{"id":2829,"date":"2015-01-14T11:28:05","date_gmt":"2015-01-14T10:28:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=2829"},"modified":"2015-01-14T11:37:33","modified_gmt":"2015-01-14T10:37:33","slug":"francos-traum-zerfiel-zu-staub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/francos-traum-zerfiel-zu-staub\/","title":{"rendered":"Francos Traum zerfiel zu Staub"},"content":{"rendered":"<p><em>Zuerst war es eine Ratte, dann kam Django hinzu: <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/author\/ulli-ladurner\/\">Ulrich Ladurner betrachtet Hamburg aus ungew\u00f6hnlichen Perspektiven<\/a>, mal erfindet er was, mal nicht, aber immer l\u00e4sst er sich von grob untersch\u00e4tzter Wirklichkeit inspirieren. Seine neuen Hamburger Geschichten spielen immer dort, wo Dinge ein Ende finden. In den ersten Folgen ging es um <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/die-wilderer-das-wildschwein-und-bismarck\/\">Bismarck<\/a> und den <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/maibaums-keller\/\">dicken Herrn Maibaum<\/a>. Hier ist es der Traum des Italieners Franco.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Als Franco Frese durch einen Zufall h\u00f6rte, dass eine bestimmte H\u00e4userzeile in der Hamburger Hoheluftchaussee abgerissen wurde, schwang er sich auf sein Fahrrad und brauste eilig davon.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2830\" aria-describedby=\"caption-attachment-2830\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/01\/martini.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2830 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/01\/martini.jpg\" alt=\"martini\" width=\"580\" height=\"326\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2830\" class=\"wp-caption-text\">An der Hamburger Hoheluftchaussee (c) Ulrich Ladurner<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&#8222;Du holst dir bei dem Wetter den Tod!&#8220;, rief ihm seine Frau noch hinterher.<br \/>\nDoch Franco h\u00f6rte sie nicht mehr.<br \/>\n&#8222;Meine Beine sind immer noch gut!&#8220;, dachte er, w\u00e4hrend er gegen den heftigen Wind ank\u00e4mpfte, der ihm den eisig kalten Januar-Regen ins Gesicht klatschte.<!--more--><\/p>\n<p>Vor vielen Jahren hatte er in Hamburg Amateurrennen bestritten. In seinem Wohnzimmer hingen immer noch sch\u00f6n sichtbar die Medaillen von seinen Siegen. Wenn seine inzwischen erwachsenen Kinder zu Besuch kamen, sagten sie ihm jedes Mal, er solle die Medaillen in einer Schublade verstauen. &#8222;Papa, du bist doch keiner kleiner Junge mehr, der mit Medaillen angeben muss. Du bist bald 70, ein Rentner. Das ist doch peinlich.&#8220; Er weigerte sich standhaft.<\/p>\n<p>Seine Kinder konnten nicht verstehen, dass diese Medaillen f\u00fcr ihn der erste Beleg waren, dass er in Deutschland Fu\u00df gefasst hatte. Es war ja nicht einfach gewesen, damals in den sechziger Jahren, als er aus Italien nach Hamburg gekommen war. Ohne ein Wort Deutsch musste er sich in einem Land durchschlagen, das seine Arbeitskraft zwar gerne annahm, ihn in allen anderen Dingen jedoch eher auf Distanz hielt. Doch Franco war ein hartn\u00e4ckiger Bursche. Was er sich vorgenommen hatte, das zog er auch durch. Und er hatte sich in den Kopf gesetzt, hier in Deutschland eine neue Heimat zu finden.<\/p>\n<p>Kaum war er angekommen, bem\u00fchte er sich nach Kr\u00e4ften, er lernte Deutsch, heiratete eine deutsche Frau, er trat dem HSV-Fanclub bei. Als dieser 1983 Francos alte Liebe Juventus Turin im Cup der Landesmeister besiegte, da jubelte er mit als sei er nie etwas anderes als HSV-Fan gewesen. Ins Herz der Hamburger allerdings fuhr er erst mit seinem Rennrad Marke Colnago. Sie nannten ihn Franco Freccia \u2013 Franco, der Pfeil. In der Zielgeraden war keiner so schnell wie er.