{"id":3944,"date":"2015-05-07T16:29:49","date_gmt":"2015-05-07T14:29:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/?p=3944"},"modified":"2015-05-07T16:29:49","modified_gmt":"2015-05-07T14:29:49","slug":"von-den-nazis-beraubt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/von-den-nazis-beraubt\/","title":{"rendered":"Von den Nazis beraubt"},"content":{"rendered":"<p><em>Die j\u00fcdische Familie von Salomon Bondy wurde von den Nazis in Hamburg und Altona systematisch enteignet. Die Historikerin Anke Schulz hat den Raubzug aufgearbeitet. Ein Text von Anja von Bihl, Eimsb\u00fcttler Nachrichten<\/em><\/p>\n<p>Siebzig Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Das scheint eine lange Zeit zu sein, doch die Auswirkungen der grausamen Taten der Deutschen in der Nazizeit sind auch in der Gegenwart noch zu sp\u00fcren. Ein Beispiel f\u00fcr erlittenes Unrecht ist die Familie des Hamburger Kaufmanns Salomon Bondy.<\/p>\n<p>Salomon Bondy, 1856 in B\u00f6hmen geboren, war ein Hamburger Kaufmann und liberaler Freidenker. Er und seine ebenfalls aus B\u00f6hmen stammende Frau Mary hatten vier S\u00f6hne, von denen einer im Ersten Weltkrieg fiel, und eine Tochter.<!--more--><\/p>\n<p>Als Salomon Bondy 1932 starb, hatte die Familie Bondy mehr als 50 Hektar Grundbesitz, haupts\u00e4chlich in Lurup, aber auch in Eidelstedt, Niendorf, Othmarschen, Altona und Flottbek bis hin nach Garstedt in Schleswig-Holstein. In Othmarschen wohnten die Erben in zwei Villen. Salomon Bondy hatte viele seiner Grundst\u00fccke in Lurup g\u00fcnstig an Handwerker und Arbeiter verpachtet oder in Form von Ratenzahlungen verkauft, sie konnten so Wohneigentum erwerben.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3949\" aria-describedby=\"caption-attachment-3949\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/05\/bondy.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3949 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/05\/bondy.jpg\" alt=\"bondy\" width=\"500\" height=\"281\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3949\" class=\"wp-caption-text\">Salomon Bondy \u00a9 Tom Roeper und Familie<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ordneten die Altonaer Beh\u00f6rden f\u00fcr 0,7\u00a0 Hektar der Immobilien eine Zwangsverpachtung zugunsten eines Luruper Kleingartenvereins an. In den Jahren bis 1938 wurde die Erbengemeinschaft Salomon Bondys durch antij\u00fcdische Gesetze und Verordnungen zu &#8222;Notverk\u00e4ufen&#8220; gezwungen. Nichtj\u00fcdische Deutsche konnten so Grundst\u00fccke zu Spottpreisen erwerben. Die Gelder gingen nach 1938 auf ein Sperrkonto, \u00fcber das die Erbengemeinschaft nicht verf\u00fcgen durfte. Im Rahmen der Devisengesetze unterstellten die Beh\u00f6rden Juden generell Ausreisewilligkeit und somit &#8222;Kapitalflucht&#8220;.<\/p>\n<p>1938 erlie\u00dfen die Nationalsozialisten die &#8222;Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben&#8220;. Eigens zum Zweck der Enteignung j\u00fcdischer Immobilienbesitzer gr\u00fcndete die Gauleitung Hamburg die Hamburgische Grundst\u00fccksverwaltung von 1938. Ein gro\u00dfer Teil der Immobilien der Erbengemeinschaft gelangte so 1940 an die Stadt Hamburg.<\/p>\n<p>Mehrere Mitglieder der Familie Bondy \u00fcberlebten KZ und Verfolgung nicht. Alle anderen verloren ihr Eigentum und ihre beruflichen Stellungen und mussten Deutschland verlassen. Als Beispiel sei Salomons Bondys Sohn Curt herausgegriffen. Er war nach dem Ersten Weltkrieg Professor in G\u00f6ttingen und Hamburg und leitete im Hamburger Jugendgef\u00e4ngnis auf der Elbinsel Hahn\u00f6fersand eine Reform des Jugendstrafvollzugs.<\/p>\n<p>Um j\u00fcdischen Jugendlichen eine Flucht aus Deutschland zu erm\u00f6glichen, gr\u00fcndete er 1936 im Auftrag der Reichsvertretung deutscher Juden im schlesischen Gro\u00df Breesen eine Landwirtschaftsschule. Denn eine landwirtschaftliche Ausbildung bot eine der wenigen Chancen, eine Einreisegenehmigung in die Vereinigten Staaten von Amerika zu bekommen, die damals sehr strenge Einwanderungsbedingungen hatten.