{"id":1850,"date":"2014-08-15T11:09:07","date_gmt":"2014-08-15T09:09:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=1850"},"modified":"2014-08-15T12:49:41","modified_gmt":"2014-08-15T10:49:41","slug":"mein-nachbar-das-dockville","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/mein-nachbar-das-dockville\/","title":{"rendered":"Mein Nachbar, das Festival"},"content":{"rendered":"<p><em>Das MS Dockville ist zu einem \u00fcberregionalen Gro\u00dfevent geworden \u2013 25.000 Besucher kommen dieses Jahr nach Wilhelmsburg. Was bedeutet das Musikfestival f\u00fcr den Stadtteil? Annabel Trautwein von <a href=\"http:\/\/www.wilhelmsburgonline.de\" target=\"_blank\">WilhelmsburgOnline.de<\/a> hat sich umgeh\u00f6rt.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Gibt&#8217;s noch Tickets f\u00fcrs Dockville?&#8220; Sanja Buljan, Inhaberin des Reiseb\u00fcros Smarttravelling wirft einen Blick auf den jungen Mann vor ihr. Er tr\u00e4gt eine Baseball-Kappe und eine schwere Halskette. &#8222;Ja, Freitag und Sonntag&#8220;, sagt sie und legt ihre Zigarette in den Aschenbecher. &#8222;Du bist Anwohner, ne?&#8220; Sanja Buljans Reiseb\u00fcro ist die Anlaufstelle, an der Wilhelmsburger verg\u00fcnstigt Tagestickets f\u00fcr das Dockville-Festival bekommen. F\u00fcr Freitag und Sonntag kosten sie 15 Euro, f\u00fcr Samstag 20.<\/p>\n<p>Um zu beweisen, dass sie wirklich hier wohnen, m\u00fcssen die Anwohner eigentlich ihren Personalausweis zeigen.\u00a0 Bei dem Mann mit Halskette aber verzichtet Buljan darauf: Sie ist auf der Insel gro\u00df geworden und kennt viele der Gesichter. Bei den n\u00e4chsten Kunden muss sie trotzdem nachfragen, ein blonder junger Mann mit Juterucksack, dicht gefolgt von einem M\u00e4dchen mit krausem Haar.\u00a0 &#8222;Geh\u00f6rt ihr zusammen?&#8220;, fragt Sanja Buljan. &#8222;Nee&#8220;, sagt das M\u00e4dchen, &#8222;aber vermutlich wollen wir dasselbe&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Ausverkauft, dieses Argument zieht nicht immer<\/strong><\/p>\n<p>Entspannt mit Freunden feiern, Musik genie\u00dfen, sich treiben lassen \u2013 das mache auf dem Dockville am meisten Spa\u00df, sagen die beiden. Ob lieber am Sonntag oder am Freitag, das h\u00e4nge eher vom Zeitplan der Freunde ab als vom Line-up. &#8222;Ich hab noch gar keinen Plan&#8220;, sagt der Blonde. Der Festivalbesuch sei eine ganz spontane Aktion. &#8222;Das Dockville ist nicht so \u00fcberladen wie andere Festivals&#8220;, meint die junge Frau. Ein weiterer Pluspunkt sei f\u00fcr sie der gut ausgerichtete Sound, es gebe praktisch keine Doppelbeschallung. Dem Kunden mit der Baseball-Kappe kommt es auf so etwas nicht an. Das Festival an sich interessiere ihn gar nicht, sagt er, auch im vergangenen Jahr sei da au\u00dfer &#8222;Teeniebes\u00e4ufnis&#8220; nicht viel gewesen. Trotzdem: 15 Euro ist ihm die Sache wert \u2013 &#8222;Wegen &#8217;ner Perle, die da auch rumlungert&#8220;, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n<p>So entspannt wie die zwei jungen Kunden seien nicht alle, sagt Sanja Buljan: &#8222;Dieses Jahr ist der Ticketverkauf anstrengend wie nie zuvor.&#8220; Immer wieder gebe es Diskussionen, warum es keine Tickets mehr f\u00fcr Samstag gebe. Ausverkauft, dieses Argument lie\u00dfen Anwohner oft nicht gelten, schlie\u00dflich sei man doch von hier. G\u00fcnstigere Tickets f\u00fcr Einheimische seien gut, damit die Dockville-Leute den Stadtteil auf ihre Seite bek\u00e4men, sagt Buljan. Einen Rechtsanspruch darauf k\u00f6nne aber niemand erheben. &#8222;Wer unbedingt zum Festival will, kann auch ein regul\u00e4res Ticket kaufen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Erstmals wurden die Anwohnertickets limitiert<\/strong><\/p>\n<p>Der Wilhelmsburgerin Sanja Buljan ist es wichtig, dass Einheimische und G\u00e4ste in ihrem Viertel gut miteinander auskommen. Aus diesem Grund hat sie auch den Elbinselguide mitbegr\u00fcndet, eine Plattform, \u00fcber die Stadtteilf\u00fchrungen angeboten werden. W\u00e4hrend der Dockville-Zeit versorgt sie das Partyvolk auf dem Festivalgel\u00e4nde mit Tipps: Welcher Laden im Stadtteil hat Gummistiefel im Angebot? Wo gibt es einen Geldautomaten? So versucht sie, Zugereiste und Wilhelmsburger in Kontakt zu bringen. &#8222;Das Dockville tut dem Stadtteil auf jeden Fall gut&#8220;, sagt sie.