{"id":7813,"date":"2018-09-02T06:00:37","date_gmt":"2018-09-02T04:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7813"},"modified":"2018-08-31T15:03:42","modified_gmt":"2018-08-31T13:03:42","slug":"maenner-fuesse-flipflops-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/09\/02\/maenner-fuesse-flipflops-sommer\/","title":{"rendered":"Tsch\u00fcss Flip, Ciao Flop"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nackte M\u00e4nnerf\u00fc\u00dfe gehen gar nicht? Sagt wer? Seit Mai rekelten sich die Zehen unseres Autors in der Sonne. Aber mit dem Sommer schwinden auch die Latschen. Ein Abschied<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7823\" aria-describedby=\"caption-attachment-7823\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7823\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2018\/08\/freitext-flipflops-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-flipflops-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-flipflops-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2018\/08\/freitext-flipflops-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7823\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 [M] Ian Waldie \/ Getty Images<\/figcaption><\/figure>Das war\u2019s dann also mit uns dreien, nun ist es Zeit f\u00fcr den Abschied, hinweg mit euch zweien. Auf den Friedhof des Sommers mit euch, in den Plastikcontainer oder lieber doch in den Sonderm\u00fcll? Wir haben schlie\u00dflich viel erlebt miteinander, und an euren Sohlen klebt nicht nur Kaugummi.<!--more--><\/p>\n<p>Es war Mitte Mai, als ich ihrem verlockenden Ruf nicht mehr widerstehen konnte. Sie steckten in einer Sch\u00fctte vor dem 1-Euro-Shop, und ich stand in meinen festen, gut ausgetretenen Lederhalbschuhen davor, stieg unschl\u00fcssig von einem Fu\u00df auf den anderen und \u00fcberlegte: Hm? Ja? Nein? Was w\u00fcrden wohl meine Mitmenschen dazu sagen? Und was meine Schuhe?<\/p>\n<p>Meine treuen Halbschuhe, die ich tagein, tagaus trage, immer mit Kellnersocken (aus dem 1-Euro-Shop nat\u00fcrlich!) in Schwarz, in Dunkelblau oder in Braun. Ganz selten auch in Bordeaux, aber da muss dann schon das Oberhemd dazu passen, sonst sieht das nach nichts aus.<\/p>\n<p>Ansonsten gilt: Lang\u00e4rmeliges Hemd, bis zu den Ellenbogen aufgerollt nat\u00fcrlich, geb\u00fcgelte Anzughose, Socken, Schuhe, winters und sommers. Die Treter habe ich von meinem Schuster in der Wollzeile, den ich in jedem Herbst, sobald er das SALE-Schild an die Auslage geklebt hat, frage: &#8222;Hast du auch spitze?&#8220; Denn spitz m\u00fcssen sie schon sein.<\/p>\n<p><strong>Nacktheit geh\u00f6rt ins Schlafzimmer<\/strong><\/p>\n<p>Noch wichtiger war aber, was meine F\u00fc\u00dfe zu dieser Verlockung sagen w\u00fcrden, und die sagten: Kaufen! Sofort! Mach endlich! Als die erste Hitzewelle des Sommers dann auch noch am zweiten Tag anhielt, schlug ich zu und bezahlte 4,99 Euro (und nicht etwa einen!) f\u00fcr ein Paar Flipflops der Billigmarke SUPA \u2013 Basisfarbe Blau, das Fu\u00dfbett grau und gerippt wegen des Massagewohlgef\u00fchls. Nach meiner Gr\u00f6\u00dfe 46 musste ich allerdings erst fragen, denn die Chinesen produzieren zwar in riesigen Mengen, aber nicht f\u00fcr Riesen. Mischa, der ukrainische Chef des 1-Euro-Lagers, brachte mir das letzte Paar von ganz weit hinten, dann rauchte er wieder eine. Dabei stand er in seinen Arbeitsschuhen und langen Cordhosen vor der T\u00fcre in der Hitze der Stadt. Ein Verwandter im Geist eigentlich, der aber meinen Flipflopkauf mit Verachtung im Blick quittierte, der Blick sagte: &#8222;Flipflops? Du?