{"id":7863,"date":"2018-09-27T06:00:28","date_gmt":"2018-09-27T04:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=7863"},"modified":"2019-01-21T15:18:24","modified_gmt":"2019-01-21T14:18:24","slug":"christa-wolf-27-september","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2018\/09\/27\/christa-wolf-27-september\/","title":{"rendered":"Das Wetter findet immer statt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von 1960 bis zu ihrem Tod 2011 hat Christa Wolf jedes Jahr \u00fcber den 27. September geschrieben. Was f\u00fcr ein Tag, was f\u00fcr ein Werk, wenn man sich darauf einl\u00e4sst.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Wie man ein Buch liest<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>1960 fordert die Moskauer Tageszeitung <em>Iswestija<\/em> Schriftstellerinnen* auf der ganzen Welt auf, <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article4610634\/Mehr-als-nur-der-Wahltag-fuer-DDR-Literaten.html\">einen gew\u00f6hnlichen Tag in ihrem Leben zu dokumentieren<\/a>, und zwar den 27. September. Christa Wolf folgt dem Aufruf und dokumentiert auch den 27. September der Folgejahre, es wird daraus eine lebenslange Gewohnheit und daraus werden die B\u00fccher <em>Ein Tag im Jahr<\/em> und <em>Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert<\/em>. <!--more-->Ich lese die Eintr\u00e4ge der ersten Jahre mit einer leichten Ungeduld, die ich erst verstehe, als sie sich beim Eintrag von 1987 legt, dem Jahr, in dem ich auf die Welt kam: Ab hier kann ich meine eigenen Erinnerungen neben C.s Aufzeichnungen legen. Ich f\u00fchle mich ertappt, die Selbstbezogenheit meiner Lekt\u00fcre ist mir peinlich. Ich gebe das deshalb zu, weil C. es zugegeben h\u00e4tte, und weil ich grunds\u00e4tzlich glaube, dass es nicht nur gute und schlechte B\u00fccher, sondern auch gute und schlechte Leserinnen gibt, wobei sich eine gute Leserin dadurch auszeichnet, dass sie nicht nur das Buch genau liest, sondern sich auch von dem Buch lesen l\u00e4sst. Eine Auseinandersetzung mit einem St\u00fcck Literatur, sei das eine Rezension oder ein Essay, erz\u00e4hlt immer mehr \u00fcber die Rezensentin bzw. Essayistin als \u00fcber das Buch. Ich mag nur solche Auseinandersetzungen lesen, die das zugeben; sie sind leider selten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Was ich zugebe<\/li>\n<\/ol>\n<p>\u00dcberhaupt ist ein Tagebuch, das im Fall von <em>Ein Tag im Jahr<\/em>, wie eine Kommilitonin im Seminar sagte, eher als <em>Tagesbuch<\/em> bezeichnet werden muss, \u00fcberhaupt ist also ein Tage(s)buch ein einziges gro\u00dfes Zugeben, beispielsweise das hier: &#8222;Das Bed\u00fcrfnis, gekannt zu werden, auch mit seinen problematischen Z\u00fcgen, mit Irrt\u00fcmern und Fehlern, liegt aller Literatur zugrunde&#8220;. Ich gebe zu, dass ich zu C.s Beerdigung gegangen bin und bis heute nicht recht wei\u00df, weshalb. Nach dem Studium in der Schweiz, wo ich den theoretischen Teil meiner Abschlussarbeit \u00fcber C.s <em>Was bleibt<\/em> geschrieben hatte, trug ich am 1. Dezember 2011 meine sieben Sachen in eine Berliner WG. In der K\u00fcche lief das Radio und meldete zu jeder vollen Stunde den Tod von Christa Wolf. Sie wurde nur wenige hundert Meter von meiner neuen Wohnung entfernt auf