{"id":2362,"date":"2014-10-08T15:41:38","date_gmt":"2014-10-08T13:41:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=2362"},"modified":"2014-10-08T15:41:38","modified_gmt":"2014-10-08T13:41:38","slug":"grosse-freiheit-geadelt-von-elvis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/grosse-freiheit-geadelt-von-elvis\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfe Freiheit, geadelt von Elvis"},"content":{"rendered":"<p><em>Er war mal der Hornbrillen-Nerd mit Punk-Attit\u00fcde. Doch eigentlich spielt Elvis Costello fantastischen Powerpop. Ebenso hinrei\u00dfend war jetzt sein Auftritt in Hamburg.<\/em><\/p>\n<p>Elvis Costello geh\u00f6rt nun nicht mehr zu den J\u00fcngsten, sechzig ist er gerade geworden. Doch das hielt ihn nicht davon ab, in Hamburg fast zweieinhalb unvergessliche Stunden abzuliefern. Daf\u00fcr lie\u00df er sich in der ansehnlich gef\u00fcllten Gro\u00dfen Freiheit von den so jungen wie mannequingleichen Lovell-Schwestern Rebecca (23) und Megan (25) flankieren.<\/p>\n<p>Die beiden langhaarigen S\u00fcdstaaten-Sch\u00f6nheiten spielten in ihrer Jugendzeit als Lovell Sisters Bluegrass und Folk, seit 2010 in der Band Larkin Poe Blues- und Americana-beeinflussten Mainstream-Poprock, den Shootingstars von Haim nicht un\u00e4hnlich. Als Support-Act mit makellosem Gesang und Gitarrenspiel (verzerrte Lapsteel \u00e0 la David Lindley) hoffte man insgeheim, sie w\u00fcrden noch f\u00fcr eine von Elvis Costellos Zugaben auf die B\u00fchne zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2363\" aria-describedby=\"caption-attachment-2363\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2014\/10\/costello2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2363 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2014\/10\/costello2.jpg\" alt=\"\" width=\"580\" height=\"326\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2363\" class=\"wp-caption-text\">Elvis Costello heute (c) dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dieser Wunsch sollte \u00fcbererf\u00fcllt werden, alles tipptopp eingeprobt, man ist vor einigen Tagen in der schwedischen Studentenstadt Uppsala schon einmal gemeinsam aufgetreten. Der sensationelle Backup-Gesang von Rebecca Lovell und die schneidenden, blitzsauberen Slide-Eins\u00e4tze von Megan Lovell bereicherten f\u00fcr mindestens sieben Zugaben (von circa 15!) St\u00fccke wie\u00a0<em>Brillant Mistake<\/em>,\u00a0<em>A Good Year For The Roses<\/em>, das brandneue\u00a0<em>Lost On The River<\/em> (Vertonung eines unver\u00f6ffentlichten Dylan-Textes), und erfreulicherweise auch\u00a0<em>Blame It On Cain<\/em> \u2013 der Song stammt von der \u00fcberragenden ersten LP\u00a0<em>My Aim Is True<\/em> von 1977.<\/p>\n<p><em>My Aim Is True<\/em> wurde seinerzeit eingespielt mit der in England gestrandeten amerikanischen Westcoast- und Countryrock-Band Clover, aus der sp\u00e4ter Huey Lewis &amp; The News wurde. H\u00e4tte man das gewusst \u2013 man h\u00e4tte es keinem Punk- oder New-Wave-Fan erz\u00e4hlen d\u00fcrfen. Die Gruppe war eigentlich viel zu gut f\u00fcr den Zeitgeist von 1977 (&#8222;glatt&#8220; nannte man das damals), vor allem f\u00fcr eine Platte auf dem Londoner Underground-Label &#8222;Stiff&#8220;. Genau das macht den Reiz aus, gepaart mit der Punk-Attit\u00fcde des 22-j\u00e4hrigen Hornbrillen-Nerds Costello entstand eine der besten Powerpop-Platten aller Zeiten.