&#8220; Zusatz: &#8222;Tr\u00e4gst du dann auch bald kurze Hosen?&#8220;<\/p>\n<p>Probiert habe ich die Dinger nicht, ich verschwand so schnell wie m\u00f6glich. Mein Vertrauen in den 1-Euro-Shop ist grenzenlos. Alles, was dort aus China importiert wird, ist gro\u00dfartig. Von den Fidget-Spinnern im letzten Jahr (oder sind es zwei Jahre?) kaufte ich sofort f\u00fcnf St\u00fcck, mittlerweile gibt es zehn St\u00fcck zum Preis von einem. Ich \u00fcberlegte kurz, was wohl die Flipflops im Herbst kosten w\u00fcrden? Einen Euro?<\/p>\n<p>Was den groben M\u00e4nnerfu\u00df angeht, bin ich normalerweise recht streng: Er ist schlie\u00dflich nicht nur anatomisch ganz unten angesiedelt, sondern auch gesellschaftlich. Schon wegen seines Aussehens muss er eingesperrt werden, mit Schuhb\u00e4ndern oder Schnallen. Er hat nichts Verlockendes, nichts, das man gerne herzeigen sollte, wenn man ein Mann ist. Au\u00dferdem bin ich ein wenig g\u2019schamig: Nacktheit geh\u00f6rt ins Schlafzimmer, da hatte mein Religionslehrer, der strenge Dechant Kierner, schon recht. Er trug im Sommer Sandalen mit Socken unter seinem Ornat, ich selbst trug als Kind sogar Stutzen zu meinen &#8222;Klapperln&#8220;. Das schamhafte Betrachten von Fotos aus dieser Zeit bezeugt meine Erinnerung.<\/p>\n<p><strong>Wie Peggy Bundy vor dem Fernseher<\/strong><\/p>\n<p>Nun aber brach ich aus, legte alle Fesseln und Zw\u00e4nge ab. Wir leben schlie\u00dflich in Zeiten, in denen eh alles wurscht ist. Nach \u00fcber einem halben Jahrhundert auf dieser Erde kam auch f\u00fcr mich der Tag, an dem ich die Socken im Schrank liegen und die Schuhe neben der Wohnungst\u00fcr stehen lie\u00df. Stattdessen schl\u00fcpfte ich in meine Flipflops und trat hinaus in die Welt. In eine vollkommen neue Welt. Hinaus auf die Stra\u00dfen des 15. Bezirks, die ein hartes Pflaster sind. Meine Flipflops aber betteten meine F\u00fc\u00dfe, die noch k\u00e4sig, unschuldig und ohne Hornhaut waren, weich. Vergn\u00fcgt rieb ich die Zehen gegeneinander, als die Sonnenstrahlen meine Nasenspitze kitzelten. Sofort war ich ein gl\u00fccklicher Mensch. <em>Manspreading<\/em> in der U-Bahn mit Flipflops an den F\u00fc\u00dfen \u2013 ein Traum! Mit den Beinen \u00fcbereinandergeschlagen im Gastgarten sitzen und dabei mit den F\u00fc\u00dfen wippen wie Peggy Bundy vorm Fernseher \u2013 noch besser!<\/p>\n<p>Flipflops z\u00e4hlen zu den Zehenstegsandalen, steht im Internet. Sie werden in Deutschland mit Bindestrich geschrieben und sind dort als Marke gesch\u00fctzt. Es gibt sie seit Jahrtausenden, schon die alten \u00c4gypter sch\u00e4tzten sie, und die Japaner nennen sie Z\u00f3ri mit Strich auf dem o! Ihren Namen verdanken sie dem &#8222;onomatopoetischen&#8220; (ein Wort, das ich noch nie geh\u00f6rt habe!) Begriff, der das Ger\u00e4usch bezeichnet, das sie beim Herumlatschen machen \u2013 flip, flop.<\/p>\n<p>Fortan flipflopte ich also dahin, dass es eine Freude war. Die ganze Gegend konnte mich h\u00f6ren: Die t\u00fcrkischen M\u00e4nner in ihrem t\u00fcrkischen Caf\u00e9, die den ganzen Tag dort herumsitzen und an denen ich jeden Tag zehnmal vorbei kam, schreckten auf (und die schrecken sonst nie auf), sobald ich mich n\u00e4herte; im Billigdiscounter um die Ecke erschreckte ich die Damen beim Obst, sobald ich herbeigeklapperlt kam; auf Bahnsteigen machte man mir sofort Platz, ebenso wenn ich eine Rolltreppe hinauf eilte \u2013 flip, flop.