{"id":7659,"date":"2018-07-31T09:37:59","date_gmt":"2018-07-31T07:37:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7659"},"modified":"2018-07-31T11:38:07","modified_gmt":"2018-07-31T09:38:07","slug":"fusspflege-marzahn-huth-oskamp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/07\/31\/fusspflege-marzahn-huth-oskamp\/","title":{"rendered":"&#8222;Und ick dachte, du jehst zum Fris\u00f6r&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unsere Autorin ist Schriftstellerin und Fu\u00dfpflegerin. Ehepaar Huth kommt gemeinsam. Sie wegen rotlackierter Zehenn\u00e4gel. Er ist dement und hat es schon wieder vergessen.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7665\" aria-describedby=\"caption-attachment-7665\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7665\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/07\/freitext-fu\u00dfpflege-7-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/freitext-fu\u00dfpflege-7-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/freitext-fu\u00dfpflege-7-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/07\/freitext-fu\u00dfpflege-7-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7665\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Lena Mucha f\u00fcr ZEIT ONLINE<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Parkfriedhof Marzahn morgens um acht. Die Sonne blinkert durchs dichte Bl\u00e4tterdach. Das Gras ist noch feucht von der Nacht und die Luft so frisch, dass man hineinbei\u00dfen m\u00f6chte. Ich durchstreife die Grabreihen, schaue die Bepflanzungen an, lese Inschriften. Viele Russen sind hier begraben und Berliner Urgew\u00e4chse, man sieht es den Namen an. Auch Herr Paulke, der einst mein Kunde war, liegt hier. Ein Eichelh\u00e4her kreischt, Singv\u00f6gel jubilieren, zwei Eichh\u00f6rnchen jagen einander. Eine Magnolie ist dabei, die Bl\u00fctenbl\u00e4tter abzuschmei\u00dfen wie Konfetti. Es ist sch\u00f6n, den Tag auf einem menschenleeren Friedhof zu beginnen. Ich verlasse ihn, \u00fcberquere die alte S-Bahn-Br\u00fccke, denn ich muss zur Arbeit. Zehn Minuten laufe ich durchs Wohngebiet und erreiche das Hochhaus mit unserem Kosmetikstudio.<!--more--><\/p>\n<p>Meine Kundin Frau Huth ist eine energische, rundliche Person, eine Urberlinerin, die seit drei\u00dfig Jahren mit ihrem Mann in Marzahn wohnt, nicht weit von unserem Studio entfernt. Ihre F\u00fc\u00dfe sind so klein und fest wie die ganze Frau, und unter den vorderen Nagelkanten, wo die Nerven enden, ist Frau Huth sehr empfindlich. Sie hat ihren eigenen Nagellack bei mir im Schrank stehen, ein Korallenrot, mit dem ich ihr in der warmen Jahreszeit, wenn sie die wei\u00dfen Riemchenschlappen tr\u00e4gt, die Zehenn\u00e4gel lackiere. Um das Ergebnis zu betrachten, w\u00fchlt Frau Huth eine Lupe aus ihrer gro\u00dfen Handtasche. Frau Huth hat alle Arten von Augenoperationen hinter sich. &#8222;Kieken kann ick trotzdem nich. Aba mir kricht keena mehr untert Messa. Die ham jenuch vadient an mir.&#8220;<\/p>\n<p>Ich mag Frau Huths unsentimentale Ader. Sie ist schlagfertig, redet schnell, lacht sogar schnell, ein meckernder Klang, der ansteckend ist, und ihre Augen flitzen dazu wie Pucks hin und her, als entginge ihnen nicht die kleinste Regung. Frau Huth h\u00e4tte niemals die Zeit, wie ich am Morgen, ein St\u00fcndchen \u00fcber den Parkfriedhof zu streunen. Sie ist dreiundachtzig Jahre alt und immer im Einsatz, vierundzwanzig Stunden am Tag.<\/p>\n<p>Als ich sie kennenlernte, w\u00fcnschte ich mir, dass sie verschnaufen konnte, wenn sie auf dem Fu\u00dfpflegestuhl zum Sitzen kam, wenigstens f\u00fcr diese eine Stunde. Massierte ich ihre F\u00fc\u00dfe, erinnerte ich sie daran, die Muskeln locker zu lassen. Aber Frau Huth wirkte immer gehetzt. Sie bef\u00fcrchtete, dass ihr Mann die Wohnung verlie\u00df, und sich auf den Weg machte, um seine Frau zu suchen. Dass er sich dabei verlief, und sie wiederum ihn suchen musste. Sie rannte \u2013 der korallenrote Lack auf den Zehenn\u00e4geln war noch nicht ganz trocken \u2013 aus dem Studio. Sie fand ihren Mann an Orten, die er seit drei\u00dfig Jahren kannte: vor der Apotheke, auf dem Wochenmarkt beim Obst- und Gem\u00fcsestand, vor der Bankfiliale. Dort verteilte er einmal Geld an Passanten. Sie nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm nach Hause.