{"id":3047,"date":"2015-02-05T17:02:54","date_gmt":"2015-02-05T16:02:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=3047"},"modified":"2015-02-08T12:58:18","modified_gmt":"2015-02-08T11:58:18","slug":"traut-dem-wahl-o-maten-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/traut-dem-wahl-o-maten-nicht\/","title":{"rendered":"Traut dem Wahl-O-Maten nicht"},"content":{"rendered":"<p><em>Irrelevante Themen, unklare Formulierungen, radikale Thesen \u2013 die beliebte Wahlhilfe entwirft ein falsches Bild der Landespolitik.<\/em><\/p>\n<p>Jeder sechste Wahlberechtigte hat es rein rechnerisch schon getan, am Wahltag wird wohl jeder dritte W\u00e4hler die Website genutzt haben. Vielen, vor allem jungen, Menschen hilft der Wahl-O-Mat der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung bei der Wahlentscheidung. Er suggeriert Objektivit\u00e4t, vermittelt das Gef\u00fchl, nicht nach dem kreativen Plakat des Spitzenkandidaten oder den sch\u00f6nen blauen Augen seines Herausforderers zu entscheiden, sondern nach der Frage, zu welcher Partei die eigenen Ansichten passen. Leider ist das im Fall des Wahl-O-Maten zur Hamburger B\u00fcrgerschaftswahl eine gef\u00e4hrliche Illusion. Nicht nur deswegen, weil er eine Vielzahl irrelevanter mit einer Menge unklarer Thesen vermengt \u2013 obendrein spielt er mit radikalen Ressentiments.<!--more--><\/p>\n<p>Im Grunde ist die Idee ja nicht schlecht: Der Wahl-O-Mat ist ultimativ vereinfachte Politik. Daf\u00fcr, dagegen, egal \u2013 37 Mal muss sich der Instant-Politikinteressierte entscheiden. Dadurch soll er einen \u00dcberblick bekommen, was die wichtigen Themen des Wahlkampfs sind. Wer durch die Thesen klickt, beginnt sich allerdings zu wundern ob der diversen Fragen, bei denen der Senat gar keinen direkten Einfluss hat (etwa Leistungsk\u00fcrzungen bei Hartz-IV-Empf\u00e4ngern), oder der Debatten, die in der B\u00fcrgerschaft auch k\u00fcnftig wohl keine gro\u00dfe Rolle spielen werden (etwa das Sammeln von Lebensmitteln aus Containern). Gleichzeitig fehlen Themen: Die hei\u00df umk\u00e4mpfte Verkehrspolitik kommt nur am Rande vor. Die Fragen, ob sich Hamburg st\u00e4rker f\u00fcr Hochschulen einsetzen soll oder ob es mehr Geld f\u00fcr Erzieher braucht, tauchen gar nicht erst auf. Stattdessen darf der Wahlberechtigte beantworten, was er von der Wildtierhaltung im Zirkus h\u00e4lt. Was soll das?<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3051\" aria-describedby=\"caption-attachment-3051\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/02\/wahlomat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3051 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/02\/wahlomat.jpg\" alt=\"wahlomat\" width=\"580\" height=\"326\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3051\" class=\"wp-caption-text\">Unterlagen f\u00fcr die Klebe-Variante des digitalen Wahltools &#8222;Wahl-O-Mat&#8220; in der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung in Hamburg (c) dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Wahl-O-Mat bilde nicht die Themen der Parteien ab, sondern das, was Jugendliche interessiere, erkl\u00e4rt Sabine Bamberger-Stemmann, Leiterin der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung. Die Thesen seien von 16 Jugendlichen mit Statistikern und Politikwissenschaftlern ausgew\u00e4hlt worden. Dabei sei darauf geachtet worden, Unterschiede zwischen den Parteien hervorzuheben.<\/p>\n<p>Dagegen ist nichts einzuwenden. Auff\u00e4llig ist aber schon, welches Zerrbild hier in Kauf genommen wird. \u00bbWohngeld soll nur an Deutsche gezahlt werden.\u00ab \u00bbHamburg soll keine weiteren Fl\u00fcchtlinge aufnehmen.\u00ab \u00bbAlle Kinder sollen ungeachtet ihres kulturellen Hintergrundes gemeinsam unterrichtet werden.\u00ab Mal ganz abgesehen vom problematischen Duktus: Was ist hier \u00fcberhaupt gemeint? Sollen deutsche Kinder in Zukunft nicht mehr mit amerikanischen in eine Klasse gehen? Diese Art von Fragen habe man bewusst gew\u00e4hlt, um die NPD abzugrenzen, sagt Bamberger-Stemmann. Dass es so viele geworden seien, liege auch daran, dass diese Themen Jugendliche eben bewegten.<\/p>\n<p>Die NPD als Themenscout? Gerade dann m\u00fcsste sorgf\u00e4ltiger gearbeitet werden, um die Schnittmengen abzugrenzen. Das geschieht aber auch an vermeintlich harmlosen Stellen nicht. Die Aussage \u00bbAuf Hamburgs Stra\u00dfen sollen weitere Busspuren eingerichtet werden\u00ab ist so allgemein gehalten, dass nicht mal die CDU widerspricht \u2013 obwohl sie das Busbeschleunigungsprogramm vehement bek\u00e4mpft. Und was ist mit einem gesetzlichen Feiertag f\u00fcr Muslime gemeint? Muslime k\u00f6nnen schon seit 2013 an drei islamischen Feiertagen freibekommen. Fast jede zweite These kann man kritisieren.<\/p>\n<p>Der Wahl-O-Mat sei eben kein \u00bbRundum-sorglos-Paket f\u00fcr die Wahlentscheidung\u00ab, sagt Bamberger-Stemmann. Er gebe keine Wahlempfehlung, sondern Anregung zum Nachdenken. Das stimmt: Man kann dar\u00fcber nachdenken, wie sich 16-j\u00e4hrige Erstw\u00e4hler von den radikalen Thesen beeinflussen lassen. P\u00e4dagogen bis ins Landesinstitut f\u00fcr Lehrerfortbildung sind besorgt. Und man kann dar\u00fcber nachdenken, welchen Eindruck von der Landespolitik die Seite jenen Nutzern vermittelt, die sich selten bis gar nicht damit besch\u00e4ftigen. Den versprochenen \u00dcberblick bekommen sie jedenfalls nicht. Stattdessen die falsche Gewissheit, sich an Fakten zu orientieren.<\/p>\n<p><em>Hinweis: Der Wahl-O-Mat zur Hamburger B\u00fcrgerschaftswahl ist auch auf den Seiten von ZEIT ONLINE verlinkt.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irrelevante Themen, unklare Formulierungen, radikale Thesen \u2013 die beliebte Wahlhilfe entwirft ein falsches Bild der Landespolitik. Jeder sechste Wahlberechtigte hat es rein rechnerisch schon getan, am Wahltag wird wohl jeder dritte W\u00e4hler die Website genutzt haben. Vielen, vor allem jungen, Menschen hilft der Wahl-O-Mat der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung bei der Wahlentscheidung. 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