{"id":3631,"date":"2015-04-10T09:50:45","date_gmt":"2015-04-10T07:50:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=3631"},"modified":"2015-04-10T10:49:32","modified_gmt":"2015-04-10T08:49:32","slug":"godzilla-und-herr-watanabe-werden-hamburger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/godzilla-und-herr-watanabe-werden-hamburger\/","title":{"rendered":"Godzilla und Herr Watanabe werden Hamburger"},"content":{"rendered":"<p><em>Zuerst war es eine Ratte, dann kam Django hinzu: <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/author\/ulli-ladurner\/\">Ulrich Ladurner betrachtet Hamburg aus ungew\u00f6hnlichen Perspektiven<\/a>, mal erfindet er mehr, mal weniger, aber immer l\u00e4sst er sich von grob untersch\u00e4tzter Wirklichkeit inspirieren. Seine neuen Hamburger Geschichten spielen immer dort, wo die Dinge ein Ende finden, in Francos Traum, bei der einsamen Frau Kruse oder dem ewig fluchenden Helmut Schausten. Hier lesen wir die Geschichte eines Japaners, der sich \u00fcber die Hamburger wunderte.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Herr Haruto Watanabe kam nach Hamburg, als Japan noch eine wirtschaftliche Gro\u00dfmacht war, die in Deutschland mit einer Mischung aus Neugier, Staunen und Furcht betrachtet wurde. Das Industrieunternehmen, bei dem Herr Watanabe arbeitete, er\u00f6ffnete damals eine Niederlassung in der Stadt. Seine Vorgesetzten fragten ihn nicht, sie befahlen ihm, nach Deutschland zu gehen. Das war f\u00fcr japanische Angestellte normal. Au\u00dferdem hatte Haruto Watanabe keine Frau und keine Kinder, er war ungebunden und mit seinen 24 Jahren noch jung.<!--more--><\/p>\n<p>Haruto Watanabe sollte sich um alles k\u00fcmmern, was die Niederlassung des Unternehmens in Hamburg brauchte, das reichte von der Ausstattung der B\u00fcros mit M\u00f6beln \u00fcber die Suche nach geeigneten Wohnungen f\u00fcr die Angestellten bis hin zur Bewirtung von Managern, die aus Japan zu Besuch kamen.<\/p>\n<p>Um diese Aufgaben bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen, war es freilich wichtig, dass er Deutsch sprach. Das Unternehmen zahlte ihm den Unterricht bei einer Privatlehrerin. Sie hie\u00df Agnes V\u00f6lker, eine forsche junge Dame, die sich Haruto Watanabe mit dem Satz vorstellte: &#8222;Ich bin Agnes und das einzige, was ich \u00fcber Japan wei\u00df, ist, dass die Japaner Godzilla erfunden haben!&#8220; Dann hob sie die H\u00e4nde, formte die Finger zu Krallen und tat so, als spuckte sie Feuer: &#8222;Godzilla \u00fcber Tokio!&#8220;, fauchte sie und lachte laut. Dann f\u00fcgte sie den Satz an, der Haruto Watanabe lange nicht aus dem Kopf ging: &#8222;Godzilla hin oder her! Ich bin mir sicher, dass wir uns trotzdem gut verstehen wollen!&#8220;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3641\" aria-describedby=\"caption-attachment-3641\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/04\/godzilla.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3641 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/04\/godzilla.jpg\" alt=\"godzilla\" width=\"580\" height=\"326\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3641\" class=\"wp-caption-text\">Godzilla in Hamburg (c) Ulrich ladurner<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte und verbeugte sich leicht, wie es in seiner Heimat \u00fcblich war. Ein Geruch nach Verbranntem stieg ihm in die Nase, er stammte von Agnes. Haruto Watanabe begann, sich zu f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>In der achten Unterrichtsstunde, Agnes war mit den Fortschritten ihres Sch\u00fclers sehr zufrieden, legte sie Haruto Watanabe die Ausgaben eines gro\u00dfen deutschen Nachrichtenmagazins auf den Tisch \u2013 sie war Abonnentin.