{"id":2445,"date":"2014-10-23T13:47:40","date_gmt":"2014-10-23T11:47:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=2445"},"modified":"2014-10-24T10:34:14","modified_gmt":"2014-10-24T08:34:14","slug":"shara-worden-konzertkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/shara-worden-konzertkritik\/","title":{"rendered":"Erst elfengleich, dann wie ein Troubadour"},"content":{"rendered":"<p><em>Emo-Indie-Artrock, progressiv, ohne Wenn und Aber: S\u00e4ngerin Shara Worden von My Brightest Diamond beeindruckt in Hamburg \u2013 und k\u00f6nnte bald ihren ersten Hit landen.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2450\" aria-describedby=\"caption-attachment-2450\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2014\/10\/Worden.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2450\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2014\/10\/Worden-580x451.jpg\" alt=\"S\u00e4ngerin Shara Worden.\" width=\"580\" height=\"451\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2014\/10\/Worden-580x451.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2014\/10\/Worden-1024x797.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2450\" class=\"wp-caption-text\">S\u00e4ngerin Shara Worden.<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Als sich beim Reeperbahnfestival 2007 morgens um eins wenige versprengte Zuschauer vor der Knust-B\u00fchne einfanden, um kurz zu checken, wer oder was My Brightest Diamond vielleicht sein k\u00f6nnte, fiel ihnen alsbald die Kinnlade herunter. Die Meisterschaft, in der die kleine, dunkelhaarige S\u00e4ngerin und Gitarristin Shara Worden und ihre m\u00e4nnlichen Mitmusiker den avantgardistischen Emo-Indie-Artrock des Deb\u00fctalbums <em>Bring Me The Workhorse<\/em> abfeuerten, verbl\u00fcffte damals komplett. Abenteuerliches Gitarren-Tuning \u00e0 la Joni Mitchell, sirenenhafter Gesang quer durch alle Oktaven. Ultratighte Band, extremer L\u00e4rm und ganz leise T\u00f6ne, man kam aus dem Staunen nicht hinaus. Dennoch hatte man das Gef\u00fchl, Shara Worden bliebe noch weit unter ihren M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nun, sieben Jahre sp\u00e4ter, hat My Brightest Diamond wieder im Knust gespielt. Diesmal immerhin vor gut 70 Zuschauern. Gerade hat die Band ihr viertes Album herausgebracht, <em>This Is My Hand<\/em> hei\u00dft es. Stumpf ist Trumpf, das hat sich Shara Worden wohl gedacht. Stromlinienf\u00f6rmiger klang die aus Arkansas stammende Musikerin nie \u2013 nat\u00fcrlich nur im Vergleich zu sich selbst.<\/p>\n<p>Bisher konnte man sie interessant finden und unglaublich gekonnt, sie war aber auch irgendwie stil\u00fcbungshaft, eigenartig und etwas anstrengend. Mit Parallelen zu Bj\u00f6rk oder Kate Bush, zwei zweifellos unglaublich talentierten K\u00fcnstlerinnen. Aber: Diese haben trotz all ihrer Experimentierfreude auch einige Hits gelandet. Genau daran scheint nun auch Worden gearbeitet zu haben.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich f\u00fchren minimale R&amp;B-Anteile bei ihrem Konzert zum Fu\u00dfwippen. Mitsingen jedoch bleibt schwierig. F\u00fcr Bruce-Springsteen-Sozialisierte ist selbst <em>Pressure<\/em>, einer ihrer eing\u00e4ngigsten Songs, r\u00e4tselhaft. Er ist so wenig einpr\u00e4gsam wie die versponnene Musik des Amerikaners Sufjan Stevens, Wordens fr\u00fcherem Arbeitgeber. Als Bandmitglied zur Zeit seiner Erfolgsplatte <em>Come On Feel The Illinoise<\/em> entwickelte die studierte Operns\u00e4ngerin (!) die Idee f\u00fcr ihr eigenes Projekt.