<\/p>\n<p>Auch den Machern des seit 2007 j\u00e4hrlich stattfindenden Dockvilles war es von Anfang an wichtig,\u00a0 Wilhelmsburger und Veddeler zu integrieren. &#8222;Es ging uns vor allem darum, dass diejenigen, die sonst nicht auf derartige Festivals gehen, sich ein Bild vom bunten Treiben am Reiherstieg machen konnten&#8220;, erkl\u00e4rt Enno Arndt, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer beim Veranstalter Kopf und Steine. 200 G\u00e4ste nutzten das Angebot im ersten Jahr. &#8222;Diese Zahl ist dann rasant gestiegen&#8220;, sagt Arndt. Seiner Meinung nach h\u00e4ngt das vor allem damit zusammen, dass seither viele junge Menschen nach Wilhelmsburg gezogen sind. Zum ersten Mal hat das Team deshalb die Zahl der Anwohnertickets pro Tag limitiert: 700 f\u00fcr Freitag, 200 f\u00fcr Samstag, 500 f\u00fcr Sonntag, sagt Sanja Buljan. Die finanziellen Einbu\u00dfen wurden wohl zu gro\u00df.<\/p>\n<p>Zwei Tage Freiluftparty, 5.000 G\u00e4ste \u2013 damit begann die Geschichte des MS Dockville. Inzwischen ist es zu einem Gro\u00dfevent geworden, \u00fcberregionale Medien stellen es in eine Reihe mit Klassikern wie Rock am Ring, Wacken oder Melt. F\u00fcr die Dockville-Macher bedeutet das auch: Mehr B\u00fchnen, mehr Buden und Toiletten, h\u00f6here Mieten an die Stadt, mehr Security, mehr Technik und Versicherung, bekanntere Acts und h\u00f6here Gagen. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Enno Arndt sagt: &#8222;Mit rund 25.000 Besuchern haben wir jetzt die Obergrenze erreicht. Wir k\u00f6nnen nicht weiter wachsen und wollen auch den famili\u00e4ren Charakter des MS Dockville Festivals erhalten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Shuttle-Bus schadet Kiosk 13<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr einige Wilhelmsburger Gesch\u00e4ftsleute ist das Dockville trotz der vielen Besucher nicht mehr so profitabel wie einst: &#8222;Vor zwei Jahren wurden wir hier quasi \u00fcberrannt&#8220;, erz\u00e4hlt Martin Ziegler vom Edeka-Markt an der Stra\u00dfe Am Veringhof. Im vergangenen Jahr hat er deshalb vorgesorgt: Palettenweise lie\u00df er das Dosenbier-Sortiment aufstocken und gut sichtbar im Markt platzieren. Doch das Partyvolk blieb aus \u2014 das Dockville hatte den Eingang zum Festivalgel\u00e4nde verlegt. Seitdem ist ein Lidl-Markt an der Ecke von Georg-Wilhelm-Stra\u00dfe und Mengestra\u00dfe die erste Adresse f\u00fcr durstige Festivalg\u00e4ste.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Kioskbetreiber Mustafa S\u00fctc\u00fc, der an der Bushaltestelle Veringstra\u00dfe Mitte seinen Kiosk 13 betreibt, liegen die goldenen Festivalzeiten schon eine Weile zur\u00fcck. Vor drei, vier Jahren habe er seinen Laden gar nicht geschlossen, erz\u00e4hlt er. Er verdiente Tag und Nacht. Heute kommen nur noch ab und zu Leute vom Dockville vorbei. &#8222;Jetzt haben sie ja Busse, die die Leute direkt zum Gel\u00e4nde fahren&#8220;, sagt er. Die Haltestelle vor seiner T\u00fcr spielt f\u00fcr die Anreise kaum mehr eine Rolle. \u00c4hnliche Erfahrungen hat Mazlum Akbalik von der Total-Tankstelle gemacht: 2012, bevor es die Shuttle-Busse gegeben habe, sei mehr losgewesen, sagt er. Trotzdem rechne er am Wochenende mit st\u00e4rkerer Nachfrage nach Bier und Zigaretten.<\/p>\n<p>Weiter \u00f6stlich dagegen, jenseits der Bahnschienen, scheint das kommende Wochenende eins wie jedes andere zu werden. &#8222;Das Dockville ist f\u00fcr die meisten hier kein Thema&#8220;, sagt eine Mitarbeiterin einer Jugendeinrichtung, die namentlich nicht genannt werden m\u00f6chte. Das L\u00fcttville, das gezielt Kinder aus dem Stadtteil anspricht, besuchten zwar viele J\u00fcngere aus der Nachbarschaft. Aber das Dockville ziehe hier nicht. Wenn sie nicht gerade im Urlaub seien, verlie\u00dfen viele Jugendliche \u00fcberhaupt kaum ihr Quartier, sagt die Jugendarbeiterin. &#8222;Dockville \u2013 das ist ganz weit weg f\u00fcr die.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das MS Dockville ist zu einem \u00fcberregionalen Gro\u00dfevent geworden \u2013 25.000 Besucher kommen dieses Jahr nach Wilhelmsburg. Was bedeutet das Musikfestival f\u00fcr den Stadtteil? 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