die Vokabel kenne. Au\u00dferdem gibt es ein Dings, f\u00fcr das ich keine Vokabel habe, es handelt sich um drei Feuerwehrautos auf Schienen, in denen Kinder im Kreis fahren.<!--more--><\/p>\n<p>Die W\u00fcrstchenbude steht bei Betrachtung aus der N\u00e4he leer, und alle H\u00fctten sehen aus, als k\u00f6nnten sie einen frischen Anstrich vertragen. Ich denke an E., die mir gestern vom Zoobesuch abriet. Sie erz\u00e4hlte von der \u00dcberschwemmung Tbilisis im Juni 2015, bei der 19 Menschen starben und etwa 300 Zootiere ertranken. &#8222;<em>Since then&#8220;<\/em>, sagte sie, &#8222;<em>it&#8217;s a depressing place.&#8220;<\/em> Ich wollte trotzdem oder gerade deshalb hin, und mir fiel im Gespr\u00e4ch mit E. erst auf, dass Zoos schon lange eine Anziehung auf mich haben: Etwa einmal pro Jahr zieht es mich in einen der Berliner Zoos, wobei ich aus Gr\u00fcnden der Weitl\u00e4ufigkeit den Tierpark bevorzuge. Und in einer gewissen schwierigen Zeit meines Lebens habe ich keine Folge von <em>Panda, Gorilla &amp; Co.<\/em> verpasst. Es hat eine merkw\u00fcrdige Folgerichtigkeit, Georgien nicht zu verlassen, ohne in den Zoo zu gehen.<\/p>\n<p>Die erste Ahnung, dass hier irgendwo Tiere wohnen, verbreitet sich angesichts eines gro\u00dfen, verglasten Beckens und bleibt eine Ahnung, denn das Becken ist leer. Vielleicht hat es die 20 Pinguine beherbergt, von denen 17 w\u00e4hrend der \u00dcberschwemmung gestorben sind, vielleicht auch ein paar Seehunde oder gro\u00dfe Fische. Im n\u00e4chsten Gehege leben vier Lemuren aus Madagaskar. Auf der Begleittafel steht, sie betrachteten liebend gern den Sonnenaufgang und \u00e4hnelten dabei meditierenden Menschen. Ich \u00e4hnele vermutlich eher einem Bartkauz beim Hypnoseversuch, w\u00e4hrend ich die Lemuren anstarre und beschlie\u00dfe, mein Zoointeresse in verschiedene Aspekte zu gliedern. Ich notiere: <em>1. Vermenschlichung von Tieren, Vertierlichung von Menschen: Wer <\/em><em>\u00e4<\/em><em>hnelt wem (wann und wozu)?<\/em><\/p>\n<p>Ich gehe weiter, ich m\u00f6chte vor allem Begi sehen, das Nilpferd, das zur Ikone der \u00dcberschwemmung wurde. Scheinbar hat jeder Zoo ein Startier, Knut in Berlin, Begi in Tbilisi, und in beiden F\u00e4llen verbirgt sich hinter dem Ruhm eine tragische Geschichte. Wobei Knut erst ber\u00fchmt und dann eine tragische Figur wurde und Begi erst eine tragisch Figur war und dann ber\u00fchmt wurde. Das kam so: Bei der \u00dcberschwemmung brachen etliche Tiere aus den zerst\u00f6rten Gehegen aus, darunter die drei \u00fcbrigen Pinguine, sieben W\u00f6lfe, ein B\u00e4r, ein Krokodil, ein Tiger und eben das Nilpferd. Scheinbar hat keines der Tiere der unverhofften Freiheit viel abgewinnen k\u00f6nnen, sie irrten ver\u00e4ngstigt durch die Stadt und es dauerte mehrere Tage, bis alle gefunden waren. Die Bev\u00f6lkerung war unterdessen angehalten, zu Hause zu bleiben; nur der B\u00fcrgermeister forderte die Tbiliser auf, bei den Aufr\u00e4umarbeiten zu helfen. Ein Foto aus diesen Tagen zeigt eine \u00fcberflutete Stra\u00dfe, auf der ein dunkelblaues Auto und ein Rettungsboot mit f\u00fcnf Mann treiben, im Hintergrund die schlammige Fassade eines Wohnhauses. Im ersten Geschoss h\u00e4ngt an der Klimaanlage der B\u00e4r und schaut zum Fenster hinein. Er wurde erschossen. Von den Pinguinen wurden zwei eingefangen, einer blieb vermisst. Der Tiger versteckte sich in einer Lagerhalle und t\u00f6tete einen Arbeiter, bevor auch er erschossen wurde. Bis auf Begi wurden auch die \u00fcbrigen Wildtiere erlegt. Begi als einzige \u00dcberlebende der Katastrophe, Begi als Fels in der Schlammlawine, Begi als Hoffnungstr\u00e4gerin f\u00fcr den neuen Zoo, der in einem anderen Stadtteil, nahe des Tbilisi Lake errichtet werden soll. Ich notiere: <em>2. Ber<\/em><em>\u00fc<\/em><em>hmte Zoot<\/em><em>iere: <\/em><em>Wie es manche zum Superstar bringen.