<\/p>\n<p>Im Knust steht Worden diesmal mit zwei US-Amerikanern auf der B\u00fchne, beide echte Cracks. Der Wunderdrummer Earl Marvin trommelte schon f\u00fcr Robbie Williams, die Pet Shop Boys und Air. Wie er die komplizierten Stops und Rhythmuswechsel von <em>Pressure<\/em>, dem Er\u00f6ffnungsst\u00fcck, v\u00f6llig unbeeindruckt aus seinem Minischlagzeug zaubert, ist schlicht genial. Der andere, Fontaine Burnett, groovt bei komplexesten Bassfiguren und dr\u00fcckt nebenbei noch l\u00e4ssig auf Keyboardtasten. Er ist schon mit Musikern wie Wynton Marsalis, Chaka Khan oder Max Herre aufgetreten. Er lebt \u00fcbrigens seit Jahren nordwestlich von Hamburg in Tornesch.<\/p>\n<p>Shara Worden selbst wechselt zwischen diversen Keyboards, verzerrter E-Gitarre und elektrischer Kalimba. Sie singt bald elfengleich mit Kopfstimme, bald wie ein Troubadour aus voller Kehle. Jeder Ton sitzt. Das Publikum giert danach, mitgenommen zu werden, will es mitklatschen, muss es aber etwa bei dem neuen St\u00fcck <em>Lover Killer<\/em> erstmal einen 7\/8-Takt begreifen. Nach brachialem Rock kommt unvermittelt das unglaublich sanfte <em>I Have Never Loved Someone<\/em>, ein Lied f\u00fcr Wordens kleinen Sohn Constantine. Man k\u00f6nnte nun eine Stecknadel fallen h\u00f6ren \u2013 w\u00fcrde der Knust-Barkeeper nicht seinen K\u00fchlschrank mit klirrenden Bierflaschen auff\u00fcllen.<\/p>\n<p>Der Abend bietet fremdartiges Entertainment auf allerh\u00f6chstem Level \u2014 verdammt anspruchsvoll, unglaublich fokussiert, progressiver Artrock ohne Wenn und Aber. L\u00e4ssig und mit Humor vorgetragen. <em>Fever<\/em> von Peggy Lee hat man zum Beispiel durchaus schon einige Male geh\u00f6rt \u2014 aber selten so cool wie in Wordens Coverversion. Sie klettert dabei von der B\u00fchne und illustriert den Songinhalt, indem sie Umstehenden die Rollen zuweist: &#8222;Captain Smith and Pocahontas\/ Had a very mad affair\/ When her daddy tried to kill him\/ She said, \u2019Daddy don&#8217;t you dare\u2019\/ He gives me fever!&#8220; Sehr, sehr lustig!<\/p>\n<p>Die letzte Zugabe, eine weitere Coverversion, tr\u00e4gt sie allein vor: <em>Feeling Good<\/em>, ein Blues aus dem Musical <em>The Roar of the Greasepaint \u2013 The Smell of the Crowd,<\/em> bekannt vor allem in Nina Simones Version von 1965. Sie flirrt und schwebt, sie l\u00e4sst die Stimme \u00fcber der drone-artig r\u00fcckkoppelnden Gitarre vibrieren wie Buffy Sainte-Marie, die indianischst\u00e4mmige Singer-Songwriterin vergangener Tage. Das Publikum ist beseelt, Shara Worden ebenfalls, laut lachend beendet sie das St\u00fcck. Es ist bis heute eine der bekanntesten My Brightest Diamond-Aufnahmen.<\/p>\n<p>Damit auf ihren Konzerten in Zukunft neben stoppelb\u00e4rtigen, \u00e4lteren Herren mit gutem Musikgeschmack auch Kunststudentinnen erscheinen, die ebenso fantasievoll frisiert sind wie die K\u00fcnstlerin selbst, muss sie nur noch den n\u00e4chsten Schritt machen:\u00a0Shara Worden braucht ihren ersten eigenen Hit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emo-Indie-Artrock, progressiv, ohne Wenn und Aber: S\u00e4ngerin Shara Worden von My Brightest Diamond beeindruckt in Hamburg \u2013 und k\u00f6nnte bald ihren ersten Hit landen. 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