dem Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof beigesetzt. Es war das erste und bislang einzige Mal, dass ich zu der Beerdigung von jemandem ging, den ich nicht pers\u00f6nlich kannte, und ich f\u00fchlte mich entsprechend fehl am Platz. F\u00fcr die Menschentraube, die nicht in die kleine Kapelle passte, waren Lautsprecher aufgestellt worden, die die Trauerreden scheppernd in die Winterluft \u00fcbertrugen. Ich wusste dort in der K\u00e4lte schon nicht, weshalb ich gekommen war, aber ich hatte eine Blume dabei und harrte aus. Die Menschenschlange, die sich hinter dem Sarg bildete, verlief in langen Umwegen \u00fcber den Friedhof. Als ich irgendwann vor dem Grab stand, war es bereits bis zum Rand mit Blumen gef\u00fcllt; ich legte meine dazu. Woran ich mich gut erinnere, ist der nur halb beschriftete Grabstein, der bis heute Platz f\u00fcr den Namen ihres Mannes l\u00e4sst. Wann immer ich daran denke, frage ich mich, ob er diese f\u00fcr ihn vorgesehene Leerstelle bedrohlich oder tr\u00f6stlich findet. Was ebenfalls Leerstellen aufweist, die ich sowohl bedrohlich als auch tr\u00f6stlich finde, sind meine Wolf-Lekt\u00fcren. Ich w\u00fcrde lieber nicht zugeben, dass ich deutlich mehr B\u00fccher von C. nicht gelesen habe (um die 40) als ich gelesen habe (ziemlich genau nur vier). C. schreibt inselhafte Befunde, ich pflege inselhafte Lekt\u00fcren. Aber nat\u00fcrlich ist jeder Zugriff auf Welt inselhaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Wenn alles sonst aus den Fugen geht<\/li>\n<\/ol>\n<p>Folgende Dinge kommen in nahezu allen Beschreibungen von C.s 27. September vor: das Lesen der Zeitung und die Nachrichten des Tages, die Vorbereitungen f\u00fcr den Geburtstag ihrer Tochter Tinka am folgenden Tag, der Stand der literarischen Arbeit und das Wetter. Absolut bemerkenswert daran ist, dass das eine nicht wichtiger erscheint als das andere, sondern die Dinge vollkommen gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Das Wetter wird mit derselben Zugewandtheit beschrieben wie eine Podiumsdiskussion vor tausend Zuschauerinnen oder ein Gespr\u00e4ch mit Manfred Stolpe und G\u00fcnter Gaus. Am 27. September 1960 ist die Sonne beispielsweise &#8222;dunstig, aber sie wirft Schatten. Sie sind lang, weil die Sonne noch tief steht&#8220;. Von der ersten Seite an nimmt mich diese Gleichberechtigung der Allt\u00e4glichkeiten f\u00fcr den Text ein. Ich mag die darin ruhende Haltung zur Welt, die um die Gleichzeitigkeit der Lebensdinge wei\u00df und sich einer skandalgeleiteten Aufmerksamkeits\u00f6konomie widersetzt. C. nennt es &#8222;das erz\u00e4hlerische Potential in beinahe jedem beliebigen Tag&#8220;.<\/p>\n<p>Und dann kommt der Eintrag des 27. September 1990, der erste nach dem Mauerfall. Auch diesen Text erwarte ich mit einer gewissen Spannung, die sich aus dem ergibt, was ich schon wei\u00df und meine Lekt\u00fcreerwartung bildet. Das sind die historischen Ereignisse, das sind C.s Rede auf dem Alexanderplatz und ihr Einsatz f\u00fcr den sogenannten Dritten Weg. Das ist ihre Konfrontation mit den ge\u00f6ffneten Stasiarchiven, mit einer dicken Opferakte und einer d\u00fcnnen T\u00e4terakte, deren Offenlegung sie und ihr Buch \u201eWas bleibt\u201c zum Zentrum des deutsch-deutschen Literaturstreits werden lie\u00df. Ich