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter malte sie ihrem Mann eine Uhr auf ein Blatt Papier. Den gro\u00dfen Zeiger zeichnete sie zur Neun hin, legte das Blatt auf den Wohnzimmertisch und trichterte ihrem Mann ein, darauf zu warten, bis auch der gro\u00dfe Zeiger der Wanduhr auf die Neun zeigte. Dann sollte er losgehen und seine Frau von der Fu\u00dfpflege abholen. Es ging schief. Herr Huth fand das Studio nicht. Er stand hundert Meter weiter verloren vor dem Friseursalon, in dem Frau Huth sich seit drei\u00dfig Jahren die Haare machen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ich schlug Frau Huth vor, ihren Mann mitzubringen. Er sa\u00df, w\u00e4hrend sie sich die F\u00fc\u00dfe pedik\u00fcren lie\u00df, im Eingangsbereich unseres Studios im Korbsessel und las eine Zeitung. Streng genommen hielt er die Zeitung so, dass es aussah, als l\u00e4se er darin. &#8222;Wat da drin steht, is sowieso ejal&#8220;, sagte Frau Huth, und wir kicherten. Zu Hause s\u00e4\u00dfe er auch immer so da, auf dem Sofa, ihr sei das nur recht, so k\u00f6nne sie schnell den Haushalt in Ordnung bringen. Er wolle ja unbedingt immer helfen im Haushalt, st\u00f6hnte sie und verdrehte die flinken \u00c4uglein. Vor einiger Zeit habe sie ihm noch den Staubsauger in die Hand gedr\u00fcckt, aber das sei vorbei, er schaffe es nicht mehr. Frau Huth ging dazu \u00fcber, Herrn Huth mit Badreiniger und Schwamm auszustaffieren. Seither poliert er bis zu sechsmal t\u00e4glich das Waschbecken. &#8222;Sie glooben jar nich, wie dit Ding gl\u00e4nzt!&#8220;, sagte sie und lachte ihr ansteckendes Lachen.<\/p>\n<p>Vom Fu\u00dfpflegeraum aus rief Frau Huth ihren Mann, &#8222;Gerhard!&#8220; rief sie, und nochmal mit Nachdruck &#8222;Gerhard!&#8220; Herr Huth, der sehr schwer h\u00f6rt, kam nicht. Ich ging und holte ihn. Er schaute z\u00f6gerlich um den T\u00fcrrahmen. Er sah, dass die nackten F\u00fc\u00dfe seiner Frau in einer Sch\u00fcssel voller Wasser und Schaum standen. Er sagte: &#8222;Und ick dachte, du jehst zum Fris\u00f6r.&#8220; Die Fu\u00dfpflege, die Frau Huth seit drei Jahren aufsucht, findet keinen Platz mehr in Herrn Huths dementem Hirn. Jedes Mal, wenn er an der Hand seiner Frau vor unserer T\u00fcr steht, ist das erste Mal.<\/p>\n<p>Die Armbanduhr von Herrn Huth steht immer auf halb eins. Einmal klopfte er auf dem Uhrglas herum, als k\u00f6nne er die Zeiger zur Bewegung animieren, sch\u00fcttelte das Handgelenk, hielt die Uhr ans nahezu taube Ohr. Zuckte mit den Schultern. &#8222;N\u00fcscht zu machen&#8220;, sagte er, und ich dachte an <em>Warten auf Godot<\/em>, das Theaterst\u00fcck von Samuel Beckett, und wie Estragon seinen Schuh aussch\u00fcttelt und Wladimir seinen Hut ausklopft.<\/p>\n<p>Beim n\u00e4chsten Besuch bot ich Herrn Huth einen Platz im Fu\u00dfpflegeraum an, auf dem Stuhl am Fenster. Frau Huth entnahm dem B\u00fcchertauschregal, das in unserem Studio steht, ein Witzbuch und gab es ihrem Mann, der es gehorsam aufschlug. Als Frau Huth die F\u00fc\u00dfe ins Fu\u00dfbad stellte, sah Herr Huth verwundert vom Buch auf und sagte: &#8222;Und ick dachte, du jehst zum Fris\u00f6r.&#8220; Frau Huth und ich kicherten; Herr Huth senkte den Kopf, sah reglos in das Buch, bl\u00e4tterte nie um und lachte nie. &#8222;Ich finde die Witze in dem Buch auch nicht lustig&#8220;, sagte ich. Frau Huth sch\u00fcttelte den Kopf und sagte, ihr Mann w\u00fcrde in letzter Zeit \u00fcberall und andauernd einschlafen.