{"id":2113,"date":"2014-09-12T13:55:37","date_gmt":"2014-09-12T11:55:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=2113"},"modified":"2014-09-12T14:24:38","modified_gmt":"2014-09-12T12:24:38","slug":"interview-city-link-festival","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/interview-city-link-festival\/","title":{"rendered":"&#8222;Hamburg muss seine Rolle neu definieren&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Bis sich Hamburg und Kopenhagen durch die Fehmarnbeltqueruung tats\u00e4chlich n\u00e4her kommen, dauert es noch mindestens bis zum Jahr 2021. Auf dem City Link Festival treffen sich in der Hansestadt aber schon mal K\u00fcnstler, Aktivisten und Stadtplaner aus beiden Metropolen, um sich auszutauschen. Was k\u00f6nnen die St\u00e4dte voneinander lernen? Ein Interview mit dem Kultursoziologen und transdizsiplin\u00e4ren Nachhaltigkeitsforscher Sacha Kagan. Der Wissenschaftler forscht und lehrt an der Leuphana Universit\u00e4t in L\u00fcneburg \u2014 und ist Referent auf dem City Link Festival.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong> Herr Kagan, das City Link Festival soll Hamburg neue Impulse zur kulturellen Entwicklung bringen. Wo kann die Stadt sich denn noch verbessern?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Sacha Kagan:<\/strong> Das kommt darauf an, wo Hamburg hin will. Wenn das Ziel darin besteht, ein gl\u00e4nzendes Image zu entwickeln, das im Wettbewerb der St\u00e4dte einen Marktvorteil verspricht, dann ist die F\u00f6rderung von Prestigeprojekten und elit\u00e4rer Kultur ein Weg. Er funktioniert aber nur kurzfristig. Es w\u00e4re naiv, zu glauben, dass das ausreicht. Wenn man die Stadt im Interesse der Einwohner voranbringen will und an einer nachhaltigen kulturellen Entwicklung f\u00fcr alle interessiert ist, dann muss man eine andere Art von Kultur f\u00f6rdern. Eine prestigetr\u00e4chtige Elbphilharmonie spricht letztendlich nur eine Elite an.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Und was kann Hamburg dabei von Kopenhagen lernen?<\/p>\n<p><strong>Kagan:<\/strong> Dort gibt es viele Initiativen, die sich intensiv mit dem Verh\u00e4ltnis von Stadtkultur und Natur besch\u00e4ftigen. Sie gehen der Frage nach, wie die Menschen in der Stadt zur Natur stehen. Und sie setzen sich ein f\u00fcr einen \u00f6kologischen Wandel, indem sie Einzelne in ihrem Alltag zum Umdenken bewegen. Die Politik unterst\u00fctzt diese Gruppen und f\u00f6rdert sie. Es ist ihr wichtig, Kopenhagen als gr\u00fcne Stadt voranzubringen. Hamburg nennt sich zwar auch Umwelthauptstadt, ist da aber meiner Meinung nach nicht \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Auf welche Kopenhagener Initiativen sollte die Hansestadt konkret schauen?<\/p>\n<p><strong>Kagan:<\/strong> Da gibt es zum Beispiel das Netzwerk <em>Cultura21 Nordic<\/em>. Oleg Koefoed, einer der Initiatoren, wird auf dem City Link Festival davon berichten. Es geht dabei um die \u00f6kologische Entwicklung der innerst\u00e4dtischen Insel Amager. Menschen, die einen pers\u00f6nlichen Bezug zu Amager haben, gestalten den Prozess selbst. Sie entwickeln Ideen, loten M\u00f6glichkeiten aus und setzen Projekte in Gang. Entscheidend ist dabei nicht, dass am Ende etwas Neues gebaut wird, sondern dass die Leute eine eigene Vorstellung von ihrem Lebensumfeld entwickeln. Auf dieser kleinteiligen, individuellen Ebene gibt es in Kopenhagen eine Menge interessanter Projekte.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Wie ist es umgekehrt? Wo k\u00f6nnte sich Kopenhagen an Hamburg ein Beispiel nehmen?