{"id":3130,"date":"2015-02-11T17:45:12","date_gmt":"2015-02-11T16:45:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=3130"},"modified":"2015-02-12T10:58:24","modified_gmt":"2015-02-12T09:58:24","slug":"jamie-t-ist-zurueck-und-sieht-toll-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/jamie-t-ist-zurueck-und-sieht-toll-aus\/","title":{"rendered":"Jamie T ist zur\u00fcck und sieht toll aus"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;In fine english tradition&#8220;: Punk-Singer-Songwriter Jamie T stellt im ausverkauften Hamburger Mojo Club sein drittes Album &#8222;Carry On The Grudge&#8220; vor.<\/em><\/p>\n<p>\u201eDas ist hier doch keine Bibliothek!\u201c Jamie T h\u00e4tte es gerne etwas lebhafter, so wie k\u00fcrzlich bei der frenetisch gefeierten Comeback-Tournee in Australien oder wie in Berlin am Vorabend. Doch der Mojo Club mit seiner ausget\u00fcftelten Jazz-Akustik ist eher zum Zuh\u00f6ren konzipiert und f\u00fcr Rockkonzerte wahrlich ungeeignet. Der Terminus \u201estrange venue\u201c kommt dem 29-J\u00e4hrigen mehrfach \u00fcber die Lippen. Am Ende aber wird doch noch viel gesungen, getanzt und gejubelt, auch Dank einiger refrainsicherer englischer Touristen.<!--more--><\/p>\n<p>Ausverkauft nach f\u00fcnf Jahren Sendepause: Jamie T ist zur\u00fcck, und er sieht toll aus! Oberhemd und Slipper statt Adidas-Sweater, die langen schwarzen Haare mit reichlich Pomade streicht er st\u00e4ndig nach hinten \u2013 ein Wunder, dass ihm nicht st\u00e4ndig das Plektrum aus den Fingern glitscht. Er spielt inzwischen Gitarre statt Bass, begleitet von einer neuen vierk\u00f6pfigen Band, die sich in bestechender Form pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Ob die Tournee im Herbst 2014 wirklich grippebedingt abgesagt wurde, oder ob er einfach nur im Stimmungstief war \u2013 wer wei\u00df. Gut ging es Jamie T in den letzten Jahren jedenfalls nicht. Nach den Top-5-Alben <em>Panic Prevention<\/em> (2007) und <em>Kings &amp; Queens<\/em> (2009) wurde er als \u201eder neue Joe Strummer\u201c gefeiert, vor allem in England lagen ihm die Fans zu F\u00fc\u00dfen. Die Vergleiche mit The Clash und The Streets waren keinesfalls zu weit hergeholt. Jamie Treays, der schnodderige Youngster aus Wimbledon, zeigte enormes Talent, vermischte Punk- und Pubrock mit HipHop und Reggae und sang mit heiserer, eindringlicher Stimme.<\/p>\n<p>Doch statt H\u00f6henflug und Welttournee folgten Leere, Kummer und Tr\u00fcbsal. Medikamente gegen Depressionen, schwere Krankheit des Vaters, allgemeine Sinnkrise mit 23. On top: Anklage wegen schwerer K\u00f6rperverletzung mit doppeltem Kieferbruch nach einer Kneipenschl\u00e4gerei. Trotz Freispruchs (\u201eNotwehr\u201c) muss man in diese Situation erstmal kommen. Diverse Ger\u00fcchte kursierten, und 2012 startete die Internetsuche \u201eWhere is Jamie T?\u201c.<\/p>\n<p>\u201eAn schlechten Tagen kann ich nicht aus dem Haus gehen\u201c, verriet er dem <em>Guardian<\/em> k\u00fcrzlich, und davon gab es in den letzten f\u00fcnf Jahren offenbar einige. Viel Zeit, um neue Songs zu schreiben, und das tat Treays unentwegt \u2013 fast zweihundert Songs haben sich angesammelt. Sein Freund, der Blur-S\u00e4nger Damon Albarn, riet ihm: \u201eKomponiere mit Herzblut. K\u00fcmmere Dich nicht um die anderen.\u201c Gesagt, getan, und schon ist einigen das neue Album <em>Carry On The Grudge<\/em> zu sehr innengerichtet, zu mellow.<\/p>\n<p>Entsprechend langsam und konzentriert beginnt auch das Konzert mit den ersten beiden St\u00fccken der Platte<em>, Limits Lie<\/em> und <em>Don\u2019t You Find<\/em>. Erst bei der Uptempo-Nummer <em>Salvador<\/em> vom Deb\u00fctalbum gibt es nennenswerte Reaktionen im Publikum. Der aufger\u00e4umt wirkende Treays dreht derweil den Mikrofonst\u00e4nder und singt Richtung Seitenwand. Das wirkt, ohne gro\u00dfe Popstar-Geste, linkisch und unangepasst. Die ganze Show lebt von Understatement und brillant gespielten Songs. Das muss reichen. Auf das bisher erfolgreichste St\u00fcck <em>Calm Down Dearest<\/em> (2007, Platz 9 in England) wird dabei sogar verzichtet.<\/p>\n<p>Reichlich unisono gesungene \u201eohohoo\u201c-Backup-Ges\u00e4nge wie in der aktuellen Single <em>Rabbit Hole<\/em>: Eine Gratwanderung, sowas wird schnell rockistisch und anbiedernd! Hier: nicht zu laut im Mix, sehr cool, sehr viril, wie beim fr\u00fchen Bruce Stringsteen. Den fulminanten Backbeat dazu liefert eine Frau mit Dutt: Vicky Jean Smith arbeitet stoisch und hochkonzentriert hinter ihrem Schlagzeug, auch die den programmierten Grooves der Studioaufnahmen nachempfunden Figuren gelingen ihr ebenso maschinengleich wie beseelt. Den wilden, dumpfen Sound ihres Instruments treibt sie mit der Snaredrum auf die Spitze, sie klingt wie eine alte Waschmitteltonne aus Pappe. Smith ist keine Unbekannte, sie spielte schon mit den Electro-Acts M.I.A. und The Big Pink.<\/p>\n<p>Nach dem stromlinienf\u00f6rmigen Rocker <em>Zombie<\/em>, letzter UK-Chartserfolg und erste Zugabe, huscht das erste Mal ein L\u00e4cheln \u00fcber ihr Gesicht. Sogleich folgt die n\u00e4chste durchgedroschene Nummer, <em>Sticks \u2019n\u2019 Stones<\/em>, der Hit von Platte Nummer zwei. Und Schluss. 75 Minuten staubtrockenes, knorriges No-Bullshit-Entertainment mit Cockney-Akzent. Ziemlich gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;In fine english tradition&#8220;: Punk-Singer-Songwriter Jamie T stellt im ausverkauften Hamburger Mojo Club sein drittes Album &#8222;Carry On The Grudge&#8220; vor. \u201eDas ist hier doch keine Bibliothek!\u201c Jamie T h\u00e4tte es gerne etwas lebhafter, so wie k\u00fcrzlich bei der frenetisch gefeierten Comeback-Tournee in Australien oder wie in Berlin am Vorabend. 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