{"id":7783,"date":"2018-08-23T12:29:11","date_gmt":"2018-08-23T10:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7783"},"modified":"2018-08-23T12:29:11","modified_gmt":"2018-08-23T10:29:11","slug":"duerre-trockenheit-klima","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/08\/23\/duerre-trockenheit-klima\/","title":{"rendered":"Pharaos Traum"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><strong>Der Flokati aus Laubb\u00e4umen ist verschwunden. Die biblische D\u00fcrre-Prophezeiung scheint wahr geworden. Werden wir bald auf rituellen Regenwegen wandern m\u00fcssen?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7790\" aria-describedby=\"caption-attachment-7790\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7790\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/08\/@freitext-duerre-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/@freitext-duerre-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/@freitext-duerre-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/@freitext-duerre-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7790\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sean Gallup\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Seit Wochen hat es nicht richtig geregnet. Die einen finden das toll, andere leiden. &#8222;Dicke F\u00fc\u00dfe und schlechte Laune!&#8220;, schrieb meine Schwester mir neulich, der es eigentlich nie hei\u00df genug sein kann. Die Hitze macht eben doch nur so lange Spa\u00df solange sie sich zwischendurch mit genug Regen abwechselt. Doch statt Regen macht das Wort &#8222;D\u00fcrre&#8220; die Runde. &#8222;D\u00fcrre&#8220; klingt unheimlich, nach der warnenden Vorbotin eines Ungl\u00fccks, zwei schnelle Silben mit viel Ger\u00f6chel in der Mitte, auf die dann das unvermeidlich Einsilbige folgt, wenn man nicht aufpasst: &#8222;Tod&#8220;. <\/span><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Ich muss wohl sieben oder acht gewesen sein, als ich zum ersten Mal von D\u00fcrre h\u00f6rte. Es war in einer Geschichte aus der Kinderbibel. W\u00e4hrend Jakobs Sohn Joseph, verleumdet von Potifars Frau, im Gef\u00e4ngnis sitzt, hat der Pharao einen beunruhigenden Traum. Sieben fette K\u00fche fressen sieben magere K\u00fche auf; der Traum wiederholt sich, diesmal verschlingen sieben fette \u00c4hren sieben magere \u00c4hren. Keiner der Zauberer und Wahrsager in \u00c4gypten kann Pharaos Traum deuten, also wird Joseph aus dem Gef\u00e4ngnis geholt. Er prophezeit \u00c4gypten eine sieben Jahre andauernde fruchtbare Phase, auf die dann sieben d\u00fcrre Jahre folgen werden. Ich erinnere mich an die Illustrationen, an das vom Albtraum verzerrte Gesicht des Pharaos, an die verzierte, goldene St\u00fctze, auf der sein Nacken lag, aber vor allem erinnere ich mich an die ausgezehrten K\u00f6rper der K\u00fche und die vertrockneten, d\u00fcnnen \u00c4hren. Diese \u00c4hren hatten dieselbe Farbe wie das Gras am Tempelhofer Feld dieses Jahr, wie die Wiesen in der Bonner Rheinaue oder der Schlosspark in Sacrow. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Anders als im vorchristlichen \u00c4gypten endeten die hei\u00dfen Sommertage in den 1980er\u2013 und \u201390er Jahren immer mit einem kr\u00e4ftigen Gewitter, gefolgt von n\u00e4chtlichen Regeng\u00fcssen. Meine Mutter liebte diese Gewitter in der D\u00e4mmerung so sehr, dass sie berauscht alle Fenster aufriss, w\u00e4hrend ich mich mit Essen und B\u00fcchern in unserem fensterlosen Badezimmer einschloss und in die Wanne legte, bis Blitz und Donner weiter gezogen waren. Deutschland war kalt und verregnet, es war irgendwie immer nass, der B\u00fcrgersteig nie richtig trocken, die Gummistiefel standen unter der Regenjacke im Flur allzeit bereit.