‹ Alle Einträge
STILKUNDE

Spricht für Stil

 

Das Hamburger Sie: Distanziert, versiert, verbindlich

Das Leben, zumal das Berufsleben, bringt einen mitunter in Lagen, die nicht leicht zu meistern sind – schon gar nicht mit den Werkzeugen der deutschen Sprache. Während der Amerikaner sein Gegenüber stets jovial mit Vornamen und you anspricht ("Dietmar, couldn’t you work out this contract for us?"), erstarrt der Deutsche bei der Anrede in verwirrter Gedankenkontemplation: Ich arbeite zwei Jahre länger in der Firma als mein Kollege, er ist zwei Jahre älter als ich. Darf ich ihm das Du anbieten? Muss ich warten, bis er es tut? Das Du ist zu nah, das Sie zu formal.

Wie gut, dass der Hamburger seinen eigenen, ganz hanseatischen Ausweg gefunden hat: die distanzierte Nähe, das Hamburger Sie. "Dietmar, können Sie mir bitte die Pralinenschachtel reichen?" Das "Dietmar" schafft Vertrauen, das "Sie" schützt vor peinlicher Anbiederung.

"Wann sind wir uns eigentlich das erste Mal begegnet, Peer?", eröffnete Helmut Schmidt ein Gespräch mit Peer Steinbrück, um gleich in der nächsten Frage nachzusetzen: "In welcher Abteilung des Kanzleramtes haben Sie gearbeitet?" Sympathie, aber kein Aufdrängen, das schafft nur das Hamburger Sie. Es dient als respektvoller Mittler, als Verbindung Gleichgesinnter. Und ist damit seinem Pendant, dem Münchner Du ("Frau Meier, kannst du das Putzmittel mitbringen?"), in Form und Moral weit überlegen.

ZEIT:Hamburg-Redakteur Daniel Haas hat sich mit einer anderen Hamburger Anrede beschäftigt: Digga – oder Digger?

 

3 Kommentare

  1.   Peter Halpern

    Ach, du liebe Zeit,
    das Thema ist tatsächlich ‚ewig‘:

    ‚07.02.2007 17:58 Uhr Drucken | Versenden | Kontakt
    Duzen oder Siezen?
    Die verduzte Gesellschaft
    In der großen Familie Deutschland gibt es immer wieder Bemühungen, das „Sie“ abzuschaffen, derzeit wird es in der Businesswelt ausgerottet. Eine kleine Kulturgeschichte des „Du“.
    Von Alex Rühle‘
    MfG
    Peter Halpern

  2.   Peter Halpern

    Liebe Leser, MitarbeiterInnen in der Redaktion,
    ach, du liebe Zeit,
    das Thema ist tatsächlich ‘ewig’:

    ’07.02.2007 17:58 Uhr Drucken | Versenden | Kontakt
    Duzen oder Siezen?
    Die verduzte Gesellschaft
    In der großen Familie Deutschland gibt es immer wieder Bemühungen, das „Sie“ abzuschaffen, derzeit wird es in der Businesswelt ausgerottet. Eine kleine Kulturgeschichte des „Du“.
    Von Alex Rühle’
    MfG
    Peter Halpern

  3.   Karin Gerken

    Dieses Thema wir immer mal wieder aufgewärmt. Ich lebe seit 17 Jahren in Hamburg und dabe seitdem in so einigen Firmen gearbeitet. Das so genannte Hamburger Sie habe ich in all der Zeit NIE gehört. NIE!
    Ich stelle fest, es wird schneller geduzt als früher, und der Übergang ist oft unförmlich. Derjenige, dem es zustünde, das Du anzubieten, geht meist einfach dazu über. Wenn man in einem neuen Team anfängt zu arbeiten, gibt es meist eine kurz Einweisung: Wir duzuen uns hier, ich heiße…
    Wenn jemand gesiezt werden will: bitte gerne. Es wird respektiert und nicht weiter drüber geredet. So einfach ist das heute.

    Ich bin froh, dass in dem Artikel nicht die Behauptung wieder aufgewärmt wird, duzen oder siezen hätte irgendetwas mit Respekt zu tun. Die Kulturen, die gar keine Sie/Du haben, kriegen das ja auch hin.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren