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Reeperbahn

Fünf Tage König

 

Wie tickt Hamburg? Um das herauszubekommen, hat sich Kathrin Weßling von "Mit Vergnügen Hamburg" einen Tag lang an die Ecke Reeperbahn  / Talstraße gestellt und ihre Eindrücke in Text und Ton festgehalten. Die Bilder dazu schoss Yelda Yilmaz.

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Die Straßen und Plätze rund um den Penny-Supermarkt auf der Reeperbahn sind die Orte, an denen sie alle aufeinandertreffen: die Nachhausekommer und die Immer-noch-Betrunkenen, die Kiezbewohner und die Touristen, die Müden und die, die noch einmal eben schnell etwas besorgen wollen. Wenn man so will, dann ist der Penny eines der interessantesten Labore zur Erforschung des Großstädters und all seinen Gesichtern und Geschichten.

In der Silbersackstraße läuft Musik. Die kommt aus einem Kiosk, der neben der berühmten Kiezbäckerei liegt.

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Und einer ist immer dort: Dieter. Dieter sitzt dort, trinkt dort ("Nur Wasser, junge Dame!") und besitzt 120 Paar sehr interessante Schuhe.

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Das mit den Schuhen erzählt Bernd, er kennt Dieter schon sehr lange. Früher haben sie zusammen in der Alimaus am Nobistor gearbeitet. Dort gibt es auch heute noch Frühstück, Mittagessen und Abendbrot für jene, die es sich woanders nicht mehr leisten können.

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Der Kiezbäcker ist auch so ein Treffpunkt. Freundliche Verkäuferinnen schenken Kaffee aus und natürlich gibt es Erdbeertorte und belegte Brötchen. Warum sie hier gerne arbeite, fragen wir eine der Damen. Und sie antwortet, was alle an diesem Tag auf die eine oder andere Weise antworten werden: "Weil hier alle noch so menschlich sind."

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In der Talstraße, die gegenüber der Silbersackstraße liegt, schleppt Melanie gerade Kisten vor den Getränkemarkt ihrer Eltern. Der ist schon seit 17 Jahren dort ansässig. Melanie hilft mit, wenn sie sich nicht gerade um ihren beiden Kinder kümmert, die um diese Zeit aber noch in der Schule sind.

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Um 13:30 Uhr haben sich die ersten Gruppen vor dem Penny versammelt. Fast immer dort: Norbert, Ilona und die anderen. Ilona sagt: "Wir treffen uns hier jeden Tag. Einige sind schon morgens hier, aber ich komme meistens immer erst nachmittags." Sie alle haben Wohnungen in der Nähe. Auch Norbert.

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Norbert (l.) ist Marktschreier, erzählt er. Jeden Sonntag stehe er auf dem Fischmarkt und helfe Ali, dem der Stand gehört, Obst und Gemüse zu verkaufen.

Vor ein paar Wochen sei ihnen der Anhänger abgeschleppt worden. Zum Glück habe der aber kein Hamburger Kennzeichen, deshalb sei die Strafe nicht ganz so hoch gewesen.

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Auch Satan ist täglich hier in der Ecke. "Seit acht Jahren" sagt er. "Vielleicht aber auch seit 20." Dann fällt sein Blick auf die Schale mit Kleingeld. Er nimmt sie, kippt sie aus und fragt: "Kannst du dich damit zudecken? Nein, kannst du nicht. Das, was wichtig ist, befindet sich hier." Er zeigt auf seinen Brustkorb. "Die Seele", sagt er. "Die ist hier wichtig."

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Seine Freundin streichelt ihm über die Wange und lächelt.

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An der Ecke Talstraße / Reeperbahn sitzen Bonnie (l.) und Clyde (r.).

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Bonnie lebt schon sehr lange in der Gegend, Clyde besucht sie gerade auf einen Kaffee. "Ich komme gerade von einem Festival", sagt sie und lacht. Und das Foto bitte nur mit Sonnenbrille!
Seit der Penny auf dem Schulterblatt geschlossen hat, kommt Bonnie oft hierher, um beim Penny auf der Reeperbahn einzukaufen.

