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Essohäuser

Planung von unten

 

Aktivisten und Anwohner auf St. Pauli wollen für eine verträgliche Entwicklung des Essohäuser-Areals kämpfen.  Am Donnerstag haben sie ihren Planungsprozess vorgestellt.

Die Botschaft geht an die Bayrische Hausbau: „Man kann sich ja auch mal mit einem richtig tollen, neuartigen und sozial abgefederten Projekt ins  Gespräch bringen, mit dem man dann eben nicht so viel verdient“ , erklärt Christoph Schäfer am Donnerstag mittag vor der Bauzaun der Essohäuser an der Reeperbahn, deren Abriss besiegelt ist.  Der Künstler und Aktivist auf St. Pauli spricht als Vertreter der mit rund 400 Menschen vollbesetzten St. Pauli-Stadtteilversammlung, die im Januar die Forderung der Essohäuser-Mieter nach einem Rückkehrrecht und nach hundert Prozent sozialem Wohnungsbau auf dem Areal um die ehemalige Kulttankstelle unterstützte. Es müsse einen „von unten organisierten, demokratischen Planungsprozess“ geben, forderten die Kiezbürger damals. Schäfer steht nun hier, um der Bezirkspolitik und den Eigentümern zu erklären, wie dieser Prozess abzulaufen hat.

spielbude
Skizze des provisorischen Baus

Lustig: Üblicherweise rufen Politiker und Investoren Runde Tische zur Bürgerbeteiligung aus, um mögliche Widerstände gegen ein bereits geplantes Projekt abzufangen. Auf St. Pauli soll es mal umgekehrt laufen: Erst wenn die Bewohner des Stadtteils diskutiert und geplant haben, dürfen die Eigentümer des Areals mitreden. Zwei Planungsworkshops lang sollen die Nachbarn und die ehemaligen Bewohner der Sechziger-Jahre-Wohnblöcke erst mal unter sich debattieren und via Fragebögen und öffentlich aufgestellter Planbude recherchieren, was der Stadtteil und seine Insassen brauchen. Frühestens im Oktober 2014 soll es einen runden Tisch geben, zu dem auch die Bayrische Hausbau geladen ist. Der Immobilienkonzern hat das Areal 2009 erworben. Man munkelt im Stadtteil, der Preis habe bei happigen 18 Millionen Euro gelegen. Zu viel Geld, um einem entschleunigten Planungsprozess von unten entspannt beizuwohnen. In München hat man denn auch nichts von den Plänen der St. Pauli-Aktivisten mitbekommen: „Wir wussten davon nichts“, erklärte Hausbau-Sprecher Bernard Taubenberger auf Anfrage von ZEIT ONLINE.

Um klarzugstellen, worum es geht, haben die Sprecherinnen und Sprecher der Initiative Essohäuser eine hölzerne Leiter der Bürgerbeteiligung aufgestellt. Auf der untersten Stufe ist „Manipulation“ und auf der obersten „Einwohner steuern selbst“ geschrieben. Neben der Leiter steht eine ehemalige Essohäuser-Mieterin namens Moni und macht aus ihrem Herzen keine Mördergruppe: Dieses Grundstück dürfe nicht dafür da sein, dass „ein paar reiche Daddys ihre Kinder unterbringen“, auch für „Otto Normalverbraucher“ müsste geplant werden. Und vor allem für die vertriebenen Gewerbetreibenen wie den Wirt Zlatko müsse schnell was geschehen. „Da ist doch ein Familienbetrieb einfach in Arsch gegangen!“, schimpft Moni. Zlatko Batjareviç, Ex-Betreiber des Planet Pauli in den Essohäusern, nickt mit ernstem Blick. Seine Kneipe und sein Club im ersten Stock der Ladenzeile sind im Dezember ebenfalls zwangsgeräumt worden – 14 Mitarbeitern musste er fristlos kündigen.

Der Architekt Volker Katthagen, Dozent an der Hafencity Universität, präsentiert eine Skizze eines provisorischen Baus, der auf dem Spielbudenplatz errichtet werden soll: Neben der Planbude Essohäuser, in der die Kiezianer ihre Ideen und Wünschen debattieren und ausformen, soll es ein Ausweichquartier für das Planet Pauli geben. „So eine Großbaustelle über Jahre hinweg lässt nämlich leicht in Vergessenheit geraten, was für ein Ort dort eigentlich war und was dort alles stattgefunden hat“, argumentiert Christoph Schäfer, der als Mitinitiator des Park-Fiction-Projektes am benachbarten Pinnasberg reichlich Erfahrung in Sachen Planung von unten hat. „Und irgendwann landet dort einfach ein Neubau-Ufo.“

Das soll hier am Spielbudenplatz nicht passieren. „Komplexe Probleme erfordern komplexe Lösungen“, räsonniert Architekt Katthagen und verspricht, dass es bei den Planungsworkshops „richtig zur Sache“ gehen werde. Ob das alles mit dem zuständigen Bezirkamtsleiter Andy Grote abgestimmt sei, der erst vor Kurzem eine Bürgerbeteiligung bei der Neugestaltung des Areals zugesagt hatte?