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Die Ausma\u00dfe der Versteppung<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Die D\u00fcrre n\u00e4herte sich mir zum ersten Mal durchs Telefon. Meine spanische Familie in Madrid klagte Anfang der 90er \u00fcber die hei\u00dfen Winde, die das Landesinnere heimsuchten. Hitze waren sie im Sommer gelohnt, aber keine Temperaturen von \u00fcber 40 Grad. Onkeln, Tanten und Kusinen mussten nachts von der Hitze gequ\u00e4lt immer wieder unter die Dusche steigen, um sich Abk\u00fchlung zu verschaffen. Zum Gl\u00fcck leben wir dort nicht mehr, sagte meine Mutter, so als sei Krieg in Spanien. W\u00e4hrend drau\u00dfen der Regen prasselte und ich schlafend im Bett lag, sah ich im Traum meine spanische Verwandtschaft durch die madrilenische W\u00fcste wandern, meine Kusine mit heruntergelaufenen Espandrillos, und mein Onkel mit einem bis auf die Haut durchn\u00e4ssten <i>Lacoste<\/i>-Hemd. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Zwar verdursten meine Verwandten in Spanien noch nicht, doch die W\u00fcste hat sich in den letzten Jahrzehnten vom S\u00fcdosten aus immer tiefer ins Landesinnere gefressen. Die Ausma\u00dfe dieser Versteppung kann man besonders gut vom Billigflieger aus sehen, den ich, anstelle des Zugs, ab der Jahrtausendwende immer \u00f6fter nahm . Der Anblick war verst\u00f6rend. Spanien sah von oben aus wie ein schmutziges St\u00fcck Kreide, ein Land wie durch Tee gezogen. Je n\u00e4her man hingegen Deutschland kam, desto gr\u00fcner wurde es, \u00fcberall W\u00e4lder, ein kilometerweiter Flokati aus Laubb\u00e4umen. Beruhigt lie\u00df ich mich jedes Mal in meinen Sitz zur\u00fcckfallen und schloss die Augen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Abgesehen vom tiefblauen Rand sieht Deutschland derzeit von oben aus wie Spanien, davor kann niemand mehr die Augen verschlie\u00dfen. &#8222;Konnte eben die ersten Bilder von Mitteleuropa und Deutschland bei Tag machen, nach mehreren Wochen von Nacht-\u00dcberfl\u00fcgen. Schockierender Anblick. Alles vertrocknet und braun, was eigentlich gr\u00fcn sein sollte&#8220;, twitterte der Astronaut Alexander Gerst am 6. August von der ISS. Inzwischen sieht Deutschland nicht nur von oben aus wie Spanien, auch die alte Gewohnheit nachts zu duschen habe ich von meinen Verwandten \u00fcbernommen, selbst die Nachrichten \u00e4hneln sich \u2013 Waldbr\u00e4nde, der Ruf nach Hitze angepassten Arbeitszeiten f\u00fcr Angestellte, Nothilfe f\u00fcr die Landwirtschaft.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Was, wenn es nie wieder regnet?<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Tags\u00fcber kann ich es bei \u00fcber 30 Grad Raumtemperatur in meiner Wohnung kaum noch aushalten, deswegen fl\u00fcchte ich in den Schrebergarten, wann ich nur kann. Im Garten ist es sch\u00f6n gr\u00fcn, dort gie\u00dfen wir mit Havelwasser, das (noch) umsonst aus der Leitung kommt, aber die Havel steht tief wie selten, der Muschelkalk verstopft die Gartenschl\u00e4uche. Meine Nachbarin strahlt. Sie bringt Pfirsiche, ihr Baum tr\u00e4gt, dass sich die \u00c4ste biegen. Sie schmecken s\u00fc\u00df und saftig, wie ich sie sonst nur in Spanien bekomme.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">F\u00fcr den n\u00e4chsten Tag ist endlich Regen angesagt. Wir reden \u00fcber kaum etwas anderes, wie kleine Kinder vor dem Weihnachtsabend zappeln wir herum, r\u00e4umen den Sonnenschirm, die Gartenpolster weg. Es soll st\u00fcrmen, und dann soll es regnen. Besorgt schaue ich auf die alte Eiche, die schr\u00e4g \u00fcber der Datsche w\u00e4chst. Was wenn sie aufs Dach st\u00fcrzt? Langsam zieht sich der Himmel zusammen, irre Blaut\u00f6ne wechseln sich ab mit Grau in allen Facetten. Der Insektenschutz vor der T\u00fcr klappert auf und zu. Ich kriege es mit der Angst, springe \u00fcber den Zaun und klopfe bei Doris, sie hat zu sp\u00e4ter Stunde noch Besuch bekommen. Sonja, die mit dem Rad vor dem Unwetter nicht mehr nach Berlin gekommen ist. Ihr Hund sitzt hechelnd unterm Tisch. