{"id":7750,"date":"2018-08-16T09:07:08","date_gmt":"2018-08-16T07:07:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7750"},"modified":"2018-08-16T11:56:08","modified_gmt":"2018-08-16T09:56:08","slug":"eu-sommercamp-vielfalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/08\/16\/eu-sommercamp-vielfalt\/","title":{"rendered":"Come together! Das ultimative EU-Sommercamp"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir lassen uns doch von Kurz, Orb\u00e1n oder Salvini den Spa\u00df nicht verderben: Alle in den Reise-Bus, Blaskapelle und Schnaps dazu. Die absolut beste Idee zur Rettung Europas<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7757\" aria-describedby=\"caption-attachment-7757\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7757 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/08\/freitext-europa-1024x576.jpg\" alt=\"Come together! Das ultimative EU-Sommercamp\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-europa-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-europa-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-europa-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7757\" class=\"wp-caption-text\"><br \/>\u00a9 Estonian Saunas \/ unsplash.com (https:\/\/unsplash.com\/@estoniansaunas)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Neulich fuhr ich mit dem Bus durch die Berge Kretas (der Wiege Europas!), wo mir ganz warm ums Herz wurde, und schon kam mir die Idee, wie wir die EU doch noch retten k\u00f6nnten: Wir m\u00fcssen uns nur endlich um die Menschen k\u00fcmmern! (Was? Die Idee hatte schon jemand vor mir? Sorry, ist mir bisher echt nicht aufgefallen.)<!--more--><\/p>\n<p>Na, egal. Wir brauchen jedenfalls ganz dringend mehr Freude und W\u00fcrde in diesen freud- und w\u00fcrdelosen Zeiten, wo alle nur schlie\u00dfen und k\u00fcrzen anstatt zu \u00f6ffnen und zu verteilen. Darum brauchen wir dringend einen &#8222;Kommissar f\u00fcr Freude und W\u00fcrde&#8220;, einen Mann\/eine Frau, der\/die immer ein fr\u00f6hliches Liedchen auf den Lippen hat, eine\/n mit Esprit und Vision statt schlankem Anzug \u2013 jedenfalls keinen Anwalt und keinen Wirtschaftsfuzzi! Von denen haben wir wei\u00df Gott genug, sie sind nur Futter f\u00fcr Goldman Sachs und bringen uns nicht voran, im Gegenteil. Nirgendwo wissen sie das besser als auf Kreta.<\/p>\n<p>Was die W\u00fcrde angeht, werden in einer ersten, wegweisenden Aktion alle dem\u00fctigenden Papierh\u00fcte verboten, welche man die unterbezahlten Dienstleister \u00fcberall zwingt zu tragen, schon herrscht wieder mehr Freude. In der Folge wird selbstverst\u00e4ndlich der Mindestlohn auf ein w\u00fcrdevolles Ma\u00df angehoben, werden alle sklaven\u00e4hnlichen Arbeitsverh\u00e4ltnisse in Europa verboten und nat\u00fcrlich das Geld dort eingehoben, wo es sinn- und freudlos herumliegt: bei den Reichen, den Konzernen und den Verbrechern, die hier in unserem ach so rechtsstaatlichen Europa ihr Schwarzgeld zum Beispiel mit Vorliebe in Immobilien anlegen, bis wir Normalos bald keinen Platz mehr zum Schlafen und schon gar keinen &#8222;\u00f6ffentlichen Raum&#8220; mehr haben (was unsere Freudlosigkeit wiederum verst\u00e4rkt!)