<\/p>\n<p>Eine neue Heimat finden, das war das eine, das er erreichen wollte als er nach Hamburg kam, das andere war: reich werden! Das war ein Traum, den er allerdings so ziemlich allein tr\u00e4umte, denn keiner glaubte so recht an Franco Frese; ja, er war ein zuverl\u00e4ssiger Arbeiter, ja, er war ein gro\u00dfer Sportler, ja, er war ein ordentlicher Ehemann, eine liebevoller Vater, ein vorbildlicher Freund, aber reich werden?<\/p>\n<p>Nein, das traute ihm niemand zu. Und tats\u00e4chlich gelang es ihm auch nicht.<\/p>\n<p>Doch viel h\u00e4tte nicht gefehlt, und er h\u00e4tte sich eine gro\u00dfe Villa an der Elbchaussee kaufen k\u00f6nnen, ein schmuckes Segelboot und einen dicken Mercedes, viele Ma\u00dfanz\u00fcge und viel teuren Schmuck f\u00fcr seine Frau. Er war am Reichtum ganz nahe dran gewesen, der Beweis daf\u00fcr war in der Hoheluftchaussee zu besichtigen. Das hoffte er. Darum sauste er mit seinem Rad an diesem windgepeitschten Tag dorthin.<\/p>\n<p>Als er ankam, waren die Bagger mit ihrer Arbeit schon weit fortgeschritten. Eine Fl\u00e4che so gro\u00df wie ein Fu\u00dfballfeld war mit Schutt bedeckt. Ein halbes Dutzend Schaulustiger stand am Stra\u00dfenrand. Franco Franco gesellte sich zu ihnen.<\/p>\n<p>&#8222;Sieht aus wie nach einem Bombenangriff!&#8220;, sagte einer.<\/p>\n<p>&#8222;Mag sein, aber endlich ist diese h\u00e4ssliche H\u00e4userzeile weg!&#8220;, sagte ein zweiter.<\/p>\n<p>&#8222;Eine Baus\u00fcnde war das!&#8220;, sagte ein dritter.<\/p>\n<p>Jeder hatte irgendwas zu sagen, nur Franco Frese schaute gebannt auf die H\u00e4userzeile und schwieg beharrlich. Die Motoren der Bagger brummten, die Ketten knirschten, die Schaufeln schlugen krachend in noch stehende W\u00e4nde.<br \/>\nFranco starrte auf ein ganz bestimmtes Haus, auf eine bestimmte Wand. Als sie zum Einsturz kam, tauchte das auf, weswegen er hierher gekommen war:<\/p>\n<p>MARTINI<br \/>\nEin Vergn\u00fcgen mehr<\/p>\n<p>Franco stiegen Tr\u00e4nen in die Augen. Er war es gewesen, der den Hauseigent\u00fcmer vor vielen Jahren mit italienischem Charme, schlechtem Deutsch und etwas Geld davon \u00fcberzeugt hatte, diese Werbeinschrift an der Wand zu platzieren. Wenn er das erreichen w\u00fcrde, das hatte ihm ein Manager von Martini versprochen, wenn er hier an an der viel befahrenen Hoheluftchaussee eine solche Inschrift w\u00fcrde platzieren k\u00f6nnen, dann, ja dann h\u00e4tte er gute Aussichten, die Generalvertretung von Martini f\u00fcr Norddeutschland zu bekommen.<\/p>\n<p>Und dann, mein Lieber, dann wirst du sehr schnell sehr viel Geld machen, sagte der Mann von Martini. Franco war \u00fcber zehn Ecken mit ihm verwandt und das war der Grund gewesen, warum es \u00fcberhaupt gelungen war, mit ihm in Kontakt zu kommen.<\/p>\n<p>Franco erf\u00fcllte seinen Teil der Abmachung. Die Generalvertretung erhielt er jedoch nicht, ja nicht einmal einen anderen Job bei Martini. Der Grund daf\u00fcr war schlicht.<\/p>\n<p>Wenige Wochen nachdem die Inschrift aufgemalt war, wurde ein neues Haus so nah an eben diese Wand gebaut, dass der Schriftzug &#8222;MARTINI Ein Vergn\u00fcgen mehr&#8220; verschwand.<\/p>\n<p>Nur jetzt, da Franco Franco mit feuchten Augen an der Hoheluftchaussee stand, da leuchtete die Inschrift wieder auf. F\u00fcr einen kurzen Moment nur, dann brach die Wand unter den Schl\u00e4gen der Bagger zusammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuerst war es eine Ratte, dann kam Django hinzu: Ulrich Ladurner betrachtet Hamburg aus ungew\u00f6hnlichen Perspektiven, mal erfindet er was, mal nicht, aber immer l\u00e4sst er sich von grob untersch\u00e4tzter Wirklichkeit inspirieren. Seine neuen Hamburger Geschichten spielen immer dort, wo Dinge ein Ende finden. 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