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Doris steht am offenen Fenster, genau wie meine Mutter fr\u00fcher starrt sie in den Himmel. Schaut euch das an, sagt sie, diese Farben. Dann zuckt ein erster Blitz am Himmel, Doris schlie\u00dft die Fenster. Wir stecken die Nasen durch den schmalen T\u00fcrspalt und schn\u00fcffeln nach diesem eigent\u00fcmlichen Geruch, der Regen ank\u00fcndigt. Glaubt ihr, dass es regnen wird, fragt Sonja. Ich zucke mit den Schultern. Donner grollt, der Wind zerrt an den B\u00e4umen und B\u00fcschen, die Riesensonnenblumen wiegen sich, als seien sie betrunken, doch es bleibt trocken. Was wenn nicht, sagt Sonja, was wenn es nie wieder regnet? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Das, was wir Klimazerst\u00f6rung nennen<\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Ich muss an die Ausstellung denken, die ich vor einigen Wochen in der Bundeskunsthalle in Bonn gesehen habe, \u00fcber die Nazcakultur, die riesigen Geolythenbilder, die man nur aus dem Flugzeug als Bilder erkennen kann. Diese langen Figurenwege sind weder Landebahnen f\u00fcr Au\u00dferirdische noch astronomische Riesenkalender, wei\u00df man inzwischen. Sie dienten als Wege f\u00fcr Regenprozessionen in einer Region, die immer trockener wurde und schlie\u00dflich zum Aussterben der Nazcas f\u00fchrte. Werden wir einmal so verzweifelt sein, dass wir auf rituellen Regenwegen durch Sacrow wandern werden? Wenn ja, welchen Weg werden wir einschlagen, welches Bild werden wir beschlie\u00dfen von hier unten zu zeichnen, und wird der Twitterastronaut Gerst aka astro_alex ein Foto aus dem Weltraum von uns machen? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Avenir Next;\">Endlich prasselt es los. Der Boden dampft, die Hitze, die er wochenlang aufgenommen hat vermischt sich mit dem Regenwasser zu Nebelkaskaden, kurz sehen unsere G\u00e4rten aus, wie Regenwald. Eine Stunde regnet es, dann ist es schon wieder vorbei. Wir atmen die k\u00fchle, feuchte Luft ein, Erinnerungen an die Kindheit kommen hoch, der Wunsch nach einem Sprung in die Pf\u00fctzen. Ich laufe r\u00fcber in meinen Garten. Die Eiche steht noch, aber wie lange? Im Schlosspark liegen noch immer Dutzende umgest\u00fcrzte B\u00e4ume vom letzten Herbststurm, dicke, hundertj\u00e4hrige Buchen und Linden. Geht das jetzt wirklich immer weiter so, und wird das Wetter, die Hitze, die St\u00fcrme, die D\u00fcrre unser Leben viel mehr bestimmen, als alles andere? Werde ich dar\u00fcber schreiben, nicht nur so wie jetzt, sondern wird das Wetter und das, was wir Klimazerst\u00f6rung nennen, mich wie Pharao bis in meine Tr\u00e4ume verfolgen und alle m\u00f6glichen Wege in meine Texte, meine Erz\u00e4hlungen finden? Wahrscheinlich ja. Denn irgendwo inmitten der Ruinen, die der Klimawandel jetzt schon hinterl\u00e4sst, muss ich mir die Neugier bewahren, diesen Wandel, den Terror, den der sogenannte Fortschritts mit sich gebracht hat, nicht nur als etwas Schreckliches und Angsterregendes zu interpretieren, sondern auch als etwas Besonderes, das es zu erz\u00e4hlen gilt. Nur so kann ich wie ein moderner Joseph \u2013 oder noch moderner: Josefine! \u2013 Albtr\u00e4ume deuten und Auswege erz\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Flokati aus Laubb\u00e4umen ist verschwunden. Die biblische D\u00fcrre-Prophezeiung scheint wahr geworden. Werden wir bald auf rituellen Regenwegen wandern m\u00fcssen? 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