erwarte den Zusammenbruch der Gesellschaft und den Zusammenbruch der Autorin, ich lese ein Tage(s)buch und bin auf dem H\u00f6hepunkt des dazugeh\u00f6rigen Voyeurismus angekommen. Was dann zusammenbricht, ist das Schreiben, ist der Text. Was zusammenbricht, sind alle bisherigen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten. Sie schreibt, trotzdem:<\/p>\n<p>&#8222;Bin versucht, dieses Projekt abzubrechen, aus einer tiefer sitzenden Hemmung heraus als aus der gew\u00f6hnlichen Unlust. Ich sitze also seit einer halben Stunde unt\u00e4tig vor dem Blatt, auf dem ich mir Notizen machen will. [\u2026] Nat\u00fcrlich, die Rituale lassen sich immer beschreiben: aufstehen, fr\u00fchst\u00fccken, Tee trinken, in der Zeitung bl\u00e4ttern, die mich zu meiner \u00dcberraschung gar nicht interessiert, so da\u00df ich jetzt schon nicht mehr wei\u00df, was ich gelesen habe. Nur erscheinen mir diese Rituale in einer Zeit, da alles sonst &#8218;aus den Fugen&#8216; geht, als gar zu nichtssagend. Das Wetter findet immer statt, heute also bedeckt, aber noch nicht kalt.&#8220;<\/p>\n<p>Ich lese die Stelle immer wieder. Die Sache mit dem Wetter macht mich fertig. Nach 29 vollkommen selbstverst\u00e4ndlichen Wetterbeschreibungen dieser vernichtend lapidare Satz: &#8222;Das Wetter findet immer statt.&#8220; Aus dem Rahmen f\u00e4llt dieser Eintrag auch wegen der Anrede in der zweiten Person Singular an Tinka, die ihre Mutter aufgefordert hat, an die sch\u00f6nen Dinge des vergangenen Jahres zu denken. Die Mutter bem\u00fcht sich also, das Gute aufzusp\u00fcren, und richtet den Tage(s)bucheintrag an die Tochter \u2013 als w\u00fcsste sie nicht mehr, f\u00fcr wen sie noch schreibt, als w\u00e4re die briefartige Form die einzige M\u00f6glichkeit, \u00fcberhaupt etwas aufzuschreiben. Das so Notierte ist derart verzagt, dass ich es, obwohl das Buch in meiner Hand weitere Seiten hat, obwohl der Titel Berichte bis zum Jahr 2000 verspricht und ich wei\u00df, dass es einen Folgeband gibt, f\u00fcr m\u00f6glich halte, dass C. nie wieder eine Zeile schreibt. Ich klappe das Buch zu. Ich brauche eine Pause.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter stellt sich Trost ein. Am 27. September 1991 schreibt sie: &#8222;Es hat ganz leise zu regnen begonnen.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Was \u00fcbrig bleiben werde<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das Wetter darf wieder ohne Weiteres stattfinden, aber die Fragen sind damit noch lange nicht beantwortet. Beispielsweise die danach, was von 40 Jahren real existierendem Sozialismus \u00fcbrig bleiben wird:<\/p>\n<p>&#8222;Ich \u00fcberlege, inwieweit es richtig ist oder nur ein zugespitztes Bonmot, was ich vorgestern [\u2026] zu G\u00fcnter Gaus sagte, der feststellte, dass von der DDR nichts \u00fcbrig bleiben werde: Doch. Die Gauck-Akten! sagte ich und f\u00fcgte hinzu: Die bef\u00f6rdern das Vergessen, indem sie scheinbar die Erinnerung befestigen. Ein deutsches Paradoxon. \u2013 Manfred Stolpe hingegen meinte, die Literatur werde die Erinnerung wachhalten.