<\/p>\n<p>Frau Huth hat immer voll gearbeitet, erst im B\u00fcro, dann in einem Delikatladen in der Leipziger Stra\u00dfe. Sie hat drei Kinder bekommen, und als ihre Schwester fr\u00fch starb, hat sie deren zwei Kinder aufgenommen und zusammen mit den eigenen gro\u00dfgezogen. Frau Huth hat keinem System je getraut, weder dem Sozialismus noch dem Kapitalismus, immer ein bisschen Angst um ihre Kinder gehabt und aufgepasst wie eine L\u00f6win, dass die Familie Abend f\u00fcr Abend heil an den K\u00fcchentisch zur\u00fcckkehrte. Als Frau Huth in Rente ging, wurde ihr Mann krank, Prostatakrebs, und eine Odyssee durch die Krankenh\u00e4user begann: Operationen, Bestrahlungen, Chemotherapien, Bek\u00e4mpfung der Nebenwirkungen durch Medikamente und weitere medizinische Ma\u00dfnahmen. Inzwischen hat der Krebs im ganzen K\u00f6rper gestreut. Der n\u00e4chste Eingriff wurde geplant, am Oberkiefer, der halb weggeschnitten werden sollte. Schluss, hat Frau Huth entschieden, keine Operation mehr. Seither gilt Herr Huth als austherapiert. Drei- bis viermal pro Woche f\u00e4hrt er an der Hand seiner Frau zum Zahnarzt nach Friedrichshain, wo die betroffenen Stellen im Mund versorgt werden. &#8222;Ick kann bald nich mehr&#8220;, sagt Frau Huth leise und: &#8222;Er hat imma jut f\u00fcr uns jesorgt.&#8220; Herr Huth ist Frau Huths letztes Kind, allerdings eines, das man weder in den Kindergarten noch in den Sportverein schicken kann. &#8222;Pflejeheim kommt nich inne T\u00fcte&#8220;, sagt Frau Huth getreu ihrem Misstrauen gegen alle Systeme, \u00c4mter und Institutionen.<\/p>\n<p>Manchmal, erz\u00e4hlt Frau Huth, hat Herr Huth einen hellen Moment. Nachts. Dann kann er nicht schlafen, liegt wach neben seiner Frau und fragt, was sie denn noch mit ihm wolle, er k\u00f6nne ihr ja nichts mehr bieten. In solchen N\u00e4chten weint Herr Huth und ich verstehe: Die hellen Momente sind die schlimmsten.<\/p>\n<p>Letzte Woche hatte Herr Huth die erste Fu\u00dfpflege seines Lebens. Er sa\u00df auf dem Fu\u00dfpflegestuhl und sagte, als ich seine F\u00fc\u00dfe wusch: &#8222;Ick hab Schuhgr\u00f6\u00dfe f\u00fcnfundvierzig. Ick lebe uff gro\u00dfem Fu\u00dfe.&#8220; Frau Huth und ich kicherten, dann drehte Frau Huth, die auf dem Stuhl am Fenster sa\u00df, den Kopf und schaute hinaus. Ich schnitt Herrn Huths Zehenn\u00e4gel, reinigte die Falze, fr\u00e4ste die Kanten. Mit der Hornhautfeile gl\u00e4ttete ich die Fersen. Herr Huth schlief. Er sah blass aus und friedlich. Frau Huth holte die Lupe aus der gro\u00dfen Handtasche, betrachtete und bef\u00fchlte ihre frisch lackierten, korallenroten Zehenn\u00e4gel. &#8222;Trocken&#8220;, sagte sie und schl\u00fcpfte in die wei\u00dfen Riemchenschlappen. Ich massierte Herrn Huth die F\u00fc\u00dfe, die weich und beweglich waren. Herr Huth erwachte. Er sah sich verst\u00f6rt um, blickte mich an, seine F\u00fc\u00dfe an, wieder mich an. Frau Huth stand auf, ging zum Fu\u00dfpflegestuhl, nahm die Hand ihres Mannes. Herr Huth erkannte Frau Huth. &#8222;Und ick dachte, ick jeh zum Fris\u00f6r&#8220;, sagte er.<\/p>\n<p>In dem St\u00fcck von Samuel Beckett warten die beiden Landstreicher Wladimir und Estragon auf Godot. Aber Godot kommt nicht. Seit <em>Warten auf Godot<\/em> 1953 in Paris uraufgef\u00fchrt wurde, zerbrechen sich Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Theaterwissenschaftler und Philosophen den Kopf dar\u00fcber, wer Godot sein k\u00f6nnte. Ich glaube nicht, dass Herr Huth das Theaterst\u00fcck kennt. Aber vielleicht ahnt er, wer Godot ist.<\/p>\n<p>Der Parkfriedhof Marzahn abends um acht, fern des L\u00e4rms der Stadt. Am Ende eines hei\u00dfen, staubigen Tages singen die V\u00f6gel ihr Abendlied. Die Sonne steht schr\u00e4g, letzte Strahlen streichen wie Fl\u00fcgel \u00fcber einzelne Namen auf Steinen. Geharkte Wege. Gegossene Gr\u00e4ber. Brennende Kerzen. L\u00e4rchen, Eichen, Kiefern. Ich streife durch Farne, \u00fcber Wiesen im Schatten. K\u00fchle, Ruhe und Platz. Eine Birke. Eine Bank. Es ist sch\u00f6n, den Tag auf einem menschenleeren Friedhof zu beenden.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Autorin ist Schriftstellerin und Fu\u00dfpflegerin. Ehepaar Huth kommt gemeinsam. Sie wegen rotlackierter Zehenn\u00e4gel. Er ist dement und hat es schon wieder vergessen. 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