<\/p>\n<p>&#8222;Hier, die machen eine Serie \u00fcber Japan!&#8220;, sagte Agnes, bl\u00e4tterte im Heft und schlug es auf der entsprechenden Seite auf.<\/p>\n<p>&#8222;Lesen Sie, Haruto!&#8220;<\/p>\n<p>Haruto Watanabe las, langsam und laut:<\/p>\n<p>&#8222;Ist der Vormarsch der Wirtschaftsmacht Japan noch zu bremsen? Oder wird das fern\u00f6stliche Inselreich alle anderen Industriestaaten von sich abh\u00e4ngig machen? Die Japaner f\u00fchren seit Jahren einen Eroberungsfeldzug gegen den Rest der Industriewelt. Erst langsam formiert sich Widerstand gegen die Wirtschaftskrieger.&#8220;<\/p>\n<p>Als er zu Ende gelesen hatte, blickte er Agnes direkt in die Augen. Er konnte seine Verst\u00f6rung \u00fcber das Gelesene nicht verbergen.<\/p>\n<p>Eroberungsfeldzug!<\/p>\n<p>Vormarsch!<\/p>\n<p>Widerstand!<\/p>\n<p>Am schlimmsten fand der das Wort Wirtschaftskrieger!<\/p>\n<p>Haruto Watanabe stammte aus Hiroshima. Seine Gro\u00dfeltern waren beim Atombombenabwurf im Jahre 1945 ums Leben gekommen, seine Eltern litten an den Sp\u00e4tfolgen der radioaktiven Verstrahlung. Diese Erfahrung hatte aus Haruto Watanabe einen radikalen Pazifisten gemacht.<\/p>\n<p>Wirtschaftskrieger! Das Wort nahm er sehr pers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>&#8222;Glauben Sie, sehr geehrte Agnes, dass wir Japaner einen Krieg f\u00fchren?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein, nat\u00fcrlich nicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Glauben Sie, dass ich, Haruto Watanabe, hier bin, um einen Krieg zu f\u00fchren?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber nein&#8220;, versuchte Agnes ihren Sch\u00fcler zu beruhigen.<\/p>\n<p>Sie bemerkte, wie aufgebracht er war. Das beunruhigte sie. Denn bisher hatte Haruto Watanabe kaum Gef\u00fchle gezeigt. Agnes sp\u00fcrte, wie verletzlich er war, und das gefiel ihr.<\/p>\n<p>&#8222;Wirtschaftskrieger\u2026&#8220;, wiederholte er und starrte sie mit geweiteten Augen an.<\/p>\n<p>&#8222;Aber, lieber Haruto, das ist doch nur eine Zeitung!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, eine Zeitung, ein gro\u00dfe Zeitung!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja&#8220;, sagte Agnes, &#8222;aber auch eine gro\u00dfe Zeitung schreibt viel, wenn der Tag lang ist!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was meinen Sie mit viel, sehr geehrte Agnes?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Viel&#8220;, sie z\u00f6gerte, &#8222;viel so Zeugs halt, das man nicht so w\u00f6rtlich nehmen muss!&#8220;<\/p>\n<p>Haruto Watanabe wirkte jetzt noch niedergeschlagener.<\/p>\n<p>Agnes trat auf ihn zu und tat etwas, was sie selbst \u00fcberraschte: Sie nahm ihn in den Arm. Er lie\u00df es bereitwillig geschehen.<\/p>\n<p>Bald danach waren Haruto Watanabe und Agnes V\u00f6lker ein unzertrennliches Paar.<\/p>\n<p>Zum Zeichen ihrer Liebe malte Agnes, die einen ausgepr\u00e4gten Hang zum Kitsch hatte, einen Tyrannosaurus auf die Fensterscheibe ihrer Wohnung.<\/p>\n<p>&#8222;Du bist mein Godzilla!&#8220;, sagte sie.<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte verlegen, und dachte insgeheim dar\u00fcber nach, ob er sich vielleicht doch in die falsche Frau verliebt hatte.<\/p>\n<p>Und bevor sie ihn in den Arm nahm, sagte sie: &#8222;Das Abo habe ich \u00fcbrigens gek\u00fcndigt!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuerst war es eine Ratte, dann kam Django hinzu: Ulrich Ladurner betrachtet Hamburg aus ungew\u00f6hnlichen Perspektiven, mal erfindet er mehr, mal weniger, aber immer l\u00e4sst er sich von grob untersch\u00e4tzter Wirklichkeit inspirieren. 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