{"id":7678,"date":"2018-08-06T06:00:17","date_gmt":"2018-08-06T04:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7678"},"modified":"2018-08-03T15:06:29","modified_gmt":"2018-08-03T13:06:29","slug":"bayern-mentalitaet-heimat-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/08\/06\/bayern-mentalitaet-heimat-angst\/","title":{"rendered":"Der bayerische Mensch an und f\u00fcr sich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Bayer d\u00fcmpelt satt und selbstgef\u00e4llig in seiner Lederhose vor sich hin und l\u00e4sst den Herrgott einen guten Mann sein. Das Weltgeschehen ist ihm wumpe. Eh klar, gell?<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7713\" aria-describedby=\"caption-attachment-7713\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7713 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/08\/freitext-bayern-1024x576.jpg\" alt=\"Bayern - Der bayerische Mensch an und f\u00fcr sich\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-bayern-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-bayern-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-bayern-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7713\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Philipp Guelland \/ Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Bayern ist lustig. Von au\u00dfen gesehen, in den Augen vieler Nichtbayern. Der Bayer \u2013 und daran hat sich seit Menschengedenken in der Vorstellung einschl\u00e4giger Bayernbeobachter nichts ge\u00e4ndert \u2013 haut sich morgens auf die Schenkel, um wach zu werden; zum Fr\u00fchst\u00fcck genehmigt er sich ein Weizenbier; den Rest des Tages verbringt er entweder in einer Lederhose in einem Kuhstall oder in einem Anzug bei BMW oder, als Bayerin, mit Shoppen auf der Maximilianstra\u00dfe. Diese Stra\u00dfe ist benannt nach \u2026 Egal.<!--more--><\/p>\n<p>Der k\u00f6niglich-bayerische Bayer jedenfalls hat die Ruhe weg; er d\u00fcmpelt, wohlhabend, satt und selbstgef\u00e4llig, vor sich hin und l\u00e4sst den Herrgott einen guten Mann sein.<\/p>\n<p>Apropos Herrgott: Der h\u00e4ngt, in Gestalt des gekreuzigten Jesus, in jedem Winkel eines jeden Hauses in Bayern, sei es ein Kaufhaus, ein Mietshaus, ein Baumhaus, ein Bauernhaus, ein M\u00f6belhaus, ein Klohaus. Da h\u00e4ngt er, der INRI, wie wir Dimpfl sagen, und blickt leidend auf uns herab. Er macht da keinen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten und \u2013 da schau her! \u2013 munter ins jeweilige Haus schneienden Muslimen. Macht er nicht, der INRI, ganz sicher, ich wei\u00df das. Ich wurde vor diversen Jahrzehnten in diesem Bayern geboren und getauft und lebe immer noch hier, in einem einzigen Zimmer zwar, aber in der Landeshauptstadt. Und der INRI, der geschundene Sohn Gottes, leidet gar nicht so, wie es f\u00fcr Ausw\u00e4rtige scheinen mag, er hat einfach ein Auge auf uns alle. Wir sind Bayern, was soll er machen, er hat sich den Winkel seines Kreuzes nicht ausgesucht. Vielleicht w\u00fcrde er lieber in der L\u00fcneburger Heide oder auf Sylt h\u00e4ngen, Blick ins ewig Gr\u00fcne oder bis zum Horizont, unter lauter Bescheidwissern, und nicht st\u00e4ndig hin- und hergeschoben, wie eine Mensch-\u00e4rgere-dich-nicht-Figur in einem undurchschaubaren Spiel.<\/p>\n<p>So sind die Bayern halt, k\u00f6nnen sich f\u00fcr nichts entscheiden, Hauptsache, sie haben ihre Ruhe. Nicht wahr? Und wenn sie dann doch einmal aus der Ruhe heraustreten, den Herrgott tats\u00e4chlich einen guten Mann sein lassen und sich zu Zehntausenden verb\u00fcnden und verbunten, sichtbar f\u00fcr ganz Deutschland und vor allem die eigene Regierung \u2013 was passiert dann?<\/p>\n<p><strong>Die Wirklichkeit hat keine Hautfarbe<\/strong><\/p>\n<p>Elf Minuten verwundertes Augenreiben au\u00dferhalb der Landesgrenzen; dann wieder das \u00dcbliche. Alles Folklore, h\u00f6rt man die Bayernversteher rufen, die da unten im S\u00fcden h\u00e4tten eben gern Umz\u00fcge, das kenne man von Fronleichnam und anderen katholischen Jubelfeiern. Wenn der Bayer auf die Stra\u00dfe geht, protestiert er nicht, er f\u00fchrt seine Lederne spazieren, er zeigt seine Wadln und sein edles Gewand und, ganz wichtig: er huldigt sich selber. Im schwarzen Bayern \u2013 das scheint echt jeder jenseits der Wei\u00dfwurstgrenze zu wissen \u2013 wirft der Bayer sogar in tiefer Nacht einen Schatten. Den betrachtet er lange und staunend wie einen Blutmond; er wird ganz still dabei, der bayerische Mensch, er h\u00e4lt Andacht und dankt dem Allm\u00e4chtigen f\u00fcr sein Dasein auf der Vorstufe zum Paradies.<\/p>\n<p>Vorstufe zum Paradies? Vergessen, wer diesen Ausspruch einst t\u00e4tigte.