<\/p>\n<p><strong>Sachsen, Ostungarn, Nordfrankreich<\/strong><\/p>\n<p>Was aber nun die Freude angeht: Bei den hohen Temperaturen, die uns in Europa in Zukunft erwarten werden, wird unser neues Ressort jedes Jahr ein riesiges europ\u00e4isches Sommerlager organisieren, und zwar so: Jedes Mitgliedsland l\u00e4dt seine struktur- und finanzschw\u00e4chsten Gemeinden ein, einen Reisebus mit 50 Menschen zu f\u00fcllen, die sich sonst nie einen Urlaub leisten k\u00f6nnten. Die ausgelosten Teilnehmer (sagen wir: aus jedem Land 100.000 = 2,8 Mio. Menschen j\u00e4hrlich) kriegen Gutscheine im Wert von 1.000 Euro auf die Kralle, oder sagen wir: 2.000! Wir wollen mal klotzen, nicht kleckern. Und nicht einmal dann kostet uns das die H\u00e4lfte der Summe, die Apple den Iren an Steuern schuldig war (13 Milliarden).<\/p>\n<p>Gleichzeitig bewerben sich aus den strukturschw\u00e4chsten Gemeinden der jeweiligen Mitgliedsl\u00e4nder Hotel- und Pensionsbetreiber, welche die G\u00e4ste aufnehmen werden, keine Hotelketten, nur Private. Und nix Costa Smeralda, Algarve oder Bretagne, sondern Gegenden und Orte in Europa, wo sonst kaum jemand hinkommt: Sachsen, Ostungarn, Nordfrankreich; kleine Kaffs in Estland, abgeh\u00e4ngte Gemeinden in Tschechien, Orte in Rum\u00e4nien, wo noch die Pferde den Karren aus dem Dreck ziehen. Wir wollen das Geld ja endlich mal dorthin bringen, wo es gebraucht wird!<\/p>\n<p>Die G\u00e4ste werden ihren jeweiligen Urlaubsorten zugelost, also fahren Niklasdorfer aus der Steiermark zum Beispiel nach Tielt in Belgien, Fr\u00e9venter aus Frankreich nach Humpolec in Tschechien, Menschen aus Nawojowa in Polen nach Vilanu\u00edde in Spanien. Und so weiter. Das sind Orte, von denen die meisten noch nie geh\u00f6rt haben, aber genau darum geht es ja: das Unbekannte kennenlernen. Unser unbekanntes, so vielf\u00e4ltiges und buntes Europa! (Jaja, da springen die Rechten immer im Kreis wie Rumpelstilzchen, wenn sie nur &#8222;vielf\u00e4ltig&#8220; und &#8222;bunt&#8220; h\u00f6ren \u2026 Aber so ist es nun mal!)<\/p>\n<p><strong>Lokales Liedgut<\/strong><\/p>\n<p>Brauchen wir also nur noch lokale Busunternehmer, die sich ebenfalls f\u00fcr das Projekt bewerben k\u00f6nnen, sagen wir: Betriebe mit nicht mehr als zehn Bussen, klein, aber fein. (Der b\u00fcrokratische Aufwand an dem Projekt schreckt uns nat\u00fcrlich nicht ab, denn in B\u00fcrokratie sind wir gut, und darauf sind wir stolz. Denn nur die Staatsfeinde wollen den Staat und seine B\u00fcrokratie nicht, sie nerven uns schon viel zu lange mit ihrem ewig freudlosen und nur dem Zwecke der eigenen Geldvermehrung dienenden &#8222;Mehr Privat, weniger Staat&#8220;.)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den fr\u00f6hlichen Reisegesellschaften: Diese sind nat\u00fcrlich angehalten, w\u00e4hrend der Busfahrt &#8222;<em>Come together<\/em>&#8220; von den Beatles zu singen. Nach diesem Songtitel werden wir unser Projekt n\u00e4mlich benennen, sodass bei der ersten Begegnung der G\u00e4ste mit den Gastgebern gleich das Wesentliche der Idee Europas besprochen werden kann: &#8222;<em>I know you, you know me. One thing I can tell you is you got to be free. Come together<\/em>!&#8220; (Nat\u00fcrlich wird dann anschlie\u00dfend noch &#8222;Freude, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken&#8220; gesungen, denn um mehr Freude, wie gesagt, muss es uns gehen.)