&#8220;<\/p>\n<p>In diesem kurzen Gespr\u00e4ch zwischen Wolf, Stolpe und Gaus findet sich die ganze Diskussion um die &#8222;Erinnerungslandschaften, die heute in ihrer Gemengelage und Geltungskonkurrenz unser Bild von der DDR bestimmen&#8220;. Der Historiker und Politikwissenschaftler Martin Sabrow hat in dem Buch <em>Erinnerungsorte der DDR<\/em> ihrer drei bestimmt: Da ist zum einen das auf die T\u00e4ter-Opfer-Dualit\u00e4t fokussierte <em>Diktaturged<\/em><em>\u00e4<\/em><em>chtnis<\/em>, das den Unterdr\u00fcckungscharakter der SED-Herrschaft mit ihrem Macht- und Repressionsapparat sowie deren mutige \u00dcberwindung in der friedlichen Revolution hervorhebt. Es bildet das Zentrum des \u00f6ffentlichen Gedenkens und wenn sich der Mauerfall j\u00e4hrt oder die Spitzelt\u00e4tigkeit von Prominenten aufgedeckt wird, pocht es darauf, dass zum Verst\u00e4ndnis der DDR die Stasi wichtiger sei als die Kinderkrippe. Da ist zum anderen das <em>Fortschrittsged<\/em><em>\u00e4<\/em><em>chtnis<\/em>, das die DDR von ihren Anf\u00e4ngen her als Antwort auf den Faschismus denkt und als legitime Alternative zur kapitalistischen Gesellschaft erz\u00e4hlt. Vergleichend mit der alten BRD betont es beispielsweise die Qualit\u00e4ten des DDR-Bildungssystems, der sozialen Absicherung und die Gleichstellung der Frau. Es nimmt kaum \u00f6ffentlichen Raum ein und ist vor allem in den Netzwerken alter DDR-Eliten zu finden. Und da ist drittens das <em>Arrangementged<\/em><em>\u00e4<\/em><em>chtnis<\/em>, das Machtsph\u00e4re und Lebenswelt miteinander verbindet und sich der s\u00e4uberlichen Trennung von Biografie und Herrschaftssystem verweigert \u2013 hier erinnert der Einkaufsbeutel an den Warenmangel einerseits, an den einstigen Wert der Dinge andererseits.<\/p>\n<p>Sprung nach vorn, Blick zur\u00fcck: Dies ist die Stelle, an der mir die Datei explodiert, in der ich Notizen f\u00fcr diesen Essay sammle. Jeden Tag f\u00fcge ich etwas hinzu, einen Absatz, eine korrespondierende Textstelle, einen Gedanken, einen Einwand gegen den Gedanken, einen Einwand gegen den Einwand und so fort. Die Datei explodiert nicht pl\u00f6tzlich, sondern kontinuierlich, es ist eine ganz allm\u00e4hliche Explosion. Als ich \u00fcberhaupt nicht mehr wei\u00df, was ich eigentlich fragen oder sagen wollte, mache ich eine ganze Weile was anderes. Ich begreife, dass ich mich pl\u00f6tzlich von einem anderen Buch lesen lasse, die Besch\u00e4ftigung mit dem Tag im Jahr l\u00f6st die mit den Erinnerungsorten aus. Und mir f\u00e4llt die Frage wieder ein: Was \u00fcbrig bleiben werde von der DDR, lautete sie, und nach ein paar Wochen Nicht\u00f6ffnen der Datei wei\u00df ich: Ich habe keine Ahnung, was \u00fcbrig bleiben werde. Aber ich habe ein paar Probleme mit dem Diskurs dar\u00fcber und dazu eine Haltung.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein Ambivalenzged\u00e4chtnis<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das Problem, an dem sich mein Gehirn ganz grunds\u00e4tzlich festbei\u00dft, besteht in der Geltungskonkurrenz, mit der die Ged\u00e4chtnisse gegeneinander antreten. Meine Schwierigkeiten fangen da an, wo sowohl die \u00f6ffentlichen Debatten als auch Wolfs Dialog mit Gaus und Stolpe bez\u00fcglich des Umgangs mit den DDR-Hinterlassenschaften so tun, als k\u00f6nne es nur eine g\u00fcltige Erz\u00e4hlung einer Epoche geben. Als k\u00f6nnten nur entweder die Stasiakten oder die Literatur die Erinnerung an die DDR wachhalten. Ich bin schlicht nicht gewillt, in dieser Entweder-oder-Satzstruktur nachzudenken, nicht dar\u00fcber und \u00fcber nichts anderes.