<\/p>\n<p>Fest steht: Wer nach Bayern schaut, sieht ein Abziehbild dessen, was er immer schon ahnte, und das muss gen\u00fcgen. Muss es nicht! Denn vielleicht \u2013 Beispiel die Demonstration mit drei\u00dfigtausend Teilnehmern unter dem Motto &#8222;Gemeinsam gegen die Politik der Angst&#8220; \u2013 nimmt der bayerische Mensch, Mann wie Frau wie Kind, das Weltgeschehen st\u00e4rker wahr als andere. Weil er keineswegs tr\u00e4ge im eigenen Saft schmort, sondern \u00e4u\u00dferst wachsam bleibt. Weil er der Idylle nicht traut und die Vorg\u00e4nge hinterm Elektrozaun der Kuhwiesen genauestens verfolgt. Weil er begriffen hat, dass die Wirklichkeit keine Hautfarbe hat, sondern aus einer Membran besteht, f\u00fcr deren sch\u00fctzende Funktion sich jeder aufrechte B\u00fcrger verantwortlich zeichnet, bis runter in den Chiemgau.<\/p>\n<p>Vielleicht gelangt der bayerische Mensch gerade aus der Beschaulichkeit heraus und wegen der st\u00e4ndigen Bevormundung durch seine sogenannten Staatsdiener zu der einen oder anderen Erkenntnis. So m\u00f6gen ihm in einer verwirrenden, zunehmend komplexer werdenden, f\u00fcr keine Schwarz-Wei\u00df-L\u00f6sungen geeigneten Zeit die unaufh\u00f6rlich \u00f6ffentlich stattfindenden Diskussionsforen verwirren und absto\u00dfen; durchschaut er sie doch als das, was sie sind: ein als Pseudoaufkl\u00e4rung getarnter Populismuskrawall \u2013 im Fernsehen ebenso wie in anderen Medien.<\/p>\n<p><strong>Das Heimatministerium ist sein Gewissen<\/strong><\/p>\n<p>Ja, der Bayer ist schon komisch, die Bayerin \u00fcbrigens auch. Gerade die \u00e4ltere Bayerin zeigte in den vergangenen Wochen und Monaten auf vielf\u00e4ltige Weise ihr Gesicht, fest entschlossen, Leuten, die einer gew\u00e4hlten Bundesregierung eine &#8222;Herrschaft des Unrechts&#8220; unterstellen, die Meinung zu geigen, laut und deutlich.<\/p>\n<p>Herrschaft des Unrechts? Vergessen, wer das einst behauptete.<\/p>\n<p>Glaubt es, ihr da drau\u00dfen, weit im Norden, Osten und Westen, oder glaubt es nicht: Das Heimatministerium des bayerischen Menschen ist sein Gewissen. Und er versp\u00fcrt nicht die geringste Angst, es zu zeigen, eingedenk des zweiten Absatzes, Artikel 1 des Grundgesetzes: &#8222;Das deutsche Volk bekennt sich zu unverletzlichen und unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.&#8220;<\/p>\n<p>Zum Schluss noch ein Gedicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>TAGGEDANKEN<\/p>\n<p>Denk ich an Deutschland Tag um Tag,<\/p>\n<p>f\u00e4llt mir mein Vater ein, der Deutscher war,<\/p>\n<p>obwohl sein Land am Euphrat lag.<\/p>\n<p>Er lernte tausend W\u00f6rter Jahr f\u00fcr Jahr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denk ich an ihn, dann auch an sie,<\/p>\n<p>an meine Mutter, jenes Fl\u00fcchtlingskind,<\/p>\n<p>das ach so jung ihr Herz verlieh.<\/p>\n<p>Er blieb ihr treu, wie Ehrenm\u00e4nner sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In mancher Nacht rief ihn die Pflicht,<\/p>\n<p>er eilte zu den Kranken tief im Wald,<\/p>\n<p>ein Feierabend z\u00e4hlte nicht,<\/p>\n<p>kein Frost, kein Winter, der sich an ihn krallt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er ging, wo immer einer schrie<\/p>\n<p>vor Schmerz, vor Angst, aus Lebens\u00fcberdruss.<\/p>\n<p>Die Zuversicht verlie\u00df ihn nie,<\/p>\n<p>nicht, als er ahnte, dass er gehen muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Vater starb um zwei Uhr fr\u00fch.<\/p>\n<p>Er hoffte noch, und Ostern war nicht weit.<\/p>\n<p>Befreit von aller Last und M\u00fch,<\/p>\n<p>ging er erl\u00f6st in seine eigne Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ich erz\u00e4hle, heut und hier,<\/p>\n<p>ist alt, ein altes Lied aus einem Land,<\/p>\n<p>das einmal Mensch war, einmal Tier,<\/p>\n<p>das unterging und wieder auferstand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach Ankunft ist ein jeder fremd,<\/p>\n<p>im ersten Augenblick in Mutters Arm.<\/p>\n<p>Am Anfang sind wir ungek\u00e4mmt<\/p>\n<p>und nackt und jemand Fremdes h\u00e4lt uns warm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So einfach geht das alles los,<\/p>\n<p>in diesem Deutschland wie im Rest der Welt.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter ist das Staunen gro\u00df,<\/p>\n<p>wenn einer M\u00f6rder wird, ein andrer Held.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer zu uns kommt, vom Tod gejagt,<\/p>\n<p>wer unser Land umarmt aus purer Not,<\/p>\n<p>wer nach dem Weg im Dunkeln fragt,<\/p>\n<p>dem beizustehn, ist menschliches Gebot.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und einer wird ein Vater werden<\/p>\n<p>wie meiner damals, und aus Liebe bleiben.<\/p>\n<p>Sein Dasein wird Geschichte schreiben<\/p>\n<p>im Herzen von uns allen hier auf Erden.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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