<\/p>\n<p>Es soll aber auch und insbesondere lokales Liedgut gesungen werden, mit dem wir uns auf den Empfang in den gastgebenden Orten vorbereiten, wo die Einheimischen wiederum uns mit ihren Ges\u00e4ngen erfreuen werden. Gerne darf beim Besuch lokale Tracht getragen werden, und es sollen lokale Speisen und Getr\u00e4nke (Speck und Schnaps von lokalen Bio-Anbietern!) mitgenommen werden, als Geschenk.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich best\u00fcckt die EU jede Reisegesellschaft mit (mindestens!) zwei arbeitslosen Dolmetschstudenten, damit auch diese endlich mal etwas verdienen, und damit es da blo\u00df keine Verst\u00e4ndigungsschwierigkeiten gibt, wenn der B\u00fcrgermeister der Gastgebergemeinde den Reisebus der G\u00e4ste am Marktplatz seines h\u00fcbschen Ortes in Empfang nimmt, mit einer ordentlichen Ansprache, mit Blasmusik, mit Tschinellen und Sch\u00fctzen, so es dort welche gibt.<\/p>\n<p><strong>Schuhplattler trifft auf Mulatschak<\/strong><\/p>\n<p>Kleine h\u00fcbsche M\u00e4dchen und Buben aus den Gastgebergemeinden verteilen Blumenstr\u00e4u\u00dfe, das ist ja ganz klar. Der Pfarrer soll die ankommenden Menschen segnen, wenn er unbedingt will, und ist gerade ein Mufti vor Ort, soll uns sein Segen auch recht sein. Aber am wichtigsten: In den Dorfgasth\u00e4usern der Gastgebergemeinden muss das reichhaltige Men\u00fc, zusammengestellt eine Woche lang aus lokalen Spezialit\u00e4ten und produziert von nachhaltig wirtschaftenden Betrieben, schon bereit stehen, es wird von den G\u00e4sten verzehrt und mit ihren Gutscheinen bezahlt: &#8222;<em>Merci beaucoup<\/em>! Danke! <em>Thanks<\/em>! <em>Grazie mille<\/em>!\u201c und was wei\u00df ich, was &#8222;danke&#8220; auf Litauisch, Tschechisch oder Wallonisch hei\u00dft. Aber genau das wollen wir ja endlich erfahren!<\/p>\n<p>Gibt es einen ausgezeichneten, allen anderen \u00fcberlegenen, orts\u00fcblichen Schnaps? Dann bitte her damit zur Begr\u00fc\u00dfung, und blo\u00df nicht zu wenig davon! Und wer sich ein paar Liter davon mit nach Hause nehmen m\u00f6chte, der bezahlt ihn beim lokalen Anbieter mit seinen EU-Gutscheinen und genie\u00dft ihn nach der R\u00fcckkehr mit seinen Lieben zu Hause, w\u00e4hrend er erz\u00e4hlt, was er alles erlebt und gesehen hat: andere Europ\u00e4er n\u00e4mlich in unserem wundersch\u00f6nen und so vielf\u00e4ltigen (!) und bunten (!) Europa.<\/p>\n<p>Es ist jedenfalls hoch an der Zeit, dass wir endlich &#8222;die Anderen&#8220; mit ihren speziellen Stutzen, Hosen, Schuhen und H\u00fcten in ihren jeweiligen Mitgliedsl\u00e4ndern kennen lernen, dazu ihre Lieder, ihre Speisen und Getr\u00e4nke, ihre lokalen Br\u00e4uche: Schuhplattler trifft auf Mulatschak, Fado auf Polka, <em>musica siciliana<\/em> auf finnischen Tango.<\/p>\n<p>Weil das Projekt so gut ankommt, dehnen wir es im Folgejahr gleich auf Pflegekr\u00e4fte, KitamitarbeiterInnen, Putzkr\u00e4fte, unterbezahlte Polizisten, die ihren Arsch f\u00fcr uns riskieren, und Arbeitssklaven in den Fleischfabriken Europas aus: Ab in den wohlverdienten Urlaub mit euch! Und weil so viele Bauern keine B\u00e4uerin finden, organisiert die EU in jedem Mitgliedsland die dann sehr stark nachgefragten sommerlichen Bauern-Dating-Wochen: H\u00fcbsche Damen aus aller Herren Mitgliedsl\u00e4nder, die ihr einen Bauern heiraten wollt, meldet euch! Wir bezahlen euch die Reise, denn wir wollen in der EU nicht nur gl\u00fcckliche K\u00fche, sondern vor allem gl\u00fcckliche Menschen!