{"id":1082,"date":"2014-06-02T13:20:41","date_gmt":"2014-06-02T11:20:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=1082"},"modified":"2014-06-03T13:54:15","modified_gmt":"2014-06-03T11:54:15","slug":"rockgegniedel-und-klassiker-fuer-ex-hippies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/rockgegniedel-und-klassiker-fuer-ex-hippies\/","title":{"rendered":"Rockgegniedel und Klassiker f\u00fcr Ex-Hippies"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Foto von Creedence Clearwater Revival hat unseren Autor 1975 elektrisiert und f\u00fcr das Leben gepr\u00e4gt. Nun hat er John Fogerty im Stadtpark geh\u00f6rt und gesehen.<\/em><\/p>\n<p>Es war 1975, in Ulrikes Jugendzimmer: Neben Simon &amp; Garfunkel, Nazareth und Gilbert O\u2019Sullivan stand bei ihr eine mir unbekannte Langspielplatte, ihr \u00e4lterer Bruder hatte sie Ulrike \u00fcberlassen. &#8222;Pagan baby! Come on home with me!&#8220;, br\u00fcllte darauf ein wildgewordener S\u00e4nger mit Nebelkr\u00e4henstimme zu betont rauem und simpel gehaltenem Midtempo-Rock. Gitarre, Bass, Schlagzeug. <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=6ZzDqCyU98E\"><em>Pendulum<\/em> hie\u00df das Album, Creedence Clearwater Revival die Band.<\/a> Alle vier Bandmitglieder waren abgebildet, aber es wurden keine Instrumente genannt. Wer war der S\u00e4nger? Ich entschied mich f\u00fcr Doug Clifford \u2013 er hatte den auff\u00e4lligsten Vollbart.<!--more--><\/p>\n<p>Die Platte war noch am selben Tag in meinen Besitz \u00fcbergegangen, Ulrike fand sie nicht weiter interessant. <em>Pendulum<\/em> lief fortan im Dauereinsatz: <em>Have You Ever Seen The Rain<\/em> und <em>Hey Tonight<\/em>, das wunderbar orgellastige\u00a0 <em>It\u2019s Just A Thought<\/em>, und <em>Rude Awakening #2<\/em>, die bedeutungsschwere Psychedelic-Nummer am Ende der Platte. Stunde um Stunde betrachtete ich in meinem Hoisb\u00fctteler Wohnblockzimmer die H\u00fclle. Das colorierte Bandportr\u00e4t der Vorderseite: Der S\u00e4nger war in Wahrheit John Fogerty, der einzig Bartlose, daf\u00fcr mit dicker rotblonder M\u00e4hne, Karohemd und Cowboy-Halstuch. Die angekokelte Wellblechscheune auf der R\u00fcckseite: Was wollten sie in diesem heruntergekommenen Geb\u00e4ude? R\u00e4tselhaft!<\/p>\n<p>Am bedeutsamsten aber war das ber\u00fchmte Schwarzwei\u00dfbild des <em>Rolling Stone<\/em>-Hausfotografen Baron Wolman in der Mitte des Aufklappcovers: <a href=\"http:\/\/www.fotobaron.com\/print\/70052-27a\/\">John Fogerty 1970 auf der B\u00fchne des Oakland Coliseums, von hinten in die begeisterte Menge fotografiert.<\/a> Fogerty gr\u00fc\u00dft, auf dem H\u00f6hepunkt seines Ruhms, mit umgeh\u00e4ngter E-Gitarre ins Publikum. Hunderte Gesichter sind zu erkennen. M\u00e4dchen am B\u00fchnenrand versuchen, seine Stiefel zu ber\u00fchren, andere himmeln ihn mit offenem Mund an. Ein Zuschauer in der ersten Reihe wirkt stark bekifft, er kann die Augen kaum offen halten. Drei blonde Hippie-Girls, eins mit Stirnband, bilden eine bl\u00fctenf\u00f6rmige Jubeltraube, einen Meter \u00fcber den K\u00f6pfen der anderen. Springen sie gleichzeitig hoch? Sitzen sie auf M\u00e4nnerschultern? Wohin blicken die Frau mit dem Pelzkragen und der Schwarze mit der Nickelbrille? Irgendetwas scheint vor der B\u00fchne durch die Luft zu segeln. Ein Drumstick?