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Eckensteher Jungfernstieg

Die Frauen flanieren bis heute

 

Wie tickt Hamburg? Anja Knauer von "Mit Vergnügen Hamburg" hat sich einen Tag lang an die Ecke Jungfernstieg/Große Bleichen gestellt. Ihre Eindrücke in Text, Bild und Ton

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Rechts geht es zum Rathaus, links zum Gänsemarkt, in Blickrichtung liegt die Binnenalster, davor der Alsterpavillon und die Alsterterrassen. Es dürfte schwer fallen, eine Straßenecke zu finden, die noch zentraler in Hamburg liegt als die zwischen den Großen Bleichen und dem Jungfernstieg. Eine der größten, exklusivsten Einkaufsgassen trifft auf die wohl berühmteste Straße der Stadt. Was erlebt man, wenn man sich genau hier einen Tag lang aufhält? Wer begegnet einem?

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Es ist zehn Uhr. Mo, einer der vier Manager des Alsterpavillons steht vor seinem Restaurant. "Wissen Sie, warum der Jungfernstieg Jungfernstieg heißt?", fragt er. Und gibt die Antwort umgehend selbst: "Weil hier früher immer die Frauen flaniert sind, auf der Suche nach einem Mann zum Heiraten." Der Alsterpavillon ist 1799 als erstes gastronomisches Objekt in Deutschland gebaut worden, das steht auf einem kleinen Schild an seinen Mauern. Zweimal, im Ersten und Zweiten Weltkrieg, wurde er vollständig zerbombt, jedes Mal wurde er wieder aufgebaut.

Ein bisschen sieht der Pavillon heute aus wie ein Strandrestaurant in Miami Beach aus den Fünfzigern. Mo aber sagt, die Palmen rechts und links des Eingangs seien immer schon da gewesen, auch schon im 18. Jahrhundert. Währenddessen spaziert eine schlanke, elegante Frau mit Sonnenhut vorbei. Drei ältere Männer, die bei frisch gezapftem Bier auf der Terrasse sitzen, recken die Hälse und sehen ihr nach. "Die Frauen flanieren hier immer noch", sagt Mo und lacht. Eine Szene, die sich so ähnlich auch damals, als der Jungfernstieg zu seinem Namen kam, zugetragen haben könnte.

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An der Alster legt ein Ausflugsdampfer an. Ein Bordmitarbeiter erzählt, er sei auf dem ältesten Dampfschiff Deutschlands beschäftigt, 138 Jahre alt sei es. Er trägt ein kleines silbernes Dampfschiff als Ohrstecker in seinem linken Ohrläppchen und sagt: "1994 haben wir es selbst restauriert und auf die Alster zurückgebracht." Er sagt wir, obwohl er damals noch gar nicht dabei war: Erst 1998 habe er seine erste Fahrt mit dem Dampfer gemacht, gibt er kurz darauf zu. Und dabei sei er gleich "im übertragenen Sinne" ins kalte Wasser geworfen worden. Ein Kind hätte an Deck den Notschalter für die Brenneranlage betätigt und das Schiff sei daraufhin erst mal ausgegangen. Da sei er ganz schön ins Schwitzen geraten.

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Es ist jetzt gleich viertel vor zwölf. Zeit für die nächste Fahrt. Das Schiff tutet schon zur Abfahrt. Dampf pustet aus seinem kleinen Schornstein. Ein paar Menschen auf den Alsterterrassen setzen sich in Bewegung und steigen ein.

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Drei Jungen sitzen auf einer Bank in der Sonne. Milat kommt aus Syrien, Omar aus Palästina, Wessams Mutter ist Ukrainerin, sein Vater Syrer. Alle drei sind nach Hamburg gezogen, um Medizin zu studieren. Sie sind erst zwischen einem und zwei Jahren in Deutschland, alle drei sprechen aber fast akzentfrei Deutsch. Omar sagt, sie seien gerne hier, aber sie vermissten ihre Familien und ihre jeweilige Heimat schon sehr. Er glaube nicht, dass er jemals zurück könne, sagt Wessam. Weder nach Syrien noch in die Ukraine: "Es wird immer schlimmer, es gibt keine Lösung, weder da, noch dort." Milat findet, der Westen hätte früher in Syrien eingreifen sollen. Jetzt sei es zu spät, niemand könne mehr sagen, ob Waffenlieferungen auf der richtigen Seite landen würden oder wer überhaupt genau gegen wen kämpfe. Omar schweigt und zuckt mit den Schultern. "Hamburg ist schön", sagt er, "aber Heimat ist eben was anderes". Hier seien die Leute irgendwie kühl.