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3950\" aria-describedby=\"caption-attachment-3950\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/05\/bondy-sohn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3950 size-full\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/hamburg\/files\/2015\/05\/bondy-sohn.jpg\" alt=\"bondy-sohn\" width=\"180\" height=\"240\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3950\" class=\"wp-caption-text\">Salomon Bondy und einer seiner S\u00f6hne, vermutlich Curt, zur Zeit des Ersten Weltkriegs \u00a9 Tom Roeper und Familie<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>1938 wurde Curt Bondy in das KZ Buchenwald deportiert. Aufgrund internationaler Proteste kam er wieder frei und konnte 1940 \u00fcber England und weitere Stationen in die USA emigrieren. Vielen Mitgliedern der Erbengemeinschaft Salomon Bondys gelang es fr\u00fchzeitig, zum Teil auf Umwegen, die USA zu erreichen. Zwei der j\u00fcngeren Familienmitglieder geh\u00f6rten gegen Kriegsende US-Spezialeinheiten an, in denen j\u00fcdische Emigranten gegen Hitlerdeutschland k\u00e4mpften. Andere gr\u00fcndeten, wie zuvor schon in Deutschland, Schulen in mehreren US-Bundesstaaten oder forschten.<\/p>\n<p>Als einziger der Familie kehrte Curt Bondy nach Kriegsende ins Land der T\u00e4ter zur\u00fcck. Nach 1949 wurde er Professor der Psychologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Hamburg und leitete das Psychologische Institut. Er war ma\u00dfgeblich an dem Aufbau der Familienberatungsstellen beteiligt. 1972 starb er.<\/p>\n<p>Nach 1945 kam es zu jahrelangen Rechtsverfahren, um einen Ausgleich f\u00fcr die von den Nazis vereinnahmten Immobilien zu erreichen. 1959 erhielt die Erbengemeinschaft etwas \u00fcber 5.200 Deutsche Mark \u2013 f\u00fcr weitergehende Anspr\u00fcche seien Belege &#8222;nicht verf\u00fcgbar&#8220;, so die Beh\u00f6rden. Die Grundst\u00fccke h\u00e4tten heute einen gesch\u00e4tzten Wert von etwa 90 Millionen Euro.<\/p>\n<p>Urenkel Tom Roeper ist Professor der Linguistik an der Universit\u00e4t von Massachussetts. 2014 hat die Regionalhistorikerin Anke Schulz ihn nach Hamburg eingeladen und ihm die ehemaligen Grundst\u00fccke der Familie gezeigt. Eines davon liegt im Friedrichshulder Weg, der damals zu Eidelstedt geh\u00f6rte (heute zu Lurup). Tom Roeper sei entsetzt gewesen zu erfahren, dass auf dem Land (oder einem Nachbargrundst\u00fcck, ganz sicher ist das nicht mehr festzustellen) eine Au\u00dfenstelle des KZ Neuengamme errichtet wurde, sagt Schulz. Heute steht im ehemaligen Eingangsbereich des Frauen-KZs ein Gedenkstein. Er wurde 1985 auf Initiative einer Schule errichtet. Zuvor war die Existenz des Lagers vier Jahrzehnte lang aus dem \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis verschwunden.<\/p>\n<p>Um dieses Kapitel der regionalen Geschichte ein St\u00fcck mehr in die \u00d6ffentlichkeit zu r\u00fccken und die Diskussion dar\u00fcber zu beleben, hat Anke Schulz auf einem Vortrag im Eidelstedter B\u00fcrgerhaus konkrete Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Anerkennung der geraubten Immobilien vorgestellt. Wie w\u00e4re es mit einer offiziellen Einladung der Hansestadt an die Familie? Mit einer \u00f6ffentlichen Veranstaltung? Tom Roeper w\u00e4re sicher bereit, daran mitzuwirken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die j\u00fcdische Familie von Salomon Bondy wurde von den Nazis in Hamburg und Altona systematisch enteignet. Die Historikerin Anke Schulz hat den Raubzug aufgearbeitet. Ein Text von Anja von Bihl, Eimsb\u00fcttler Nachrichten Siebzig Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. 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