<\/p>\n<p>Neben Uptempo-Hits wie\u00a0<em>(The Angels Wanna Wear My) Red Shoes<\/em>, der das Konzert er\u00f6ffnet, geh\u00f6rt auch die unsterbliche Ballade\u00a0<em>Alison<\/em> dazu. Er spielt sie am Ende des regul\u00e4ren Sets unverst\u00e4rkt, ohne Mikrofon, einige Zuschauern singen laut die Zeilen mit, die sie kennen (<em>&#8222;I know this world is killing you&#8220;\/ &#8222;Well, I see you\u2019ve got a husband now&#8220;<\/em>) \u2013 man wird es nicht vergessen.<\/p>\n<p>Einen \u00e4hnlichen Klo\u00df im Hals verursacht\u00a0<em>Everyday I Write The Book<\/em> in der gezupften Slow-Version, ziemlich magisch. Die Liste ist lang, er spielt\u00a0<em>Clubland<\/em>,\u00a0<em>Veronica<\/em> und\u00a0<em>Oliver\u2019s Army<\/em> mit wechselnden akustischen und halbakustischen Gitarren,\u00a0<em>Watching The Detectives<\/em> in einer bizarren, feedbackreichen Version zu einem live gesampelten Riff.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2364\" aria-describedby=\"caption-attachment-2364\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2014\/10\/costello77.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2364 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2014\/10\/costello77.jpg\" alt=\"costello77\" width=\"580\" height=\"326\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2364\" class=\"wp-caption-text\">Elvis Costello, 1977 \u00a9 Keystone\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Im allerletzten Zugabenblock kommt schlie\u00dflich die elektrische Fender Jazzmaster vom\u00a0<em>My Aim Is True<\/em>-Cover zum Einsatz, nach der allerersten Single\u00a0<em>Less Than Zero<\/em> wird damit ein Publikumsfavorit, das flehende\u00a0<em>I Want You<\/em> von 1986, per R\u00fcckkopplung zerlegt \u2013 ganz aufgearbeitet ist die zerbrochene Liebe zu seiner Ex-Frau Cait O\u2019Riordan (The Pogues) m\u00f6glicherweise noch nicht.\u00a0 Inzwischen f\u00fchrt er mit Diana Krall und den Zwillingss\u00f6hnen ein offenbar ganz fr\u00f6hliches K\u00fcnstlerleben in New York. Davon wird ebenso blumig berichtet wie von seiner Kindheit in London und der Jugend in Birkenhead bei Liverpool.<\/p>\n<p>Er ist sensationell bei Stimme \u2013 unglaublich, dass er bei dem Druck auf die Stimmb\u00e4nder nicht nach drei St\u00fccken heiser ist \u2013 und blendend aufgelegt. Auch seine roten, spitzen Halbschuhe werden zum Thema, er hat sie offenbar erst nachmittags auf der Reeperbahn bei Schuh Messmer entdeckt, f\u00fcr Stiefelettenliebhaber seit jeher eine Institution. Dunkler Anzug mit Weste und ein (nanu!) schicker, heller Pflanzerhut, m\u00f6glicherweise von Borsalino, den er in verschiedene kecke Positionen r\u00fcckt, mal Elder Statesman, mal Filou.<\/p>\n<p>Elvis Costello steht das alles, schlie\u00dflich ist er ein\u00a0<em>Man Out Of Time<\/em>. Dieses sch\u00f6ne St\u00fcck von\u00a0<em>Imperial Bedroom<\/em> (1982) fehlte, er spielte es aber zuletzt 2012 w\u00e4hrend der herrlichen Rockrevue mit seiner aktuellen Begleitband The Imposters im CCH \u2013 eine Spielst\u00e4tte, \u00fcber die er sich seinerzeit angemessen ver\u00e4chtlich \u00e4u\u00dferte. Die Gro\u00dfe Freiheit aber, eine der sch\u00f6nsten B\u00fchnen Deutschlands, wurde durch seinen Besuch geadelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war mal der Hornbrillen-Nerd mit Punk-Attit\u00fcde. Doch eigentlich spielt Elvis Costello fantastischen Powerpop. Ebenso hinrei\u00dfend war jetzt sein Auftritt in Hamburg. Elvis Costello geh\u00f6rt nun nicht mehr zu den J\u00fcngsten, sechzig ist er gerade geworden. Doch das hielt ihn nicht davon ab, in Hamburg fast zweieinhalb unvergessliche Stunden abzuliefern. 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