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FC St. Pauli

Heute kommt der Arzt

 

Nach Ewald Lienens Wutrede sind seine Spieler heute im Pokal gegen die Hertha aus Berlin gefragt. Wie man gegen diesen Gegner besteht, hat Florian Lechner 2005 gezeigt.

Der FC St. Pauli spielt im Pokal gegen Berlin – natürlich denkt man da an 2005. Auch damals kam es zu dieser Begegnung. Und es entstand eine Aufnahme, die zu den Ikonen der Lichtbildkunst zählt, zumindest vereinsintern. Denn die Pokalpartie gegen die Hertha aus der Hauptstadt war damals gleichzeitig der größte Auftritt eines legendären St. Paulianers: Florian Lechner. Lelle schoss in der 104. Minute den Ausgleichstreffer zum 3:3. Danach rannte er wie ein von Tausend Taranteln gestochener Wahnsinniger über den Platz und brüllte alles hinaus, was an Energie noch in ihm war.

Vielleicht brüllte er sich auch ein wenig den Frust von der Seele, den er und seine Mannschaft damals in der Meisterschaft hatten erleben müssen. Es war die Zeit in der 3. Liga. Es waren die Jahre des Grauens. Und das Pokalspiel gegen Hertha BSC war – wie die ganze Pokalserie 2005/2006, die erst im Halbfinale gegen Bayern München endete – das grandiose zwischenzeitliche Aufbäumen in einer schlimmen, schlimmen Grottensaison.

Lelle konnte nach dem Spiel "eine Woche nicht mehr richtig laufen". Sein Tor hatte er geschossen, als ihn längst Krämpfe in den Oberschenkeln und der Wade plagten. Die Leistung aber, die sein FC an diesem Abend auf dem Platz zeigte, beeindruckte das Fußball-Fachblatt 11 Freunde so sehr, dass die Redakteure die Partie in ihre Liste der 100 besten Fußballspiele aufnahmen. Auch in der Vereinsgeschichte steht das Spiel ganz oben. Mehr noch als der Coup gegen den bayerischen Weltpokalsieger im Frühjahr 2002 scheint die Erinnerung daran nachzuwirken, wie der Drittligist St. Pauli gegen den Erstligisten aus Berlin zwar fast permanent im Rückstand lag, nach 108 Minuten erstmals in Führung ging und das alte Stadion am Millerntor von den Ausflippenden auf den Rängen fast schon vor dem offiziellen Abriss in Schutt und Asche gelegt worden wäre.

DFB-Pokal, Halbfinale, FC St. Pauli - FC Bayern München am Mittwoch (12.04.2006) am Hamburger Millerntor. Florian Lechner vom FC St. Pauli und der Münchner Owen Hargreaves kämpfen um den Ball. Foto: Maurizio Gambarini dpa/lno +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Florian Lechner 2006 im Halbfinale gegen den FC Bayern München (c) dpa

Wie nachhaltig das 4:3 nach Verlängerung bis heute elektrisiert, konnte man sich im Dezember 2015 im Konzertsaal der Kneipe Knust vor Augen führen. Zum zehnjährigen Jubiläum lief das Spiel dort noch einmal in voller Länge und mit Originalkommentar. 250 Menschen saßen und standen Schulter an Schulter da. Sie verzweifelten, sie sprangen auf, sie fieberten mit, verzweifelten erneut und lagen sich am Ende in den Armen. Jeder kannte zwar das Resultat im Voraus. Aber jeder wollte es noch einmal authentisch erleben: diesen einen ultimativen Kick, jene besten Minuten der Vereinsgeschichte, als der mittlere Blutdruck des Kiezfans in lebensgefährlicher Höhe bei 240/180 lag.

Heute spielt der FC in der 2. Liga und steht auf dem letzten Tabellenplatz. Gestern hat Trainer Ewald Lienen auf einer Pressekonferenz der Mannschaft den Tarif nicht nur für heute Abend erklärt, sondern auch für den Rest der Saison: "Was wir erwarten müssen, ist, dass jeder, der auf den Platz läuft, alles in ein Spiel hineinwirft, kämpft, bis der Arzt kommt. Die Mannschaft muss ums Überleben kämpfen. Das war zuletzt nicht der Fall."

Gegen Sandhausen am vergangenen Samstag hat es jedem Fan die Sprache verschlagen. Sogar im Kreis unserer Auswärtsfans kehrte in der zweiten Halbzeit ungewöhnliche Ruhe ein: so desolat war die Leistung auf dem Platz.

Nach diesem absoluten Tiefpunkt erklärt die Mopo Ewald Lienens gestrige Ansage zur "Vertrauensfrage". Die Profis müssen mitziehen. Ihr Trainer hat heute gegen die Hertha nämlich etwas vor. Und wir möchten morgen so ein Bild wie das von Lelle Lechner in der Zeitung sehen: Ein St. Paulianer, schmutzig von der Stulle bis in die Haartracht, brüllt seine Freude hinaus. Ein solches Bild gegen den Frust, das hätte was. Der Aufbaugegner Hertha – er kann kommen.

2 Kommentare

  1. Avatar  Pier Brise

    120 Minuten mauern und vorher 11m-Schießen üben :-)

  2. Avatar  Franz Wirtz

    Ich hoffe, ich irre mich …

    aber so eine Wutrede hat immer auch etwas von einer Abschiedsrede.

 

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