<\/p>\n<p><strong>Nicht unter die genagelten Schuhe kommen!<\/strong><\/p>\n<p>Ich trug sie um drei Uhr fr\u00fch, als ich ins Taxi Richtung Ferienflieger stieg, aber am Flughafen war ich bei Gott nicht der Legerste. Denn nach wie vor trug ich Anzughose und Hemd zu meinen Flipflops, immer. Am besten gefiel ich mir dabei, wenn ich helle Hosen, streng geb\u00fcgelt, und ein wei\u00dfes Hemd dazu trug. Kurze Hosen bei 40 Grad? Niemals! Denn was den F\u00fc\u00dfen erlaubt ist, das ist den Beinen noch lange nicht erlaubt. Das wussten schon die alten Lateiner.<\/p>\n<p>Die griechische Hitze war meinen F\u00fc\u00dfen sofort sympathisch, die Sonne brannte sogar <em>tan lines<\/em> auf ihren Rist, sehr sch\u00f6n. Und als die Freunde mich fragten, ob ich mitgehen w\u00fcrde in die Schlucht zum Wandern, da konnte ich ehrlichen Herzens sagen: &#8222;He, seht her! Ich habe ja nicht einmal Schuhe mit!&#8220;<\/p>\n<p>Am Strand schaute ich, dass meine Flipflops ja nicht von den Hunden der Nackerten verschleppt wurden, denn ohne sie h\u00e4tte ich es nur mit schwersten Verbrennungen an den Sohlen \u00fcber die hei\u00dfen Steine zur\u00fcck ins Zimmer geschafft. W\u00e4hrend des R\u00fcckflugs streckte ich den linken, nun tadellos gebr\u00e4unten Fu\u00df in den Gang und hoffte, dass mich eine Stewardess auf ihn ansprechen w\u00fcrde. Aber wir flogen mit Ryanair, und Billigflugstewardessen haben keinen Blick f\u00fcr das Sch\u00f6ne, weil ihr Job so h\u00e4sslich ist.<\/p>\n<p>Ich beehrte mit meinen Flipflops das Lederhosenfest im l\u00e4ndlichen Kuhdorf \u2013 Tradition soll man hochhalten, aber nicht zu hoch. Wichtig war nur: Blo\u00df nicht unter die genagelten Schuhe kommen mit den Zehen, w\u00e4hrend man Polka tanzt! Ich trug sie am See, am Fluss, auf hei\u00dfem Asphalt, auf bienenbev\u00f6lkerten Wiesen und steinigen Feldern. Den ganzen Sommer \u00fcber trug ich nichts anderes mehr an den F\u00fc\u00dfen als meine geliebten Flipflops, vier herrliche, hei\u00dfe, sonnige Monate lang. Die wenigen Regenf\u00e4lle dazwischen waren ein Genuss, sie waren ein leichtes Herumrutschen auf einem d\u00fcnnen Film aus Wasser und Schmutz. Nach dem Regen war es Zeit, sie auch mal zu waschen, und \u2013 wir wollen ehrlich sein \u2013 sie hatten es n\u00f6tig. Die F\u00fc\u00dfe nat\u00fcrlich auch, aber die kamen ohnehin \u00f6fter unten den Hahn, sie lassen sich leichter waschen, wenn sie eh schon zug\u00e4nglich sind. Gegen die Hornhaut kaufte ich mir zahlreiche Raspeln und Feilen, zum Nachfetten der Haut gesch\u00e4tzte zehn Tuben Hirschtalg. Nie hatte ich sch\u00f6nere F\u00fc\u00dfe!<\/p>\n<p>Letztes Wochenende \u00fcberraschte mich dann pl\u00f6tzlich der Schnee auf den Bergen Ober\u00f6sterreichs. Ich lag frierend im Bett und dachte erstmals wieder an meine Socken samt Schuhen drum herum. Mir war klar geworden: Der Sommer geht seinem Ende entgegen, unaufhaltsam. Es war Zeit geworden f\u00fcr einen Abschied. Meine SUPA-Flipflops warf ich in den Mist. Sobald im 1-Euro-Shop Ausverkaufspreise gelten, werde ich mir neue kaufen. Der kluge Mann baut schlie\u00dflich vor, und der n\u00e4chste Sommer kommt bestimmt.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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