<\/p>\n<p>Mein zweites Problem besteht in dem Begriff des Arrangementged\u00e4chtnisses, der mir, je l\u00e4nger ich \u00fcber ihn nachdenke, immer unpassender erscheint: Wer arrangiert sich hier mit wem oder was? Sch\u00e4tzungsweise: der Mensch mit den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Dem Begriff wohnt ein Unterton inne, der nach Opportunismus klingt. Der Duden listet f\u00fcr Arrangement folgende Bedeutungen: \u00dcbereinkommen, Abmachung, Vereinbarung <em>\u2013<\/em> ein Wortfeld also, das auf einen Kompromiss und die Zusammenf\u00fchrung zweier Perspektiven in eine zielt. Was mir aber die potenzielle Qualit\u00e4t des Arrangementged\u00e4chtnisses zu sein scheint, ist das genaue Gegenteil, n\u00e4mlich die Gleichzeitigkeit zweier (scheinbar) kontr\u00e4rer Perspektiven, und zwar in ein und derselben Person oder in ein und demselben literarischen Text, zu akzeptieren.<\/p>\n<p>In meiner explodierten Datei geht es so weiter:<\/p>\n<ol>\n<li>Mir ist schleierhaft, weshalb sich diese Ausschlie\u00dflichkeit erzeugt.<\/li>\n<li>Ist es nicht. Erz\u00e4hlen ist Macht.<\/li>\n<li>Ich will mich aber nicht f\u00fcr ein Ged\u00e4chtnis entscheiden m\u00fcssen. Will ich nicht. Mach ich nicht.<\/li>\n<li>Ich w\u00fcnsche mir, dass eine komplexe, mehrdeutige, vielschichtige Version der Vergangenheit erz\u00e4hlbar ist. In der die Stasi und die Kinderkrippe gleicherma\u00dfen vorkommen. Deren S\u00e4tze <em>einerseits<\/em> und <em>andererseits<\/em>, <em>sowohl <\/em>und<em> als auch<\/em> kennen.<\/li>\n<li>Das ist die sprachliche Struktur der Ambivalenz.<\/li>\n<li>Hiermit taufe ich das Arrangementged\u00e4chtnis in Ambivalenzged\u00e4chtnis um. (Ha!)<\/li>\n<li>Der neue Begriff k\u00f6nnte mich mit Sabrows merkw\u00fcrdigem Satz \u00fcber das Arrangementged\u00e4chtnis und die Literatur vers\u00f6hnen. W\u00e4hrend das Diktaturged\u00e4chtnis besonders \u00f6ffentliche R\u00e4ume wie Museen, Gedenkst\u00e4tten und -feiern besetzt und das Fortschrittsged\u00e4chtnis vorrangig in den Netzwerken alter DDR-Eliten zu finden sei, so Sabrow, bev\u00f6lkere das Arrangementged\u00e4chtnis &#8222;die Arenen des literarischen Erz\u00e4hlens und der Alltagskommunikation&#8220;. Angesichts der vielf\u00e4ltigen Literatur, die die DDR zum Thema, Handlungsort oder Bezugsraum hat, ist offensichtlich, dass es sich hier um eine arg verk\u00fcrzte Darstellung handeln muss. Die Literatur ist sowieso und \u00fcberhaupt keinem Ged\u00e4chtnis verpflichtet. Und ich w\u00fcsste auch nicht, wie festzustellen w\u00e4re, wovon sie nun am h\u00e4ufigsten bev\u00f6lkert ist. Vorausgesetzt aber, wir sprechen von einem Ambivalenzged\u00e4chtnis, l\u00e4sst sich aus der literarischen Praxis heraus sagen, dass Ambivalenz der Zustand ist, den die Literaturproduktion braucht. Ambivalenz ist das Spannungsfeld, in dem ein Gegenstand erst literaturf\u00e4hig wird. Keine Literatur ohne Konflikt, oder wie C. mal sagte: &#8222;Die &#8218;H\u00f6lle&#8216; ist ein Thema, weil der &#8218;Himmel&#8216; literarisch langweilig ist, ein Thema zum G\u00e4hnen.