<\/p>\n<p><strong>Ein wundersch\u00f6nes Gef\u00fchl im Herzen<\/strong><\/p>\n<p>Und haben die frisch verliebten Bauernpaare dann im Sommer zu tun und niemanden, der ihre kleinen europ\u00e4ischen Kinder betreut? Kein Problem! Die EU organisiert nat\u00fcrlich auch Kinder-Ferienlager, wiederum \u00fcber alle Mitgliedsl\u00e4nder verstreut! Die Kleinen schauen sich dort <em>Antigone<\/em> von Jean-Marie Straub und Dani\u00e8le Huillet oder <em>Spartacus<\/em> auf Gro\u00dfleinwand an und lernen alles \u00fcber Griechische Mythen, sie lernen weiter alles \u00fcber Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit, und wom\u00f6glich gleich auch eine neue Sprache \u2013\u00a0 <em>wolno\u015b\u0107, r\u00f3wno\u015b\u0107, braterstwo<\/em>!, wie das auf Polnisch hei\u00dft.<\/p>\n<p>Mit einem wundersch\u00f6nen Gef\u00fchl im Herzen und gro\u00dfer Dankbarkeit daf\u00fcr, in dieser vielf\u00e4ltigen (!) und bunten (!) EU leben zu d\u00fcrfen, fahren sie nach Hause und \u00fcbertragen ihre EU-Begeisterung sogleich auf die bis dahin freudlosen Eltern, die sich von freudlosen Leuten wie Kurz, Salvini oder Orb\u00e1n den Spa\u00df nicht nur an Europa, sondern gleich am Leben insgesamt austreiben lassen. Schluss damit! &#8222;Mama, ich will nicht aus der EU austreten, ich will doch einmal erste EU-Ratspr\u00e4sidentin werden!&#8220; &#8222;Na gut, Schatz, dann bleiben wir drin!&#8220;<\/p>\n<p>Und warum, fragen wir uns, warum ist eigentlich in Br\u00fcssel noch nie jemand auf die Idee gekommen, ein zwei Monate langes Nonstop-EU-Musikfestival zu organisieren, verteilt auf alle Mitgliedstaaten, zu dem jedes Land seine zehn besten Acts schickt? Und zu dem nat\u00fcrlich alle gratis mit Interrail fahren k\u00f6nnen (das war die vielleicht einzige vern\u00fcnftige Idee, die in den letzten Jahren jemand zum Thema EU hatte, danke Manfred Weber aus Deutschland!).<\/p>\n<p><strong>Nat\u00fcrlich kostet das Geld!<\/strong><\/p>\n<p>Es ist jedenfalls ganz sch\u00f6n was los in Europa, wenn wir erst mal den Kommissar f\u00fcr Freude und W\u00fcrde haben! Auf all diesen Festivals und Treffen laden sich die jungen Leute dann endlich die App jener Kommunikationsplattform namens <em>Homer<\/em> herunter, welche die EU f\u00fcr uns mit unseren zahlreichen talentierten jungen europ\u00e4ischen Softwareentwicklern programmiert hat und die sie uns selbstverst\u00e4ndlich gratis zur Verf\u00fcgung stellt, ohne dabei unsere Daten zu sammeln, womit wir endlich nicht mehr auf die Hass- und Dreckschleuderplattformen Facebook und wie sie alle hei\u00dfen zur\u00fcckgreifen m\u00fcssen. Schon sind die Leute wieder besser drauf, wenn sie den Schrott nicht jeden Tag lesen m\u00fcssen, und zwar viel besser!<\/p>\n<p>Das alles kostet Geld? Nat\u00fcrlich kostet das Geld! Die gute Nachricht aber ist: Von praktisch nichts anderem ist so viel da wie vom Geld, wir m\u00fcssen es uns nur holen. Und mit dem ganzen Schotter in der Tasche muss sich die EU dann endlich wirklich um die k\u00fcmmern, die dieses vielf\u00e4ltige (!) und bunte (!) Europa ausmachen.<\/p>\n<p>Und dann singen wir alle zusammen: <em>Come together, right now<\/em>!<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir lassen uns doch von Kurz, Orb\u00e1n oder Salvini den Spa\u00df nicht verderben: Alle in den Reise-Bus, Blaskapelle und Schnaps dazu. 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