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An der gleichen Ecke stehen auch Thilo und Birgit. Eigentlich kommen sie aus Berlin, aber sie mögen den Kiez und die Musicals. Heute wollten sie nur einmal schauen, wie sich die Reeperbahn seit ihrem letzten Besuch vor 6 Jahren verändert hat.

Einer, der hier immer steht, ist Okan. Er hat bis vor zwei Jahren in der Esso-Tankstelle gearbeitet und sich dann entschieden, Taxifahrer zu werden. Er ist hier aufgewachsen, er wohnt und arbeitet hier. Deshalb kann er auch die erstaunlichsten Dinge über den Kiez erzählen.

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Zum Beispiel von den "5-Tage-Königen". So nennen die Taxi-Fahrer jene, die in den ersten fünf Tagen des Monats ihr ganzes Geld ausgeben. Besonders beliebt bei den Königen sind Taxifahrten zu einem Ziel, das gerade mal eine Straße weiter liegt.  Fünf Minuten Luxus, sich fünf Minuten wie ein König fühlen. Okan schüttelt den Kopf und lacht. Dann muss er schnell los, weil in genau jenem Moment einer der Könige in das Taxi steigt. Es ist Norbert, der – man ahnt es schon – ein paar Straßen weiter gefahren werden will.

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"Frühshoppen für Deutschland!" ruft Marko. Er hat gestern Abend das WM-Spiel Deutschland gegen Frankreich gesehen und ist nicht mehr nach Hause gefahren, sondern bei seinem Freund geblieben, der in der Talstraße wohnt. Und weil er heute frei hat, "unterstützt" er die deutsche Nationalmannschaft mit Bier und guter Laune.

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An der Ecke Talstraße steht Sebastian (l.) und telefoniert. Als er das Gespräch beendet, geht er zu seinen Freunden zurück, die schon auf ihn warten. Biggi (m.) zieht nach St. Pauli. Und zwar in die Wohnung von Sebastian, der zu seiner Freundin nach Innsbruck geht. Ihr gemeinsamer Freund André lebt schon sieben Jahre in Hamburg.

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Tina und Jörg erzählen, dass sie öfter hier sind. Denn sie leben eigentlich in Lübeck – also quasi um die Ecke. Sie mögen den Kiez und sind auf der Suche nach dem Erotikmuseum. Das ist in der Nähe der U-Bahnstation St. Pauli.

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Es ist Mittag geworden auf dem Kiez. Gruppen verschwinden und neue tauchen auf. Mal gibt es Streit, mal liegt man sich in den Armen und lacht.

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Als wir uns einen Kaffee in der Nähe der Davidwache holen, eilt ein junger Mann auf uns zu und fragt, ob wir die seien, die gerade den Taxifahrer Okan  fotografiert hätten. "Ich soll euch ausrichten, dass ihr nochmal wiederkommen sollt, damit ihr in Ruhe noch ein gutes Foto machen könnt." Als wir wenig später wieder bei Okan sind, lacht er und sagt: "Auf dem Kiez kennt eben jeder jeden."

Und während so viele die Reeperbahn nur in der Nacht kennen, mit all ihrem Geschrei, mit den bunten Lichtern und den Sex-Shops, ist diese Straße am Tag für viele ein Zuhause. Mal traurig und mal anstrengend, mal gefährlich und mal schön.

3 Kommentare

  1.   Barbara Schück

    Vielen Dank für diesen herzwarmen, liebevoll zwinkernden Artikel, der vollkommen ohne Augenwischerei den Kiez und einen Teil seiner Gäste umarmt!
    Und so sehnsüchtigen Südlichtern einen Besuch ermöglicht. :-)


  2. … daß der Kiez die Menschen schneller altern lässt ?
    Ich weiss ja nicht, ob das die Absicht des Fotografen war, aber für mich sehen die Leute ziemlich fertig aus ! Und garantiert würde ich nicht von Köln nach Hamburg fahren, um mir das anzuschauen, also echt…ich weiss nicht so recht !

  3.   kaffka

    die deutsche Realität einfach mal an einem Punkt zu beleuchten und mir kleinen Soundproben spicken, schöne Idee, die man ausbauen könnte…ein Dorf, ein Villenviertel, eine Satellitenstadt…

 

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