&#8220;<\/li>\n<li>Aber, aber (meine liebste Konjunktion!): Umbenennen, zack, Problem gel\u00f6st \u2013 so einfach ist es ja leider schon wieder nicht. Denn handelt es sich tats\u00e4chlich um eine Umbenennung, ist mein Ambivalenzged\u00e4chtnis ein anderer Begriff f\u00fcr das Arrangementged\u00e4chtnis? Oder handelt es sich um eine neue Form, die sich dadurch auszuzeichnen versucht, alle drei Sabrowschen Ged\u00e4chtnisse unter einen Hut zu bekommen? Und wenn zweiteres der Fall ist, w\u00e4re das als gelebter Pluralismus zu bef\u00fcrworten, oder eher als Harmoniesucht abzulehnen? In Wahrheit m\u00fcsste hier eine interdisziplin\u00e4re Begriffsdiskussion her, f\u00fcr die ich selbst einfach nicht genug Zeit habe, weil ich beispielsweise Romane schreiben muss. Beziehungsweise will. Beziehungsweise muss und will, aber dieser Unterschied ist vollkommen egal.<\/li>\n<li>Liebe Geisteswissenschaftlerinnen, k\u00f6nnte bitte eine von euch zu dieser Begriffsdiskussion promovieren. Vielen Dank im Voraus.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aber ich m\u00f6chte zum Schluss nochmal grunds\u00e4tzlich werden. Es geht mir nur am Rande um eine Erinnerungskultur und ihre Ausw\u00fcchse, es handelt sich ja nur um ein Beispiel, im Grunde geht es mir um eine Haltung zur Welt. Ich sage, dass so gut wie jeder Gegenstand dieser Welt bei genauerer Betrachtung mindestens zwei legitime Perspektiven auf sich zul\u00e4sst. Ambivalenz ist nichts, was aufgel\u00f6st werden kann oder muss, Ambivalenz ist der Zustand der Welt, oder zumindest: mein Blick auf die Welt. Der Duden schl\u00e4gt als Synonym Spannungszustand vor, und das trifft, was ich meine. Der Duden schl\u00e4gt als Synonym auch Zerrissenheit vor, und das trifft explizit nicht, was ich meine. Es geh\u00f6rt zu meinen schwersten \u00dcbungen, die Gleichzeitigkeit widerspr\u00fcchlicher Perspektiven auszuhalten \u2013 innerhalb von mir und au\u00dferhalb von mir, wobei die innere Ambivalenz die unertr\u00e4glichste ist. Und es geh\u00f6rt zu meinen gr\u00f6\u00dften Gl\u00fccksmomenten, wenn es mir gelingt, sie eben nicht als Zerrissenheit, sondern als Spannungszustand zu behandeln und als solchen produktiv zu machen. Sch\u00e4tzungsweise ist genau deshalb die Literatur das einzige Feld, in dem ich arbeiten m\u00f6chte: Weil sie zu den wenigen Orten geh\u00f6rt, an denen aus Ambivalenz nicht nur etwas entsteht, sondern sie die Voraussetzung daf\u00fcr ist, <em>dass<\/em> etwas entsteht. Wo es \u00fcberhaupt erst losgeht, wenn einfache Antworten fehlen, wenn es schwierig wird. Ja, ich halte den Reflex, Ambivalenzen aufl\u00f6sen zu wollen, f\u00fcr einen der fatalsten menschlichen Irrt\u00fcmer. So. Aber wo war ich stehen geblieben? Und woher kommt die fahle Ahnung, dass ich diese Dinge in drei\u00dfig Jahren sehr anders sehen werde? Und was w\u00fcrde C. wohl dazu sagen?<\/p>\n<p><em>*Die Autorin dieses Textes ist eine Frau. Die Autorin, \u00fcber die geschrieben wird, ist eine Frau. Das generische Femininum ist hierf\u00fcr eine plausible Wahl. Angeh\u00f6rige anderer Geschlechter sind selbstverst\u00e4ndlich eingeladen, sich mitgemeint zu f\u00fchlen.<\/em><\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von 1960 bis zu ihrem Tod 2011 hat Christa Wolf jedes Jahr \u00fcber den 27. September geschrieben. 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