<\/p>\n<p>Die ganze Atmosph\u00e4re ist elektrisierend, verhei\u00dfungsvoll, positiv und fremdartig zugleich, sie scheint alles auszudr\u00fccken, was Rockmusik damals bedeutete. Oder mindestens all das, was ich mir als 13-J\u00e4hriger vage darunter vorstellen konnte. Auf so eine B\u00fchne wollte ich jedenfalls auch.<\/p>\n<p>Als John Fogerty und seine f\u00fcnfk\u00f6pfige Band Freitag gegen halb acht auf der Hamburger Stadtparkb\u00fchne einst\u00f6pseln, ist herrlichste Abendsonne. Bei <em>Who\u2019ll Stop The Rain<\/em> erz\u00e4hlt Fogerty, dass er den Song in den Tagen nach dem Woodstock-Auftritt seiner Band schrieb \u2013 der als wertkonservativ bekannte Musiker \u00e4u\u00dferte sich stets abf\u00e4llig \u00fcber das Festival \u2013 und dass das Publikum damals nicht halb so attraktiv ausgesehen habe wie hier und heute in &#8222;Hamburg, Germany&#8220;. Ach nein, ja? In Wirklichkeit steht in gro\u00dfen Teilen dieselbe Generation vor ihm, gutb\u00fcrgerliche und leicht aus der Form geratene Ex-Hippies mit grauem und\/oder lichtem Haar, nicht wenige stecken in praktischen Softshell-Allzweckjacken von The North Face &amp; Co. \u2013 falls es vielleicht doch noch tr\u00f6pfelt\u2026 Fogerty selbst ohne Karos, daf\u00fcr ganz in schwarzblauem Denim, gar nicht \u00fcbel!<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist das Haupthaar jetzt kastanienbraun nachgedunkelt, die imposante Zahnl\u00fccke von fr\u00fcher ist auch verschwunden. Etwas peinlich? N\u00f6: John Cameron Fogerty ist zwei Tage zuvor 69 Jahre alt geworden, ein bisschen spleenig darf er ja wohl sein. &#8222;Happy birthday, lieber Jo-hon!&#8220; wird im Publikum angestimmt, Fogerty erfreuts in Ma\u00dfen, es folgt <em>Lookin\u2019 Out My Back Door<\/em>. Soweit, so erwartungsgem\u00e4\u00df, und es m\u00fcssten noch ungef\u00e4hr 15 Superhits folgen. Am Ende sollten nur <em>Suzy Q<\/em>., <em>Run Through The Jungle<\/em> und <em>Sweet Hitch-Hiker<\/em> fehlen. Doch soweit war es noch nicht.<\/p>\n<p><strong>Mit dem Organisten kommt die Wende<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Fogerty wandert etwas h\u00fcftsteif \u00fcber die gro\u00dfe B\u00fchne, ist allerdings erstaunlich gut bei Stimme und l\u00e4sst seine Gitarrenkollektion \u2013 nach fast jedem St\u00fcck wird ein gestimmtes Instrument gereicht \u2013 ordentlich jaulen. Mit blondem Familienwuschelkopf ist Sohn Shane Fogerty (23) der Rhythmusgitarrist. Er vertraut seiner schicken Rickenbacker-Gitarre dagegen fast nonstop. Es ist in etwa das Modell, das sein Vater fr\u00fcher h\u00e4ufig spielte. Es gibt noch einen dritten (!) Gitarristen, Devon Pangle, aber der wird nicht wirklich gebraucht.