{"id":2857,"date":"2015-01-19T17:37:12","date_gmt":"2015-01-19T16:37:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=2857"},"modified":"2015-01-19T17:37:12","modified_gmt":"2015-01-19T16:37:12","slug":"der-unheimliche-vorhang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/der-unheimliche-vorhang\/","title":{"rendered":"Der unheimliche Vorhang"},"content":{"rendered":"<p><em>Zuerst war es eine Ratte, dann kam Django hinzu: Ulrich Ladurner betrachtet Hamburg aus ungew\u00f6hnlichen Perspektiven, mal erfindet er was, mal nicht, aber immer l\u00e4sst er sich von grob untersch\u00e4tzter Wirklichkeit inspirieren. Seine neuen Hamburger Geschichten spielen immer dort, wo Dinge ein Ende finden. <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/author\/ulli-ladurner\/\">In den ersten Folgen<\/a> ging es um Bismarck, den dicken Herrn Maibaum und Francos Traum, heute geht es um Frau Kruse.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Spaziergangs, den Gerda Kruse jeden morgen mit ihrem Rollator entlang der Gro\u00dfen Bergstra\u00dfe unternahm, kam sie an einer gro\u00dfen Fensterfront vorbei, die vollst\u00e4ndig mit orangefarbenen Gardinen verh\u00e4ngt war.<\/p>\n<p>Wie lange waren diese Vorh\u00e4nge schon zugezogen? Ein Jahr, zwei, drei oder schon zehn Jahre?<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2899\" aria-describedby=\"caption-attachment-2899\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/01\/altona-bergstrasse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2899 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/01\/altona-bergstrasse.jpg\" alt=\"altona-bergstrasse\" width=\"580\" height=\"326\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2899\" class=\"wp-caption-text\">In Hamburg-Altona (c) Ulrich Ladurner<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><!--more-->Frau Kruse konnte sich daran nicht erinnern. Sie konnte sich an vieles nicht mehr erinnern, was in ihrem Alter von 93 Jahren nicht erstaunlich war. Gut, es gab andere, die 2015 wussten, mit wem sie 1956 an einem Mittwoch im August zu Mittag gegessen hatten und wie die Speisefolge gewesen war. Frau Kruse verf\u00fcgte nicht \u00fcber so ein erstaunliches Erinnerungsverm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Das Leben war an ihr ja auch ereignislos vorbeigeflossen wie die Elbe, ruhig, k\u00fchl, grau, selten gef\u00e4hrlich und noch seltener aufregend. Der Vergleich mit der Elbe war ihr selbst eingefallen und er gefiel ihr, schlie\u00dflich war sie Hamburgerin. Und zu jeder Hamburgerin geh\u00f6rt die Elbe, das war ihre \u00dcberzeugung. Freilich, zu jedem Hamburger geh\u00f6rte sie auch.<\/p>\n<p>&#8222;Du bist so unergr\u00fcndlich und kraftvoll wie die Elbe!&#8220; hatte sie zu ihrem Mann Jens Kruse an guten Tagen gesagt, und es gab viele gute Tage mit Jens, der leider schon verstorben ist. &#8222;Du redest wie eine Schlagers\u00e4ngerin!&#8220;, hatte er ihr brummelnd geantwortet, wobei er sie im Ungewissen dar\u00fcber lie\u00df, ob ihm der Vergleich mit der Elbe denn gefiel oder nicht. Jens war eben unergr\u00fcndlich \u2013 und er war sehr schweigsam.<\/p>\n<p>Aber das war alles schon sehr lange her. Wie lange blo\u00df?<\/p>\n<p>Ach, Frau Kruse kam wieder ins Gr\u00fcbeln. Sie blickte auf die Fensterfront. Dann hielt sie inne, setzte sich auf den Rollator und betrachtete den orangefarbenen Vorhang. Im Lauf der Jahre war zwischen ihr und dem Vorhang eine Art Beziehung entstanden. Sie fragte ihn: &#8222;Was verbirgst du?&#8220; Und er schwieg. Das ermunterte sie nur zu einer weiteren Frage: &#8222;Ist etwas Gutes oder etwas Schlechtes?&#8220;<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass der Vorhang beharrlich schwieg, nahm Frau Kruse also als Aufforderung, weitere Fragen zu stellen. Sie zielten meist darauf, herauszufinden, was sich wohl hinter diesem Stoff verbergen mochte.<\/p>\n<p>Auf diese Weise entstand ein Gespr\u00e4ch zwischen Frau Kruse und dem Vorhang. Au\u00dfenstehende w\u00fcrden sagen, dass das eine haneb\u00fcchene Behauptung ist, denn was sollte ein Vorhang schon zu sagen haben, ein Fetzen Stoff! Doch Au\u00dfenstehende haben eben keine Ahnung, weil sie drau\u00dfen stehen, weit weg von Gerda\u00a0Kruse und ihrer Welt, in der auch Vorh\u00e4nge ihren w\u00fcrdigen Platz finden konnten.<\/p>\n<p>&#8222;Ich wei\u00df es!&#8220;, sagt Frau Kruse an diesem Morgen pl\u00f6tzlich.<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df jetzt, was du verbirgst!&#8220; Sie machte eine Pause, weil sie sehen wollte, ob der Vorhang sich ertappt f\u00fchlte. Tats\u00e4chlich war ihr, als bewege er sich. Es ging ein erkennbares Zittern durch den Stoff.<br \/>\n&#8222;Ja, habe ich recht?!&#8220;<br \/>\nDer Vorhang kam in leichte Schwingungen.<br \/>\n&#8222;Es ist die Elbe! Du verbirgst die Elbe! Nein, nein: Du bist die Elbe!&#8220;, rief Gerda Kruse.<br \/>\nUnd tats\u00e4chlich, der Stoff kr\u00e4uselte und wellte sich.<br \/>\nFrau Kruse fasste sich ans Herz.<\/p>\n<p>Die Elbe floss an dieser Fensterfront vorbei! Doch sie war nicht grau und undurchdringlich. Sie war hell und durchsichtig bis auf den Grund. Frau Kruse konnte in der Tiefe die Fische schwimmen sehen, Flundern und Z\u00e4hrten, Meerforellen und Welse, Karpfen und Barben. Es war ihr, als hatte sie ein Bilderbuch aufgeschlagen.<\/p>\n<p>Dann schwamm Jens vorbei, das Gesicht kreidebleich, die Augen geschlossen, ein L\u00e4cheln auf den Lippen, mit stocksteifen Gliedern trieb er vorbei, und da erinnerte sich Frau Kruse, dass er gesagt hatte: &#8222;Ich gehe in die Elbe!&#8220; und dass dies das letzte gewesen war, was sie von ihrem Mann geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuerst war es eine Ratte, dann kam Django hinzu: Ulrich Ladurner betrachtet Hamburg aus ungew\u00f6hnlichen Perspektiven, mal erfindet er was, mal nicht, aber immer l\u00e4sst er sich von grob untersch\u00e4tzter Wirklichkeit inspirieren. Seine neuen Hamburger Geschichten spielen immer dort, wo Dinge ein Ende finden. 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