{"id":3424,"date":"2015-03-19T14:37:50","date_gmt":"2015-03-19T13:37:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=3424"},"modified":"2015-03-19T14:37:50","modified_gmt":"2015-03-19T13:37:50","slug":"ach-die-szene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/ach-die-szene\/","title":{"rendered":"Ach, die &#8222;Szene&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein paar mutige Hamburger \u00fcbernehmen das Stadtmagazin &#8222;Szene Hamburg&#8220;. Sie k\u00f6nnten aus der Insolvenz eine Lehre ziehen.<\/em><\/p>\n<p>Als die <em>Szene Hamburg<\/em> Anfang M\u00e4rz Insolvenz anmelden musste, verursachte das nur ein paar n\u00fcchterne Meldungen &#8211; kaum einer weinte der alten Dame hinterher. Was ein bisschen ungerecht ist. Schlie\u00dflich geb\u00fchrt dem Magazin, stadthistorisch gesehen, ein gro\u00dfes Verdienst. Seit seinem ersten Erscheinen im November 1973 hat es der Stadt einen ganz neuen Lebensbereich erschlossen.<\/p>\n<p>Seinerzeit fassten die Zeitungsfeuilletons das Geschehen in den wenigen Off-Galerien, Programmkinos oder Tanzkellern nicht mal mit spitzen Fingern an.<br \/>\nDie Szene Hamburg war f\u00fcr viele, die sich nicht nur f\u00fcr Mainstreamkultur interessierten, \u00fcberlebenswichtig.<!--more--><\/p>\n<p>Und sie war wild: Da war der dauerbetrunkene Gr\u00fcnder Klaus Heidorn, der, so erz\u00e4hlt man es, auch mal nur in Unterhose, aber daf\u00fcr mit dem Jagdgewehr vor der Redaktion stand. Da war die Harvestehuder Redaktionsvilla mit Kanu-Anleger und eigener K\u00f6chin. Die vielen arroganten Starschreiber der Achtziger und Neunziger, f\u00fcr die <em>Szene Hamburg<\/em> nur ein Durchlauferhitzer war. Die meisten sind lange vergessen. Seit der zweiten H\u00e4lfte der Neunziger sind die goldenen Zeiten der Stadtmagazine Geschichte.<\/p>\n<p>Seither drohte der Szene immer wieder die Insolvenz. Als ich 1998 zur Redaktion stie\u00df, waren klamme Finanzen ein Dauerzustand. Die Konkurrenz durch die Gratisanzeigenbl\u00e4tter und durch die Partypostille <em>Prinz<\/em>, die den Markt \u00fcberschwemmten, setzten den Qualit\u00e4tsstadtmagazinen zu. Neben der Szene Hamburg schafften es nur die K\u00f6lner <em>Stadtrevue<\/em> und die Berliner <em>Zitty<\/em> und <em>Tip<\/em>, mit unabh\u00e4ngigem Kultur- und Szenejournalismus zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Und sie mussten sich anpassen. Nach Heidorns Suizid im Jahre 2000 \u2013 kurz zuvor hatte er die Szene an die SPD-eigene Verlagsgesellschaft DDVG verkauft \u2013 erlie\u00df die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung eine neue Order: Kiffen erst nach 15 Uhr, wenn keine Anzeigenkunden mehr in den Verlagsr\u00e4umen sind!<\/p>\n<p>Das lie\u00df sich machen, schwieriger wurde es, als die Verleger die redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit erodieren lie\u00dfen in dem Glauben, so die sinkende Auflage und die schrumpfenden Anzeigenerl\u00f6se zu kompensieren. Pl\u00f6tzlich mussten die Gastrotester das Essen von Lokalen sch\u00f6nschreiben, die eine Anzeige im Heft schalteten.<\/p>\n<p>Nachdem ein Verriss des Musicals K\u00f6nig der L\u00f6wen erschienen war, stand die klagende Anzeigenverkaufsleiterin vor meinem Schreibtisch: \u00bbDu setzt unsere Arbeitspl\u00e4tze aufs Spiel!