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Ein paar Meter weiter liegen drei blonde Mädchen in ähnlichem Alter wie die jungen Männer in der Sonne: Christina, Miriam und Lisa, Schülerinnen aus Düsseldorf. Gestern waren sie auf der Reeperbahn. "Aber nur bis halb zehn, nicht zur Primetime", sagt Christina schnell. Sie sprechen davon, als sei es etwas sehr Verbotenes. Miriams Eltern hätten ihnen gesagt, sie sollten auf keinen Fall auf die Reeperbahn gehen, erzählen sie. Da hätten sie dann schon ein bisschen Angst gehabt. Bis auf "ein paar komische Gestalten" sei es dann aber gar nicht so schlimm gewesen.

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Weiter unten am Wasser sitzen ein Mann mit einer Zeitung und eine Frau mit einem Buch auf einer Bank. "Nein, wir kennen uns nicht", sagt er auf Nachfrage.

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Eine braune Gans watschelt an den Lesenden vorbei, sehr selbstverständlich wirkend, ohne großen Abstand. Die Frau und der Mann blicken auf und lachen, kurz reden sie miteinander.

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Ein etwas fülliger Mann steht zwischen den Leuten, die auf den Alsterterrassen sitzen, und hält mit geschlossenen Augen sein Gesicht in die Sonne. "Leg dich hin, ich glaub ich liebe dich" — das steht auf seinem T-Shirt. Er scheint diese Worte selbst nicht ganz zu verstehen, es wirkt so, als spreche er kein Deutsch. Auf die Frage nach dem Aufdruck blickt er nur auf sein T-Shirt und hebt die Schulter.

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Kurz vor zwölf. Vom Alsterhaus gegenüber tönt leise ein Saxophon. Ein Mann in weißen Hosen und rotem Pullover spielt Something stupid von Frank Sinatra.

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Vor dem Warenhaus stehen zwei indische Taxifahrer neben ihren Autos und unterhalten sich. Virk und Singh fahren seit 12 Jahren Taxi in Hamburg. Zwischen zehn Minuten und zwei Stunden müssten sie am Jungfernstieg auf Fahrgäste warten, sagen sie. "Heute dauert es etwas länger, bei dem schönen Wetter", sagt Virk. Er sieht dabei nicht so aus, als würde ihn das wirklich stören.

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Unter die Touristen und Schaufenstergucker mischen sich plötzlich zahlreiche Männer in Anzug und Krawatte, unterwegs mit schnellem Schritt. Ein Uhr, das scheint am Jungfernstieg die Zeit für eine Mittagspause zu sein. Jörg und Oliver gehen zur Betriebskantine. Wo sie arbeiten, das wollen sie nicht verraten. "Man weiß ja nie", sagt Oliver.

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Ein silberner Mann geht vorbei und positioniert sich an der Ecke Große Bleichen. Er setzt sich auf eine silberne Kiste und stellt einen Pappbecher vor sich, der Wind verweht ihn sofort. Keiner der Passanten scheint den Mann zu bemerken. Auch Stunden später nicht, als er regungslos auf seiner Kiste steht. Der Becher bleibt leer. Der Mann in Silber bleibt stehen.

Bei Juwelier Bucherer gegenüber verharren drei Männer vor den Schaufenstern und sehen in die Auslage. Im ersten Fenster liegt eine Herrenuhr der Firma Rolex. Preis: 31.850 Euro.

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15.10 Uhr. Ein elegant gekleidetes, mittelaltes Pärchen wird von zwei Mädchen mit pink-lilafarbenen Haaren überholt: Ines und Claus sind gerade aus Bremerhaven angekommen und auf dem Weg in ein japanisches Restaurant. Für den Abend haben sie Karten für eine Ballett-Inszenierung in der Staatsoper gekauft. Dafür kämen sie häufiger nach Hamburg, erzählen sie: "Wir lieben Ballett."

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15.40 Uhr. Eine kleine Hochzeitsgesellschaft biegt in die Straße Große Bleichen. Der Bräutigam hält einen Arm um die frierende, junge Braut.

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Eine Schulklasse nähert sich der Ecke, laut singend. Die Kinder kommen gerade aus dem Klingenden Museum und erzählen, welche Musikinstrumente sie dort ausprobiert haben.

Ein junges Pärchen isst an der Ampel Eis aus Waffeln. Das würden sie immer gegenüber bei Warnecke an der Alster kaufen, sagen sie.

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Der kleine Eis-Kiosk Warnecke ist von Drahtzäunen umgeben. Auf den Alsterterrassen, zu den Füßen der Gäste, verrichten Bauarbeiter letzte Schönheitsreparaturen. Der Baustellenleiter kommt für einen Plausch an den Zaun. Die Alsterwiesen seien bis vor 400 Jahren Moorwiesen gewesen, deshalb sackten die Terrassen regelmäßig ab, erzählt er. Mit 14 Arbeitern hätten sie zwei Monate lang daran gearbeitet, diesem Prozess entgegen zu wirken, hier wieder alles begehbar zu machen. Sechs Tage die Woche, von halb sieben bis viertel nach fünf. Heute nun sei ihr letzter Tag.