<\/em><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7619\" aria-describedby=\"caption-attachment-7619\" style=\"width: 699px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7619\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/07\/GettyImages-477213040.jpg\" alt=\"\" width=\"699\" height=\"466\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/GettyImages-477213040.jpg 3000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/GettyImages-477213040-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/GettyImages-477213040-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/GettyImages-477213040-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 699px) 100vw, 699px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7619\" class=\"wp-caption-text\"><em>Helfer ziehen den toten B\u00e4r aus einem Wohnhaus am 15. Juni 2015 (\u00a9 Vano Shlamov\/AFP\/Getty Images)<\/em><\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ich komme zum Gehege der zwei Zebras, dessen Anblick eingerahmt ist von einem Schutthaufen und zwei M\u00fclltonnen, dahinter die Autobahn, dahinter drei sowjetische Plattenbauten. Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte eine passable Kamera dabei und ein Minimum an fotografischem Talent. Ich denke die Worte <em>postsowjetische Tristesse<\/em> und wei\u00df nicht, ob alles etwas grau und heruntergekommen aussieht, weil ich diese Worte mitgebracht habe und sie das einrahmen, was ich sehe, oder ob mir die Worte einfallen, weil alles etwas grau und heruntergekommen aussieht. Ich stelle mir eine Frage, die ich schon von fr\u00fcheren Zoobesuchen kenne: Wie w\u00e4re es, mit den Zebras zu tauschen, sie auf dem Kiesweg, ich im Gehege, f\u00fcr ein paar Stunden die Sache umdrehen? Dann f\u00e4llt mir Carl Hagenbeck ein, der, bevor er 1907 den weltweit ersten Tierpark ohne Gitter in Hamburg er\u00f6ffnete, in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts sogenannte <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2016-10\/voelkerschauen-rassismus-hagenbeck-10nach8\">V\u00f6lkerschauen<\/a> durchf\u00fchrte. Durch den Handel mit exotischen Tieren hatte er Kontakte in die ganze Welt und lie\u00df Delegationen von Inuit, Kalm\u00fccken, Somali oder Singhalesen samt ihrer Haustiere, traditionellen Bekleidung, Waffen und Werkzeugen einschiffen, um sie in den Zoos und auf den Marktpl\u00e4tzen von London, Wien und Paris auszustellen. Der Berliner Zoo verzeichnete 1884 am ersten Tag der Kalm\u00fcckenschau 93.000 Besucher \u2013 ein so gro\u00dfer Erfolg, dass die Polizei zu Pferde und zu Fu\u00df anr\u00fccken musste, um den Andrang zu regulieren. Ich verwerfe mein Gedankenexperiment und gehe Begi suchen.<\/p>\n<p>Entlang des Weges durch den Zoo kann man sich schminken, zeichnen und mit Henna t\u00e4towieren lassen. Man kann nutzlose Dinge aus Plastik und Luftballons in Form von Superhelden kaufen. Ein Pfau schl\u00e4gt ein Rad, zeigt es den Besuchern aber nur von hinten. Die Zebramangusten haben mehr Platz (mindestens 40 Quadratmeter) als der Serval (h\u00f6chstens acht Quadratmeter). Das Stachelschwein zeigt sich nicht oder sein Gehege steht leer, dieser Unterschied ist hier nicht auszumachen. Der persische Leopard l\u00e4uft im Kreis, die f\u00fcnf L\u00f6wen sonnen sich. Ein Spielplatz: zwei Trampoline, eine H\u00fcpfburg mit Rutsche, ein Wasserbecken mit Gummibooten. Ein Riesenrad, in dem ich mir den Zoo von oben ansehen w\u00fcrde, wenn ich keine H\u00f6henangst h\u00e4tte. \u00dcberhaupt ist es ein Tag im Konjunktiv: was gewesen sein k\u00f6nnte, was sein k\u00f6nnte, was werden k\u00f6nnte. Ich habe Hunger, aber nirgendwo gibt es Pommes oder W\u00fcrstchen, nur Popcorn, Zuckerwatte und Softeis. Ich sch\u00e4tze, dass es mehr Buden als Tiergehege gibt.