<\/p>\n<p><strong>Kagan:<\/strong> Hamburgs St\u00e4rke liegt in dem hohen gesellschaftlichen Anspruch der freien kulturell-politischen Initiativen. Die Leute, die sich da engagieren, wollen nicht nur individuelles Umdenken bewirken. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, die kreativ mit inneren und \u00e4u\u00dferen Krisen umgeht.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Welche Initiativen meinen Sie?<\/p>\n<p><strong>Kagan:<\/strong> Eine der bekanntesten ist das G\u00e4ngeviertel. Interessant daran ist, dass es den Aktiven gelungen ist, sich in der Stadt zu etablieren. Sie integrieren Kunst und Kultur in das allt\u00e4gliche Leben und entwickeln eine \u00d6konomie, die auf Gemeingut basiert. Ein spannendes Experimentierfeld.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Gibt es weitere solcher vorbildhafter Projekte?<\/p>\n<p><strong>Kagan:<\/strong> Ein weiteres gutes ist KEBAP in Altona. Es setzt sich f\u00fcr eine selbstverwaltete, \u00f6kologische Energieversorgung in der Nachbarschaft ein. Und gleichzeitig ist es auch noch Kulturzentrum f\u00fcr kreative und k\u00fcnstlerische Aktivit\u00e4ten. Was auch sehr gut funktioniert, ist der Interkulturelle Garten in Wilhelmsburg: Ein Treffpunkt, an dem Menschen verschiedener kultureller Herkunft voneinander lernen. Zugleich ist es auch noch ein \u00f6kologisches Projekt, das auf lokale Selbstversorgung setzt und ein neues Bewusstsein schafft. Besonders spannend sind in Hamburg aber nicht die Projekte f\u00fcr sich, sondern die Art, wie sie sich vernetzen, diskutieren und zusammenarbeiten. Es ist eine gr\u00f6\u00dfere Bewegung entstanden, die daran arbeitet, nachhaltige L\u00f6sungen f\u00fcr die Probleme der Stadt zu finden.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Wie sollte die Stadt darauf reagieren?<\/p>\n<p><strong>Kagan:<\/strong> Wenn Hamburg diese Ideen unterst\u00fctzen will, dann muss es seine Rolle neu definieren. Auch Politik und Verwaltung sind Akteure, die an der Gestaltung des Zusammenlebens mitwirken. Sie w\u00e4ren also nicht au\u00dfen vor. Aber: Sie h\u00e4tten auch kein Machtmonopol mehr. Der Staat wird zu einem Partner unter vielen. Das klingt utopisch \u2013 aber es w\u00fcrde Hamburgs Politik eine neue, vielversprechende Richtung geben.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Gibt es schon Anzeichen, dass sich diesbez\u00fcglich etwas ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p><strong>Kagan:<\/strong> Interessant ist in diesem Zusammenhang die Kampagne <em>Solidarische Raumnahme<\/em>: Sie wird getragen von Aktiven, die meist unbezahlt und freiwillig in verschiedenen sozialen Projekten arbeiten und nun fordern, nicht auch noch Miete zahlen zu m\u00fcssen. Das finde ich verst\u00e4ndlich \u2014 und ich bin gespannt, wie Hamburg darauf reagiert. Noch haben die Aktivisten es nicht geschafft, die Stadt zu \u00fcberzeugen. Doch wenn es gelingt, dann kann Hamburg f\u00fcr Kopenhagen und viele andere St\u00e4dte ein attraktives Vorbild sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis sich Hamburg und Kopenhagen durch die Fehmarnbeltqueruung tats\u00e4chlich n\u00e4her kommen, dauert es noch mindestens bis zum Jahr 2021. Auf dem City Link Festival treffen sich in der Hansestadt aber schon mal K\u00fcnstler, Aktivisten und Stadtplaner aus beiden Metropolen, um sich auszutauschen. Was k\u00f6nnen die St\u00e4dte voneinander lernen? 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