<\/p>\n<p>An Schlagzeuger Kenny Aronoff, lange Zeit bei John Mellencamp, scheiden sich in Fogerty-Fankreisen seit Jahren die Geister. Die einen \u2013 auch Fogerty selbst \u2013 halten ihn f\u00fcr einen der besten Rockdrummer der Welt. Anderen ist er zu unentspannt und \u00fcberpr\u00e4zise, neun von zehn seiner Powerwirbel brauche man bei den einfachen CCR-Liedern gar nicht. Doug Clifford, der Vollbarttr\u00e4ger, habe damals bisweilen zwar ganz sch\u00f6n geeiert, aber irgendwie auch genau das Richtige gespielt. Optisch wirkt Aronoff allemal wie ein Fremdk\u00f6rper: Mit schwarzem Muskel-Shirt, kahlrasiertem Sch\u00e4del und Hyper-Hyper-Sonnenbrille w\u00e4hnt man ihn eher als Musiker bei den Techno-Veteranen Underworld, wahlweise Right Said Fred. Seit 17 Jahren h\u00e4lt Fogerty schon an ihm fest, das muss man dann wohl akzeptieren. Oder man postiert sich so, dass man ihn nicht sieht.<\/p>\n<p>Die Angst vor dem neuen Bassisten, fr\u00fcher bei David Lee Roth und der Trash-Metal Band Megadeath (!), erweist sich indes als unbegr\u00fcndet: Der langhaarige James LoMenzo bleibt cool und spielt zweckdienlich. Nur beim Solo in <em>Keep On Chooglin<\/em> l\u00e4sst er es amtlich brettern. Auff\u00e4llig gut und heimlicher Star der Tourband ist Bob Malone. Der 48-j\u00e4hrige Keyboarder aus Los Angeles ver\u00f6ffentlicht auch eigene Platten, hat ein elektrisches Fender-Rhodes-Piano und eine imposante alte Hammond B3-Orgel aufgebaut.<\/p>\n<p>Mit ihm kommt auch die Wende in einem bis dahin von reichlich uninteressantem Rockgegniedel gepr\u00e4gten Auftritt, dessen H\u00f6hepunkt die uns\u00e4gliche Verhunzung des wunderbaren <em>Lodi<\/em> als CCR-Coverband-Hardrockversion ist \u2013 zum Davonlaufen! Doch nach der federnden Acht-Minuten-Version des Motown-Klassikers <em>I Heard It Through the Grapevine<\/em> mit einem sch\u00f6nen Pianoeinsatz Malones wird alles besser, vers\u00f6hnt sogleich und versetzt in anstiftende Foxtrott-Laune. Es folgen neun <em>stone cold classics<\/em> von CCR, der Rock\u2019n\u2019Roll-Gassenhauer <em>New Orleans<\/em> von Gary U.S. Bonds und Fogertys Solohit <em>The Old Man Down The Road<\/em> von 1985. <em>Have You Ever Seen The Rain<\/em> und <em>Down On The Corner<\/em> (komplett mit Kuhglocke im Intro!) werden inbr\u00fcnstig mitgesungen, teilweise in neuen Tonarten und lustigem Fantasie-Englisch. Die Zugaben enden mit <em>Proud Mary<\/em>: <em>Big wheel, keep on turnin<\/em>\u2019\u2026. Herrlich, dann doch spitze! Dank Wei\u00dfwein auch. Freitagabend, Entschuldigung?<\/p>\n<p>Das Wolman-Foto prangt am Merchandising-Stand Richtung Ausgang auf teuren Kapuzenjacken, auch aber auf einem bezahlbaren Gitarrenplektrum. Ach so, und Fogerty eigentlich mit einem o wie bei \u201esnow\u201c, nicht wie in \u201eNogger\u201c. Das musste ich aber auch erst mal lernen, und mache es eigentlich trotzdem immer falsch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Foto von Creedence Clearwater Revival hat unseren Autor 1975 elektrisiert und f\u00fcr das Leben gepr\u00e4gt. Nun hat er John Fogerty im Stadtpark geh\u00f6rt und gesehen. 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