<\/p>\n<p>Durch die schmutzigen Scheiben des Nilpferdhauses ist nichts zu erkennen. Ein Schild davor zeigt Fotos von der \u00dcberschwemmung: Begi auf schlammiger Stra\u00dfe vor einem Uhrengesch\u00e4ft, Begi mit Bet\u00e4ubungspfeil hinter dem linken Ohr, Begi umringt von M\u00e4nnern, die sich mit ausgestreckten Armen gegen ihr Hinterteil stemmen und sie zur\u00fcck Richtung Zoo schieben wie ein liegen gebliebenes Auto. Das Schild ist kaum drei Jahre alt und dennoch sind die Ecken bereits abgebrochen und die Schrift verblasst, als wollte es sich dem desolaten Zustand seiner Umgebung anpassen. Ich finde Begi nebenan im Elefantengehege hinter dicken Gitterst\u00e4ben. Keine Tafel verr\u00e4t etwas \u00fcber Namen, Alter und Herkunft der einzelnen Tiere, wie ich das aus den Berliner Zoos kenne; die Beschriftungen informieren nur \u00fcber Lebensraum und Gewohnheiten der Gattung. Ich notiere: <em>3. Einer f<\/em><em>\u00fc<\/em><em>r alle? Das Tier als Individuum oder Repr<\/em><em>\u00e4<\/em><em>sentant seiner Spezies. <\/em><\/p>\n<p>Aber Begi braucht kein Namensschild, um ein individuelles Nilpferd zu sein, ihr Name ist hier im kollektiven Ged\u00e4chtnis fest verankert. Ein Kind nach dem anderen klettert auf den Mauervorsprung und ruft &#8222;Begi, Begi&#8220;, wovon das Symbol gewordene Nilpferd erwartungsgem\u00e4\u00df unbeeindruckt ist. Es schei\u00dft im Gehen und wedelt dabei mit dem kurzen Schwanz, der gerade so \u00fcber die After\u00f6ffnung reicht, sodass der Durchfall meterweit durchs Gehege fliegt und den Nilpferdhintern fl\u00e4chig braun einf\u00e4rbt. Ich habe keine Ahnung, ob das Durchfall ist oder Flusspferde grunds\u00e4tzlich fl\u00fcssig koten, vielleicht l\u00f6st sich das im Wasser, in dem sie laut Begleittafel 12 bis 16 Stunden des Tages verbringen, besser auf. Begi hat im Elefantengehege keinen Wasserzugang und ich hoffe f\u00fcr sie, dass sie hier nur ausnahmsweise untergebracht ist. Gleichzeitig fasziniert mich der Anblick des Tiers \u2013 die Gr\u00f6\u00dfe seines kastigen Mauls, sein fassf\u00f6rmiger K\u00f6rper, die Oberfl\u00e4chenstruktur seiner nackten Haut. Ich notiere: <em>4. Die Ambivalenz aus rarit<\/em><em>\u00e4<\/em><em>tsbedingter Faszination und k<\/em><em>\u00e4<\/em><em>figbedingter Scham.<\/em><\/p>\n<p>Ich gehe zu Fu\u00df zur\u00fcck Richtung Stadtzentrum, \u00fcberquere die Autobahn auf der Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. Von hier oben aus, mit den dr\u00f6hnenden Lkws im R\u00fccken, wirkt der Zoo unecht, wie eine zu klein geratene Kulisse. Ich schaue dem Riesenrad eine Weile bei seinen Umdrehungen zu und mir fallen die Renaissancef\u00fcrsten ein, mit denen die europ\u00e4ische Zoogeschichte ihren Lauf nahm. Sie lie\u00dfen Menagerien an ihre Schl\u00f6sser bauen und hielten dort exotische Tiere, worin immer auch ein Herrschaftsanspruch \u00fcber das Weltganze und ein Symbol der menschlichen \u00dcberlegenheit \u00fcber die Natur zum Ausdruck kamen. So viel sich seither auch getan haben mag in Sachen naturnaher Haltung und Beitrag zum Artenschutz, es wohnt den zoologischen G\u00e4rten, versteckt irgendwo unter all der flauschigen Putzigkeit, noch immer etwas von dem inne, was sie vor jedem Forschungs- und Bildungsauftrag verk\u00f6rperten. Ich notiere:<em> 5. Der Wunsch, die Welt als verf<\/em><em>\u00fc<\/em><em>gbar zu betrachten und ihrer habhaft zu werden. <\/em><\/p>\n<p>Dann denkt sich der romantisch veranlagte Teil meines Hirns ein anderes Ende f\u00fcr die Geschichte der \u00dcberschwemmung aus, in dem es alle Tiere halten wie der verschollen geglaubte Pinguin. Der n\u00e4mlich lie\u00df sich rund 50 Kilometer die Kura hinabtreiben und wurde irgendwann an der Grenze zu Aserbaidschan gesichtet \u2013 wo er allerdings auch wieder eingefangen und, wie etliche der \u00fcberlebenden Tiere, in einen Zoo im Ausland gebracht wurde.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum sind Menschen fasziniert von eingesperrten Tieren? 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