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Es ist jetzt zehn vor fünf. Auf dem fertig restaurierten Teil der Alsterterrassen sonnen sich immer noch viele Menschen. Ein Mann sitzt zwischen einem Mülleimer und dem Werbeplakat eines Reiseveranstalters.

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Zwei Männer beladen am Wasser eines der Alsterschiffe mit Bierkästen.

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Auf einmal rast ein Mann mit Skibrille durch die Leute, auf einem Fahrrad voller Plastikfahnen.

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Ein kleines Mädchen im Blümchenkleid hält inne und sieht ihm mit offenem Mund hinterher. Dann lacht sie, dreht sich um und jagt weiter Tauben die Treppen hinunter.

 

 

 

4 Kommentare

  1.   Stadtreinigung Hamburg

    … und hätte die Reportage nicht um 10.00 Uhr sondern um 6.00 Uhr begonnen, hätte man auch erleben können, wie die Stadtreinigung alle Spuren des Lebens vom Vortag restlost beseitigt.


  2. scheint die Sonne und in Eimsbüttel regiert der Schmuddel. Wie ungerecht!

    Und eine Frage: Wer hat denn den Alsterpavillon im 1. WK zerbombt? (Der Wikipedia-Artikel dazu ist leider ganz schlecht.)

  3.   Gunhild Simon

    Welch romantisches Bild!
    „Ein kleines Mädchen im Blümchenkleid hält inne … Dann lacht sie, dreht sich um und jagt weiter Tauben die Treppen hinunter.“

    „Tauben sind die Ratten der Lüfte.“ So lautet die gängige Formel, die Stadttauben zu Freiwild erklären und die die Kleinen, unwidersprochen oder anstiftend, zu willigen Tierquälern macht.

    Die Steintaube, in Paul Gerhardts Sommerhymne „Geh aus, mein Herz“ das Täublein, das sich aus der Gruft schwingt, ist der Prototyp des Kulturfolgers, eines hochalerten, anpassungsfähigen Tieres, das sich heutzutage einen Lebensraum innerhalb der menschlichen Zivilisation erobert hat.

    Jeder kann derartige derartige Invasionen minimieren durch verantwortungsvollen Umgang mit Müll, Verhinderung von Brut- und Sammelplätzen. Auch eine institutionelle Überwachung ist ratsam.

    Das ist eine politische Frage.

    Die andere ist eine pädagogisch- moralische.

    Man darf nicht den Spieltrieb kleiner Kinder dazu mißbrauchen, ihn in kindlichen Sadismus umzumünzen, indem man ihn mit Lob und Gleichgültigkeit honoriert.

    Kleine Kinder mit unausgereiftem Bewußtsein sind aber keine Instanz für die Bewertung des Lebensrechts von Mitgeschöpfen.


  4. Den mehrfachen Vater und Großvater, altmodischen Ästheten und
    absolut verkopften Gymnasiallehrer im Ruhestand macht die
    einfühlsame Analyse jener blümchen-kitschigen Darstellung des
    kindlichen Sadismus arg betroffen. Hatte ich doch bisher, von
    Jean Jacques Rousseau verführt, in jener Szene frühkindliche
    Begeisterung zu erkennen gemeint angesichts der Erfahrung, wie
    sehr eigenes Handeln die Welt ringsum bewegen kann.

    Aber ich seh’s ein: Gutmenschliche Weltkenntnis und moderne
    Pädagogik zwingen dazu, auch für diese kindliche Entwicklungs-
    stufe der grausamen Natur die segensreichen Erfindungen z.B. von
    Toys“R“Us vorzuziehen. Gibt es doch dort jenes reizende Äffchen,
    das mit seinen Glöckchen und Schellen klimpert und sich tanzend
    im Kreise dreht, sobald das liebe Kind in seine kleinen Händchen
    patscht. Das vermittelt mehr unmittelbares Erfolgserlebnis, als
    der alte Rousseau und alle modernen Behavioristen von Skinner
    bis Correll samt dessen Tauben uns träumen lassen.

    Nein! Geh aus, mein Herz, und suche S. Freud. Und gräme dich
    nicht, wenn wieder einmal eine Soldatin in Bagdad Gefangene
    quält oder – Nein! Hinweg, ihr gräßlichen Bilder! Und nie wieder
    an die Tauben und den Sadismus im geblümten Kleidchen auf den
    Alsterterrassen denken! Nur immer an das tanzende Äffchen von
    Toys“R“Us. Denn DAS verkörpert die Humanität unserer und aller
    künftigen Zeiten.

    j/\a

    ps. zur Sicherheit: Vermißt da jemand irgend ein Smiley?

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