\u00ab Die Musicalbetreiber hatten nach dem Verriss s\u00e4mtliche Anzeigen storniert.<\/p>\n<p>2004 stie\u00df die DDVG ihre Anteile eilig ab: Die <em>Szene Hamburg<\/em> wurde f\u00fcr die SPD-Verlagsgesellschaft zur \u00bbSkandalfirma\u00ab (<em>Focus<\/em>), nachdem bekannt geworden war, dass der Verlag \u00fcber Jahre hinweg seine Auflagenzahlen gesch\u00f6nt hatte. Auch damals stand das Blatt wieder kurz vor der Pleite. Eine Consulting-Firma \u00fcbernahm das Ruder, setzte einmal mehr die Sparschraube an, schlie\u00dflich \u00fcbernahm der Verleger Gerhard Fiedler, der bis dato ein Viertel der Anteile besessen hatte, den gesamten Verlag.<\/p>\n<p>Weniger Mitarbeiter, Redakteure durch Volont\u00e4re ersetzen, Praktikanten Artikel schreiben lassen: Das waren die Ma\u00dfnahmen, mit denen man die wirtschaftliche Gesundung herbeisparen wollte. Sogar die Schlussredakteure glaubte man irgendwann nicht mehr zu brauchen.<\/p>\n<p>Es hat nicht viel gen\u00fctzt. Trotz des Spardiktats hat sich die <em>Szene Hamburg<\/em> nur sehr m\u00fchselig \u00fcber Wasser gehalten &#8211; mit einer zuletzt nur noch vierstelligen Auflage und einem notorisch unterbezahlten, \u00fcberbesch\u00e4ftigten und immer weiter zusammengeschrumpften Redaktionsteam.<\/p>\n<p>Dass sich die <em>Szene Hamburg<\/em> in den letzten Jahren trotzdem noch einen kritisch-journalistischen Kern bewahrte, ist ein kleines Wunder. Und auch, dass es \u2013 wie man inzwischen wei\u00df \u2013 die <em>Szene Hamburg<\/em> nach der Pleite weiter geben wird: Ein paar offensichtlich wagemutige Hamburger mit Geld haben die Namensrechte gekauft. Die Aprilausgabe gibt schon der neue Verlag heraus. Dessen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ist gleichzeitig Chef einer Baufirma. Klingt ein bisschen schal, andererseits: Warum nicht? Vielleicht sind es eben nicht die Verlagsmanager der Neunziger, die einem maroden Stadtmagazin neues Leben einhauchen k\u00f6nnen. Vielleicht tut ein wenig Branchenfremdheit ganz gut.<\/p>\n<p>Vielleicht ziehen die neuen Verleger aus der Insolvenz der <em>Szene<\/em> sogar die richtige Lehre: Wer journalistische Produkte verkaufen will, sollte nicht versuchen, den Journalismus durch Dienstleistungen f\u00fcr Anzeigenkunden oder durch blo\u00dfen Programmdaten-Service zu ersetzen. Wer braucht noch eine gedruckte Ansammlung von Veranstaltungsinformationen in einer Zeit, da jeder via Smartphone sein ma\u00dfgeschneidertes urbanes Infopaket herbeifacebooken, twittern und googeln kann?<\/p>\n<p><em>Christoph Twickel war von 2000 bis 2003 &#8222;Szene Hamburg&#8220;-Chefredakteur. Au\u00dferdem werden die Veranstaltungshinweise f\u00fcr Hamburg auf ZEIT ONLINE von Kollegen der &#8222;Szene&#8220; verfasst.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar mutige Hamburger \u00fcbernehmen das Stadtmagazin &#8222;Szene Hamburg&#8220;. Sie k\u00f6nnten aus der Insolvenz eine Lehre ziehen. Als die Szene Hamburg Anfang M\u00e4rz Insolvenz anmelden musste, verursachte das nur ein paar n\u00fcchterne Meldungen &#8211; kaum einer weinte der alten Dame hinterher. Was ein bisschen ungerecht ist. Schlie\u00dflich geb\u00fchrt dem Magazin, stadthistorisch gesehen, ein gro\u00dfes Verdienst. 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