„Sagen wir mal so – bei dem Planungseröffnungsfest im Mai wird Grote dabei sein“, erklärt Schäfer. „Und wenn es dann nicht weitergeht, werden wir Mittel und Wege finden, die Sache voranzutreiben.“ Eines ist sicher: Das prominente Kiez-Areal am Spielbudenplatz wird auch nach dem Abriss der Essohäuser eine der am meisten umkämpften Ecken der Stadt bleiben. „Einmischen hat auf St. Pauli eine lange Tradition“, sagt Tina Röthig von der Initiative Essohäuser.

9 Kommentare


  1. Wieso kann man denn einzelne Artikel nicht liken? Oder übersehe ich etwas?

    Davon abgesehen freut es mich, dass sich da so viel tut zur Zeit.


  2. Hallo,

    ich wollte diesen Artikel gerade auf Facebook empfehlen. Bin ich zu doof, ihn zu finden – oder gibt es keinen Button für Empfehlungen auf sozialen Netzwerken?

    Mit freundlichen Grüßen

  3. Avatar  madmatch

    …hmmm… !!?!

  4. Avatar  Michael Hein

    Kopieren Sie doch gern den Link und setzen ihn dann einfach in das Statusfenster von FB. Enter und fertig. Viel Erfolg!

  5. Avatar  Claudia Meier

    Planung von unten? Dann bezahlt auch. Erstaunlich, wie selbstverständlich über fremdes Eigentum verfügt werden soll.

  6. Avatar  Stadtplaner

    „Frühestens im Oktober 2014 soll es einen runden Tisch geben, zu dem auch die Bayrische Hausbau geladen ist.“

    Das ist ja sehr großzügig, dass die Eigentümer am Ende auch angehört werden sollen. Das „Investorenmodell“ der Aktivisten ist ja auch zu reizvoll: Planung „von unten“, Finanzierung „von oben“, für Rendite ist dazwischen leider kein Raum. Fragt sich nur, wer unter solchen Bedingungen künftig überhaupt noch zu Investitionen bereit sein soll. Zumal der Hamburger Senat ja traditionell gern Forderungen nachkommt, die von lauten Randgruppen aggressiv vorgetragen werden – von der Hafenstraße bis zur roten Flora.


  7. Ich finde die Mitwirkung von lokalen Personen bei der Frage, was zukünftig mit dem Ort geschehen soll, sehr positiv.

    Es ist seit langem einfach der Fall, dass oft ohne jegliche Einbindung von Bewohnern eines Stadtteils über dessen Entwicklung entschieden wird – zumindest dann, wenn es um finanziell interessante Dinge geht. In den seltensten Fällen wohnen die Entscheider allerdings auch nur in der Nähe des Ortes. Stattdessen kaufen sie sich lediglich ein Gebäude und/oder Grundstück und bauen, dreimal darf man raten:

    Für gewöhnlich ,,Luxusimmobilien¨ oder ,,Gewerbeflächen¨.

    Was Hamburg allerdings mit Sicherheit nicht braucht, sind noch mehr Luxusimmobilien, noch mehr teure Gewerbeflächen. Tatsache ist vielmehr, dass aktuell beispielsweise schon zahlreiche Bürogebäude leer stehen.

    Was Hamburg braucht, ist weniger Luxus, weniger Elite.

    Und wieder mehr Seele, mehr hanseatischen Charme, mehr bezahlbaren Wohnraum.

    Hamburgs Ruf und Hamburgs Charme basierten niemals darauf, eine sterile, kalte Fassade aus Glas und Beton und nur noch Luxusimmobilien zu besitzen, sondern aus der bunten Mischung aller sozialen Schichten und Nationalitäten und ebenso etwas Abgerissenheit und Schmuddel.

  8. Avatar  jens

    Ok, vielleicht etwas off-topic, aber: Am 14.12.13 haben die Wände der Essohäuser angeblich sooo stark gewackelt, dass alle Bewohner in einer Nacht-und-Nebel-Aktion evakuiert werden mussten.

    Nun sind die angeblich akut einsturzgefährdeten Häuser mit einem Bauzaun ‚gesichert‘, der gefühlte 3 Meter vor den Fassaden steht. Müssten im Sinne der Verkehrssicherheit die Dinger nicht schnellstmöglich abgerissen werden?

    Oder, anders gefragt: Solange die Bayrische Hausbau auf Zeit spielt, können wir bitte die Harley Days, den Schlagermove , den ESC auf der Reeperbahn verbieten, bzw. Dezibelgrenzen einführen? Das ist doch gefährlich! Denkt denn keiner an die Kinder?

  9. Avatar  Besserer Stadtplaner

    @stadtplaner: Die Häuser wurden über Jahrzehnte von den Mietern, den Clubbetreibern und Besuchern der Lokale finanziert, abbezahlt und mehrfach verzinst – nicht von den derzeitigen Besitzern. Wenn denen der Bebauungsplan nicht schmeckt, können die sich ja woanders verwirklichen.

 

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